Afri­kas trä­ge Lö­wen

Der Kon­ti­nent wan­delt sich und fin­det im Roh­stoff­boom viel Be­ach­tung. Ist das neue Wachs­tum nur ein Stroh­feu­er oder dau­er­haft? Zwei­fel sind an­ge­bracht. WOLF­GANG DRECHS­LER

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE -

Gä­be es den Kon­junk­tiv nicht, für Afri­ka müss­te er er­fun­den wer­den. Was an Edel­me­tal­len und an­de­ren Bo­den­schät­zen wert­voll ist, schlum­mert in sei­nem Bo­den. Die Land­wirt­schaft könn­te blü­hen und ge­wal­ti­ge Über­schüs­se pro­du­zie­ren. Und al­lein das Auf­stau­en des Kon­go wür­de ge­nug Ener­gie frei­set­zen, um da­mit fast ganz Afri­ka zu be­leuch­ten. Die Va­ria­tio­nen der Mög­lich­keits­form be­schrei­ben noch im­mer das Schick­sal des Schwar­zen Kon­ti­nents – und sei­ner mitt­ler­wei­le über ei­ne Mil­li­ar­de Men­schen.

Das Jahr­zehnt be­ginnt wie­der ein­mal mit der Pro­gno­se, in Afri­ka wer­de es fort­an berg­auf ge­hen. Dies­mal malt die Un­ter­neh­mens­be­ra­tung McKin­sey das (zwei­fel­los gros­se) Po­ten­zi­al im Sze­na­rio «Li­ons on the mo­ve» in schil­lern­den Far­ben. Mut ma­che die Wachs­tums­be­schleu­ni­gung: Das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt auf dem Kon­ti­nent ist in den letz­ten zehn Jah­ren durch­schnitt­lich 5,7% p. a. ge­klet­tert nach nur 2,4% in den zwan­zig Jah­ren zu­vor.

Doch die Rea­li­tät ist weit we­ni­ger ro­sig: Statt sei­nen Wohl­stand zu meh­ren, ist Afri­ka seit der Un­ab­hän­gig­keit vor fünf­zig Jah­ren im­mer wei­ter hin­ter Asi­en und Latein­ame­ri­ka zu­rück­ge­fal­len. Das Wachs­tum wird je­doch vor al­lem von den nord­afri­ka­ni­schen Staa­ten und ei­ni­gen we­ni­gen Öl­län­dern wie An­go­la oder Äqua­to­ri­al­gui­nea ge­tra­gen. Be­rück­sich­tigt wer­den muss auch, dass die Ver­gleichs­ba­sis tief ist. Zu­dem ist die Ver­tei­lung höchst un­gleich – die we­ni­gen Rei­chen sind fast über­all rei­cher, die Mas­se der Ar­men hin­ge­gen noch är­mer ge­wor­den.

Im Un­gleich­ge­wicht

Auch die Di­ver­si­fi­zie­rung der fast über­all auf ei­nen Roh­stoff ba­sie­ren­den Volks­wirt­schaf­ten ist kaum vor­an­ge­kom­men – und ent­spre­chend fra­gil die ver­meint­li­che Er­ho­lung. Noch im­mer sind 35 der 48 schwarz­afri­ka­ni­schen Län­der Le­bens­mit­tel­im­por­teu­re. Seit den Sieb­zi­ger­jah­ren hat sich Afri­kas An­teil an den welt­wei­ten Agrar­ex­por­ten auf un­ter 4% hal­biert. Auch sei­ne Ju­gend ist nicht et­wa ei­ne Ta­l­ent­schmie­de und ei­ne neue Kon­sum­schicht, wie McKin­sey glaubt, son­dern über­wie­gend ar­beits­los und schlecht aus­ge­bil­det. Nie­mand weiss heu­te, wie an­ge­sichts der an­hal­ten­den Ab­hän­gig­keit vom Roh­stoff­ex­port Jobs ge­schaf­fen wer­den sol­len für ei­ne Be­völ­ke­rung, die bis 2030 um wei­te­re 50% auf 1,5 Mrd. wach­sen dürf­te.

Trotz ein­zel­ner Fort­schrit­te wie der er­folg­rei­chen Aus­rich­tung der Fussball-WM in Süd­afri­ka prä­gen Afri­ka noch im­mer ex­tre­me Ar­mut, Krank­heit und Ge­walt. Die Wei­ge­rung des ivo­ri­schen Prä­si­den­ten Gbag­bo, sei­ne Wahl­schlap­pe im No­vem­ber zu ak­zep­tie­ren und ab­zu­tre­ten, hat nun ein wei­te­res Land an den Rand ei­nes Bür­ger­kriegs ge­bracht – und ist ein deut­li­cher Be­leg da­für, wie la­bil selbst die frü­he­ren Hoff­nungs­trä­ger des Kon­ti­nents sind. Mit der miss­glück­ten Wahl in der El­fen­bein­küs­te hat Afri­kas oh­ne­hin sehr lang­sa­me An­nä­he­rung an de­mo­kra­ti­sche­re Ver­hält­nis­se ei­nen wei­te­ren Rück­schlag er­lit­ten, auch wenn jetzt erst­mals ge­schlos­sen ge­gen den Wahl­ver­lie­rer vor­ge­gan­gen wer­den soll. In Sim­bab­we und Ke­nia wur­de ge­nau das fa­ta­ler­wei­se ver­passt. Da kö­cheln die Kri­sen un­ge­löst wei­ter. Der win­del­wei­che Um­gang Afri­kas mit sei­nen De­s­po­ten er­mun­tert ge­ra­de­zu, de­mo­kra­ti­sches Vo­tum zu miss­ach­ten.

Die El­fen­bein­küs­te ist ein Ver­satz­stück in ei­nem düs­te­ren Ge­samt­bild. Im rie­si­gen Kon­go, wo 2011 eben­falls ge­wählt wird, hat Prä­si­dent Ka­bi­la die Re­pres­sa­li­en ge­gen die Op­po­si­ti­on ver­schärft. Im Su­dan wird es nach dem ge­ra­de ab­ge­hal­te­nen Re­fe­ren­dum zur zwei­ten Ab­spal­tung ei­nes Lan­des in Afri­ka seit der Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung kom­men. Das könn­te zum Prä­ze­denz­fall für Ni­ge­ria wer­den, wo im April ge­wählt wird: Wie der Su­dan ist Ni­ge­ria tief ge­spal­ten zwi­schen ei­nem mus­li­misch-ara­bi­schen Nor­den und ei­nem christ­lich-ani­mis­ti­schen Sü­den.

Dass es nur we­ni­ge Licht­bli­cke wie Gha­na gibt, liegt am weit­ge­hend feh­len­den De­mo­kra­tie­be­wusst­sein. So wer­den die Ei­gen­hei­ten des Na­tio­nal­staats eu­ro­päi­scher Tra­di­ti­on in Afri­ka mit tra­di­tio­nel­len Nor­men und Ge­bräu­chen wild ge­mischt. Ge­prägt wird die­ser bi­zar­re Mix von ei­ner ab­so­lu­tis­tisch an­mu­ten­den Macht­fül­le der Staats­chefs – und ei­nem Ver­ständ­nis vom Staat, das die­sen als Ein­nah­me­quel­le der herr­schen­den Volks­grup­pe oder Fa­mi­lie be­greift. Das Wort Ge­mein­wohl ist im Nor­den wie im Sü­den bis heu­te so gut wie un­be­kannt. Bei Wah­len geht es um exis­ten­zi­el­le Fra­gen: Sie ent­schei­den über die Mög­lich­keit, an den Pf­rün­den teil­zu­ha­ben. Das för­dert die Mi­li­tanz und ver­lei­tet zum Be­trug. Ab­ge­se­hen von der Schmach ei­ner Nie­der­la­ge be­deu­tet der Ver­lust von Macht und Ein­kom­men den Zer­fall der Kli­en­tel.

Die Un­ter­drü­ckung fast je­g­li­cher Op­po­si­ti­on und das gna­den­lo­se Fest­klam­mern der Füh­rer an der Macht hat so­wohl im ara­bi­schen Nor­den wie im Sü­den der Sa­ha­ra zu ver­krus­te­ten Ge­sell­schafts­struk­tu­ren ge­führt. Statt sie auf­zu­bre­chen und ein Mass an Plu­ra­lis­mus zu ge­wäh­ren, wer­den kri­ti­sche Geis­ter in vie­len Staa­ten seit Jahr­zehn­ten ein­ge­ker­kert oder mund­tot ge­macht. In Tu­ne­si­en re­gier­te der nun ge­stürz­te Prä­si­dent Ben Ali sein Land fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert wie sein per­sön­li­ches Ei­gen­tum. Doch zu­min­dest da ist die Zeit der Un­tä­tig­keit vor­über.

In Schwarz­afri­ka hat die un­ver­fro­re­ne Selbst­be­die­nungs­men­ta­li­tät der post­ko­lo­nia­len Eli­ten zur Fol­ge, dass wei­te Tei­le des Kon­ti­nents wirt­schaft­lich sta­gnie­ren. Im Su­dan ist ei­ne Se­zes­si­on des Sü­dens un­ver­meid­lich, weil die Re­gi­on von den Macht­ha­bern im Nor­den to­tal ver­nach­läs- sigt wor­den ist. Fast al­le staat­li­chen Struk­tu­ren müs­sen jetzt von Grund auf neu er­rich­tet wer­den. Die Roh­stof­fe ha­ben dar­an we­nig ge­än­dert: Viel­mehr ist zu be­fürch­ten, dass sich der Öl­reich­tum des Süd­su­dans nicht als Trieb­fe­der der Ent­wick­lung, son­dern als Fluch er­weist.

Um­den­ken nö­tig

In Ni­ge­ria ha­ben die Macht­ha­ber die in den letz­ten vier­zig Jah­ren er­hal­te­nen Ölein­nah­men von rund 400 Mrd. $ ver­geu­det. Die Zahl der Ni­ge­ria­ner, die un­ter der Ar­muts­gren­ze le­ben, stieg von 19 Mio. 1970 (in ei­ner Be­völ­ke­rung von 70 Mio.) auf 90 Mio. (von 125 Mio.). Ähn­li­ches gilt für die El­fen­bein­küs­te. Das eins­ti­ge Ent­wick­lungs­mo­dell West­afri­kas hat zehn ver­lo­re­ne Jah­re hin­ter sich, in de­nen die Wirt­schaft um fast die Hälf­te schrumpf­te – und die Zahl der Ivo­rer un­ter der Ar­muts­gren­ze von 18 auf fast 50% schnell­te.

Selbst die op­ti­mis­ti­schen McKin­sey­Ö­ko­no­men ge­ste­hen ein, dass auch sie nicht wis­sen, ob das vom welt­wei­ten Roh­stoff­boom ge­tra­ge­ne Wachs­tum in Afri­ka dies­mal dau­er­haft ist – oder wie­der nur ein Stroh­feu­er. Ein Kon­ti­nent auf den Spu­ren der asia­ti­schen Ti­ger? Wenn der Kon­ti­nent end­lich er­ken­nen wür­de, dass sei­ne Pro­ble­me nicht ex­tern, son­dern haus­ge­macht sind und ent­spre­chend han­deln wür­de, könn­te sein rie­si­ges Po­ten­zi­al er­schlos­sen wer­den. So­lan­ge je­doch in Afri­ka der Kon­junk­tiv re­giert und sei­ne macht­hung­ri­gen Eli­ten die po­li­ti­schen Struk­tu­ren ver­gif­ten, wird viel Was­ser den Kon­go hin­ab­flies­sen, bis die von McKin­sey be­schwo­re­nen afri­ka­ni­schen Lö­wen zum Sprung an­set­zen.

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