Tu­ne­si­en in Auf­ruhr

Bör­se un­ter Druck – Kon­junk­tur­pro­gno­sen wer­den Ma­ku­la­tur

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - WD

Das son­ni­ge Ur­laubs­land Tu­ne­si­en, das jähr­lich Hun­dert­tau­sen­de eu­ro­päi­scher Tou­ris­ten an­lockt, ist vier Ta­ge nach der Flucht von Prä­si­dent Zi­ne al-Abi­di­ne Ben Ali noch im­mer in Auf­ruhr. Zwar be­rief Pre­mier Ghan­nou­chi zu Wo­chen­be­ginn ei­ne Über­gangs­re­gie­rung, die Neu­wah­len vor­be­rei­ten soll. Auf­ge­brach­te De­mons­tran­ten pro­tes­tier­ten in der Haupt­stadt Tu­nis je­doch da­ge­gen, dass Schlüs­sel­res­sorts wie In­ne­res, Ver­tei­di­gung und Fi­nan­zen von den bis­he­ri­gen Amts­in­ha­bern aus der Re­gie­rungs­par­tei ge­lei­tet wer­den.

Hoch be­wer­te­te Ti­tel

Der Sturz des tu­ne­si­schen De­s­po­ten ver­setzt die ara­bi­sche Welt und die dort seit Jahr­zehn­ten herr­schen­den Po­ten­ta­ten in Auf­re­gung. Ob in Ägyp­ten, Al­ge­ri­en, Jor­da­ni­en oder im Je­men – über­all fürch­ten die Au­to­kra­ten ei­nen Do­mi­no­ef­fekt. Aber die Staa­ten sind un­ter­schied­lich. Zu­dem kann der­zeit nie­mand sa­gen, ob Tu­ne­si­en tat­säch­lich ei­ne Wen­de zum Bes­se­ren nimmt. Die gröss­te Op­po­si­ti­ons­grup­pe bil­den in vie­len ara­bi­schen Staa­ten die ge­mäs­sig­ten Is­la­mis­ten, wäh­rend die li­be­ra­len und de­mo­kra­ti­schen Kräf­te noch im­mer ver­gleichs­wei­se klein sind.

Un­zwei­fel­haft ist bei al­ler Un­si­cher­heit, dass der Auf­ruhr die An­le­ger schockt und dem Ak­ti­en­markt in Tu­nis zu­setzt. Zu­vor hat­te die Bör­se dort fast ein Jahr­zehnt star­ke Ge­win­ne ver­zeich­net, selbst in der Fi­nanz­kri­se vor zwei Jah­ren. An­ge­sichts der an­hal­ten­den Un­ru­hen setz­te die Bör­sen­auf­sicht den Han­del zu Wo­chen­be­ginn aus. In der Vor­wo­che hat­te der Leit­in­dex 13% ein­ge­büsst. Für den Ein­bruch gibt es ne­ben den Un­ru­hen hand­fes­te wirt­schaft­li­che Grün­de: Nach dem ver­gleichs­wei­se lan­gen Auf­schwung gel­ten vie­le tu­ne­si­sche Ak­ti­en als hoch be­wer­tet – und hat­ten be­reits seit Ok­to­ber im­mer wie­der Schwä­che­pha­sen. Doch erst die Re­vol­te ge­gen das Re­gime von Ben Ali führt jetzt zum Aus­ver­kauf.

Sta­bi­li­tät von­nö­ten

Ob­wohl Tu­ne­si­en die Wirt­schafts­kraft in den letz­ten zehn Jah­ren spür­bar stei­gern konn­te und das Re­gime ers­te Wirt­schafts­re­for­men un­ter­nom­men hat, ist die Ar­beits­lo­sig­keit un­ter Ju­gend­li­chen nach An­ga­ben des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) noch im­mer über 40%. Nach der Ab­küh­lung in den letz­ten bei­den Jah­ren ging der IWF bis­lang da­von aus, dass das Brut­to­in­land­pro­dukt in die­sem Jahr wie­der rund 5% stei­gen wür­de. Dies dürf­te nun je­doch nicht mehr der Fall sein.

Der von den Un­ru­hen ver­ur­sach­te Kurs­rück­schlag könn­te auch die ge­plan­te Pri­va­ti­sie­rung von Tu­ni­sie Tele­com ge­fähr­den. Das Fern­mel­de­un­ter­neh­men hat­te ge­hofft, durch die Dop­pel­ko­tie­rung in Tu­nis und Paris rund 500 Mio. tu­ne­si­sche Di­nar (340 Mio. $) zu lö­sen. Den­noch glau­ben die meis­ten Ex­per­ten, dass der Bör­sen­gang statt­fin­den wird, wenn auch wohl zu ei­nem nied­ri­ge­ren Preis. Schliess­lich braucht das neue Re­gime drin­gend Geld zur Schaf­fung von Jobs.

Plus­punkt für die In­ves­to­ren wa­ren in Tu­nis bis­lang ne­ben dem ver­gleichs­wei­se ho­hen öko­no­mi­schen Wachs­tum die Trans­pa­renz des Han­dels und die ver­meint­li­che Sta­bi­li­tät des Lan­des. Die­ser Bo­nus ist durch die Un­ru­hen nun je­doch erst ein­mal ver­lo­ren ge­gan­gen. Der Markt dürf­te, wenn der Han­del wie­der auf­ge­nom­men wird, noch stär­ker kor­ri­gie­ren als die Bör­sen in Ma­rok­ko, Ägyp­ten oder Al­ge­ri­en, die auf die Er­eig­nis­se in Tu­ne­si­en zu Wo­chen­be­ginn ei­nen Kurs­rück­gang von rund 2% ver­zeich­ne­ten. Zu­mal die po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen noch län­ger an­hal­ten wer­den und be­las­ten.

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