Das Ein­fa­che ist nicht im­mer das Bes­te

BRENN­PUNKT STEU­ERN Das neue Mehr­wert­steu­er­ge­setz ein Jahr nach der Ein­füh­rung – Zwi­schen­bi­lanz und Aus­blick – Gren­zen der Ver­ein­fa­chung er­reicht

Finanz und Wirtschaft - - PODIUM - LAU­RENT LATTMANN

Vor ei­nem Jahr ist das vom Bun­des­rat mit rund fünf­zig Än­de­run­gen ge­spick­te und als gros­se Ver­ein­fa­chung ge­prie­se­ne neue Mehrt­wert­steu­er­ge­setz (MWSTG) in Kraft ge­tre­ten. Auch wenn heu­te noch im­mer nicht al­le Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen pu­bli­ziert wor­den sind und sich die Pra­xis zum neu­en Ge­setz erst noch ent­wi­ckeln muss, kann ei­ne po­si­ti­ve Zwi­schen­bi­lanz ge­zo­gen wer­den.

Ver­ein­fa­chung ge­lun­gen?

Zu den er­klär­ten Zie­len der Re­form ge­hör­ten die Ent­las­tung der Steu­er­pflich­ti­gen von der bis­he­ri­gen Bü­ro­kra­tie und die Re­du­zie­rung des Er­he­bungs­auf­wands. Die­se Zie­le dürf­ten im Rah­men des Mög­li­chen er­reicht wor­den sein. Die ein­ge­führ­ten Än­de­run­gen, bei­spiels­wei­se die hö­he­re Um­satzli­mi­te für die sub­jek­ti­ve Steu­er­pflicht, die Aus­deh­nung der Mög­lich­keit zur Abrech­nung nach Sal­do­steu­er­sät­zen, der Weg­fall der Ein­schrän­kun­gen des Vor­steu­er­ab­zugs auf Ver­pfle­gungs­auf­wen­dun­gen und auch die Ab­kehr vom bis­he­ri­gen For­ma­lis­mus, um nur ei­ni­ge Än­de­run­gen zu nen­nen, füh­ren un­be­strit­te­ner­mas­sen zu ei­ner spür­ba­ren Ent­las­tung al­ler Steu­er­pflich­ti­gen.

Er­nüch­te­rung dürf­te sich hin­ge­gen bei den­je­ni­gen ein­stel­len, die auf ei­ne mass­geb­li­che Re­du­zie­rung der zu ken­nen­den Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen ge­hofft ha­ben. Sie müs­sen wei­ter­hin über 1500 Sei­ten an Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen le­sen, denn die neu­en Pu­bli­ka­tio­nen ha­ben an Um­fang nicht we­sent­lich ab­ge­nom­men. Die Fül­le von In­for­ma­tio­nen, die die Eidg. Steu­er­ver­wal­tung (ESTV) in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten pu­bli­ziert hat und in na­her Zu­kunft noch ver­öf­fent­li­chen wird,

Lau­rent Lattmann. ist je­doch nö­tig, um den Steu­er­pflich­ti­gen die kor­rek­te Steu­er­er­he­bung über­haupt erst zu er­mög­li­chen. Bei ei­ner so fa­cet­ten­rei­chen Steu­er wie der Mehr­wert­steu­er wä­re man­cher Steu­er­pflich­ti­ge oh­ne die­se aus­führ­li­chen In­struk­tio­nen ge­for­dert, wenn nicht gar über­for­dert.

Rück­bli­ckend mag es für die Be­trof­fe­nen un­ver­ständ­lich und är­ger­lich ge­we­sen sein, dass die Ver­wal­tung ih­re An­wei­sun­gen mit zum Teil ein­jäh­ri­ger Ver­spä­tung pu­bli­ziert hat, aber die­se Ver­zö­ge­run­gen wa­ren das Re­sul­tat von Ver­hand­lun­gen mit den je­wei­li­gen Bran- chen­ver­bän­den oder von ver­wal­tungs­in­ter­nen Über­ar­bei­tun­gen der Ent­wür­fe. Dass die­se Ar­bei­ten not­wen­dig wa­ren, zeigt die Re­ge­lung der Vor­steu­er­ab­zugs­be­rech­ti­gung von Hol­ding­ge­sell­schaf­ten: Wäh­rend die Ver­wal­tung den Vor­steu­er­an­spruch von Hol­dings zu­erst noch un­zu­läs­si­ger­wei­se ein­zu­schrän­ken ver­such­te, hat sie sich ei­nes Bes­se­ren be­son­nen und schliess­lich ei­ne im Ein­klang mit der be­tref­fen­den Ge­set­zes­be­stim­mung ste­hen­de Re­ge­lung aus­ge­ar­bei­tet.

Klä­rungs­be­darf vor­han­den

Es wä­re aber si­cher­lich falsch zu glau­ben, dass mit dem neu­en MWSTG sämt­li­che Un­si­cher­hei­ten aus­ge­merzt wor­den sind. Ex­em­pla­risch ist die Si­tua­ti­on beim da­ma­li­gen bau­ge­werb­li­chen Ei­gen­ver­brauch. Nach al­tem Recht muss­te ein Bau­herr, der ei­ne Im­mo­bi­lie für den an­schlies­sen­den Ver­kauf im Stock­werk­ei­gen­tum er­stel­len liess und an­ge­sichts sei­ner Fach­kennt­nis­se be­stimm­te Ar­bei­ten selbst aus­führ­te (so­ge­nann­te Ei­gen­leis­tun­gen), die Mehr­wert­steu­er auf den An­la­ge­kos­ten der Lie­gen­schaft ab­rech­nen. Im Ge­gen­zug konn­te er sie auf den Rech­nun­gen der be­auf­trag­ten Bau­un­ter­neh­mer zu­rück­for­dern. Im Er­geb­nis wur­den so die Leis­tun­gen der be­auf­trag­ten Un­ter­neh­men und die Ei­gen­leis­tun­gen des Bau­herrn be­steu­ert, wäh­rend ein all­fäl­li­ger Ge­winn zu Recht nicht be­steu­ert wur­de. Im­mo­bi­li­en­ver­käu­fer, die kei­ne Ei­gen­leis­tun­gen er­brach­ten, muss­ten nichts wei­ter vor­keh­ren und wur­den nicht ein­mal mehr­wert­steu­er­pflich­tig. So weit, so gut.

Der Ge­setz­ge­ber hat die Be­stim­mun­gen zum bau­ge­werb­li­chen Ei­gen­ver­brauch er­satz­los aus dem neu­en MWSTG ge­stri­chen und da­mit die Si­tua­ti­on ver- meint­lich ver­ein­facht. Doch ge­schaf­fen hat er ei­ne Steu­er­lü­cke, in­dem die Be­steue­rung der Ei­gen­leis­tun­gen nicht mehr mög­lich ist. Die ESTV hat das er­kannt, aber ih­re dies­be­züg­li­che Ver­wal­tungs­pra­xis schiesst weit über das Ziel hin­aus. Ver­ein­facht ge­sagt sieht sie vor, dass der Ver­kauf von Im­mo­bi­li­en dann der Mehr­wert­steu­er un­ter­liegt, wenn der Wert der in­di­vi­du­el­len Käu­fer­wün­sche ei­nen be­stimm­ten Pro­zent­satz des Pau­schal­prei­ses (5 bzw. 7%) über­schrei­tet.

Trifft dies zu, un­ter­liegt der Ver­kaufs­preis ins­ge­samt der Mehr­wert­steu­er, wo­mit nicht nur die An­la­ge­kos­ten, son­dern auch ein all­fäl­li­ger Ge­winn be­steu­ert wird. Und da die­se Re­ge­lung pro Ver­kaufs­ob­jekt an­zu­wen­den ist, ist es durch­aus denk­bar, dass der Ver­kauf der Woh­nung im Par­terre steu­er­frei ist, wäh­rend auf dem Ver­kaufs­preis der At­ti­ka­woh­nung 8% Mehr­wert­steu­er ab­ge­rech­net wer­den müs­sen. Dass da­bei der Steu­er­pflich­ti­ge erst nach Ab­schluss der Bau­ar­bei­ten ab­schlies­send be­ur­tei­len kann, auf wel­chen Ver­käu­fen er die Mehr­wert­steu­er tat­säch­lich ab­zu­rech­nen hat, sei nur am Ran­de er­wähnt.

Rich­tig­stel­lung zu er­war­ten

Wer nun glaubt, er sei von die­ser Re­ge­lung nicht be­trof­fen, da er als In­ves­tor kei­ne Ei­gen­leis­tun­gen er­brin­ge, sieht sich ge­täuscht. Ob Ei­gen­leis­tun­gen er­bracht wer­den oder nicht, ist nach der Vor­stel­lung der Ver­wal­tung nicht mehr mass­ge­bend. Da­mit wer­den auch Pri­va­te und in­sti­tu­tio­nel­le In­ves­to­ren (PK, An­la­gestif­tun­gen) Mehr­wert­steu­ern auf dem er­ziel­ten Ver­kaufs­er­lös ent­rich­ten müs­sen, wenn die von den Käu­fern ge­wünsch­ten Än­de­run­gen den von der ESTV fest­ge­setz­ten Wert über­stei­gen.

Es liegt auf der Hand, dass der Ge­setz­ge­ber mit der Strei­chung der Re­ge­lung zum bau­ge­werb­li­chen Ei­gen­ver­brauch nie und nim­mer ei­ne der­ar­ti­ge Ver­schär­fung der Si­tua­ti­on be­ab­sich­tigt hat. Ei­ne Rich­tig­stel­lung die­ser fal­schen Pra­xis dürf­te so­mit ei­ne Fra­ge der Zeit sein.

Wei­te­rer Re­form­be­darf?

Nach den Vor­stel­lun­gen des ehe­ma­li­gen Fi­nanz­mi­nis­ters Hans-Ru­dolf Merz hät­ten in ei­nem zwei­ten Schritt wei­te­re Ver­ein­fa­chun­gen ein­ge­führt wer­den sol­len. Der Na­tio­nal­rat hat Mit­te De­zem­ber die­sem zwei­ten Re­form­vor­schlag ( Teil B), der ei­ne um­fas­sen­de Auf­he­bung der bis­he­ri­gen Steu­er­aus­nah­men und die Ein­füh­rung ei­nes Ein­heits­steu­er­sat­zes vor­sah, ei­ne Ab­fuhr er­teilt und ihn an den Bun­des­rat zu­rück­ge­wie­sen. Da­mit dürf­te der po­li­tisch bri­san­te­re Teil der Re­form, der bis­her aus­ge­nom­me­ne Be­rei­che wie Bil­dung, Kul­tur, Sport und me­di­zi­ni­sche Leis­tun­gen für mehr­wert­steu­er­pflich­tig er­klärt hät­te, vom Tisch sein.

Von punk­tu­el­len Kor­rek­tu­ren ab­ge­se­hen sind die Gren­zen der mög­li­chen Ver­ein­fa­chun­gen er­reicht. Wei­te­re sys­te­ma­ti­sche Ein­grif­fe drän­gen sich der­zeit nicht auf, und ein Blick über die Gren­ze ins be­nach­bar­te EU-Aus­land zeigt, dass per­ma­nen­te Re­for­men des mehr­wert­steu­er­li­chen Re­gel­werks sel­ten zu tat­säch­li­chen Ver­ein­fa­chun­gen füh­ren. Die Schwei­zer Lö­sung hält im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich sehr gut mit, und es stellt sich die Fra­ge, ob wir wirk­lich die ein­fachs­te und bes­te Mehr­wert­steu­er­ord­nung der Welt ha­ben müs­sen. Lau­rent Lattmann, Treu­hän­der mit eidg. Fach­aus­weis, Tax Part­ner, www.tax­part­ner.ch

Die Schwei­zer Mehr­wert­steu­er-Lö­sung hält im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich sehr gut mit, meint Steu­er­ex­per­te

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