Wirt­schafts­pro­gno­sen auf Irr­we­gen

Er­klä­rungs­kraft von Pro­gno­se­mo­del­len ist oft schwach – Kos­ten kön­nen hö­her sein als Nut­zen – Wahr­schein­lich­keits­rech­nung funk­tio­niert in so­zia­len Sys­te­men nicht

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - ANDRÉ KOH­LER

Nut­zen oh­ne Wert

In Zei­ten ge­sell­schaft­li­cher Um­brü­che sind Pro­gno­sen be­son­ders ge­fragt. Der Pres­se ist zu­neh­mend Kri­tik an der Treff­si­cher­heit zu ent­neh­men – teil­wei­se zu recht, denn Wirt­schafts­pro­gno­sen wur­den in den letz­ten Jah­ren im­mer wie­der an­ge­passt und ver­än­dert, und das oft erst rück­wir­kend.

Fach­au­to­ren und be­trof­fe­ne Pro­gnos­ti­ker ha­ben auf die Kri­tik auf ver­schie­de­ne Art und Wei­se ge­ant­wor­tet: Män­gel und Ver­bes­se­rungs­be­darf sei­en un­be­strit­ten. An­ge­sichts nicht vor­her­seh­ba­ren Sys­tem­ver­hal­tens müss­ten die Mo­del­le ver­sa­gen. Vor­her­sa­gen so­zia­ler Sys­te­me sei­en kei­ne ech­ten Pro­gno­sen, son­dern nur Pro­jek­tio­nen. Oh­ne Pro­gno­sen kei­ne Pla­nung – da­her müs­se auch ei­ne schlech­te Pro­gno­se­qua­li­tät in Kauf ge­nom­men wer­den. Fehl­pro­jek­tio­nen ne­ga­ti­ver Ent­wick­lun­gen sei­en ein Zei­chen rich­tig ge­trof­fe­ner Mass­nah­men. Die­se Recht­fer­ti­gun­gen le­gen den Schluss na­he, dass die ty­pi­sche Wirt­schafts­pro­gno­se ei­nen Nut­zen ha­ben mag, aber kei­nen Wert. Als Nut­zen steht die Be­frie­di­gung un­se­res ver­hal­tens­wis­sen­schaft­lich be­wie­se­nen, bio­lo­gi­schen Zwangs zur Pro­gno­se fest. Pro­gno­sen ge­ben das Ge­fühl von Über­sicht, die­ses wie­der­um das der Si­cher­heit, und Si­cher­heit heisst Stress­re­duk­ti­on. Auf die ist je­der Or­ga­nis­mus im Sin­ne der Ener­gie­ef­fi­zi­enz an­ge­wie­sen. Der Wert ei­nes Pro­gno­se­mo­dells be­steht in sei­ner Er­klä­rungs­kraft.

Die Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Men­schen war schon im­mer zu 99,95% ge­prägt von ei­ner ein­fa­chen Um­welt, in der das Le­ben je­doch in ste­ter Ge­fahr war. Da­ten, Pro­zes­se und Pro­gno­se­mo­del­le wa­ren dem­ent­spre­chend sim­pel, die Pro­gno­se­qua­li­tät gut. Über­le­ben hiess: ein­fa­che Ent­schei­de schnell zu fäl­len. Die Ge­wohn­heit ha­ben wir bei­be­hal­ten. Noch im­mer ge­nü­gen uns zwei gleich­ar­ti­ge Er­eig­nis­se, um ei­nen Trend zu se­hen. In­ner­halb der letz­ten 0,05% un­se­rer Exis­tenz ist die Kom­ple­xi­tät der Um­welt je­doch ex­plo­diert, wäh­rend die Pro­gno­se­qua­li­tät ero­dier­te.

Auf­wand ist be­acht­lich

Der Pro­gno­se­trieb er­zeugt den Hang zur Über­schät­zung der ei­ge­nen Fä­hig­kei­ten. Auch ge­gen bes­se­res Wis­sen be­nut­zen wir fal­sche An­nah­men und Kon­zep­te, wenn es pas­sen­de Ar­gu­men­te da­für gibt. Trotz ge­gen­tei­li­ger Er­fah­rung glau­ben wir an die Mög­lich­keit zu­tref­fen­der Pro­gno­sen und ak­zep­tie­ren bei je­dem Pro­gno­se­ver­sa­gen stets die­sel­ben, qua­li­ta­tiv frag­wür­di­gen Recht­fer­ti­gun­gen. Ei­ne da­von ist, schlech­te Pro­gno­se­mo­del­le sei­en bes­ser als gar kei­ne und vor al­lem für die Pla­nung un­ver­zicht­bar. Es leuch­tet nicht ein, dass schlech­tes Pla­nen oder Han­deln grund- sätz­lich sinn­vol­ler sein soll, als gar nichts zu tun. Die For­schung be­legt zu­dem, dass für Wirt­schafts-und Fi­nanz­markt­pro­gno­sen der Trend der bes­se­re In­di­ka­tor ist, als der Kon­sens der Ex­per­ten.

Fal­sche Pro­gno­sen zie­hen Fehl­hand­lun­gen nach sich, de­ren Scha­den­sum­me ein Viel­fa­ches der of­fe­nen Pro­gno­se­kos­ten aus­ma­chen dürf­te. Wo die Mo­dell­män­gel – wie für Kon­junk­tur-und Zins­pro­gno­sen – be­kannt sind, wä­re Zu­rück­hal­tung al­so wün­schens­wert. Gros­sen Scha­den stif­tet das Stan­dard­mo­dell der Fi­nanz­markt­theo­rie (vgl. Gra­fik 1). Es be­schreibt künf­ti­ge Fi­nanz­markt­prei­se nur durch zwei Va­ria­blen: den er­war­te­ten Er­trag und sei­ne Schwan­kung (Ri­si­ko).

Je­de be­kann­te Ri­si­ko­steue­rung von An­la­ge­port­fo­li­os ba­siert auf die­sem Kern, wo­bei die ein­fa­che Hand­ha­bung ver­ges­sen lässt, dass kaum ei­ne An­nah­me des Mo­dells stimmt. Die fal­sche Vor­stel­lung vom Schwan­kungs­ver­hal­ten der Ka­pi­tal­markt­an­la­gen wiegt da­bei be­son­ders schwer. Die Fi­nanz­in­dus­trie hat mit die­sem Re­zept 2008 ih­re Bi­lan­zen rui­niert und die Welt an den Rand des Fi­nanz­kol­lap­ses ge­trie­ben. Die er­höh­ten Ei­gen­ka­pi­tal­vor­schrif­ten von Ba­sel III ver­rin­gern die Ge­fahr ei­ner Wie­der­ho­lung nicht. An­la­ge­ka­pi­tal wird oh­ne Not­wen­dig­keit und oh­ne Ge­gen­leis­tung aus hoch­ren­tie­ren­den Re­al­wert­an­la­gen in Al­ter­na­ti­ven mit deut­lich tie­fe­rer Net­to­ren­di­te ge­drängt. Dies ist be­son­ders be­trüb- lich, weil das tat­säch­li­che Ri­si­ko für die meis­ten An­le­ger gar nicht die Markt­schwan­kung ist (vgl. Gra­fik 2).

Vor­sicht vor Schein­lö­sun­gen

Fehl­pro­gno­sen pas­sie­ren, wenn man nicht ge­nug über den Pro­gno­se­ge­gen­stand weiss. Der heu­te do­mi­nan­te An­satz, die Rea­li­tät durch spe­zia­li­sier­te Zer­le­gung und an­schlies­sen­de Syn­the­se nach­zu­bau­en, schei­tert spä­tes­tens an der Re­chen­ka­pa­zi­tät. Um trotz­dem rech­ne­risch ein­deu­ti­ge Aus­sa­gen zu er­zeu­gen, wird Zuflucht zur Kom­bi­na­ti­on von Sta­tis­tik und Wahr­schein­lich­keits­rech­nung (Sto­chas­tik) ge­nom­men. Dies ge­schieht trotz der Evi­denz, dass Sto­chas­tik das Ein­tref­fen von Er­eig­nis­sen in so­zia­len Sys­te­men nicht dar­stel­len kann. In­di­vi­du­en sind nicht pas­siv, son­dern neh­men im Sin­ne der Spiel­theo­rie die Hand­lun­gen an­de­rer zum ei­ge­nen Vor­teil vor­weg.

So wer­den denn auch wei­ter­hin Pro­gno­sen nach dem Prin­zip «faut de mieux» mit ei­ner sta­tis­ti­schen Wahr­schein­lich­keit ver­se­hen, ob­wohl man die Ein­tre­tens­ver­tei­lung der ana­ly­sier­ten Er­eig­nis­se gar nicht kennt. Ge­ra­de in die­sen his­to­risch ein­zig­ar­ti­gen Zei­ten sind da­her pro­gnos­ti­sche Irr­läu­fer ver­mehrt pro­gram­miert. André Koh­ler ist Mit­glied der Ge­schäfts­lei­tung der B+B Vor­sor­ge, Thal­wil.

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