Hand­fes­te An­ti­ma­te­rie

Finanz und Wirtschaft - - IN KÜRZE - MR

«One day, Sir, you may tax it» – so schla­gend pa­rier­te an­no 1850 der Che­mi­ker und Phy­si­ker Michael Fa­ra­day die ba­nau­sen­haf­te Fra­ge des bri­ti­schen Schatz­kanz­lers Glads­to­ne nach dem prak­ti­schen Wert der Elek­tri­zi­tät. Rolf-Die­ter Heu­er, seit zwei Jah­ren Ge­ne­ral­di­rek­tor des eu­ro­päi­schen Kern­for­schungs­zen­trums Cern (ab­ge­lei­tet von Conseil Eu­ro­péen pour la Re­cher­che Nu­cléai­re), wird Fa­ra­day ge­le­gent­lich zi­tie­ren, wenn er mit den Geld­ge­bern ver­han­delt. Die zwan­zig west-und mit­tel­eu­ro­päi­schen Mit­glied­staa­ten stell­ten dem Cern ver­gan­ge­nes Jahr im­mer­hin ein Bud­get von 1,1 Mrd. Fr. zur Ver­fü­gung. Ob die Fi­nanz­mi­nis­ter aus der For­schung nach den kleins­ten Baustei­nen der Ma­te­rie und den zwi­schen ih­nen wir­ken­den Kräf­ten je­mals Steu­er­sub­strat ge­win­nen wer­den? Auf Um­we­gen pro­fi­tie­ren sie da­von schon heu­te. Für Rolf-Die­ter Heu­er ist die Tren­nung von Grund­la­gen-und an­ge­wand­ter For­schung oh­ne­hin «et­was künst­lich»: Grund­la­gen­for­schung ha­be Er­kennt­nis­ge­winn als Ziel, an­ge­wand­te For­schung (bzw. Ent­wick­lung) wie­der­um be­dür­fe ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Ba­sis. Am Cern grei­fen For­schung, Leh­re und tech­ni­sche In­no­va­ti­on in­ein­an­der. 2300 Per­so­nen ar­bei­ten am Stadt­rand von Genf (der gros­se Teil­chen­be­schleu­ni­ger, der Lar­ge Ha­dron Col­li­der, be­schreibt ei­nen Kreis von 27 km Um­fang und un­ter­quert zum gröss­ten Teil fran­zö­si­sches Ge­biet). Wei­ter sind je­weils rund 800 for­schen­de «Fel­lows» an­de­rer In­sti­tu­te an Ex­pe­ri­men­ten des Cern di­rekt be­tei­ligt, über Uni­ver­si­tä­ten auf dem gan­zen Pla­ne­ten rund 10 000. Um den In­for­ma­ti­ons­aus­tausch in die­sem Netz zu au­to­ma­ti­sie­ren, ent­wi­ckel­te der da­ma­li­ge Cern-For­scher Tim Ber­ner­sLee 1989 das World Wi­de Web. So hat die für Lai­en bis­wei­len ent­rückt wir­ken­de Teil­chen­phy­sik hand­fes­te Aus­wir­kun­gen. Rolf-Die­ter Heu­er ( Jg. 1948) be­zeich­net die neu­en Me­tho­den, die in Genf aus wis­sen­schaft­li­cher Not­wen­dig­keit her­aus lau­fend ent­wi­ckelt wer­den, iro­nisch als «Ab­fall­pro­duk­te». In der Tu­mor­be­hand­lung und der Me­di­zin­tech­nik ist man um «Ne­ben­wir­kun­gen» die­ser Art froh. Der Wirt­schaft wie­der­um nützt es, dass das Cern da­zu bei­trägt, jun­ge Men­schen für Na­tur-und In­ge­nieur­wis­sen­schaf­ten zu be­geis­tern.

Doch dar­über de­fi­niert sich die Or­ga­ni­sa­ti­on eben nicht, son­dern via For­schung. Rolf-Die­ter Heu­er, der in Hei­del­berg Phy­sik stu­diert hat­te, schon 1984 bis 1998 am Cern tä­tig, da­nach Pro­fes­sor in Ham­burg und For­scher am deut­schen Be­schleu­ni­ger De­sy war, trägt «nor­ma­ler­wei­se kei­ne Kra­wat­te»: Der obers­te Ma­na­ger des Cern ist und bleibt ein Mann der La­bors, der mit dem Be­schleu­ni­ger – so­zu­sa­gen ei­nem «Su­per­mi­kro­skop» – nach dem sucht, was die Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält. Im ver­gan­ge­nen No­vem­ber ge­lang es Cern-For­schern bei­spiels­wei­se, kurz­zei­tig An­ti­was­ser­stoff­ato­me ein­zu­fan­gen. Wer dar­über lä­chelt, be­gibt sich auf Glads­to­nes Ni­veau. Fried­rich Dür­ren­matt, der na­tur­wis­sen­schaft­lich in­ter­es­sier­te Schrift­stel­ler, zi­tier­te 1974 ei­nen Phy­si­ker, der zum Cern sag­te, «es stel­le bis jetzt das weit­aus Sinn­volls­te dar, was Eu­ro­pa her­vor­ge­bracht ha­be, weil es das schein­bar Sinn­lo­ses­te sei, im Spe­ku­la­ti­ven, Aben­teu­er­li­chen an­ge­sie­delt, in der Neu­gier­de an sich».

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