Aus­ge­stal­tung der So­zi­al­ver­si­che­rung ist nicht zeit­ge­mäss

Dschun­gel aus zehn Ver­si­che­run­gen – Fehl­an­rei­ze, Mehr­fach­zu­stän­dig­kei­ten, Ver­si­che­rungs­lü­cken – So­zi­al­ver­si­che­rungs­sta­tis­tik 2010 bringt er­här­te­te Da­ten für 2008

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - GER­TRUD BOLLIER

Un­se­re So­zi­al­ver­si­che­run­gen sind nach dem zwei­ten Welt­krieg auf-und kon­ti­nu­ier­lich aus­ge­baut wor­den, oh­ne auf­ein­an­der ab­ge­stimmt zu wer­den. Die Fol­ge sind un­ter­schied­li­che Leis­tungs­ni­veaus (In­va­li­di­tät zu­las­ten Kran­ken-oder der Un­fall­ver­si­che­rung), Dop­pel­spu­rig­kei­ten (Sach­ver­halt­ab­klä­run­gen, Leis­tun­gen, Bin­dungs­wir­kung) und Ab­gren­zungs­fra­gen. Dar­aus re­sul­tie­ren Fehl­an­rei­ze, Mehr­fach­zu­stän­dig­kei­ten und Ver­si­che­rungs­lü­cken so­wie ei­ne zu lan­ge Ver­fah­rens­dau­er. Zu­dem ha­ben sich die Le­bens-und Ar­beits­for­men in den letz­ten Jahr­zehn­ten dras­tisch ge­än­dert. Ei­ne Fol­ge ist die Zu­nah­me so­zia­ler Schutz­be­dürf­tig­keit we­gen Auf­lö­sung tra­di­tio­nel­ler Le­bens­for­men, ei­ne an­de­re sind pre­kä­re Ar­beits­ver­hält­nis­se.

Neue Ver­si­che­rung schaf­fen?

Es ist an der Zeit, un­ser So­zi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem grund­sätz­lich zu hin­ter­fra­gen und neu aus­zu­rich­ten. Im­mer mehr Fach­leu­te und Ver­si­cher­te den­ken, es brau­che nicht zehn So­zi­al­ver­si­che­run­gen, son­dern nur de­ren zwei oder drei. Im No­vem­ber ging das Lu­zer­ner Fo­rum So­zi­al­ver­si­che­run­gen und So­zia­le Si­cher­heit der Fra­ge nach, ob es ei­ne Er­werbs­ver­si­che­rung als gros­se Re­form oder ei­ne Op­ti­mie­rung des Be­ste­hen­den braucht.

Ei­ne vom Ge­schäfts­füh­rer des Thinktanks «Denk­netz» und Zen­tral­se­kre­tär der Ge­werk­schaft VPOD, Beat Ring­ger, prä­sen­tier­te Lö­sung ist ver­lo­ckend. Mit der Schaf­fung ei­ner all­ge­mei­nen Er­werbs­ver­si­che­rung (EAV) wird ei­ne grund­le­gen­de Re­form al­ler So­zi­al­ver­si­che­run­gen vor­ge­schla­gen, die im Lau­fe der Er­werbs­bio­gra­fie zum Zug kom­men. Ar­beits­lo­sen-und In­va­li­den­ver- si­che­rung, Er­werbs­aus­fall durch Krank­heit, Un­fall, Zi­vil-und Mi­li­tär­dienst oder Mut­ter­schaft, Er­gän­zungs­leis­tun­gen so­wie So­zi­al­hil­fe sol­len in der EAV ver­eint wer­den. Da­mit wird die krank­heits­be­ding­te Ar­beits­un­fä­hig­keit gleich be­han­delt wie die un­fall­be­ding­te. Fer­ner sind Er­gän­zungs­leis­tun­gen für Fa­mi­li­en vor­ge­se­hen.

Das ga­ran­tier­te Exis­tenz­mi­ni­mum wür­de mit ent­spre­chen­der Vor­leis­tung (Bei­trä­ge) durch Tag­gel­der oder Ren­ten auf­ge­wer­tet. Fi­nan­ziert wür­de es durch all­ge­mei­ne hälf­ti­ge lohn­pro­zen­tua­le Bei­trä­ge und staat­li­che Zu­schüs­se. Ring­ger rech­net vor, Mehr­aus­ga­ben von 2659 Mio. Fr. stün­den Ein­spa­run­gen von 1830 Mio. ge­gen­über, das er­gibt Mehr­kos­ten von 829 Mio. Ge­wis­se Punk­te müss­ten da aber noch ver­tieft ge­klärt wer­den.

Um­bau des Be­ste­hen­den?

Po­li­tisch um­setz­ba­rer als die EAV ist die von Ga­b­rie­la Rie­mer-Kaf­ka, Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät Lu­zern, vor­ge­schla­ge­ne Struk­tur­re­form der bun­des­recht­li­chen So­zi­al­ver­si­che­run­gen. Aus der Kran­ken-, Un­fall-, Mi­li­tär-und In­va­li­den­ver­si­che­rung so­wie Mut­ter­schafts­ent­schä­di­gung bil­det sie ei­ne Ge­sund­heits­ver­si­che­rung. Die­se deckt me­di­zi­ni­sche Mass­nah­men, Hilfs­mit­tel, Tag­gel­der und In­te­gri­täts­ent­schä­di­gung für Be­rufs­un­fäl­le ab, die durch Krank­heit, Un­fall, Mut­ter­schaft oder Ge­burts­ge­bre­chen ent­ste­hen.

Die Ein­glie­de­rungs­ver­si­che­rung wä­re mit be­ruf­li­chen Mass­nah­men und der­wei­len Tag­gel­dern für die ge­sund­heits-

Ent­wick­lung der So­zi­al­ver­si­che­rungs­aus­ga­ben oder ar­beits­markt­li­che Wie­der­ein­glie­de­rung ins Er­werbs­le­ben zu­stän­dig. Hier wür­den die dies­be­züg­li­chen bis­he­ri­gen Leis­tun­gen der Ar­beits­lo­sen-, In­va­li­de­n­und Mi­li­tär­ver­si­che­rung ver­eint.

Am Drei­säu­len­kon­zept für die Al­ters-, Hin­ter­las­se­nen-und In­va­li­den­vor­sor­ge hält Rie­mer-Kaf­ka grund­sätz­lich fest. In die zwei­te Säu­le wür­den aber auch die Un­fall-und Mi­li­tär­ver­si­che­rung in­te­griert. Of­fen ist die Pla­zie­rung der Er­werbs­er­satz­ord­nung für Dienst­leis­ten­de und der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung.

An­be­trachts des heu­ti­gen Dschun­gels aus zehn So­zi­al­ver­si­che­run­gen ist ei­ne Struk­tur­re­form not­wen­dig. Ei­ne wei­te­re Har­mo­ni­sie­rung oder zu­sätz­li­che In­sti­tu­tio­nen und Er­wei­te­run­gen (Er­gän­zungs­leis­tun­gen für Fa­mi­li­en usw.) wür­den die Grund­pro­ble­me nicht ei­gent­lich lö­sen, höchs­tens ein­zel­ne Teil­fra­gen ver­bes­sern.

Zah­len kri­tisch hin­ter­fra­gen

Die Ein­nah­men un­se­rer zehn So­zi­al­ver­si­che­run­gen sind 2008 auf 151 Mrd. und die Aus­ga­ben auf 124 Mrd. Fr. ge­stie­gen. Zum vier­ten Mal in Fol­ge ha­ben die Ein­nah­men mehr zu­ge­nom­men als die Aus­ga­ben (3,4 ge­gen­über 2,7%). Das ist je­doch nur auf den ers­ten Blick vor­be­halt­los po­si­tiv zu wer­ten. Das Bild re­la­ti­viert sich, da die be­ruf­li­che Vor­sor­ge nicht auf ei­nem Aus­ga­ben­um­la­ge­son­dern auf dem Ka­pi­tal­de­ckungs­ver­fah­ren be­ruht, d. h., auf ei­nem kon­ti­nu­ier­li­chen Spar­pro­zess.

Die So­zi­al­ver­si­che­rungs­fi­nan­zen ha­ben sich auch 2008 er­freu­lich ent­wi­ckelt. Wäh­rend von 2001 bis 2004 die Aus­ga­ben deut­lich stär­ker ge­stie­gen sind als die Ein­nah­men, zeigt sich seit 2005 die um­ge­kehr­te Ten­denz. Seit 1987 (da­mals wur­de erst­mals ei­ne Ge­samt­rech­nung oh­ne Ka­pi­tal­markt­ver­än­de­rung er­stellt) gab es noch nie ei­ne Vier­jah­res­pe­ri­ode mit ent­spre­chen­dem Ein­nah­men­wachs­tum.

Das Fi­nanz­ka­pi­tal der Schwei­zer So­zi­al­ver­si­che­run­gen be­steht zum gröss­ten Teil aus Re­ser­ven der im Ka­pi­tal­de­ckungs­ver­fah­ren fi­nan­zier­ten be­ruf­li­chen Vor­sor­ge (2008: 537 Mrd. Fr.). Die Un­fall­ver­si­che­rung ver­fügt im Ren­ten­wer­t­um­la­ge­ver­fah­ren über 39 Mrd. und der Si­cher­heits­fonds der AHV über 38,4 Mrd. Fr. Die Fi­nanz­kri­se be­ein­träch­tig­te 2008 die So­zi­al­ver­si­che­run­gen di­rekt über Wert­ver­lus­te auf dem Fi­nanz­ka­pi­tal und ab 2009 auch in­di­rekt über die Re­al­wirt­schaft.

Der Fi­nanz­ka­pi­tal­ver­lust 2008 von 103,9 Mrd. Fr. hat die in den Vor­jah­ren ver­zeich­ne­ten Ge­win­ne (von 2003 bis 2007 ins­ge­samt 108,5 Mrd.) zum gröss­ten Teil eli­mi­niert. Dem ste­hen 27 Mrd. Fr. aus auf­sum­mier­ten Rech­nungs­er­geb­nis­sen der So­zi­al­ver­si­che­run­gen ge­gen­über, was, un­ter Be­rück­sich­ti­gung der üb­ri­gen Ka­pi­tal­ver­än­de­run­gen, per sal­do ei­ne Ab­nah­me des Fi­nanz­ka­pi­tals um 76,5 Mrd. er­gibt. Nach den für 2009 be­reits vor­lie­gen­den In­for­ma­tio­nen ha­ben die Ge­win­ne die­ses Jah­res den gröss­ten Teil der Ver­lus­te von 2008 wett­ge­macht.

Die So­zi­al­leis­tungs­quo­te zeigt auf, wel­chen An­teil der ge­sam­ten Wirt­schafts­leis­tung Emp­fän­ger von So­zi­al­leis­tun­gen be­an­spru­chen. Sie in­for­miert als In­di­ka­tor der Be­zie­hung zwi­schen So­zi­al­ver­si­che­run­gen und Volks­wirt­schaft über die Ent­wick­lung des So­zi­al­staats. Sie stieg von 14,4% (1987) über 19,9 (1998) auf 20,5% (2008). Nach dem Höchst 2005 ist sie von 2006 bis 2008 deut­lich ge­sun­ken. Da­hin­ter steht das ge­dämpf­te So­zi­al­leis­tungs­wachs­tum der ver­gan­ge­nen drei Jah­re so­wie das mar­kan­te Wirt­schafts­wachs­tum.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.