«Sor­gen um die Re­gu­lie­rung der Ban­ken»

BEN­JA­MIN R. BROAD­BENT Der Eu­ro­pa-Öko­nom von Gold­man Sachs zur Nach­hal­tig­keit der Wirt­schafts­er­ho­lung, zum star­ken Fran­ken und der Form der Ban­ken

Finanz und Wirtschaft - - PODIUM - IN­TER­VIEW: JAN SCHWAL­BE

Die Er­ho­lung der Welt­wirt­schaft so­wie der Auf­schwung in Eu­ro­pa lau­fen über­ra­schend gut. Ben Broad­bent, der Öko­nom des US-Bro­kers Gold­man Sachs, hät­te die Leit­zin­sen längst er­höht und hält die Sta­bi­li­tät der Ban­ken und des Fi­nanz­sys­tems für das gröss­te Pro­blem.

Herr Broad­bent, An­fang des ver­gan­ge­nen Jah­res hat­ten Sie als ehe­ma­li­ges Mit­glied der Bank of En­g­land pro­gnos­ti­ziert, dass 2010 in Eu­ro­pa und Gross­bri­tan­ni­en die Leit­zin­sen er­höht wer­den. Das ist nicht ein­ge­tre­ten. War­um nicht? Ich bin wei­ter­hin der Über­zeu­gung, dass man die Zin­sen hät­te er­hö­hen sol­len. Doch die Zen­tral­ban­ken wa­ren, was die In­fla­ti­on an­geht, to­le­ran­ter, als ich an­ge­nom­men hat­te. Pro­ble­me wie die Ent­schul­dung der Ban­ken und die noch im­mer un­si­che­re Ent­wick­lung von Pro­duk­ti­vi­täts-und Kos­ten­wachs­tum hat­ten mehr Ge­wicht.

Eu­ro­pa wird im Ver­gleich zum Rest der Welt, auch im Ver­gleich zu den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, schrump­fen.

Wür­de ei­ne Zins­er­hö­hung die Wirt­schafts­er­ho­lung nicht ab­wür­gen? So tie­fe Zin­sen, wie wir sie der­zeit ha­ben, sind nur für ei­ne schwe­re Wirt­schafts­kri­se be­stimmt. Die Kri­se ist über­wun­den. Ei­ne mo­de­ra­te Zins­er­hö­hung wür­de der Wirt­schaft nicht scha­den.

Wann wer­den die Leit­zin­sen in Eu­ro­pa und in Gross­bri­tan­ni­en her­auf­ge­setzt? Un­se­rer Er­war­tung nach nicht vor dem vier­ten Quar­tal. An­ge­sichts der ho­hen Roh­stoff­prei­se und der fal­schen An­nah­me, dass dar­aus ei­ne enor­me In­fla­ti­ons­ge­fahr ent­steht, dürf­te den Zen­tral­ban­ken ei­ne bal­di­ge Er­hö­hung lei­der zu ri­si­ko­reich sein.

Hal­ten Sie die Wirt­schafts­er­ho­lung für nach­hal­tig? In Eu­ro­pa sind nicht al­le Län­der gleich po­si­tio­niert. Grie­chen­land und Spa­ni­en wer­den lang­sa­mer wach­sen als an­de­re Staa­ten. Doch Eu­ro­pa als Gan­zes wird sich eben­so wie der Rest der Welt auch län­ger­fris­tig gut ent­wi­ckeln.

Ei­ni­ge Öko­no­men be­fürch­ten, dass sich Eu­ro­pa in den nächs­ten Jah­ren so schlep­pend ent­wi­ckelt wie Ja­pan seit mehr als zehn Jah­ren. Hal­ten Sie das für ei­nen un­fai­ren Ver­gleich? Nein. Ein gros­ser Teil der Pro­ble­me Ja­pans ist aus der un­güns­ti­gen De­mo­gra­fie ent­stan­den. Die al­tern­de und schrump­fen­de Be­völ­ke­rung ist ein Pro­blem. Gleich­zei­tig sind die Staats­schul­den ge­stie­gen und hat­ten die Ban­ken Schwie­rig­kei­ten. Eu­ro­pa hat die glei­chen de­mo­gra­fi­schen Pro­ble­me. Das wird zur Fol­ge ha­ben, dass die Al­ters­vor­sor­ge spä­ter als bis­her ge­plant aus­ge­zahlt wird. Im Fi­nanz­sys­tem ha­ben wir schnel­ler re­agiert als Ja­pan, auch wenn es wei­ter­hin schwe­re Pro­ble­me gibt. Den­noch wird Eu­ro­pa im Ver­gleich zum Rest der Welt, auch im Ver­gleich zu den USA, schrump­fen.

Müs­sen wir uns des­halb Sor­gen ma­chen? Nicht un­be­dingt. Ge­mes­sen am Pro-KopfEin­kom­men wird Eu­ro­pa im­mer­hin bis 2050 rei­cher blei­ben als Chi­na.

Um die Wirt­schaft dau­er­haft in Schwung zu brin­gen, soll­te die Ent­schul­dung der Pri­vat­haus­hal­te ein En­de

Ben­ja­min R. Broad­bent: fin­den. Sind wir schon so weit? Ja, zu­min­dest was die Wachs­tums­ra­te der Ent­schul­dung be­trifft, se­hen wir die Um­kehr. Das ist ein sehr gu­tes Zei­chen.

Oh­ne ein sta­bi­les Fi­nanz­sys­tem kann die Wirt­schaft eben­falls nicht funk­tio­nie­ren. Wie steht es um die Form der Ban­ken? Kön­nen wir uns wie­der auf sie ver­las­sen? Lei­der nicht. Die un­ge­wis­se Sta­bi­li­tät der Ban­ken ist die gröss­te Ge­fahr für die Er­ho­lung der Wirt­schaft. Ich ma­che mir noch im­mer Sor­gen um die Re­gu­lie­rung der Ban­ken. Die Ent­schul­dung An­fang 2010 hat zwar Früch­te ge­tra­gen. Die Bi­lan­zen sind ei­ni­ges sta­bi­ler als noch vor ei­nem Jahr. Doch sei­tens der Re­gu­la­to­ren, da­bei spre­che ich un­ter an­de­rem die Ka­pi­ta­li­sie­rungs­vor­schrif­ten an, herrscht gros­se Un­si­cher­heit. Das be­ein­flusst die Kre­dit­ver­ga­be der Ban­ken.

Heisst das, Sie hal­ten ei­nen er­neu­ten Kol­laps des Fi­nanz­sys­tems für mög­lich? Nicht ei­nen Kol­laps, aber Pro­ble­me. Har­te Vor­schrif­ten ha­ben zur Fol­ge, dass die Bi­lan­zen schrump­fen und die Mar­gen im Kre­dit­ge­schäft gleich­zei­tig hoch blei­ben. Das hat nicht gleich ei­nen Kol­laps zur Fol­ge, wirkt sich aber ver­knap­pend auf das An­ge­bot von Kre­di­ten aus. Der­zeit sieht es zwar den­noch recht gut aus. Die In­ves­ti­tio­nen stei­gen auch oh­ne ei­ne deut­li­che Aus­wei­tung des Kre­dit­vo­lu­mens. Doch ob das so wei­ter­geht, bleibt noch of­fen.

Schon vor ei­nem Jahr ha­ben Sie sich gros­se Sor­gen um die zu ho­hen Staats­schul­den in Eu­ro­pa und in den USA ge­macht. Mitt­ler­wei­le ste­hen ei­ni­ge eu­ro­päi­sche Staa­ten vor der Zah­lungs­un­fä­hig­keit. Wer fällt als Ers­ter? Es ist zwar ei­ne un­be­frie­di­gen­de Ant­wort, doch wir wis­sen es nicht. Wenn ein Staat ge­mes­sen am Brut­to­in­land­pro­dukt zu 90% ver­schul­det ist, dann be­steht die Ge­fahr der Zah­lungs­un­fä­hig­keit. Ir­land be­fin­det sich auf die­sem Ni­veau. Doch dar­aus ab­zu­lei­ten, dass es auch zur Zah­lungs­un­fä­hig­keit kommt, ist fahr­läs­sig. Das En­de hängt zu­sätz­lich von den Ver­lus­ten im Fi­nanz­sys­tem und der po­li­ti­schen Macht ab. In Bel­gi­en, wo die Ver­schul­dung

Ich bin zu­ver­sicht­lich, dass der Eu­ro am Le­ben ge­hal­ten wird. Doch die steu­er­li­che Mit­ver­ant­wor­tung wird noch zu re­den ge­ben.

110% be­trägt, sind die Bür­ger ho­he Steu­ern ge­wohnt. Das gibt mehr Spiel­raum, um schwie­ri­ge Si­tua­tio­nen zu über­win­den. Ir­land ist ei­ne Wirt­schaft, die wächst. Das hilft. Gleich­zei­tig las­tet aber der im Ver­gleich zum Pfund star­ke Eu­ro auf der Wirt­schaft.

Wird sich die Eu­ro­päi­sche Wirt­schafts­uni­on an­ge­sichts all der Pro­ble­me den­noch hal­ten? Das ist ei­ne po­li­ti­sche Fra­ge. Der Wil­le scheint da zu sein.

Ist es über­haupt wich­tig, dass der Eu­ro hält? Ein ge­mein­sa­mer Han­dels­raum mit ver­schie­de­nen Wäh­run­gen ist zwar mög­lich. Doch als Sym­bol für Eu­ro­pa und als po­li­ti­sche Ein­heit ist der Eu­ro ei­ne wich­ti­ge In­sti­tu­ti­on. Ich bin zu­ver­sicht­lich, dass Mecha­nis­men ge­fun­den wer­den, die den Eu­ro am Le­ben hal­ten. Vor al­lem die Fra­ge der steu­er­li­chen Mit­ver­ant­wor­tung wird aber noch zu re­den ge­ben. Doch Eu­ro­pa wächst trotz all der Pro­ble­me deut­lich. Das hät­te vor ei­nem Jahr kaum je­mand nur zu träu­men ge­wagt.

Die pe­ri­phe­ren Staa­ten be­fin­den sich den­noch in Schief­la­ge. Ei­ni­ge Öko­no­men sind der Mei­nung, dass Grie­chen­land oh­ne den Eu­ro und mit ei­ner schwä­che­ren Wäh­rung wett­be­werbs­fä­hi­ger wä­re. Was hal­ten Sie von die­ser Theo­rie? Ganz so ein­fach ist das nicht. Ei­ne schwä­che­re Wäh­rung wür­de Grie­chen­land in ei­nem ge­wis­sen Mas­se zwar hel­fen, was den Ex­port an­geht. Doch gleich­zei­tig wür­den die in Eu­ro de­no­mi­nier­ten Schul­den in Lan­des­wäh­rung ge­mes­sen stei­gen, und Grie­chen­land hät­te für zwei bis drei Jah­re kei­nen Zu­gang zum Kre­dit­markt. Ob das schwe­rer wie­gen wür­de als die Vor­tei­le ei­ner ei­ge­nen Wäh­rung, kann in der Theo­rie kaum be­ant­wor­tet wer­den.

Ein wei­te­rer Un­si­cher­heits­fak­tor sind die In­fla­ti­ons­ten­den­zen in Chi­na. Wirkt sich das auf das Wachs­tum im Rest der Welt aus? Chi­na wird zwar nicht mehr so schnell wach­sen wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, doch wach­sen wird es wei­ter. Die Wäh­rung wird wohl et­was stär­ker wer­den, und das wird die In­fla­ti­on zäh­men. Chi­na hat sein Schick­sal selbst in der Hand.

Hilft die Bin­nen­nach­fra­ge in Chi­na mitt­ler­wei­le auch dem Rest der Welt? Ja. Die Ver­käu­fe in­ner­halb Chi­nas stei­gen deut­li­cher als die In­dus­trie­pro­duk­ti­on im ei­ge­nen Land. Das hilft der Welt­wirt­schaft.

Sie sind zu­ver­sicht­lich, was die Ent­wick­lung der US-Wirt­schaft be­trifft. Wo­her neh­men Sie die­sen Op­ti­mis­mus? Auch in Ame­ri­ka ver­fol­gen wir mehr In­ves­ti­tio­nen und Kre­dit­ver­ga­be, auch wenn noch nicht al­les im Lot ist. Die Ban­ken sind wie­der stär­ker, und Pri­vat­haus­hal­te ha­ben die Schul­den et­was ab­ge­baut.

Sie rech­nen da­mit, dass die US-No­ten­bank die Zin­sen erst 2012 er­höht. Ist das ein Feh­ler? Der­zeit gibt es noch viel freie Ka­pa­zi­tä­ten in den USA – sei dies im Ar­beits­markt oder in­ner­halb der Un­ter­neh­men. Des­halb hal­te ich die ab­war­ten­de Hal­tung nicht für ei­nen Feh­ler. Ich kann auch nicht ver­ste­hen, dass sich die Chi­ne­sen über die US-Geld­po­li­tik auf­re­gen.

Den meis­ten eu­ro­päi­schen Län­dern pro­gnos­ti­zie­ren Sie für 2011 deut­lich hö­he­re Wachs­tums­ra­ten als für 2010. Für die Schweiz al­ler­dings lie­gen Sie mit 1,9% tie­fer als für 2010. Macht sich der star­ke Fran­ken lang­sam be­merk­bar? Ja, der Haupt­grund ist der star­ke Fran­ken. Die fis­kal­po­li­ti­schen Ver­pflich­tun­gen in Eu­ro­pa drü­cken auf den Eu­ro­kurs. Doch oh­ne die Pro­ble­me mit den pe­ri­phe­ren Staa­ten wä­re die Ein­heits­wäh­rung stär­ker.

Heisst das, Sie rech­nen län­ger­fris­tig mit ei­nem stär­ke­ren Eu­ro auch ge­gen­über dem Fran­ken? In un­se­rer Pro­gno­se ge­winnt der Eu­ro im Jah­res­ver­lauf et­was an Stär­ke. Dar­aus darf man durch­aus auch un­se­re Pro­gno­se für die Lö­sung der Schul­den­kri­se in Eu­ro­pa ab­lei­ten.

Kann ein oh­ne­hin schon teu­res Land wie die Schweiz län­ger­fris­tig mit ei­nem star­ken Fran­ken le­ben? Die Schweiz ist zwar ein teu­res Land. Sie stellt aber auch teu­re Pro­duk­te her, die für ei­nen ho­hen Preis ver­kauft wer­den kön­nen. Das ist im Grun­de ei­ne be­nei­dens­wer­te Si­tua­ti­on. Den­noch gibt es Pha­sen,

Die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank hat es nicht leicht. Doch struk­tu­rell wür­de ich mir um die Schweiz kei­ne gros­sen Sor­gen ma­chen.

in de­nen die Wäh­rung über­be­wer­tet sein mag. Das liegt dar­an, dass die Schweiz ein si­che­rer Ha­fen für In­ves­to­ren ist. Das ist für die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank kei­ne leich­te Auf­ga­be.

Ha­ben Sie ei­nen gu­ten Rat­schlag für die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank? Die SNB hat es nicht leicht. Die Geld­po­li­tik ist ihr ein­zi­ges In­stru­ment. In ei­ner klei­nen, of­fe­nen Volks­wirt­schaft mit ei­nem gros­sen Fi­nanz­sys­tem ist das be­son­ders schwie­rig. Struk­tu­rell wür­de ich mir um die Schweiz den­noch kei­ne gros­sen Sor­gen ma­chen.

Sie sind ins­ge­samt zu­ver­sicht­lich, was das lau­fen­de und auch das nächs­te Jahr an­geht. Wie wird die Welt­wirt­schaft in fünf Jah­ren aus­se­hen? Mit et­was Glück wer­den wir dann ein sta­bi­les Ban­ken-und Fi­nanz­sys­tem ha­ben.

Mit et­was Glück? Ich ge­he da­von aus, dass die Ban­ken bis dann äus­serst kom­for­ta­bel ka­pi­ta­li­siert sind. Gleich­zei­tig ist da­mit zu rech­nen, dass sie auf Si­cher­heit be­dacht sind und des­halb in der Kre­dit­ver­ga­be wei­ter­hin vor­sich­tig agie­ren. Ich er­war­te zu­dem nicht un­be­dingt, dass die In­fla­ti­on aus­ser Kon­trol­le ge­rät. Die Lü­cke zwi­schen der ent­wi­ckel­ten Welt und den Emer­ging Mar­kets wird sich wei­ter schlies­sen.

Wer­den die Leit­zin­sen in fünf Jah­ren im his­to­ri­schen Ver­gleich wei­ter­hin tief sein? Zwar nicht so tief wie heu­te, doch im his­to­ri­schen Ver­gleich wahr­schein­lich schon. Die Ri­si­ko­auf­schlä­ge im Ka­pi­tal­markt dürf­ten zu­dem auch in fünf Jah­ren nicht so tief sein wie vor der Kri­se. Ein Pro­blem wer­den die Roh­stoff-und die Nah­rungs­mit­tel­prei­se sein. Im­mer wenn die Kos­ten oh­ne­hin stei­gen, schla­gen die Staa­ten gleich noch Steu­ern auf den Preis. Ei­ni­ge Han­dels­schran­ken müs­sen dort noch fal­len.

Man hät­te die Leit­zin­sen er­hö­hen sol­len.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.