Nord­afri­ka kommt nicht zur Ru­he

Un­ru­hen in Ägy­ten hal­ten an – Bör­sen­han­del aus­ge­setzt – Rück­schlag für die Wirt­schaft am Nil – Schlüs­sel­staat der ara­bi­schen Welt

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - WOLF­GANG DRECHS­LER,

Nach dem Sturz der Dik­ta­tur in Tu­ne­si­en ent­fal­ten die Pro­tes­te ge­gen das Re­gime von Hos­ni Mu­ba­rak in Ägyp­ten ei­ne zu­vor kaum für mög­lich ge­hal­te­ne Dy­na­mik. Was Mit­te Ja­nu­ar in Tu­ne­si­en be­gann, hat mit Ägyp­ten das Herz der ara­bi­schen Welt er­reicht. Die De­mons­tra­tio­nen ge­gen den au­to­ri­tä­ren Re­gie­rungs­stil des 82-Jäh­ri­gen sind vom Sturz des tu­ne­si­schen De­s­po­ten Zi­ne El Abi­di­ne Ben Ali durch ei­nen Volks­auf­stand vor zwei Wo­chen in­spi­riert. Fest steht, dass den Pro­tes­ten in Ägyp­ten ei­ne Schlüs­sel­rol­le für die gan­ze Re­gi­on zu­kommt: Je­der vier­te Ara­ber ist Ägyp­ter – und Kai­ro die ein­zi­ge Welt­me­tro­po­le der Re­gi­on.

Als Fol­ge der im­mer stär­ke­ren Un­ru­hen wa­ren die Kur­se an der Bör­se von Kai­ro am Don­ners­tag­vor­mit­tag um mehr als 6% ge­fal­len. Dar­auf­hin wur­de der Han­del aus­ge­setzt. Da­mit sum­miert sich das Mi­nus seit Jah­res­be­ginn auf 21%. Seit den Tur­bu­len­zen im An­schluss an die Plei­te der US-Bank Leh­man Bro­thers im Herbst 2008 ist dies der gröss­te Ver­lust in ei­nem Mo­nat. Die Bör­se folg­te da­mit dem Bei­spiel des tu­ne­si­schen Markts, wo der Han­del als Fol­ge des Auf­ruhrs seit zwei Wo­chen ruht. Die Bör­se in Tu­nis ver­lor in der Wo­che vor ih­rer Schlies­sung rund 13%. An­ders als in Tu­ne­si­en ge­riet in Ägyp­ten auch die Wäh­rung un­ter Ver­kaufs­druck: Der Dol­lar klet­ter­te zur Wo­chen­mit­te mit 5.85 ägyp­ti­schen Pfund auf den höchs­ten Stand in sechs Jah­ren.

Ho­her Ri­si­ko­auf­schlag

In­ves­to­ren be­wer­ten Ägyp­ten in­zwi­schen als ris­kan­ter als der Irak. Dar­auf deu­ten die stark ge­stie­ge­nen Kos­ten bei der Ab­si­che­rung ge­gen ei­nen Schul­den­aus­fall hin. Es dürf­te sich je­doch um ein kurz­zei­ti­ges Phä­no­men han­deln, denn die zweit- gröss­te Volks­wirt­schaft in Afri­ka ist viel ro­bus­ter als der Irak. Al­ler­dings zei­gen die star­ken Auf­schlä­ge mit wel­cher Sor­ge An­le­ger der­zeit nach Ägyp­ten schau­en. «So­lan­ge ich mich mit der Re­gi­on be­schäf­ti­ge, ha­be ich noch nie so vie­le ne­ga­ti­ve Ein­schät­zun­gen ge­hört», sagt Da­ni­el Bro­by vom Ver­mö­gens­ver­wal­ter Silk In­vest, der dort seit län­ge­rem ak­tiv ist.

Für Mu­ba­rak, der die Ge­schi­cke des Nil­staats seit drei Jahr­zehn­ten lenkt, kommt die Re­vol­te in Tu­nis zur Un­zeit – und das nicht nur we­gen der zum Jah­res­en­de ge­plan­ten Prä­si­dent­schafts­wahl. Die ägyp­ti­sche Wirt­schaft schien ge­ra­de erst auf ei­nem gu­ten Weg: Nach­dem der Le­bens­stan­dard jahr­zehn­te­lang nur un­merk­lich ge­stie­gen war, ist das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt (BIP) von we­ni­ger als 5% in den Neun­zi­ger­jah­ren zu­letzt um 7% ge­wach­sen (2006 bis 2009). Auch die In­ves­ti­tio­nen aus dem Aus­land schnell­ten in den letz­ten fünf Jah­ren auf den Re­kord­stand von ins­ge­samt 46 Mrd. $. In der Ener­gie­ge­win­nung hat Ägyp­ten auf­ge­holt: Zwar ran­giert das Land in punk­to Öl­pro­duk­ti­on welt­weit nur an 27. Stel­le. Das Land ver­fügt je­doch über grös­se­re Erd­gas­la­ger vor der Küs­te des Nil­del­tas und ist in­zwi­schen der zweit­gröss­te Gas­pro­du­zent in Afri­ka – und liegt welt­weit auf Platz 12.

Die wirt­schaft­li­che Er­ho­lung ist nun akut ge­fähr­det: Bar­clays Ca­pi­tal warnt, dass die Mög­lich­keit ei­ner Aus­brei­tung des Auf­ruhrs von Tu­ne­si­en in an­de­re ara­bi­sche Staa­ten wie Ägyp­ten oder Al­ge­ri­en «nicht ge­ring» sei. «Wir glau­ben des­halb auch nicht, dass es schon bald zu ei­ner Kor­rek­tur bei den Ri­si­ko­auf­schlä­gen in der Re­gi­on kom­men wird», schreibt die Bank. Denn selbst wenn sich der Macht­wech­sel in Tu­ne­si­en schnell voll­zie­hen soll­te, hät­ten die Er­eig­nis­se in der Re­gi­on un­ter An­le­gern zu ei­ner er­höh­ten Sor­ge vor den po­li­ti­schen Ri­si­ken ge­führt, was wie­der­um zu ei­ner Neu­be­wer­tung der po­li­tisch fra­gi­len Län­der führt.

Rück­schritt in Al­ge­ri­en

Der IWF schätzt, dass im Na­hen Os­ten im nächs­ten Jahr­zehnt mehr als 18 Mio. Jobs ge­schaf­fen wer­den müss­ten, um die chro­nisch ho­he Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit von durch­schnitt­lich 20% zu min­dern und die Neu­zu­gän­ge in den Ar­beits­markt zu ab­sor­bie­ren. Da­zu müss­ten die Volks­wirt­schaf­ten pro Jahr um mehr als 6% wach- sen. Ge­gen­wär­tig be­trägt das Wachs­tum durch­schnitt­lich nur 4,5%.

Aus­ser in Ägyp­ten ist die La­ge vor al­lem in Al­ge­ri­en an­ge­spannt. Zwar hat Staats­chef Ab­de­la­ziz Bou­te­fli­ka zu­letzt die In­fra­struk­tur­aus­ga­ben er­höht, doch wur­den ers­te zag­haf­te Schrit­te zur Öff­nung der ab­ge­schot­te­ten Wirt­schaft gleich wie­der zu­rück­ge­nom­men. Sym­pto­ma­tisch ist, dass Bou­te­fli­ka al­le Schlüs­sel­stel­len des Öl­rie­sen So­na­trach, der 98% der al­ge­ri­schen De­vi­sen­ein­nah­men er­wirt­schaf­tet, mit Er­ge­be­nen be­setzt hat. Be­reits 2006 hat­te das Re­gime ein Ge­setz ver­ab­schie­det, das So­na­trach ei­nen Min­dest­an­teil von 51% an al­len Öl-und Erd­gas­pro­jek­ten mit aus­län­di­schen Part­nern ga­ran­tiert.

Wie es im Schlüs­sel­staat Ägyp­ten wei­ter­geht, ist höchst un­ge­wiss. Ob es zur Un­ter­drü­ckung jed­we­der Op­po­si­ti­on wie im Iran kommt, ob der Is­lam un­ter der Re­gie der Mus­lim­brü­der noch stär­ker Fuss fasst oder ob das Land mit ei­nem frei ge­wähl­ten Prä­si­den­ten den schwie­ri­gen Weg in ei­ne of­fe­ne Ge­sell­schaft be­schrei­tet. Fest steht nur ei­nes: Die Pro­tes­te in Kai­ro, Tu­nis und Al­gier wer­den Fol­gen ha­ben – und we­nig wird im Na­hen Os­ten so blei­ben, wie es war.

Das ägyp­ti­sche Re­gime ver­sucht un­ter Auf­bie­tung von Le­gio­nen an Si­cher­heits­kräf­ten die Un­ru­hen, die seit Ta­gen an­hal­ten, zu er­sti­cken.

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