«Herrscht Angst, stoppt das Geld»

WIL­LEM BUI­TER Der Chef­öko­nom von Ci­ti­group for­dert ei­ne mas­si­ve Auf­sto­ckung der Li­qui­di­tät für be­dräng­te Eu­ro-Staa­ten

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - IN­TER­VIEW: ELI­SA­BETH TES­TER UND PHIL­IP­PE BÉ­GUE­LIN

Die Schul­den in­sol­ven­ter Staa­ten müs­sen re­struk­tu­riert und sys­tem­re­le­van­te Ban­ken re­ka­pi­ta­li­siert wer­den. Da­für ist ei­ne so­for­ti­ge und mas­si­ve Auf­sto­ckung der eu­ro­päi­schen Li­qui­di­täts­fa­zi­li­tä­ten von heu­te 700 Mrd. auf min­des­tens 2 Bio. €. not­wen­dig.» Die Haupt­last müs­se die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank tra­gen, die als ein­zi­ge In­sti­tu­ti­on kurz­fris­tig über ge­nü­gend Geld ver­fü­ge. Wil­lem Bui­ter, Chef­öko­nom der Ci­ti­group und frü­he­rer Pro­fes­sor der London School of Eco­no­mics so­wie Ko­lum­nist der «Fi­nan­ci­al Ti­mes», for­dert mehr Li­qui­di­tät, aber kein per­ma­nen­tes Ret­tungs­pa­ket: «Mu­tiert die EU zur Trans­fer­uni­on, ist das das En­de des Eu­ros und vi­el­leicht so­gar der Uni­on.»

Herr Bui­ter, wie schnell wer­den die Po­li­ti­ker die von Ih­nen ge­for­der­ten Re­so­lu­tio­nen durch­set­zen? Die po­li­ti­schen In­stan­zen der Eu­ro­päi­schen Uni­on ten­die­ren da­zu, sich re­ak­tiv statt ak­tiv zu ver­hal­ten. Die Mit­glied­staa­ten wer­den sich schliess­lich an ein Pro­gramm an­nä­hern, das si­gni­fi­kant grös­se­re Fa­zi­li­tä­ten an­bie­tet und ei­ne ko­or­di­nier­te, ge­re­gel­te Auf­lö­sung von nicht über­le­bens­fä­hi­gen Ban­ken in der Eu­ro­zo­ne an­strebt. Die EU wird auch ei­ne ge­ord­ne­te Re­struk­tu­rie­rung der Staats­schul­den er­rei­chen wol­len. Es ist po­li­tisch un­wahr­schein­lich, das Haus in Ord­nung zu brin­gen, oh­ne Be­wer­tungs­ab­schlä­ge, al­so Hair­cuts, vor­zu­neh­men.

Wie wird die Po­li­tik vor­ge­hen? Was im­mer pas­siert, wird nicht auf ei­ne Art und Wei­se durch­ge­führt, die den Scha­den mi­ni­miert. Es wird erst ver­spä­tet ge­sche­hen, wenn al­le Stri­cke reis­sen, in letz­ter Mi­nu­te und auf ei­ne im­pro­vi­sier­te Art.

Wo ste­hen die Be­mü­hun­gen zur­zeit? Es wird na­tür­lich dar­an ge­ar­bei­tet. Zwei Ta­ge, be­vor wir un­se­re Stu­die ver­öf­fent­lich­ten, hat die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on ei­nen um­fas­sen­den Vor­schlag für ei­nen eu­ro­pa­wei­ten Re­struk­tu­rie­rungs­me­cha­nis­mus für Ban­ken vor­ge­tra­gen. Das ist ge­nau, was wir for­dern. Die sys­tem­re­le­van­ten In­sti­tu­te sol­len ih­re Ar­beit wei­ter­füh­ren kön­nen – Mit­tel auf­neh­men und Kre­di­te ver­ge­ben –, um die Re­al­wirt­schaft zu fi­nan­zie­ren, oh­ne dass der Steu­er­zah­ler der ers­te Ret­ter ist. Der Steu­er­zah­ler soll nur dann zur Kas­se ge­be­ten wer­den, wenn das In­sti­tut sys­tem­re­le­vant ist, es kei­nen an­de­ren Weg und kei­ne an­de­re Geld­quel­le gibt. Denn ei­gent­lich ist das die Sa­che der Ak­tio­nä­re und der Gläu­bi­ger. Im nor­ma­len Ge­schäfts­le­ben kommt der Steu­er­zah­ler gar nicht vor.

Was im­mer pas­siert: Die Po­li­tik re­agiert nicht auf ei­ne Art und Wei­se, die den Scha­den mi­ni­miert.

Le­gis­la­ti­on sieht, ist in et­wa sechs Mo­na­ten. Doch bis dann wird Ir­land höchst­wahr­schein­lich ei­ne neue Re­gie­rung ha­ben. Die Par­tei­en, die ge­mäss den Um­fra­gen vor­ne lie­gen, pro­pa­gie­ren bei­de, auch die Gläu­bi­ger zur Kas­se zu bit­ten. Die neue Re­gie­rung wird die­se Mass­nah­men gleich zu Be­ginn durch­füh­ren, wenn ihr Ver­trau­en­s­ka­pi­tal noch am höchs­ten ist. Sie wird nicht war­ten, bis die Eu­ro­päi­sche Uni­on ih­re Ban­ken re­struk­tu­riert, in­dem sie Gläu­bi­ger in Ak­tio­nä­re um­wan­delt.

Was ist falsch dar­an, wenn Ir­land vor­legt? Ein uni­la­te­ra­les iri­sches Vor­ge­hen kann auf ganz Eu­ro­pa und dar­über hin­aus an­ste­ckend sein. Es gäl­te als Prä­ze­denz­fall. Kön­nen die Kom­mis­si­on und die Zen­tral­bank EZB den ge­fürch­te­ten Al­lein­gang Ir­lands ver­hin­dern und es zum War­ten auf ei­ne eu­ro­pa­wei­te Lö­sung über­zeu­gen? Sie könn­ten Ir­land grös­se­re Fa­zi­li­tä­ten und bes­se­re Kon­di­tio­nen an­bie­ten. Die Fa­zi­li­tät für Ir­land be­trägt nur 67,5 statt wie an­ge­kün­digt 85 Mrd. $, die rest­li­chen 17,5 Mrd. stam­men vom Land selbst. Ex­ter­ne Un­ter­stüt­zung sieht an­ders aus. Der Zins­satz ist fast 6%. Das ist ei­ne Ein­la­dung zur In­sol­venz.

Müs­sen die Fa­zi­li­tä­ten so­mit mas­siv auf­ge­stockt wer­den? Ja, je­doch nur die Li­qui­di­tät und kei­ne per­ma­nen­te Ret­tungs­fa­zi­li­tät, denn das Ka­pi­tal für die Re­ka­pi­ta­li­sie­rung schwa­cher EU-Ban­ken muss von Ak­tio­nä­ren und Gläu­bi­gern mit un­ge­si­cher­ten Schuld­ti­teln kom­men. Be­nö­tigt wird Li­qui­di­tät, die ein un­ge­ord­ne­tes Kip­pen von po­ten­zi­ell sol­ven­ten Ban­ken und Staa­ten in un­nö­ti­ge, kost­spie­li­ge und un­ge­recht­fer­tig­te In­sol­ven­zen ver­hin­dert.

Was ver­ste­hen Sie un­ter ei­ner un­ge­recht­fer­tig­ten In­sol­venz? Wenn Angst herrscht, stoppt das Geld. Dann folgt die selbst­er­fül­len­de, von Angst ge­trie­be­ne Ab­leh­nung der Fi­nan­zie­rung. Die Ri­si­ko­auf­schlä­ge schnel­len hoch wie im Fall von Por­tu­gal. Die Zin­sen stei­gen dort nur nicht über 7%, weil die EZB Staats­an­lei­hen kauft. Schnel­len die Zin­sen in Er­war­tung ei­nes Aus­falls hoch, be­wirkt die Angst vor ei­nem Kon­kurs, dass der Markt die Fi­nan­zie­rung ver­wei­gert. Das ist selbst­er­fül­lend, auch wenn die Fun­da­men­tal­da­ten ei­nen Kon­kurs nicht nö­tig ma­chen – mit sta­bi­len Zin­sen kä­me je­der zum nö­ti­gen Ka­pi­tal, und die Schul­den wür­den be­dient.

Sie ste­hen der Idee ei­ner Ret­tungs - fa­zi­li­tät, al­so ei­nes Bailouts, äus­serst skep­tisch ge­gen­über. Eu­ro­pa ist nicht reif für ei­ne Ret­tungs­fa­zi­li­tät. Ich stim­me dies­be­züg­lich Oth­mar Is­sing voll­stän­dig zu. Ei­ne Ret­tungs­fa­zi­li­tät – die un­wei­ger­lich zu ei­ner Trans­fer­uni­on wür­de – be­deu­te­te das En­de des Eu­ros. Die fis­ka­lisch star­ken Län­der Deutsch­land, Nie­der­lan­de, Ös­ter­reich, Finn­land ak­zep­tie­ren das po­li­tisch nicht. Zu­dem gibt es auch kon­sti­tu­tio­nel­le, recht­li­che Pro­ble­me. Man weiss ja nicht ein­mal, wie der Ge­richts­hof in Karlsruhe das grie­chi­sche Ret­tungs­pa­ket so­wie die Über­brü­ckungs­kre­di­te EFSF und EFSM be­ur­teilt. Die­se bis­he­ri­gen Fa­zi­li­tä­ten ba­sie­ren auf Ge­set­zes­ar­ti­keln, die für un­ver­schul­de­te Ka­ta­stro­phen ge­dacht wa­ren. Es ist sehr schwie­rig, fis­ka­li­sche Pro­ble­me als un­ver­schul­det zu be­trach­ten. Wir spre­chen ja nicht vom Erd­be­ben in Hai­ti, son­dern von Por­tu­gal, Spa­ni­en und Ir­land, die zu­vor kei­ne fis­ka­li­schen Pro­ble­me hat­ten. Der Pri­vat­sek­tor be­gab sich in ei­nen un­halt­ba­re Kre­dit­boom, der nun dem öf­fent­li­chen Sek­tor auf­ge­bür­det wird. Die Kri­se ent­stand we­gen fis­ka­li­scher oder re­gu­la­to­ri­scher In­kom­pe­tenz, sie ist rein selbst­ge­macht.

Es ist sehr schwie­rig, fis­ka­li­sche Pro­ble­me als un­ver­schul­det zu be­trach­ten.

Wer schiesst neu­es Ka­pi­tal ein? Die 14 Mit­glieds­län­der der Eu­ro­zo­ne, die kei­ne Un­ter­stüt­zung emp­fan­gen, könn­ten aus ih­ren Haus­halts­bud­gets Geld be­reit­stel­len. Das ist aber nicht wahr­schein­lich. Län­der wie Deutsch­land und die Nie­der­lan­de se­hen kei­ne Ver­an­las­sung, wes­halb sie die fis­ka­li­sche Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit an­de­rer Staa­ten fi­nan­zie­ren soll­ten. Wenn sie Ent­wick­lungs­hil­fe leis­ten wol­len, schi­cken sie Geld nach Ban­gla­desch. So sieht die po­li­ti­sche Rea­li­tät aus.

Könn­te der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds IWF ein­sprin­gen? Dort kommt die In­nen­po­li­tik der USA ins Spiel. Im Kon­gress sind vie­le Po­li­ti­ker aus bei­den Par­tei­en da­ge­gen, dass der ame­ri­ka­ni­sche Steu­er­zah­ler über Bei­trä­ge an den IWF den eu­ro­päi­schen Steu­er­zah­ler un­ter­stützt. So­mit blei­ben noch Staats­fonds oder an­de­re In­ves­to­ren mit di­cken Brief­ta­schen, ei­ni­ge ha­ben schon an der Pe­ri­phe­rie son­diert. Ih­re Ka­pi­tal­an­ge­bo­te sind je­doch klein oder un­nö­tig. Chi­na will für 6 Mrd. € spa­ni­sche Staats­an­lei­hen kau­fen, das ist ein Trop­fen auf den heis­sen St­ein. Ja­pan will nicht Schuld­ti­tel der Pe­ri­phe­rie­län­der kau­fen, was in­ter­es­sant wä­re, son­dern An­lei­hen des EFSF, die von al­len Staa­ten Eu­ro­lands ga­ran­tiert wer­den und ein Triple-A-Ra­ting auf­wei­sen.

Wenn Deutsch­land Ent­wick­lungs­hil­fe leis­ten will, schickt es Geld nach Ban­gla­desch. So sieht die po­li­ti­sche Rea­li­tät aus.

Es ist al­so kein Ka­pi­tal vor­han­den? Das Ka­pi­tal muss von der EZB kom­men. Sie hat als ein­zi­ge In­sti­tu­ti­on kurz­fris­tig ge­nü­gend Geld zur Ver­fü­gung.

Die In­fla­ti­on klet­ter­te im De­zem­ber über 2%. Wer­den die Zin­sen am Geld­markt stei­gen? Der Leit­zins steht in Eu­ro­pa auf 1%, der In­ter­ban­ken­zins Eo­nia für Über­nacht­kre­di­te liegt deut­lich dar­un­ter. Die EZB wird den Leit­zins vor­der­hand nicht er­hö­hen, und nicht ein­mal der Eo­nia wird schnell ge­gen den Leit­zins stei­gen.

Müss­te die EZB nicht re­strik­tiv agie­ren, statt noch mehr Li­qui­di­tät zur Ver­fü­gung zu stel­len? Die EZB hat ei­ne dua­le Sicht ih­rer Geld­po­li­tik. Sie um­fasst ei­ner­seits den of­fi­zi­el­len Leit­zins so­wie an­der­seits die Li­qui­di­täts-und Kre­dit­po­li­tik, um ei­nen ord­nungs­ge­mäs­sen Markt si­cher­zu­stel­len und die mo­ne­tä­re Trans­for­ma­ti­on zur Re­al­wirt­schaft zu ge­währ­leis­ten. Die No­ten­bank könn­te die Zin­sen er­hö­hen, um den In­fla­ti­ons­druck zu ver­min­dern und den­noch zu­sätz­li­che Li­qui­di­tät zur Ver­fü­gung stel­len. Das steht im Ge­gen­satz zu den USA und Gross­bri­tan­ni­en, wo das Fed und die Bank of En­g­land zu­erst die zu­sätz­lich be­reit­ge­stell­te Li­qui­di­tät ab­bau­en und erst dann den Leit­zins er­hö­hen wol­len.

Was be­deu­tet die Ent­wick­lung in Eu­ro­pa für die Schweiz? Wird der Fran­ken noch stär­ker? Der Se­gen, ein si­che­rer Ha­fen zu sein, wird zu ei­nem Fluch. Da­ge­gen lässt sich nicht viel un­ter­neh­men. Die Schweiz ist als In­dus­trie­land Op­fer von Wäh­rungs­krie­gen – um Bra­si­li­ens Fi­nanz­mi­nis­ter Gui­do Man­te­ga et­was ab­ge­än­dert zu zi­tie­ren. Zu­dem sind die Fun­da­men­tal­da­ten in der Schweiz gut, die Wirt­schaft wächst schnell, wenn auch nicht so ra­sant wie in Schwe­den, dem nor­di­schen Ti­ger. Als si­che­rer Ha­fen zieht die Schweiz aus der gan­zen Welt Ka­pi­tal an.

Wie lan­ge bleibt der Druck be­ste­hen? So­lan­ge die Furcht vor ei­ner Um­schul­dung von Staa­ten oder Ban­ken in Eu­ro­pa an­hält. Ab­ge­se­hen von Ka­pi­tal­ver­kehrs­kon­trol­len, mit de­nen ich in ab­seh­ba­rer Zeit nicht rech­ne, lässt sich nichts da­ge­gen tun. Die Na­tio­nal­bank kann die Wäh­rungs­re­ser­ven na­tür­lich noch et­was aus­wei­ten und zu­sätz­li­che Ver­lus­te ein­fah­ren, aber die Schweiz ist ei­ne klei­ne, sehr of­fe­ne Volks­wirt­schaft. In­ves­to­ren ent­schei­den, dass sie ihr Geld dort­hin brin­gen wol­len, die Schweiz ist Emp­fän­ge­rin.

Herrscht in fünf Jah­ren glo­bal be­trach­tet eher In­fla­ti­on oder De­fla­ti­on? In­fla­ti­on, das ist ge­wiss.

Wil­lem Bui­ter: «Ei­ne per­ma­nen­te Ret­tungs­fa­zi­li­tät be­deu­te­te das En­de des Eu­ros.»

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