Buch­han­del wird Kunst­han­del

Vom Ge­brauchs­ge­gen­stand zum Lu­xus­gut – Neu­es Le­ben für al­te Bü­cher – Aus Bi­b­lio­the­ken wer­den Samm­lun­gen

Finanz und Wirtschaft - - KUNSTMARKT - CHRIS­TI­AN VON FA­BER- CA­S­TELL

Wer vor zehn Jah­ren Bü­cher als Lu­xus­ge­gen­stän­de be­zeich­net hät­te, wä­re bil­dungs­bür­ger­lich em­pört als Ba­n­au­se ge­äch­tet wor­den. Goog­le, Wi­ki­pe­dia, aber auch Kind­le und an­de­re elek­tro­ni­sche Le­se­ge­rä­te las­sen selbst ein­ge­fleisch­te Bi­blio­phi­len ah­nen, dass die Blü­te­zeit ge­druck­ter Bü­cher wohl ih­ren Hö­he­punkt über­schrit­ten hat. Seit selbst ehr­wür­di­ge Le­xi­ka wie die En­cy­clo­pe­dia Bri­tan­ni­ca je­der­zeit und ge­gen ge­rin­ges Ent­gelt on­line ab­ruf­bar sind – ganz zu schwei­gen von der Fül­le kos­ten­lo­ser In­for­ma­ti­on –, braucht tat­säch­lich kaum mehr je­mand ein neu­es um­fang­rei­ches Le­xi­kon im Bü­cher­re­gal.

Dies gilt für fast al­le Be­rei­che der Geis­tes-und be­son­ders der Na­tur­wis­sen­schaf­ten: Ob man sich über neue Er­kennt­nis­se der Kos­mo­lo­gie, der Bio­che­mie oder der Lin­gu­is­tik in­for­mie­ren möch­te, In­ter­ne­tRe­cher­chen und ak­tu­el­le On­li­ne­aus­ga­be ei­ner Zeit­schrift wie «Na­tu­re» oder «Sci­ence» lie­fern fast im­mer ge­naue­re Er­geb­nis­se, als ein auch nur fünf Jah­re al­tes Lehr­buch aus die­sen Ge­bie­ten.

Spei­cher für al­tes Wis­sen

Li­te­ra­tur und Bel­le­tris­tik hin­ken die­sem Trend zur un­ein­ge­schränk­ten On­line-Ver­füg­bar­keit zwar noch et­was hin­ter­her. Aber wenn die di­ver­sen elek­tro­ni­schen Bü­cher und Le­se­ge­rä­te ih­re Kin­der­krank­hei­ten ein­mal ab­ge­legt ha­ben, dürf­ten sie zu ei­ner Kon­kur­renz der ge­druck­ten Buch­aus­ga­ben wer­den. Sie wer­den zwar ge­wiss nicht so rasch ver­drängt wer­den, da­zu bie­ten rich­ti­ge Bü­cher im­mer noch Vor­zü­ge wie die all­ge­gen­wär­ti­ge, stro­m­un­ab­hän­gi­ge Be­triebs­be­reit­schaft und die in­tui­ti­ve Be­dien­bar­keit. Je­ne Mo­no­pol­stel­lung in der Ver­brei­tung von Wis­sen und Li­te­ra­tur, die das ge­druck­te Buch ein hal­bes Jahr­tau­send lang in­ne­hat­te, scheint aber un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren.

In Wis­sen­schaft, Leh­re und For­schung spie­len ge­druck­te Bü­cher und Zeit­schrif­ten je län­ger des­to mehr als Spei­cher his­to­ri­schen, aber auch ver­al­te­ten Wis­sens ei­ne Rol­le. Wer sich et­wa über den letz­ten Stand ei­ner me­di­zi­ni­schen Be­hand­lungs­wei­se in­for­mie­ren möch­te, sucht im In­ter­net und in di­gi­ta­len Fach­zeit­schrif­ten. Wer da­ge­gen wis­sen möch­te, wie ei­ne be­stimm­te Krank­heit zur Zeit un­se­rer Gros­s­el­tern be­han­delt wur­de, fin­det dies eher in ei­nem al­ten Me­di­zin­lehr­buch als im In­ter- net. Vor­läu­fig blei­ben Bü­cher, und zwar in ers­ter Li­nie al­te und an­ti­qua­ri­sche Bü­cher, al­so zu­min­dest als his­to­ri­sche Wis­sens­quel­len un­ent­behr­lich.

Al­ler­dings ist auch die­se Son­der­rol­le des ge­druck­ten Bu­ches be­fris­tet. Wenn der­einst der In­halt al­ler Bi­b­lio­the­ken welt­weit di­gi­ta­li­siert ist, woran ne­ben Goog­le, Pro­ject Gu­ten­berg und an­de­ren In­sti­tu­tio­nen ja auch die Bi­b­lio­the­ken selbst ar­bei­ten, dann wer­den auch al­te Tex­te und al­tes oder ver­al­te­tes Wis­sen on­line zu­gäng­lich sein und ge­druck­te al­te Bü­cher als wis­sen­schaft­li­ches, his­to­ri­sches Ar­beits­werk­zeug über­flüs­sig.

Im Be­reich von Li­te­ra­tur und Bel­le­tris­tik sä­gen die ent­spre­chen­den Ver­la­ge da­zu schon lan­ge an der Vor­rang­stel­lung des ge­druck­ten Bu­ches, in­dem im­mer mehr neue­re Wer­ke par­al­lel zur Druck­aus­ga­be zum ei­nen als elek­tro­nisch les­ba­re di­gi­ta­le Bü­cher und zum an­dern als Hör­bü­cher her­aus­ge­ge­ben wer­den. In be­son­de­rem Aus­mass gilt dies für Wer­ke, de­ren Au­to­ren län­ger als sieb­zig Jah­re tot sind und an de­nen da­her kei­ne Ur­he­ber­rech­te mehr be­ste­hen und zu be­zah­len sind.

Da­mit wird das ge­druck­te Buch zu ei­nem schö­nen, sym­pa­thi­schen und sam­mel­ba­ren Lu­xus­ge­gen­stand, den man zwar nicht mehr wirk­lich braucht, aber den man ger­ne be­sitzt. Auf die­sem We­ge wech­selt das tra­di­tio­nel­le Buch aus dem Be­reich der Ge­brauchs­ge­gen­stän­de im­mer mehr ins Reich der zeit­lo­sen Kunst­ge­gen­stän­de, das ja heu­te erst von ei­ner klei­nen Grup­pe an­ti­qua­ri­scher und bi­blio­phi­ler Bü­cher be­sie­delt ist. Dies hat na­tür­lich auch Aus­wir­kun­gen auf den Han­del mit al­ten Bü­chern und auf de­ren Wert­ent­wick­lung. So wird der tra­di­tio­nel­le Buch­an­ti­quar im­mer mehr zum Kunst­händ­ler, des­sen An­ge­bot sich auf ei­ne klei­ne­re Aus­wahl an sel­te­nen, kost­ba­ren und wert­vol­len Bü­chern be­schränkt.

Aus dem Re­gal in die Vi­tri­ne

Über­ra­schend kommt dies für den heu­ti­gen Buch­an­ti­qua­ri­ats­han­del nicht, hat er im 18. Jh. doch schon ei­ne ähn­li­che Wand­lung er­fah­ren, als er vom blos­sen Han­del mit al­ten, ge­brauch­ten Bü­chern zum Han­del mit Bü­chern als bi­blio­phi­len Sam­mel­ge­gen­stän­den wur­de. Da­mit ein­her geht ei­ne Öff­nung der Preisschere zwi­schen an­ti­qua­ri­scher Rou­ti­ne­wa­re, wie man sie heu­te et­wa im rie­si­gen Zen­tral­ver­zeich­nis An­ti­qua­ri­scher Bü­cher (www.zv­ab.de) mil­lio­nen­fach zu ver­gleich­ba­ren und mehr­heit­lich be­schei­de­nen Prei­sen fin­det, und den we­ni­gen wirk­li­chen Ra­ri­tä­ten und zeit­lo­sen Kost­bar­kei­ten, für die wett­ei­fern­de Samm­ler ir­ra­tio­na­le Lieb­ha­ber­prei­se zah­len. Auf Samm­ler­sei­te schliess­lich dürf­ten vie­le kon­ven­tio­nel­le, wand­fül­len­de Bi­b­lio­the­ken künf­tig Bü­cher­samm­lun­gen wei­chen, die eher in Vi­tri­nen als im Re­gal auf­be­wahrt wer­den, wie dies ei­ni­ge Aus­stel­ler auf An­ti­qua­ri­ats­mes­sen ja schon heu­te vor­ma­chen.

Haut­nah mit­ver­fol­gen kön­nen Bü­cher­freun­de und Kunst­samm­ler den seit rund zwan­zig Jah­ren statt­fin­den­den Wan­del von An­ti­qua­ri­ats­han­del zum Kunst­han­del auf den bei­den be­deu­tends­ten Schau­fens­ter­ver­an­stal­tun­gen des deutsch­spra­chi­gen An­ti­qua­ri­ats­han­dels, der ehr­wür­di­gen An­ti­qua­ri­ats­mes­se Stutt­gart, die von 28. bis 30. Ja­nu­ar ihr Jahrju­bi­lä­um fei­ert, so­wie an der An­ti­qua­ria Lud­wigs­burg. Sie fin­det vom 27. bis 29. Ja­nu­ar ih­rer­seits schon zum 25. Mal vor den To­ren Stutt­garts statt.

Wla­di­mir Ma­ja­kow­ski, «Der Sol­dat der Ro­ten Ar­mee gibt al­les zu­rück», Scha­blo­nen­ma­le­rei auf Pa­pier, 54×38 cm, Nr. 8 Ros­ta-Fens­ter aus ei­ner Se­rie von neun Ros­ta-Fens­tern, Preis der Neu­ner­se­rie: 42 000 Fr. (An­ti­qua­ri­at Ger­ber, Ba­sel, An­ti­qua­ria Lud­wigs­burg)

Schweiz, 100-Fr.-Vrene­li, 1925, in 5000 Ex­em­pla­ren ge­prägt, 32,3 g Gold, vor­züg­lich bis un­zir­ku­liert, Preis: 9500 Fr. (Er­win Die­rich AG, Zü­rich, World Mo­ney Fair Berlin)

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