Dis­kurs statt Kon­fron­ta­ti­on

Vor dem Gip­fel­tref­fen si­gna­li­sie­ren Chi­na und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten part­ner­schaft­li­che Ge­sprächs­be­reit­schaft

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ERNST HERB,

Chi­nas Staats­prä­si­dent Hu Jin­tao fliegt nächs­te Wo­che zu ei­nem of­fi­zi­el­len Be­such in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und trifft sich da mit US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma zu Ge­sprä­chen. Im Mit­tel­punkt des Gip­fel­tref­fens zwi­schen den bei­den Staats­ober­häup­tern der welt­weit gröss­ten Volks­wirt­schaf­ten ste­hen aus­ser geo­stra­te­gi­schen Fra­gen vor al­lem die Un­gleich­ge­wich­te im bi­la­te­ra­len Han­del. Das The­ma dürf­te in den kom­men­den Ta­gen auch an den Fi­nanz­märk­ten für er­heb­li­chen Ge­sprächs­stoff sor­gen, da die Er­ho­lung der Welt­wirt­schaft mass­geb­lich von der Ro­bust­heit der bei­den zu­neh­mend ver­netz­ten Volks­wirt­schaf­ten ab­hängt.

Dass Chi­na und die USA nicht nur Part­ner, son­dern auf vie­len Ge­bie­ten Ri­va­len sind, trat wäh­rend des kur­zen Ar­beits­be­suchs von US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ro­bert Ga­tes in Pe­king zum Vor­schein. Sein Tref­fen mit Hu fiel mit der Nach­richt zu­sam­men, dass Chi­na erst­mals ei­nen Tarn­kap­pen­bom­ber der neu­es­ten Ge­ne­ra­ti­on ge­tes­tet hat. Soll­te sich das Waf­fen­sys­tem be­wäh­ren, wür­de das die seit En­de des Zwei­ten Welt­kriegs wäh­ren­de mi­li­tä­ri­sche Vor­herr­schaft der USA in Fer­n­ost ernst­haft her­aus­for­dern. Geo­stra­te­gi­sche Fra­gen dürf­ten al­ler­dings nicht im Zen­trum der von Hu und Oba­ma ge­führ­ten Ge­sprä­che ste­hen.

Sor­ge über US-Fi­nan­zen

Chi­nas stell­ver­tre­ten­der Aus­sen­mi­nis­ter Cui Ti­an­kai hat vor ei­ni­gen Ta­gen schon das aus Sicht Pe­kings wich­tigs­te An­lie­gen an­ge­spro­chen, als er vor Jour­na­lis­ten sei­ne Sor­ge über die Sta­bi­li­tät des Dol­lars und die aus­ufern­den ame­ri­ka­ni­schen Staats­fi­nan­zen zum Aus­druck brach­te. Chi­na, des­sen re­kord­ho­he De­vi­sen­re­ser­ven 2,8 Bio. $ be­tra­gen, hat rund ein Drit­tel der Sum­me in US-Ob­li­ga­tio­nen in­ves­tiert. Erst vor kur­zem hat Pe­king an­ge­kün­digt, in Zu­kunft wer­de es ver­mehrt auch in Wäh­run­gen und An­lei­hen an­de­rer Staa­ten an­le­gen. Soll­te aus po­li­ti­schen Grün­den ei­ne zu schnel­le Um­la­ge­rung statt­fin­den, wür­de das nicht nur den Dol­lar wei­ter schwä­chen, son­dern auch die Ri­si­ko­zu­schlä­ge für ame­ri­ka­ni­sche Schatz­brie­fe hoch­schnel­len las­sen.

Aus Wa­shing­tons Blick­win­kel wird in den bi­la­te­ra­len Ge­sprä­chen das ho­he Han­dels­de­fi­zit mit der Volks­re­pu­blik ganz oben auf der Trak­tan­den­lis­te ste­hen. Lan­ge Zeit mach­ten die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in ers­ter Li­nie die ih­rer Mei­nung nach un­ter­be­wer­te­te chi­ne­si­sche Lan­des­wäh­rung Ren­min­bi da­für ver­ant­wort­lich. Da­mit ver­bun­den bleibt die un­ter An­dro- hung von pro­tek­tio­nis­ti­schen Mass­nah­men er­ho­be­ne For­de­rung nach ei­ner be­schleu­nig­ten Auf­wer­tung des Ren­min­bis. Das hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren an den Bör­sen wie­der­holt für er­höh­te Vo­la­ti­li­tät ge­sorgt. Washington hat im Vor­feld des an­ste­hen­den Gip­fels al­ler­dings nicht nur den Ton, son­dern auch den Schwerpunkt der For­de­rung nach ei­nem aus­ge­gli­che­nen bi­la­te­ra­len Han­del selbst ge­än­dert.

US-Fi­nanz­mi­nis­ter Ti­mo­thy Geith­ner liess die­se Wo­che ver­lau­ten, dass auf­grund des Um­stands, dass in Chi­na die Prei­se schnel­ler stei­gen als in den USA, chi­ne­si­sche Ex­por­te trotz des schwa­chen Ren- min­bis an Wett­be­werbs­fä­hig­keit ver­lie­ren wür­den. Gleich­zei­tig brach­te er auch die For­de­rung nach ei­nem bes­se­ren Zu­tritt ame­ri­ka­ni­scher Wa­ren auf den chi­ne­si­schen Markt deut­li­cher vor. Aus­län­di­sche An­bie­ter wer­den in der Volks­re­pu­blik ge­gen­über ein­hei­mi­schen Un­ter­neh­men oft dis­kri­mi­niert. Ein Pro­blem ist da­bei vor al­lem der weit­ver­brei­tet Dieb­stahl in­tel­lek­tu­el­len Ei­gen­tums.

Pe­king ist dem wäh­rend des Gip­fels si­cher­lich mit im Zen­trum ste­hen­den Punkt in den ver­gan­ge­nen Ta­gen prä­ven­tiv ent­ge­gen­ge­kom­men, in­dem ei­ne bes­se­re Durch­set­zung ent­spre­chen­der Ge­set­ze an­ge­kün­digt wor­den ist. Soll­te das tat­säch­lich um­ge­setzt wer­den, wür­de das Un­ter­neh­men wie Mi­cro­soft, Dell und MGM er­heb­li­chen Rü­cken­wind ge­ben.

Mehr Spit­zen­tech­no­lo­gie

Hu wird sei­ner­seits mit der For­de­rung nach ei­nem bes­se­ren Zu­gang zu ame­ri­ka­ni­scher Tech­no­lo­gie an Oba­ma ge­lan­gen. Aus Chi­nas Per­spek­ti­ve ist das an­hal­ten­de Un­gleich­ge­wicht im Han­del mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu ei­nem we­sent­li­chen Teil das Re­sul­tat ei­ner lan­gen Lis­te von Gü­tern, die die USA aus Grün­den der na­tio­na­len Si­cher­heit nicht an den aus­sen­po­li­ti­schen Ri­va­len ver­kau­fen. Dar­un­ter fal­len nicht nur Waf­fen­sys­te­me, son­dern auch Hoch­leis­tungs­com­pu­ter oder Kom­po­nen­ten für Raum­fahrt­pro­jek­te.

Schon jetzt ist ab­seh­bar, dass an dem von Di­ens­tag bis Don­ners­tag dau­ern­den Staats­be­such in kei­nem der Streit­punk­te ein vol­ler Durch­bruch er­reicht wer­den kann. Doch ei­nes ist klar: Chi­na und die USA sind mitt­ler­wei­le so stark von­ein­an­der ab­hän­gig, dass es zu Kom­pro­mis­sen kei­ne an­de­re ver­nünf­ti­ge Al­ter­na­ti­ve gibt. Al­lein die Tat­sa­che, dass die zwei Sei­ten über al­le geo­stra­te­gi­schen Dif­fe­ren­zen hin­weg den Dia­log pfle­gen, dürf­te auf die ner­vö­sen Märk­te be­ru­hi­gend wir­ken.

US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma emp­fängt nächs­te Wo­che in Washington Chi­nas Staats­prä­si­dent Hu Jin­tao.

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