Bra­si­li­ens Agro­kon­zer­ne im Vor­teil

In­ter­na­tio­na­li­sie­rung schrei­tet zü­gig vor­an – Jähr­li­che Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung von 5% – Vor­macht­stel­lung wird aus­ge­baut

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ALEXANDER BUSCH,

ADi­ver­si­fi­ka­ti­on

ls kurz vor Weih­nach­ten be­kannt wur­de, dass ein bra­si­lia­ni­scher Kon­zern Über­nah­me­ge­sprä­che mit dem ame­ri­ka­ni­schen Le­bens­mit­tel­rie­sen Sa­ra Lee führt (vgl. FuW Nr. 100 vom 22. De­zem­ber), kann­ten nur we­ni­ge den po­ten­zi­el­len An­grei­fer. Da­bei ist JBS mit ei­ner Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von rund 10 Mrd. $ et­wa so gross wie der US-Kon­zern und der welt­gröss­te Fleisch­ver­ar­bei­ter, vor al­lem we­gen sei­ner Schlacht­hö­fe in den USA.

Dort kauf­te das bör­sen­no­tier­te Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men be­reits Swift und Pil­grim’s Pri­de, die Markt­füh­rer für Rind-und Hüh­ner­fleisch – und si­cher­te sich da­mit ei­nen Ver­trieb, der über Eu­ro­pa bis nach Fer­n­ost reicht. In den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren stei­ger­ten die Bra­si­lia­ner den Um­satz von 2 auf 30 Mrd. $ und über­nah­men Kon­kur­ren­ten, die ge­mes­sen am Um­satz weit­aus grös­ser wa­ren als sie. Das gilt nicht nur für JBS. Ein Dut­zend Kon­zer­ne aus Bra­si­li­en ha­ben sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren an die in­ter­na­tio­na­le Spit­ze hoch­ge­ar­bei­tet. Sie nut­zen die Chan­ce, die die stei­gen­de Nach­fra­ge nach tie­ri­schem und pflanz­li­chem Pro­te­in in Fer­n­ost bie­tet, und er­wer­ben Mar­ken und Ver­triebs­ka­nä­le für ih­re Pro­duk­te. Mit der welt­wei­ten Di­ver­si­fi­ka­ti­on re­du­zie­ren sie das Ge­schäfts­ri­si­ko. Denn die Ab­satz­märk­te sind la­bil: Sie kön­nen auf Druck von Agrar­lob­bys oder we­gen Tier­seu­chen über Nacht weg­bre­chen.

Ne­ben JBS ist der Fleisch­kon­zern Marf­rig nach der Über­nah­me von Key- sto­ne in den USA in­zwi­schen der wich­tigs­te welt­wei­te Zu­lie­fe­rer von McDo­nald’s. Bra­sil Foods ist heu­te der füh­ren­de Pro­du­zent von Hüh­ner­fleisch mit Fi­lia­len in Nah­ost und Russ­land. Co­san, der be­deu­tends­te Zu­cker-und Et­ha­nol­her­stel­ler, pro­du­ziert so viel wie Aus­tra­li­en, die Num­mer drei un­ter den Zu­cker­ex­por­teu­ren.

Re­kord­ern­te er­war­tet

Am­ag­gi und El Te­jar sind die gröss­ten So­ja­ver­ar­bei­ter der Welt. Drei bra­si­lia­ni­sche Kon­zer­ne ver­sor­gen vier Fünf­tel des Welt­markts mit Oran­gen­saft. «Bei zwölf wich­ti­gen Soft Com­mo­di­ties ist Bra­si­li­en in kur­zer Zeit zum füh­ren­den Welt­markt­lie­fe­ran­ten ge­wor­den», weiss Ru­bens Ricú­pe­ro, lang­jäh­ri­ger Prä­si­dent der UNC­TAD (United Na­ti­ons Con­fe­rence on Tra­de and De­ve­lop­ment).

Der har­te Re­al macht zwar den bra­si­lia­ni­schen Agrar­kon­zer­nen zu schaf­fen. Den­noch zäh­len sie zu den Bran­chen­ge­win­nern und wer­den ih­re Vor­macht­stel­lung wei­ter aus­bau­en. Denn die Kon­kur­ren­ten in den In­dus­trie­län­dern lei­den un­ter tie­fen Mar­gen, weil sie die stei­gen­den Roh­stoff­prei­se in ih­ren hart um­kämpf­ten Ab­satz­märk­ten nur ver­zö­gert wei­ter­ge­ben kön­nen. Die bra­si­lia­ni­schen Un­ter­neh­men hin­ge­gen pro­fi­tie­ren von nied­ri­gen Pro­duk­ti­ons­kos­ten und dem jähr­lich wach­sen­den Ern­te­er­trag.

Mit ei­ge­ner For­schung er­hö­hen Bra­si­li­ens Far­mer in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Staat seit Jahr­zehn­ten sys­te­ma­tisch die Pro­duk­ti­vi­tät. Die Fort­schrit­te sind be­acht­lich: Seit 2000 wächst die Pro­duk­ti­vi­tät jähr­lich 5% – die höchs­te Zu­wachs­ra­te un­ter den Agrar­na­tio­nen ge­mäss Welt­bank. Die­ses Jahr wird Bra­si­li­en ei­ne Re­kord­ern­te von fast 150 Mio. Ton­nen Ge­trei­de, Boh­nen und Öl­saa­ten ein­fah­ren.

Für die Pro­du­zen­ten könn­ten des­halb die Preis­stei­ge­run­gen zu kei­nem bes­se­ren Zeit­punkt kom­men. In São Pau­lo sind ge­mäss dem Agrar­in­sti­tut IEA die Prei­se der zwan­zig wich­tigs­ten pflanz­li­chen und tie­ri­schen Pro­duk­te im ver­gan­ge­nen Jahr 36% ge­stie­gen. Das ist auch die Kehr­sei­te der Me­dail­le. In Bra­si­li­en ist der Bin­nen­markt für Le­bens­mit­tel we­der ge­schützt noch sub­ven­tio­niert. In den Su­per­märk­ten wer­den Kaf­fee, Zu­cker, Fleisch oder So­ja­öl so­fort teu­rer, wenn ih­re Prei­se an den in­ter­na­tio­na­len Ter­min­bör­sen stei­gen. Bra­si­li­ens In­fla­ti­on hat sich des­halb schnell auf fast 6% er­höht. Für knapp die Hälf­te des An­stiegs sind Agrar­pro­duk­te ver­ant­wort­lich.

Ak­ti­en er­for­dern Ge­duld

Für In­ves­to­ren ist die bra­si­lia­ni­sche Agrar­bran­che kom­pli­ziert: Die meis­ten Kon­zer­ne sind in Fa­mi­li­en­be­sitz und nicht ko­tiert (wie Am­ag­gi und El Te­jar). Ei­ni­ge Un­ter­neh­men hat­ten Pro­ble­me mit der Bör­sen­auf­sicht (SLC Ag­ri­co­la, Agren­co). JBS ist an der Bör­se, wird aber von der Grün­der­fa­mi­lie kon­trol­liert, die den Kon­zern mit­hil­fe der Ent­wick­lungs­bank BNDES für die Über­nah­men in den USA hoch ver­schul­det hat. Zu­dem ist das po­li­ti­sche Ri­si­ko gross, weil un­klar ist, ob das Un­ter­neh­men von der neue bra­si­lia­ni­schen Re­gie­rung wei­ter­hin so be­din­gungs­los un­ter­stützt wird wie bis­her.

In­ter­es­san­ter ist der Fleisch­kon­zern Marf­rig, der sich ei­ner­seits auf den wach­sen­den Kon­sum in Süd­ame­ri­ka kon­zen­triert und sich an­de­rer­seits als welt­wei­ter Fast-Food-Zu­lie­fe­rer pro­fi­liert. Doch auch die Num­mer zwei un­ter Bra­si­li­ens Bee­fPro­du­zen­ten muss erst be­wei­sen, ob sie das gros­se Rad ge­winn­brin­gend dre­hen kann. Ers­te Wahl sind Bra­sil Foods: Das aus der Fu­si­on von Per­di­gão und Sa­dia ent­stan­de­ne Un­ter­neh­men ist auf dem Heim-und Ex­port­markt gut auf­ge­stellt, um von der wach­sen­den Nach­fra­ge nach Hüh­ner­fleisch über­durch­schnitt­lich zu pro­fi­tie­ren. Die Ak­ti­en sind je­doch wie Marf­rig mit ei­nem stol­zen KGV 2011 von über 20 be­wer­tet und er­for­dern Ge­duld und gu­te Ner­ven. Das gilt auch für Co­san.

Auf Ex­pan­si­ons­kurs: Der Fleisch­kon­zern JBS er­höh­te den Um­satz in den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren ra­sant von 2 auf 30 Mrd. $.

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