Geld­po­li­tik ist schäd­li­che Um­ver­tei­lung

Die Zins­ma­ni­pu­la­tio­nen der No­ten­ban­ken be­nach­tei­li­gen die Spa­rer, füh­ren zu Ver­wer­fun­gen in der Ka­pi­tal­struk­tur der Volks­wirt­schaft und zu Fehl­al­lo­ka­tio­nen

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - CHRIS­TOPH FEHR

Von der Geld­po­li­tik er­hof­fen sich vie­le In­ves­to­ren und Ex­per­ten die Ret­tung aus der Kri­se. Auf den ers­ten Blick schei­nen sie Recht zu be­hal­ten. Die Wirt­schaft in vie­len In­dus­trie­län­dern ist wie­der auf Wachs­tums­kurs. Doch der Nut­zen der neu­en Kraft­ak­te ist frag­lich.

Die ja­pa­ni­sche und ame­ri­ka­ni­sche No­ten­bank ma­chen Ef­forts, um die Volks­wirt­schaft in Schwung zu hal­ten. Die In­ves­to­ren und der Haupt­harst der Öko­no­men schlies­sen dar­aus nun kei­nes­wegs, dass die Me­di­zin mög­li­cher­wei­se wir­kungs­los ist. Wenn her­um­ge­mä­kelt wird, dann an der Do­sis – wie viel neu­es Geld soll ein­ge­schos­sen wer­den? Oder die Art und Wei­se, wie die Me­di­zin ver­ab­reicht wer­den soll: Kauf von Staats­an­lei­hen, Ob­li­ga­tio­nen von Un­ter­neh­men, Reits oder De­vi­sen? Ein wei­te­rer Streit­punkt be­trifft die Ne­ben­wir­kun­gen: Kann es zu Über­trei­bun­gen in den Märk­ten für Ver­mö­gens­wer­ten kom­men?

Am grund­sätz­li­chen Nut­zen der Ma­ni­pu­la­ti­on von Zin­sen und Geld­an­ge­bot wird nicht ge­zwei­felt. Nicht ein­mal das Bei­spiel Ja­pans, das seit dem Plat­zen der Bla­se in Ak­ti­en-und Im­mo­bi­li­en­markt En­de der Acht­zi­ger von ei­ner Re­zes­si­on in die nächs­te schlit­tert, führt zum Nach­den­ken über den Sinn des bil­li­gen Gelds.

Da­bei hat schon der fran­zö­si­sche Staats­mann und Öko­nom Ro­bert Jac­ques Tur­got (1727 bis 1781) er­kannt, dass ei­ne Meh­rung des Tausch­mit­tels kei­nen Mehr­wert schafft. Die wirk­li­che Pro­spe­ri­tät ist die Ver­füg­bar­keit von Gü­tern und Di­enst­leis­tun­gen. Geld ist nur ein Mit­tel, um an die­se Gü­ter zu kom­men und um die Ver­gleich­bar­keit der Prei­se von Gü­tern und Di­enst­leis­tun­gen her­zu­stel­len. Of­fen­sicht­lich führt ein Mehr von Geld nicht zu mehr Gü­tern und Di­enst­leis­tun­gen. Das kann am Bei­spiel ei­nes Geld­fäl­schers de­mons­triert wer­den.

Geld ist kein Wert an sich

Wenn ich in mei­nem Kel­ler täu­schend ech­te Bank­no­ten pro­du­zie­re, ent­ste­hen kei­ne nutz­ba­ren Gü­ter. Bes­ten­falls gibt es Auf­trä­ge für Farb-oder Pa­pier­pro­du­zen­ten. Dass der Geld­fäl­scher auf der Ska­la der Wert­schät­zung un­ten an­ge­sie­delt ist, hat ei­nen gu­ten Grund. Er ver­schafft sich mü­he­los Zu­griff auf Gü­ter und Di­enst­leis­tun­gen, für die an­de­re hart ar­bei­ten müs­sen. Öko­no­misch ge­se­hen setzt ei­ne No­ten­bank kei­nen an­de­ren Pro­zess in Gang. Sie ge­ne­riert Geld aus dem Nichts. Die Ge­ste­hungs­kos­ten sind mi­ni­mal. Mit dem Geld kön­nen nun Gü­ter er­wor­ben wer­den. Wer die­ses Geld zu­erst be­kommt, hat die bes­se­ren Kar­ten als die an­de­ren.

Im nor­ma­len Le­ben lau­fen die Pro­zes­se um­ge­kehrt ab. Zu­erst muss ei­ne Leis­tung er­bracht wer­den, für die je­mand be­reit ist, Geld zu ge­ben. Mit dem so ge­gen Gü­ter und Di­enst­leis­tun­gen ge­kauf­ten Geld kön­nen an­de­re Wa­ren er­wor­ben wer­den. Wer so wirt­schaf­tet, stif­tet ei­nen Nut­zen, in­dem er ein Gut her­stellt, das ei­nem an­de­ren mehr Wert ist, als das von ihm ge­hal­te­ne Geld. Ei­ne No­ten­bank oder eben ein Geld­fäl­scher er­bringt kei­ne sol­chen nütz­li­chen Vor­leis­tun­gen. Aber wo lie­gen die Schä­den? Auf der Ver­lie­rer­sei­te sind die Spa­rer. Die Be­rech­nung der Ein­bus­sen ist hei­kel. Die Na­tio­nal­bank hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren per­ma­nent am Leit­zins her­um­ge­schraubt. Der na­tür­li­che Zins­satz ist dar­um kaum fest­zu­stel­len.

Ent­spre­chend ge­ben die fol­gen­den Zah­len nur ei­nen Ein­druck da­von, wie gross die Ein­bus­sen sind. Zwi­schen 1988 und Au­gust 2010 ren­tier­ten fünf­jäh­ri­ge Eid­ge­nos­sen im Schnitt 3,4 und zehn­jäh­ri­ge 3,8%. Wür­de ei­ne Mil­li­ar­de Fran­ken zu 3,4 re­spek­ti­ve 3,8% an­ge­legt, wä­ren das in zehn Jah­ren 1,39 Mrd. re­spek­ti­ve 1,45 Mrd. Muss das Geld aber zu den in 2010 er­reich­ten Ren­di­ten von 0,94 für fünfb­zw. 1,7% für zehn­jäh­ri­ge Bun­des­ob­li­ga­tio­nen in­ves­tiert wer­den, er­gibt das 1,09 re­spek­ti­ve 1,18 Mrd. Fr.

Wer zwei Mil­lio­nen Fran­ken be­sitzt, konn­te mit 3,8% auf ein Ein­kom­men von 76 000 Fr. zäh­len. Pro Mo­nat sind das 6300 Fr. Mit 1,7% schrumpft das Ein­kom­men auf 34 000 Fr. Pro Mo­nat sind das 2800 Fr. Die Ar­muts­gren­ze wird in der Schweiz für Al­lein­ste­hen­de auf 2300 Fr. fest­ge­legt. Nun kann der Mil­lio­när von sei­nem Ka­pi­tal zeh­ren. Aber das ist ein volks­wirt­schaft­lich un­er­wünsch­ter Vor­gang. Er­spar­nis­se sind die Grund­la­ge für In­ves­ti­tio­nen und da­mit der lang­fris­ti­gen Pro­spe­ri­tät.

In den Kun­den­de­pots der Ban­ken hiel­ten In­län­der per Au­gust 2010 Ob­li­ga­tio­nen von 407 Mrd. Fr. Aber die oben auf­ge­mach­te Rech­nung weist auf die enor­men Op­por­tu­ni­täts­ver­lus­te hin, die den An­le­gern ent­stan­den sind. Zu den Ver­lie­rern ge­hö­ren So­zi­al­wer­ke wie der AHV-Fonds oder Pen­si­ons­kas­sen. Der AHV-Fonds ist mit 60 Mrd. Fr. in in­län­di­schen An­lei­hen in­ves­tiert, 13,5% des Ge­samt­ver­mö­gens. Die Haus­hal­te wie­der­um hat­ten 2008 Bar­geld und Ein­la­gen von 481 Mrd. Fr. so­wie Schuld­ti­tel von 130 Mrd. in­ves­tiert.

Tie­fe Zin­sen: Vie­le Ver­lie­rer

Nun kann ar­gu­men­tiert wer­den, vie­le Haus­hal­te sei­en auch ver­schul­det und pro­fi­tier­ten von tie­fe­ren Zin­sen. Stimmt. Aber die Haus­hal­te ha­ben ein Rein­ver­mö­gen von 2403 Mrd. Fr. Wür­den die Im­mo­bi­li­en, die oft mit Hy­po­the­ken fi­nan­ziert wer­den, ab­ge­zo­gen, blie­ben net­to im­mer noch 1089 Mrd. Was al­so bringt die Tief­zins­po­li­tik? Schuld­ner wer­den ent­las­tet, wäh­rend die Spa­rer ver­lie­ren. Es könn­te ein­ge­wen­det wer­den, es sei ein Null­sum­men­spiel. Den ei­nen wird ge­ge­ben, den an­de­ren ge­nom­men.

Die Rea­li­tät ist wohl ei­ne an­de­re. Ei­ne der Ur­sa­chen der Fi­nanz­kri­se war die zu­vor zu lo­cke­re Geld­po­li­tik. Das hat zu Ver­wer­fun­gen in der Ka­pi­tal­struk­tur der Wirt­schaft ge­führt. Rea­le Res­sour­cen wie Men­schen und In­ves­ti­ti­ons­gü­ter wur­den auf­grund der Ma­ni­pu­la­ti­on des Prei­ses für das Geld falsch al­lo­ziert. Die­je­ni­gen, die auf Pump le­ben und ho­hen Ri­si­ken frö­nen, wer­den be­lohnt. Die an­dern, die wah­re Er­spar­nis­se er­wirt­schaf­ten, in­dem sie ein Gut pro­du­zie­ren und dann Geld er­hal­ten, von dem sie et­was bei­sei­te le­gen, ha­ben das Nach­se­hen.

Wes­halb geht kein Auf­schrei durch das Land? Die Ver­lie­rer sind schlecht or­ga­ni­siert, wäh­rend die Ge­win­ner, z. B. die Ban­ken, bes­tens auf­ge­stellt sind. Wei­ter fal­len die Ver­lus­te von vie­len dif­fus ver­teilt über Jah­re hin­weg an. Drit­tens fehlt es am Be­wusst­sein der rich­ti­gen Theo­rie, um Geld­po­li­tik als lang­fris­tig struk­tu­rell schäd­li­che Um­ver­tei­lung zu er­ken­nen – und am po­li­ti­schen Wil­len, den Un­sinn ab­zu­stel­len. Chris­toph Fehr ist Ana­lyst von In­vest.ch, Thal­wil.

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