Se­geln, Flie­gen, Tau­chen

Avant­gar­de­kunst am Hand­ge­lenk – Uh­ren­wer­bung und Li­fe­style – Spon­so­ring in Wis­sen­schaft, Kul­tur und Sport

Finanz und Wirtschaft - - KUNSTMARKT - CHRIS­TI­AN VON FA­BER- CA­S­TELL

Man­che Wer­bung muss man zwei­mal be­trach­ten, um sie als Uh­ren­wer­bung zu er­ken­nen. Die ei­ne Uhr lädt ih­re Käu­fer zu aben­teu­er­li­chen Tauch­ex­pe­di­tio­nen in uner­reich­ba­re Mee­res­tie­fen ein. An­de­re spre­chen küh­ne Kunst­flug­a­kro­ba­ten an, und wie­der an­de­re ver­spre­chen Se­gel­aben­teu­er.

All dies hat na­tür­lich Sys­tem. Die Zeit­an­zei­ge in fast be­lie­bi­ger Ge­nau­ig­keit wird heu­te auch von me­cha­ni­schen Arm­band­uh­ren ge­meis­tert, auf Wunsch und Tas­ter­druck so­gar für be­lie­bi­ge Zeit­zo­nen und Welt­städ­te, und taugt da­her kaum mehr als Wer­be­ar­gu­ment. Uhr­ma­che­ri­sche Kom­pli­ka­tio­nen wer­den da­ge­gen von zu we­ni­gen Tech­ni­ka­fi­cio­na­dos ver­stan­den, als dass sie sich für die brei­te Pu­bli­kums­wer­bung eig­ne­ten.

Ac­ces­soire und Sta­tus­sym­bol

Um­so wich­ti­ger wer­den die so­zio­kul­tu­rel­len Zu­satz­funk­tio­nen mo­der­ner Arm­band­uh­ren, die we­ni­ger mit der Uhr selbst als mit ih­ren Trä­ge­rin­nen und Trä­gern zu tun ha­ben, näm­lich in ers­ter Li­nie ih­re Rol­le als per­sön­li­ches, iden­ti­täts­stif­ten­des Sta­tus­si­gnal. In ei­ner klei­dungs­mäs­sig uni­for­mier­ten Zeit, in der sich die pro­fes­sio­nel­le und die pri­va­te Per­sön­lich­keit ei­nes Men­schen im­mer stär­ker von­ein­an­der un­ter­schei­den kön­nen, hilft die Uhr als all­seits ak­zep­tier­tes Ac­ces­soire, In­ter­es­sen, Wün­sche und Vor­stel­lun­gen un­auf­dring­lich nach aussen zu si­gna­li­sie­ren. Da­mit er­füllt die Uhr im mo­bi­len Rah­men ei­ner Per­son ei­ne ähn­li­che Auf­ga­be wie in ih­rem im­mo­bi­len Um­feld et­wa die Woh­nungs­ein­rich­tung und die Kunst­wer­ke, mit de­nen man sei­ne Gäs­te emp­fängt.

In ei­nem markt­na­hen Kunst­ver­ständ­nis, un­ter das ein Meis­ter­mö­bel von Abra­ham Ro­ent­gen ge­nau­so fällt wie die Lock­heed-Lie­ge von Marc New­son, kön­nen Uh­ren tat­säch­lich Kunst­wer­ke sein. Als sol­che aber sind sie ein ul­ti­ma­ti­ver Lu­xus, den man sich leis­tet, weil man will, nicht weil man muss. Zur Zeit­mes­sung braucht heu­te, da Han­dy und PC je­der­zeit die se­kun­den­ge­naue Zeit lie­fern, je­den­falls nie­mand mehr ei­ne Arm­band­uhr. Da­für aber bie­tet sie die ele­gan­tes­te Mög­lich­keit, sei­nem Ge­gen­über et­was über sich selbst, die per­sön­li­chen Nei­gun­gen und In­ter­es­sen mit­zu­tei­len.

Die­ser Kunst­werk­cha­rak­ter er­klärt üb­ri­gens auch die ei­gen­tüm­li­che, un­be­re­chen­bar se­lek­ti­ve Ent­wick­lung der Prei­se ein­zel­ner al­ter und neu­er Lu­xus­arm­band­uh­ren und die Vor­rang­stel­lung ein­zel­ner Mar­ken am Samm­ler­uh­ren­markt. So könn­te man et­wa den Her­stel­ler Pa­tek Phil­ip­pe im Samm­ler­uh­ren­markt mit dem Na­men Pi­cas­so am Mo­der­ne­markt gleich­set­zen. Zu­gleich er­hebt die­se Son­der­stel­lung als zeit­lo­se Kunst­wer­ke man­che Uh­ren in den Rang wert­be­stän­di­ger Blue Chips des in­ter­na­tio­na­len Kunst­mark­tes.

Die Ver­wandt­schaft zwi­schen dem Lu­xus­uh­ren­markt und dem Kunst­markt lässt sich so­gar noch wei­ter ver­fol­gen: Der mu­se­ums-und markt­be­währ­ten Kunst der klas­si­schen Mo­der­ne von Pi­cas­so über Miró, Ma­tis­se und Mo­diglia­ni bis zu Ernst Lud­wig Kirch­ner und Al­ber­to Gi­a­co­met­ti ent­spre­chen da­bei et­wa die Klas­si­ker der gros­sen Schwei­zer Tra­di­ti­ons­mar­ken von Pa­tek Phil­ip­pe über Ro­lex bis zu Au­de­mars Pi­guet, Va­che­ron Con­stan­tin oder Blancpain.

Die ähn­lich hoch ge­han­del­ten Klas­si­ker der Nach­kriegs-und Ge­gen­warts­kunst von An­dy War­hol und Roy Liech­ten­stein bis zu Gerhard Rich­ter und Je­an Tin­gue­ly fin­den ih­re Ent­spre­chung in her­aus­ra­gen­den Spit­zen­mo­del­len so in­no­va­ti­ver Häu­ser wie IWC, Breit­ling, Bre­guet und Ulys­se Nar­din. Die eben­so span­nen­de wie spe­ku­la­ti­ve Avant­gar­de­kunst wie­der­um spie­gelt sich in den Ex­pe­ri­men­tal­uh­ren grenz­gän­ge­ri­scher Pio­nie­re wie Beat Hald­i­man, Greu­bel For­sey, DeWitt und Ur­werk.

AP und L’Hy­drop­tè­re

Schliess­lich ist die wer­ben­de Ver­bin­dung von Uh­ren mit Wis­sen­schaft, Sport und Tech­nik kei­ne Ein­bahn­stras­se, son­dern birgt ih­rer­seits image­bil­den­de Wech­sel­wir­kun­gen und Ver­wandt­schaf­ten, wie et­wa der Uh­ren­her­stel­ler Au­de­mars Pi­guet und sei­ne längst tra­di­tio­nel­le Ver­bin­dung mit dem Se­gel­sport ver­an­schau­li­chen. Als sich der Alinghi-Spon­sor vor ei­ni­gen Jah­ren mit den Schöp­fern des schnells­ten Se­gel­boo­tes der Welt ver­bün­de­te, moch­ten dies man­che für ei­nen ge­schick­ten PR-Gag ge­hal­ten ha­ben. Im­mer­hin stell­te der Trag­flü­gel­t­ri­ma­ran L’Hy­drop­tè­re im Sep­tem­ber 2009 mit 51,36 Kno­ten oder rund 93 km/h den bis heu­te gül­ti­gen Ge­schwin­dig­keits­re­kord für ein Se­gel­boot auf, und das bei nur et­wa halb so ho­her Wind­ge­schwin­dig­keit.

Wenn Re­kords­kip­per Alain Thé­bault und sei­ne Leu­te – Se­gel­cracks, In­ge­nieu­re und Ma­te­ri­al­for­scher der ETH Lau­sanne so­wie Hig­htech-Spe­zia­lis­ten aus der Raum­fahrt-und der U-Bootin­dus­trie – heu­te ganz un­ge­zwun­gen und glaub­wür­dig von ei­ner geis­ti­gen und tech­no­lo­gi­schen Part­ner­schaft mit dem Uh­ren­her­stel­ler schwär­men, dann liegt dies an grund­le­gen­den Ge­mein­sam­kei­ten ih­rer Ziel­set­zun­gen und Me­tho­den. So­wohl die jun­gen Re­kord­seg­ler als auch der 136-jäh­ri­ge Uh­ren­her­stel­ler ge­hen von al­ten, tech­ni­schen Prin­zi­pi­en aus, von der tra­di­tio­nel­len Se­gel­tech­nik ei­ner­seits und vom klas­si­schen me­cha­ni­schen Uhr­werk mit Un­ruh und An­ker an­de­rer­seits. Bei­de ar­bei­ten sie dar­an, ih­re be­währ­te Tech­nik un­ter Ein­satz avant­gar­dis­ti­scher Me­tho­den und Ma­te­ria­li­en bis an ih­re phy­si­ka­li­schen Gren­zen aus­zu­rei­zen.

Pi­guets Trag­flü­gel­t­ri­ma­ran L’Hy­drop­tè­re, das schnells­te Se­gel­boot der Welt, vor der Küs­te von St. Tro­pez.

Gran­de Re­ver­so Ul­tra Thin Tri­bu­te to 1931 von Ja­e­ger-LeCoult­re.

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