«Chi­nas Bör­se ist kein Geld­au­to­mat»

Nicole Yu­en, Lei­te­rin des Ak­ti­en­ge­schäfts Chi­na der UBS, sieht ei­nen Struk­tur­wan­del an der Fest­land­bör­se Schang­hai

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ERNST HERB,

CZen­tra­le Rol­le

hi­nas äus­serst vo­la­ti­le Fest­land­bör­sen durch­lau­fen ei­nen tief­grei­fen­den Struk­tur­wan­del. Die Bör­sen von Schang­hai und Shen­zhen sind ge­mes­sen an der Ge­samt­markt­ka­pi­ta­li­sie­rung nach den USA und Ja­pan der dritt­gröss­te Ak­ti­en­markt der Welt (in­klu­si­ve Hong­kong ran­giert Chi­na so­gar auf Platz zwei). Tra­di­tio­nell wird das Han­dels­ge­sche­hen auf dem Fest­land von ein­hei­mi­schen Pri­vat­in­ves­to­ren do­mi­niert. Doch in­sti­tu­tio­nel­le An­le­ger ge­ben nun zu­neh­mend den Ton an den chi­ne­si­schen Ak­ti­en­märk­ten an. Da­mit ein­her ge­hen ei­ne schär­fe­re Markt­auf­sicht so­wie neue An­la­ge­instru­men­te für ef­fi­zi­en­te­re Preis­fin­dungs­me­cha­nis­men. Für Nicole Yu­en, Lei­te­rin des Ak­ti­en­ge­schäfts Chi­na der Schwei­zer Gross­bank UBS, tre­ten die Fest­land­bör­sen im lau­fen­den Jahr in ei­ne qua­li­ta­tiv neue Pha­se über. Die­ses Jahr tritt in Chi­na der zwölf­te Fünf­jah­res­plan in Kraft. Das bis­her vom Ex­port und von An­la­ge­inves­ti­tio­nen ge­trie­be­ne Wirt­schafts­wachs­tum soll künf­tig stär­ker vom pri­va­ten Kon­sum ge­tra­gen wer­den. Kern­stück die­ses Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­ses ist ei­ne ef­fi­zi­en­te­re Nut­zung des Ka­pi­tals. «Der Bör­se kommt da­bei aus Sicht der Re­gie­rung ei­ne zen­tra­le Rol­le zu», sagt Yu­en am Ran­de ei­ner von mehr als 2000 UBS-Kun­den be­such­ten In­ves­to­ren­kon­fe­renz in Schang­hai. Das vor al­lem auch des­halb, weil Chi­na, jah­re­lang ei­ner der welt­weit gröss­ten Ka­pi­tal­ex­por­teu­re, die über­schüs­si­ge Li­qui­di­tät jetzt ver­stärkt auf dem Bin­nen­markt in­ves­tie­ren will.

Die­ser Auf­trag kann al­ler­dings nur dann er­füllt wer­den, wenn In­ves­to­ren die auch an rei­fe­ren Bör­sen vor­han­de­nen An­la­ge­instru­men­te – bei­spiels­wei­se Le­er­käu­fe oder die im Vor­jahr erst­mals zu­ge­las­se­nen In­dex­fonds – zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den. Yu­en er­war­tet, dass 2011 zur Ab­si­che­rung von Ri­si­ken Ter­min­ge­schäf­te in ei­nem wei­te­ren Aus­mass er­laubt wer­den als bis­her. Ge­gen­wär­tig wer­den auch die recht­li­chen Grund­la­gen für ei­ne ver­mehr­te Teil­nah­me pri­va­ter An­la­ge­fonds an den Fest­land­bör­sen ge­schaf­fen. Die Hedge-Funds-In­dus­trie bei­spiels­wei­se steckt in der Volks­re­pu­blik nach wie vor in den Kin­der­schu­hen. Auch le­gen chi­ne­si­sche Ver­si­che­rungs­kon­zer­ne an­ge­sichts stren­ger staat­li­cher Re­gu­lie­run­gen bis­lang nur ei­nen ge­rin­gen Teil ih­rer Gel­der in Ak­ti­en an.

All das dürf­te sich nach Mei­nung Yu­ens schon bald än­dern. Ei­nen ers­ten qua­li­ta­ti- ven Sprung mach­ten die Bör­sen Schang­hai und Shen­zhen be­reits 2003: Im Rah­men des so­ge­nann­ten QFII-Pro­gramms (Qua­li­fied For­eign In­sti­tu­tio­nal In­ves­tor) durf­ten aus­län­di­sche In­sti­tu­tio­nel­le in be­grenz­tem Rah­men erst­mals Port­fo­li­o­in­ves­ti­tio­nen auf dem Fest­land vor­neh­men. Der­zeit be­trägt die An­la­ge­quo­te der QFIIAn­le­ger ins­ge­samt 30 Mrd. $. Bis aus­län­di­sches Ka­pi­tal un­be­schränk­ten Zu­gang zu Chi­nas Fi­nanz­märk­ten hat, dürf­te es noch ei­ni­ge Jah­re dau­ern. Doch ei­ne schritt­wei­se Li­be­ra­li­sie­rung fin­det nun statt.

Die UBS, die 2003 als ei­ne von drei west­li­chen Ban­ken ei­ne QFII-Quo­te er­hal­ten hat, re­agiert da­mit, dass sie ihr Ak­ti­en­ana­lys­ten­team auf dem Fest­land von heu­te dreis­sig auf über neun­zig mehr als ver­drei­fa­chen will. Am Mon­tag mach­te zu­dem die Nach­richt die Run­de, dass chi­ne­si­sche Bro­ker­häu­ser schon bald zum ers­ten Mal aus­län­di­sches Ka­pi­tal an den ein­hei­mi­schen Fi­nanz­märk­ten an­le­gen dür­fen.

Aus­län­der ste­hen an

«Dank sol­chen Neue­run­gen wird das Han­dels­ge­sche­hen an den chi­ne­si­schen Bör­sen mit­tel­fris­tig we­ni­ger vo­la­til», sagt Yu­en. Vor al­lem wer­den die Ak­ti­en­bör­sen Schang­hai und Shen­zhen künf­tig auch stär­ker mit aus­län­di­schen Fi­nanz­märk­ten kor­re­lie­ren als ge­gen­wär­tig. Ein ent­schei­den­der Schritt in die­se Rich­tung wird nach Yu­ens Mei­nung ge­nom­men, wenn in Schang­hai und Shen­zhen erst­mals auch aus­län­di­sche Un­ter­neh­men ih­re Ak­ti­en ko­tie­ren las­sen dür­fen. Die­ser Fall könn­te be­reits im lau­fen­den Jahr ein­tre­ten. Be­reits ha­ben meh­re­re aus­län­di­sche Ge­sell­schaf­ten ihr In­ter­es­se an ei­nem Bör­sen­gang in Schang­hai an­ge­mel­det. Pro­mi­nen­tes­te Bei­spie­le sind die bri­ti­sche Gross­bank HSBC und der US-Ein­zel­han­dels­kon­zern Wal-Mart Sto­res.

Yu­en geht da­von aus, wenn nicht schon 2011, dann wird Pe­king die Ko­tie­rung von Ak­ti­en aus­län­di­scher Un­ter­neh­men auf Sicht von zwei bis drei Jah­ren zu­las­sen. Wie bei al­len Re­for­men des Fi­nanz­mark­tes dürf­te die Re­gie­rung in die­sem Li­be­ra­li­sie­rungs­schritt be­hut­sam vor­ge­hen. Wahr­schein­lich darf das von aus­län­di­schen Un­ter­neh­men an den bei­den Fest­land­bör­sen auf­ge­nom­me­ne Ka­pi­tal zu­nächst nur für die Ex­pan­si­on auf dem chi­ne­si­schen Bin­nen­markt ver­wen­det wer­den. «Die Re­gu­la­to­ren wer­den dar­auf ach­ten, dass Chi­nas Bör­sen von aus­län­di­schen In­ves­to­ren nicht mit Geld­au­to­ma­ten ver­wech­selt wer­den», sagt Yu­en.

Nicole Yu­en er­war­tet, dass aus­län­di­sche Un­ter­neh­men in Chi­na bald an die Bör­se dür­fen.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.