Re­form­be­darf be­güns­tigt Kon­sens

Spa­ni­ens Ge­werk­schaf­ten stim­men hö­he­rem Ren­ten­al­ter zu – Ein­spa­run­gen von 40 Mrd. € bis 2030

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - AE,

Was noch vor we­ni­gen Ta­gen fast un­mög­lich er­schien, hat Spa­ni­ens so­zia­lis­ti­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent Jo­sé Lu­is Ro­drí­guez Za­pa­te­ro nun tat­säch­lich ge­schafft: Mit den bei­den gröss­ten Ge­werk­schaf­ten CCOO und UGT so­wie dem Ar­beit­ge­ber­ver­band CEOE be­sie­gel­te er pünkt­lich zu der von ihm ge­setz­ten Frist am 28. Ja­nu­ar die Ren­ten­re­form. Da­mit kann sich der fünf­zig­jäh­ri­ge Re­gie­rungs­chef, der in den Wäh­ler­um­fra­gen weit ab­ge­rutscht ist, auch mit Blick auf die Zwei­fel an sei­nem Re­form­wil­len ei­nen Er­folg ans Re­vers hef­ten.

Lan­ge Über­gangs­frist

Auch ist die Ge­fahr ei­nes neu­en Ge­ne­ral­streiks – zu­min­dest zu die­sem The­ma – vom Tisch und der so­zia­le Dia­log, der 2010 am Spar­pa­ket und der Ar­beits­markt­re­form zer­bro­chen war, wie­der­her­ge­stellt: Al­le drei Sei­ten ver­stän­dig­ten sich über die Eck­pfei­ler der Ren­ten­re­form hin­aus auf das Ziel ei­nes gros­sen So­zi­al­pakts, um das kri­sen­ge­schüt­tel­te Spa­ni­en mit den not­wen­di­gen Re­for­men wie­der fit zu ma­chen. So­gar der Par­ti­do Po­pu­lar als gröss­te Op­po­si­ti­ons­par­tei, der den bis­he­ri­gen Re­form­kurs Za­pa­te­ros weit­ge­hend ab­lehn­te, si­gna­li­sier­te Be­reit­schaft für ei­ne Par­la­ments­de­bat­te über den nun er­reich­ten Ren­ten­kon­sens.

Der Ge­setz­ent­wurf zur Ren­ten­re­form, den Za­pa­te­ro im Ka­bi­nett am Frei­tag ab­seg­nen liess, sieht nun die Ren­te mit 67 statt der bis­her gel­ten­den 65 Jah­re ver­bind­lich vor. Nur die Ar­beit­neh­mer, die 38,5 Jah­re in die So­zi­al­ver­si­che­rung ein­zah­len, dürf­ten wei­ter mit 65 und oh­ne Ren­ten­ab­schlag in den Ru­he­stand ge­hen. Schnel­le­re Wir­kung für die So­zi­al­ver­si­che­rungs­kas­se wird die Aus­wei­tung des Zei­t­raums von 15 auf 25 Jah­re für die Be­rech­nung der Ren­ten­hö­he ha­ben. Nach In­for­ma­tio­nen der Wirt­schafts­zei­tung «Ex­pan­sión» be­deu­ten die­se neu­en Spiel­re­geln, die erst 2027 voll grei­fen wer­den und den Jahr­gang 1962 als ers­ten mit 67 in die Ren­te schi­cken, ei­ne Re­duk­ti­on der durch­schnitt­li­chen Ren­te von 20%.

Die Re­gie­rung kal­ku­liert die Ein­spa­run­gen bis 2030 auf 40 Mrd. €, das wä­ren vier Pro­zent­punk­te des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP). Ge­gen­wär­tig ma­chen die Auf­wen­dun­gen der Ren­ten­ver­si­che­rung, die sich im Un­ter­schied zu an­de­ren Län­dern nur aus den Bei­trä­gen der Ver­si­cher­ten und nicht mit Steu­er­gel­dern fi­nan­ziert, 8% des BIP aus. Oh­ne Re­form wür­de sich die­se Kenn­zahl auf 16% im Jahr 2027 ver­dop­peln, wie die Ta­ges­zei­tung «El Mun­do» be­rich­tet. Die Re­gie­rung Za­pa­te­ro peilt nun die Grös­sen­ord­nung von 12% an.

Ex­per­ten se­hen die­se drit­te Ge­ne­ral­über­ho­lung der spa­ni­schen Ren­ten­ver­si­che­rung in der gut dreis­sig­jäh­ri­gen Ge­schich­te der der Über­win­dung der Dik­ta­tur als Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung an. Wahr­schein­lich, so mei­nen sie, wer­de es aber wei­te­re Ver­schär­fun­gen ge­ben müs­sen: Sol­che Ein­schät­zun­gen be­grün­den sich un­ter an­de­rem da­mit, dass Spa­ni­en un­ter den Län­dern der Eu­ro­päi­schen Uni­on die denk­bar un­güns­tigs­te de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung mit ei­ner be­son­ders nied­ri­gen Ge­bur­ten­ra­te und ei­ner ver­gleichs­wei­se ho­hen Le­bens­er­war­tung hat.

Wei­te­re Re­form ab­seh­bar

Der jetzt über­ra­schend ge­lun­ge­ne Schul­ter­schluss mit den Ge­werk­schaf­ten war für die Re­gie­rung nur mit ei­ni­gem Ent­ge­gen­kom­men mög­lich: Za­pa­te­ro muss­te un­ter an­de­rem ei­ne hö­he­re Über­gangs­zeit zu­ge­ste­hen, bis die Re­form voll greift. «El Mun­do» hebt her­vor, dass das «rea­le Ren­ten­al­ter» in den kom­men­den fünf­zehn Jah­ren 65,5 statt der bis­her 63,2 Jah­re be­tra­gen wird. Dies sei ei­nes der gros­sen Zie­le der Ge­werk­schaf­ten ge­we­sen. Zu­dem weist die Zei­tung dar­auf hin, dass die Hö­he der Ren­ten künf­tig – ähn­lich wie schon in an­de­ren Län­dern – in­de­xiert wer­den soll. So sei ge­plant, in die Be­rech­nung Fak­to­ren wie Wachs­tum, Löh­ne, Haus­halt­la­ge aber auch die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung ein­flies­sen zu las­sen. Da­mit könn­ten die Ren­ten, wie 2010 in Schwe­den oder jetzt auch in Por­tu­gal ge­sche­hen, um ei­ni­ge Pro­zent­punk­te sin­ken. Bis­her kann­te das spa­ni­sche Mo­dell nur die Bin­dung an die In­fla­ti­ons­ra­te. Die­se neue In­de­xie­rung blieb am Frei­tag Nach­mit­tag al­ler­dings noch un­be­stä­tigt.

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