Gut Ding will Wei­le ha­ben

Das Prin­zip der Ab­gel­tungs­steu­er hat al­len po­li­ti­schen An­fech­tun­gen zum Trotz gu­te Chan­cen, rea­li­siert zu wer­den. Die Stär­ke der Ab­gel­tungs­steu­er ist die Ef­fi­zi­enz. ROLF SCHWEI­GER

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE -

Das Prin­zip der Ab­gel­tungs­steu­er grün­det auf ei­ner sim­plen Über­le­gung: Je­de Steu­er­be­hör­de, die sich vor­ur­teils­los da­mit be­fasst, weiss näm­lich, dass nur der Ein­be­zug der Fi­nanz­in­ter­me­diä­re si­cher­stellt, dass die Steu­er­pflich­ti­gen ih­rer Ab­ga­be­pflicht auf Ver­mö­gens­er­trä­gen auch nach­kom­men. So sind im Lau­fe der Zeit vie­ler­orts die ver­schie­dens­ten Ar­ten von Ver­rech­nungs­und Zahl­stel­len­steu­ern ent­stan­den.

In den USA wur­de das Qu­el­len­steu­er­sys­tem in den letz­ten Jah­ren durch das Qua­li­fied In­ter­me­di­a­ry Agree­ment (QIA) und den For­eign Ac­count Tax Com­p­li­an­ce Act (Fatca) er­gänzt – ein Re­gime al­ler­dings, das nicht nur fis­ka­li­scher Art ist, son­dern dar­über hin­aus ei­nem aus­ge­spro­che­nen Bran­chen­pro­tek­tio­nis­mus dient und pin­ge­lig an­ge­wen­det auch den nicht in den USA wohn­haf­ten Be­sit­zer zum Bei­spiel ei­ni­ger IBM-Ak­ti­en zur Of­fen­le­gung sei­ner sämt­li­chen Ver­mö­gens­wer­te ver­pflich­ten könn­te. Die Not­wen­dig­keit des Ein­be­zugs von Fi­nanz­in­ter­me­diä­ren ist auch Va­ter der Idee des au­to­ma­ti­schen In­for­ma­ti­ons­aus­tauschs in­ner­halb der EU.

Ver­hält­nis­mäs­sig­keit wah­ren

Ei­nem rein fis­ka­lisch-op­por­tu­nis­ti­schen Hand­lungs­an­satz kann sich ein li­be­ral Den­ken­der im Grund­satz nicht ver­schlies­sen. Nie­mand be­strei­tet das Recht des Staa­tes zur Er­grei­fung der Mass­nah­men, die den Steu­er­pflich­ti­gen ver­an­las­sen, dem Staa­te zu ge­ben, was des Staa­tes ist. Hin­ge­gen stellt sich – wie in an­dern Rechts­be­rei­chen – die Fra­ge der Ver­hält­nis­mäs­sig­keit: Wel­che staats­po­li­ti­schen Wer­te und Bür­ger­rech­te sol­len und dür­fen die­sem ver­ständ­li­chen Fi­s­kal­an­spruch un­ter­ge­ord­net wer­den und wel­che nicht?

In Über­ein­stim­mung mit dem hie­si­gen all­ge­mei­nen Staats­ver­ständ­nis stellt die Pri­vat­sphä­re ei­nen über­ge­ord­ne­ten Wert dar. Wenn es dem Staat mög­lich ist, oh­ne Auf­de­ckung der per­sön­li­chen Fi­nanz­si­tua­ti­on zu den ge­set­zes­kon­for­men Steu­er­ein­nah­men zu kom­men, be­steht kein Grund, die Pri­vat­sphä­re auf­zu­he­ben – we­der für in­län­di­sche noch aus­län­di­sche Steu­er­pflich­ti­ge. Das ist kei­ne neo­li­be­ra­le For­de­rung. Der er­zwun­ge­ne Aus­tausch per­so­nal­sen­si­ti­ver Da­ten ist ganz all­ge­mein auf den kleinst­mög­li­chen Be­reich zu be­schrän­ken. Das gilt auch, und nicht zu­letzt, für den Staat. Des­halb sind die nun be­gin­nen­den Ab­gel­tungs­steu­er­ver­hand­lun­gen mit Deutsch­land und Gross­bri­tan­ni­en klar un­ter den Aspek­ten «Si­cher­stel­lung staat­li­cher Steu­er­an­sprü­che» und «Wah­rung der Pri­vat­sphä­re» zu füh­ren.

Ein eher po­li­ti­sches Pro­blem gilt es al­ler­dings vor­ab zu klä­ren: das­je­ni­ge der Alt­las­ten­re­gu­lie­rung. Es ist ver­ständ­lich, dass ver­schie­de­ne Län­der, un­ter an­de­rem Deutsch­land und Gross­bri­tan­ni­en, ei­ner­seits auf Nach­zah­lun­gen für die Ver­gan­gen­heit be­har­ren und an­de­rer­seits be­fürch­ten, die Steu­er­pflich­ti­gen wür­den ih­re Ver­mö­gens­wer­te in Län­der oh­ne ent­spre­chen­de Ab­kom­men ver­schie­ben. Es liegt des­halb im ur­ei­gens­ten In­ter­es­se der Schweiz, für das Aus­land an­nehm­ba­re Re­ge­lun­gen zu ent­wi­ckeln, die die­sen Be­fürch­tun­gen Rech­nung tra­gen, oh­ne die Pri­vat­sphä­re der aus­län­di­schen Steu­er­pflich­ti­gen zu ritzen.

Wie das kon­kret aus­se­hen könn­te, ist Ge­gen­stand in­ten­si­ver Dis­kus­sio­nen na- ment­lich auch im Schos­se der Ban­kier­ver­ei­ni­gung. Eck­punk­te könn­ten im Rah­men ei­nes von der Eid­ge­nös­si­schen Steu­er­ver­wal­tung über­wach­ten und mit Si­cher­stel­lungs­mit­teln un­ter­leg­ten Ver­hal­tens­ko­dex et­wa wie folgt for­mu­liert wer­den:

Ers­tens, die Fi­nanz­in­ter­me­diä­re wei­sen ih­re im Ab­kom­mens­land do­mi­zi­lier­ten Kun­den an, sich selbst an­zu­zei­gen oder sich der Alt­las­ten­re­gu­lie­rungs­re­ge­lung zu un­ter­zie­hen. An­dern­falls wird die Kun­den­be­zie­hung auf­ge­ho­ben. Zwei­tens, die Fi­nanz­in­ter­me­diä­re wei­sen aus­drück­lich dar­auf hin, dass ei­ne Ver­mö­gens­ver­schie­bung in ein Dritt­land kei­ne Si­cher­heit gibt, da der OECD-Stan­dard über kurz oder lang welt­weit auf al­len we­sent­li­chen Fi­nanz­plät­zen ein­ge­führt wird. Drit­tens, die Fi­nanz­in­ter­me­diä­re ver­pflich­ten sich aus­drück­lich, kei­ne Ver­mö­gens­wer­te kon­zern­in­tern auf ei­ne Aus­land­toch­ter zu über­tra­gen. Mit der Be­reit­stel­lung von Si­cher­stel­lungs­mit­teln, die im Wi­der­hand­lungs­fall fäl­lig wer­den, wird die­ser Be­stim­mung Här­te ver­lie­hen.

Zu­sätz­lich könn­te sich die Schweiz in ei­nem al­len­falls zeit­lich und zah­len­mäs­sig be­schränk­ten Um­fang zu Amts­hil­fe ver­pflich­ten, so­fern der aus­län­di­sche Staat ei­ni­ger­mas­sen kon­kre­te Ver­dachts­grün­de lie­fert, selbst wenn der Fi­nanz­in­ter­me­di­är nicht na­ment­lich be­zeich­net wird. Die­se Amts­hil­fe ist in­des­sen so zu for­mu­lie­ren, dass nicht via Fis­hing Ex­pe­di­ti­ons das Prin­zip aus­ge­höhlt wer­den kann.

Ma­te­ri­ell ist denk­bar, dass ei­ne Pau­scha­le auf der Dif­fe­renz zwi­schen dem Ver­mö­gens­wert zu Ab­kom­mens­be­ginn und dem höchs­tens zehn Jah­re zu­rück­lie­gen­den An­fangs­wert zu ent­rich­ten ist. Was frü­her war, gilt als ver­jährt. Die Pau­scha­le ori­en­tiert sich an der Hö­he der nicht ge- leis­te­ten aus­län­di­schen Steu­ern un­ter Ein­be­zug von Ver­zugs­zin­sen und wird zwecks An­reiz­schaf­fung um ei­nen Fak­tor klei­ner eins kor­ri­giert. Die zu er­war­ten­den Steu­er­nach­zah­lun­gen wer­den um­so grös­ser, je tie­fer die­ser Fak­tor ist. Mit der Be­zah­lung hät­te der Steu­er­pflich­ti­ge sei­ne Steu­er­pflicht ge­gen­über sei­nem Do­mi­zil­land in je­der Be­zie­hung oh­ne Na­mens­nen­nung er­füllt.

Ab dem Da­tum der Alt­las­ten­sa­nie­rung wird zu­künf­tig auf den Ver­mö­gens­er­trä­gen ei­ne Ab­gel­tungs­steu­er er­ho­ben und dem aus­län­di­schen Staat über­wie­sen. Da- mit er­füllt der Kun­de in je­der Be­zie­hung sei­ne Steu­er­pflicht. Ob die­se Er­trä­ge kon­kret be­rech­net oder eben­falls pau­scha­liert wer­den, ist noch of­fen. Die Ab­gel­tungs­steu­er wird un­ge­fähr so hoch sein, wie sie es im aus­län­di­schen Staat wä­re. Der al­len­falls par­al­lel ent­ste­hen­de Ver­rech­nungs­steu­er­an­spruch der Schweiz kann schwei­zin­tern durch Ver­rech­nung sal­diert wer­den, weil die Ab­gel­tungs­steu­er ei­ne de­fi­ni­ti­ve Steu­er ist. Die glei­che Re­ge­lung gilt für al­le aus­län­di­schen Neu­kun­den, da da­von aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass von­sei­ten der Fi­nanz­in­ter­me­diä­re ihr steu­er­li­cher Hin­ter­grund aus­rei­chend aus­ge­leuch­tet wird.

Kein Kon­zept von ges­tern

Ist die kom­ple­xe Alt­las­ten­re­gu­lie­rung ein­mal er­le­digt, er­hal­ten die be­tei­lig­ten Staa­ten ein äus­serst ef­fi­zi­en­tes und auch aus ih­rer Sicht ge­rech­tes Steu­er­ein­zug­s­in­stru­ment. Die Schweiz wie­der­um kann al­len Steu­er­pflich­ti­gen ih­re Pri­vat­sphä­re ga­ran­tie­ren. Der Fi­nanz­platz sei­ner­seits löst sich de­fi­ni­tiv vom Image des Steu­er­hin­ter­zie­hungs­ge­hil­fen und kann sich auf die qua­li­ta­ti­ven Stär­ken kon­zen­trie­ren.

Es ist so­mit kei­nes­wegs so, wie der rüh­ri­ge EU-Bot­schaf­ter Rei­te­rer vor Jah­res­frist in ei­nem In­ter­view ma­li­zi­ös er­klär­te, dass «die Ab­gel­tungs­steu­er ein Kon­zept von ges­tern» sei. Die an der Front tä­ti­gen Steu­er­be­hör­den der ein­zel­nen EU-Län­der mer­ken zu­se­hends, dass mit dem aus eher po­li­ti­schen Grün­den fa­vo­ri­sier­ten au­to­ma­ti­schen Aus­tausch von Aber­mil­lio­nen von Da­ten und Do­ku­men­ten nur Bü­ro­kra­tie oh­ne ge­nü­gen­den Er­trag er­zeugt wird.

Rolf Schwei­ger, Stän­de­rat (FDP) Kt. Zug.

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