In­fla­ti­on zu­rück auf der Agen­da

Roh­stoff- und Ener­gie­prei­se stei­gen – In­fla­ti­ons­ra­te in Gross­bri­tan­ni­en über 3% – Er­höht Bank of En­g­land Zins vor Som­mer?

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - CLIFFORD PADEVIT,

Die bri­ti­sche No­ten­bank Bank of En­g­land hat den Leit­zins auf 0,5% be­las­sen. Nie in der über 300-jäh­ri­gen Ge­schich­te war er so nied­rig. Doch könn­te sich das ra­scher als er­war­tet än­dern. Hart­nä­ckig ver­harrt die In­fla­ti­on der Kon­su­men­ten­prei­se über dem Preis­ziel von 2%. Der Druck auf die «Bank» steigt.

Die Teue­rung ist zu­rück auf der Agen­da der No­ten­bank­chefs, und zwar rund um den Glo­bus. Die Fra­ge ist nur, ob es sich um ein vor­über­ge­hen­des Phä­no­men han­delt, oder ob der Preis­druck, der von Ener­gie und Roh­stof­fen aus­geht, an­hält. Das Fass Erd­öl der Sor­te Brent zum Bei­spiel er­reicht wie­der No­tie­run­gen in der Nä­he von 100 $. Prei­se für Agrar­er­zeug­nis­se sind in zwölf Mo­na­ten in die Hö­he ge­schos­sen. Wei­zen und So­ja ver­teu­er­ten sich um et­was über 40%, Mais gar um 70%. Der Preis für Baum­wol­le hat sich ver­dop­pelt.

Es ist da­her nicht er­staun­lich, dass die In­fla­ti­ons­ra­te in der Eu­ro­zo­ne im De­zem­ber auf 2,2% stieg und so­mit über die Ziel­mar­ke der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) von 2%. Der EZB-Prä­si­dent Je­anClau­de Tri­chet sieht auf­grund des kurz­fris­ti­gen An­stiegs kei­ne Ge­fahr für die Preis­sta­bi­li­tät, wie er am Don­ners­tag nach dem Ent­scheid, die Zin­sen auf 1% be­las­sen, vor den Me­di­en sag­te. «In den kom­men­den Mo­na­ten könn­te die In­fla­ti­ons­ra­te vor­über­ge­hend wei­ter stei­gen, be­vor sie zum Jah­res­en­de hin sinkt», sag­te Tri­chet. Über In­fla­ti­on sind auch No­ten­ban­ken in Asi­en be­sorgt, nicht nur die chi­ne­si­sche. Süd­ko­rea und Thai­land ha­ben die Leit­zin­sen die­se Wo­che er­höht.

Kri­tik an King

Wie die EZB hält die Bank of En­g­land (BoE) den In­fla­ti­ons­an­stieg für vor­über­ge­hend. An­ders als in Eu­ro­pa ver­harr­te aber die Zu­nah­me der Kon­sum­prei­se (CPI-In­dex) auf gut 3%. Im No­vem­ber klet­ter­te die Ra­te auf 3,3%. Gut mög­lich, dass sie sich kurz­fris­tig bis auf 4% er­höht (am kom­men­den Di­ens­tag sind die De­zem­ber­zah­len fäl­lig). Denn Nah­rungs­mit­tel wur­den teu­rer, ge­nau­so Ben­zin, und seit gut zwei Wo­chen gilt der von 17,5 auf 20% ge­ho­be­ne Mehr­wert­steu­er­satz.

Da­mit steigt die Wahr­schein­lich­keit, dass die BoE frü­her als die EZB und die US-No­ten­bank Fed die Zin­sen er­höht. Ge­mäss Reuters deu­ten die Prei­se für Zins­fu­tures auf ei­ne Zins­er­hö­hung hin, die frü­hes­tens im Mai er­fol­gen könn­te. Doch die BoE nahm bis­her die hö­he­re Teue­rung in Kauf. Im No­vem­ber, als er den vier­tel­jähr­li­chen In­fla­ti­ons­be­richt vor­stell­te, sag­te der BoE-Gou­ver­neur Mer­vyn King: «Die In­fla­ti­on könn­te wäh­rend des gan­zen Jah­res 2011 über dem 2%-Ziel blei­ben». Den­noch geht King wei­ter da­von aus, dass der In­fla­ti­ons­druck ab­nimmt (vgl. obe­re Gra­fik). Grund da­für sind Über­ka­pa­zi­tä­ten. Zum Bei­spiel be­trägt die Ar­beits­lo­sen­quo­te 8%; Ar­beit ist al­so ver­füg­bar, oh­ne dass gleich die Löh­ne stei­gen.

Wes­halb ein Ziel an­vi­sie­ren, das man nie er­reicht, fra­gen sich im­mer mehr En­g­län­der, de­ren Kauf­kraft schwin­det. Zu­dem wird die In­fla­ti­ons­pro­gno­se in Fra­ge ge­stellt. «Should King say sor­ry?» fragt der Chef­öko­nom des As­set Ma­na­gers Hen­der­son, Si­mon Ward, in sei­nem letz­ten Blo­gBei­trag rhe­to­risch. Die Vor­her­sa­gen, die vor zwei Jah­ren für 2010 ge­macht wur­den, lä­gen gut 2 Pro­zent­punk­te tie­fer als die tat­säch­li­che In­fla­ti­on, mo­niert Ward. Und es ge­he so wei­ter; die frü­her ge­mach­ten Pro­gno­sen für das lau­fen­de Jahr wür­den um 1 bis 1,5% zu tief lie­gen, «was der Glaub­wür­dig­keit der Bank scha­de».

Die BoE ist in der Zwick­müh­le. Ih­re geld­po­li­ti­schen Mass­nah­men sind auf die kom­men­den zwei Jah­re aus­ge­rich­tet, und nicht auf die kurz­fris­ti­ge Be­kämp­fung von Preis­stei­ge­run­gen. Und nicht mal das neun­köp­fi­ge Gre­mi­um, das die Geld­po­li­tik fest­legt, ist ei­ner Mei­nung über die In­fla­ti­ons­ent­wick­lung. Vi­el­leicht ge­winnt der Fal­ke And­rew Sen­tan­ce An­hän­ger.

Schock oder Trend

Sen­tan­ce plä­diert im Gre­mi­um seit Ju­ni für ei­ne Zins­er­hö­hung. Je län­ger man da­mit war­te, des­to hö­her wür­den die Kos­ten, um die In­fla­ti­on auf die Ziel­ra­te zu sen­ken. Auf der an­de­ren Sei­te ver­langt Adam Po­sen vom geld­po­li­ti­schen Gre­mi­um der BoE zu­sätz­li­che Wert­schrif­ten­käu­fe (quan­ti­ta­ti­ve Lo­cke­rung), weil er die In­fla­ti­on als Preis­schock ein­stuft, die, wie Da­ten des Wirt­schafts­be­ra­ters Cebr zei­gen, zu ei­nem gu­ten Teil auf hö­he­re Steu­ern zu­rück­ge­hen (vgl. Gra­fik un­ten).

Ob Schock oder Trend: Noch hält die Bank of En­g­land am nied­rigs­ten Zins ih­rer Ge­schich­te fest. Nicht oh­ne Ein­fluss auf den Zins­ent­scheid wird das schwä­che­re Wirt­schafts­wachs­tum sein. Soll­te die «Bank» frü­her als an­de­re No­ten­ban­ken die Zin­sen er­hö­hen, wä­re dies ein Kauf­si­gnal für das Pfund Ster­ling.

Der Druck auf die Bank of En­g­land steigt, doch bis­lang hält sie den Zins­satz so tief wie nie zu­vor in ih­rer Ge­schich­te.

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