KMU im Vi­sier der Wett­be­werbs­be­hör­den

Emp­find­li­che Bus­sen dro­hen – Heik­le Vor­ga­ben von Ver­bän­den – Ko­ope­ra­ti­on mit Un­ter­su­chungs­be­hör­den zahlt sich aus

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - CHRIS­TOPH TAG­MANN UND BERN­HARD C. LAUTERBURG

Die jüngs­ten Ent­schei­de der Wett­be­werbs­be­hör­den zei­gen, dass zu­neh­mend auch klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men (KMU) ins Vi­sier ge­nom­men wer­den. Aus­druck die­ser neu­en Pra­xis sind et­wa die Un­ter­su­chun­gen ge­gen Ber­ner Elek­tro­in­stal­la­ti­ons­be­trie­be und ge­gen Par­füm­im­por­teu­re. Dies ist um­so bri­san­ter, als da­mit auch die KMU die mit der letz­ten Kar­tell­ge­setz­re­vi­si­on ein­ge­führ­ten di­rek­ten Sank­tio­nen un­mit­tel­bar zu spü­ren be­kom­men.

Da­bei gilt, dass für KMU in Be­zug auf har­te Kar­tel­le (ho­ri­zon­ta­le Preis-, Ge­biet­s­und Men­gen­ab­spra­chen) kei­ne Son­der­re­ge­lun­gen be­ste­hen. So ver­häng­te die Wett­be­werbs­kom­mis­si­on ( We­ko) im Fall der Ber­ner Elek­tro­in­stal­la­ti­ons­be­trie­be Geld­bus­sen von mehr als 1,2 Mio. Fr. (die Be­trä­ge va­ri­ier­ten zwi­schen 30 000 und 400 000 Fr.). En­de Mai be­an­trag­te das Se­kre­ta­ri­at der We­ko ge­gen Par­füm­im­por­teu­re Geld­bus­sen zwi­schen 17 000 und 25,5 Mio. Fr. Auch in Sa­chen Her­stel­ler von Fenster­be­schlä­gen wur­den jüngst Bus­sen von bis zu 3,8 Mio. Fr. ver­hängt.

Nied­ri­ge Hür­den für An­zei­ge

Die Mög­lich­keit der Wett­be­werbs­be­hör­den, für be­stimm­te Ver­stös­se ge­gen das Kar­tell­recht di­rek­te Sank­tio­nen zu ver­hän­gen, ist Grund ge­nug, dass sich auch KMU Ge­dan­ken zu mög­li­chen Fall­stri­cken im Ge­schäfts­all­tag und dem rich­ti­gen Ver­hal­ten im Fall ei­ner ge­gen sie ge­rich­te­ten Un­ter­su­chung ma­chen.

We­gen der in der letz­ten Kar­tell­ge­setz­re­vi­si­on ein­ge­führ­ten Bo­nus­re­ge­lung müs­sen auch KMU da­mit rech­nen, von Kon­kur­ren­ten oder Un­ter­neh­men ei­ner vor-oder nach­ge­la­ger­ten Markt­stu­fe oder un­be­tei­lig­ten Drit­ten bei den Wett­be­werbs­be­hör­den an­ge­schwärzt zu wer­den – im­mer­hin darf der Er­st­an­zei­ger ei­ner kar­tell­recht­lich ver­pön­ten Ab­spra­che mit dem Er­lass der Sank­ti­on rech­nen. Die Hür­den für die Er­öff­nung ei­nes Ver­fah­rens sind nicht all­zu hoch – schon An­halts­punk­te für ei­ne kar­tel­lis­ti­sche Ab­spra­che ge­nü­gen. Wer­den et­wa Un­ter­la­gen ein­ge­reicht über Tref­fen zwi­schen Un­ter­neh­men, an de­nen preis­sen­si­ble In­for­ma­tio­nen aus­ge­tauscht wur­den, reicht dies be­reits für die Er­öff­nung ei­ner Un­ter­su­chung. Die­se ist nicht sel­ten ver­bun­den mit ei­ner Durch­su­chung der Räum­lich- kei­ten der be­trof­fe­nen Ge­sell­schaf­ten durch die Wett­be­werbs­be­hör­de.

Sol­che Er­st­an­zei­gen kön­nen durch­aus auf stra­te­gi­schen Hin­ter­ge­dan­ken be­ru­hen. Ob tat­säch­lich ein Kar­tell­rechts­ver­stoss vor­liegt, steht zu die­sem Zeit­punkt noch nicht fest, doch die Fol­gen ei­ner Un­ter­su­chung kön­nen für die Un­ter­neh­men be­trächt­lich sein und rei­chen von Re­pu­ta­ti­ons­ver­lust über Ver­tei­di­gungs-und Ver­fah­rens­kos­ten bis hin zu ei­ner (emp­find­li­chen) Geld­bus­se.

Die Bun­des­be­hör­den schla­gen in der lau­fen­den Re­vi­si­on vor, das (be­reits be­ste­hen­de) Kar­tell­zi­vil­recht zu stär­ken. Da­mit kön­nen an ei­ner Ab­spra­che be­tei­lig­te Un­ter­neh­men nicht nur mit Geld­bus­sen, son­dern un­ter Um­stän­den auch mit zi­vil­recht­li­chen Scha­den­er­satz­for­de­run­gen kon­fron­tiert wer­den. KMU sind da­her gut be­ra­ten, sich früh­zei­tig Ge­dan­ken zu ma- chen, wenn un­er­war­tet Post der Wett­be­werbs­be­hör­den ins Haus flat­tert und die Er­öff­nung ei­ner Un­ter­su­chung we­gen Ver­stos­ses ge­gen Art. 5 des Kar­tell­ge­set­zes an­ge­zeigt oder Aus­kunft über be­stimm­te Ver­hal­tens­wei­sen ver­langt wird.

So­fort­mass­nah­men nö­tig

Da sich vie­le KMU nach wie vor nicht be­wusst sind, dass im Fall ei­ner Ver­ur­tei­lung ho­he Geld­bus­sen dro­hen, un­ter­blei­ben in der An­fangs­pha­se oft So­fort­mass­nah­men. So ist es et­wa ent­schei­dend, her­aus­zu­fin­den, ob be­reits ei­ne Selbst­an­zei­ge ein­ge­gan­gen ist und so­mit der Er­lass der Sank­ti­on ei­nem an­de­ren Un­ter­neh­men vor­be­hal­ten wur­de. Selbst wenn dies der Fall ist, kann mit ei­ner über das ge­wöhn­li­che Mass hin­aus­ge­hen­den Ko­ope­ra­ti­on mit den Be­hör­den und zu­sätz­li­chen In­for­ma- tio­nen ei­ne er­heb­li­che Re­duk­ti­on der Sank­ti­on er­reicht wer­den. Dies kann ge­ge­be­nen­falls auch mit ei­ner ein­ver­nehm­li­chen Re­ge­lung er­kauft wer­den.

Es ist aber zu be­den­ken, dass der klei­ne­re Ver­fah­rens-und Kos­ten­auf­wand nur mit dem zu­min­dest fak­ti­schen Ein­ge­ständ­nis ei­nes Kar­tell­rechts­ver­stos­ses ein­her­geht. Ob ein Ver­stoss tat­säch­lich vor­liegt, wird in sol­chen Fäl­len nicht ab­schlies­send ge­klärt, und Ent­schei­de auf der Ba­sis ei­ner ein­ver­nehm­li­chen Re­ge­lung kön­nen nicht an ei­ne obe­re In­stanz wei­ter­ge­zo­gen wer­den.

Ein von ei­ner Un­ter­su­chung be­trof­fe­nes Un­ter­neh­men ist da­ge­gen nicht ver­pflich­tet, sich selbst zu be­las­ten, es muss aber die not­wen­di­gen Un­ter­su­chungs­hand­lun­gen wie Haus­durch­su­chun­gen und Aus­kunfts­be­geh­ren über sich er­ge­hen las­sen. In der Pra­xis ist es häu­fig so, Zu er­wäh­nen bleibt, dass KMU häu­fig in Ver­bän­den or­ga­ni­siert sind. Je­des Ver­bands­mit­glied tut gut dar­an, des­sen Vor­ge­hens­wei­se so­wie sei­ne ei­ge­ne Tä­tig­keit im Ver­band in Be­zug auf wett­be­werbs­recht­lich pro­ble­ma­ti­sche Ver­hal­tens­wei­sen zu hin­ter­fra­gen: Schreibt der Ver­band sei­nen Mit­glie­dern et­wa ( Wie­der-)Ver­kaufs­prei­se vor, oder gibt er für sei­ne Mit­glie­der Preis­emp­feh­lun­gen her­aus? Wer­den in­ner­halb des Ver­bands preis­sen­si­ble In­for­ma­tio­nen oder sons­ti­ge sen­si­ble Ge­schäfts­be­din­gun­gen aus­ge­tauscht?

Sind sol­che oder ähn­li­che Fra­gen mit Ja zu be­ant­wor­ten, ist gröss­te Vor­sicht ge­bo­ten, denn schon die blos­se Teil­nah­me an ei­nem Aus­tausch sen­si­bler Ge­schäfts­in­for­ma­tio­nen oder die Be­fol­gung von Preis­emp­feh­lun­gen mag im Ein­zel­fall ge­nü­gen, um das be­tref­fen­de KMU mit ei­ner (ho­hen) Geld­bus­se zu be­le­gen. Ob sich das Un­ter­neh­men des kar­tell­rechts­wid­ri­gen Ver­hal­tens be­wusst war, spielt da­bei kei­ne oder nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le und kann al­len­falls sank­ti­ons­min­dernd be­rück­sich­tigt wer­den. Ein KMU kann sich nicht dar­auf ver­las­sen, dass es sich kar­tell­rechts­kon­form ver­hält, wenn es als Mit­glied ei­nes Be­rufs­ver­bands des­sen Emp­feh­lun­gen be­folgt. Chris­toph Tag­mann und Bern­hard Lauterburg sind Rechts­an­wäl­te bei Pra­ger Drei­fuss und auf Wett­be­werbs­recht spe­zia­li­siert.

Ge­gen Par­füm­im­por­teu­re hat die Wett­be­werbs­be­hör­de Geld­bus­sen bis zu 25,5 Mio. Fr. be­an­tragt.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.