ABB fährt ei­nen Ex­pan­si­ons­kurs in Über­see

SCHWEIZ Über­nah­me von Tho­mas & Betts fes­tigt Markt­po­si­ti­on im Nie­der­span­nungs­be­reich – Spiel­raum für wei­te­re Ak­qui­si­tio­nen – Un­ver­än­der­tes Ra­ting

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - UL­RICH SCHÄ­RER

DHo­he Be­wer­tung

er Elek­tro­tech­nik­kon­zern ABB fährt ei­nen de­zi­dier­ten Wachs­tums­kurs in Nord­ame­ri­ka: Nach der Of­fer­te für den In­dus­trie­au­to­ma­ti­ons­spe­zia­lis­ten Bal­dor vor gut ei­nem Jahr (4,2 Mrd. $) er­greift nun das Un­ter­neh­men er­neut die Initia­ti­ve mit ei­nem An­ge­bot von 3,9 Mrd. $ für Tho­mas & Betts ( T&B), ei­nen der gröss­ten An­bie­ter von Nie­der­span­nungs­pro­duk­ten in Nord­ame­ri­ka. Die Über­nah­me ist ein wei­te­rer Schritt, um die geo­gra­fi­sche Aus­rich­tung des Kon­zerns brei­ter ab­zu­stüt­zen und sich da­mit zu­sätz­li­ches Wachs­tum zu si­chern: Für die Nie­der­span­nungs­märk­te in Ame­ri­ka er­war­tet die Abb-füh­rung in den nächs­ten Jah­ren ein Wachs­tum von 3 bis 4%, wäh­rend Eu­ro­pa den Ein­schät­zun­gen zu­fol­ge auf ge­ra­de noch 1 bis 2% kommt.

Der Ex­pan­si­ons­schritt in Über­see ist nicht als Über­ra­schung zu wer­ten: Er ent­spricht dem Stra­te­gie­plan 2011 bis 2015, der ei­ne in­ten­si­ve­re Markt­durch­drin­gung in Ame­ri­ka als Ziel de­fi­nier­te. Wei­te­re Schrit­te sind ab­seh­bar, um­so mehr, als Kon­zern­chef Joe Ho­gan an ei­ner Me­di­en­kon­fe­renz be­ton­te, dass ABB fi­nan­zi­el­len Spiel­raum für wei­te­re De­als ha­be, mög­li­cher­wei­se im Au­to­ma­ti­ons­be­reich. Al­ler­dings sei der­zeit nichts von Ak­tua­li­tät. Am Ak­ti­en­markt ist die An­kün­di­gung mit ei­ner ge­wis­sen Zu­rück­hal­tung auf­ge­nom­men wor­den: Die Abb-na­men­ak­ti­en ver­lo­ren am Mon­tag rund 2%, wa­ren je­doch am Di­ens­tag­vor­mit­tag be­reits wie­der ge­fragt. Der Kurs­rück­schlag ist nicht dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass der stra­te­gi­sche Schritt von ABB oder der Leis­tungs­aus­weis von T&B am Markt als frag­wür­dig ein­ge­stuft wür­den. Viel­mehr weckt der Kauf­preis – lei­se – Kri­tik: Ge­mes­sen an den ge­bo­te­nen 3,9 Mrd. $ be­zahlt der Elek­tro­tech­nik­kon­zern gut zwan­zig Mal den Net­to­ge­winn 2011. Der Kauf­preis macht auch gut 200% des Um­sat­zes aus; ins­ge­samt sind das re­spek­ta­ble Be­wer­tun­gen.

Der Preis er­klärt sich in­des we­sent­lich mit der Leis­tungs­ent­wick­lung des in Mem­phis ( Ten­nes­see) do­mi­zi­lier­ten USUn­ter­neh­mens: Auch wäh­rend des Wirt­schafts­ein­bruchs des Jah­res 2009 er­wirt­schaf­te­te T&B ei­ne Ebitda-mar­ge deut­lich über 15%. Den Ge­winn­rück­schlag von 4.64 auf 2.04 $ je Ak­tie hat T&B bis En­de 2011 (3.60 $) zu ei­nem gros­sen Teil wie­der auf­ge­holt. Der letzt­jäh­ri­ge Um­satz von 2,3 Mrd. $ – er ent­spricht gut 6% der ABB-EIN­nah­men – nä­hert sich wie­der den Re­kord­zah­len von 2008 (2,47 Mrd.).

Die At­trak­ti­vi­tät von T&B be­grün­det sich aus Sicht von ABB auch we­sent­lich mit den kom­ple­men­tä­ren Pro­dukt­an­ge­bo­ten: Rund 200 000 Pro­duk­te um­fasst die T&b-pa­let­te, die un­ter an­nä­hernd fünf­zig Mar­ken ver­trie­ben wer­den; dar­in gibt es an­schei­nend kaum Über­lap­pun­gen zum Abb-an­ge­bot, wie vor Ana­lys­ten- und Me­dien­schaf­fen­den mehr­fach un­ter­stri­chen wur­de. An­ge­spro­chen sind da­mit Be­rei­che wie Ver­bin­dungs­tech­nik, Iso­lie­rung, Be­leuch­tungs­si­cher­heit, Tes­te­quip­ment und Ver­drah­tungs­ma­nage­ment. Die Kom­ple­men­ta­ri­tät er­streckt sich auch in ei­ne geo­gra­fi­sche Di­men­si­on hin­ein: Tho­mas & Betts ist schwer­ge­wich­tig auf Nord­ame­ri­ka (knapp 80% der Ein­nah­men) aus­ge­rich­tet, ver­fügt aber in Eu­ro­pa und im asia­ti­schen Raum nur über ei­ne be­schei­de­ne Prä­senz.

Um­ge­kehrt ver­hält es sich mit der Abb-grup­pe, de­ren Nie­der­span­nungs­Pro­dukt­porte­feuille in Nord­ame­ri­ka bis­lang nur un­ge­nü­gend den Weg zum Kun­den fand – ein De­fi­zit, das mit der In­te­gra­ti­on von T&B be­sei­tigt wer­den soll. Von Re­le­vanz ist da­bei, dass ABB nun Zu­gang zu ei­nem Netz von 6000 Ver­triebs­händ­lern er­hält. Be­reits mit der Ak­qui­si­ti­on von Bal­dor hat­te der Kon­zern sein Ver­triebs­netz in Über­see ent­schei­dend ge­fes­tigt.

Die End­kun­den von T&b-elek­tro­pro­duk­ten fin­den sich vor al­lem in In- dus­trie­sek­to­ren, un­ter Ver­sor­gern und im Bau­be­reich. Das Un­ter­neh­men be­tont, dass nur ein ver­gleichs­wei­se be­schei­de­ner An­teil da­von vom kri­sen­ge­schä­dig­ten Wohn­bau­sek­tor in den USA ab­hän­gig sei; der weit­aus gröss­te Teil fin­det of­fen­kun­dig in kom­mer­zi­el­len Im­mo­bi­li­en Ver­wen­dung.

So­li­de Fi­nan­zie­rung

Die In­te­gra­ti­on der bei­den Un­ter­neh­men soll im Zei­t­raum 2013 bis 2016 Kos­ten­und Ein­nah­men­syn­er­gi­en von rund 200 Mio. $ er­mög­li­chen. Die Abb-füh­rung rech­net auch da­mit, dass die Über­nah­me ei­ne Ge­winn­stei­ge­rung be­reits ab 2013 er­mög­li­chen wird. Kon­kret soll die als freund­lich ein­ge­stuf­te Of­fer­te bis En­de Mai die­ses Jah­res von ei­ner Ak­tio­närs­ver­samm­lung gut­ge­heis­sen wer­den. Da­nach kann die Trans­ak­ti­on vor­aus­sicht­lich bis Mitte Jahr über die Büh­ne ge­hen.

ABB N

Ak­ti­en­sta­tis­tik

ABB hat sich für die Ak­qui­si­ti­on ei­ne Über­brü­ckungs­fi­nan­zie­rung von 4 Mrd. $ durch Bank of Ame­ri­ca ge­si­chert, die über den Cash­flow und die Emis­si­on von An­lei­hen zu­rück­be­zahlt wer­den soll. Nach der Über­nah­me wird das Ver­hält­nis Ge­samt­ver­schul­dung zu Ei­gen­mit­teln 30% be­tra­gen, die Ra­tio von Net­to­ver­schul­dung zu Brut­to­be­triebs­er­geb­nis (Ebitda) auf 0,6 stei­gen. Das sind kei­ne be­un­ru­hi­gen­den Wer­te: Die Ra­ting­agen­tur Moo­dy hat auch die A2-be­no­tung von ABB bei sta­bi­lem Out­look un­ver­än­dert be­las­sen. Fitch hat sei­ner­seits das Lang­fris­tra­ting von BBB+ be­stä­tigt, aber den Aus­blick von po­si­tiv auf sta­bil re­vi­diert. An­ge­sichts des Ver­hält­nis­ses Net­to­ver­schul­dung/ebitda gibt es wei­te­ren Hand­lungs­spiel­raum; hier be­steht für die Abb-füh­rung ei­ne Gui­dance von 1 bis 1,5. Ziel ist in­des, dass das Ra­ting so­li­de im Be­reich An­la­ge­qua­li­tät ver­bleibt.

Für die Abb-ak­ti­en gibt es kei­nen Grund, über die Bü­cher zu ge­hen. Die meis­ten Wert­schrif­ten­häu­ser rech­nen wei­ter­hin mit ei­nem sub­stan­zi­el­len Ge­winn­stei­ge­rungs­po­ten­zi­al des Kon­zerns. Der Ak­tio­när darf auch da­von aus­ge­hen, dass das Un­ter­neh­men mit Blick auf das Ge­schäfts­jahr 2011 die Di­vi­den­de ein wei­te­res Mal er­höht, von 0.60 auf vor­aus­sicht­lich 0.70 Fr. je Na­men­ak­tie. Ei­ne klar les­ba­re und ver­läss­li­che Aus­schüt­tungs­po­li­tik ge­hört zu den Prio­ri­tä­ten des Kon­zerns, wie Fi­nanz­chef Mi­chel De­ma­ré ge­gen­über der «Bör­sen­zei­tung» be­ton­te. In die­sem Sin­ne sind die Abb-ak­ti­en wei­ter­hin ein En­ga­ge­ment wert. Die Kon­so­li­die­rung der Markt­po­si­ti­on in Über­see – die noch nicht ab­ge­schlos­sen ist – trägt zu die­ser Ein­schät­zung bei.

Der Abb-kon­zern er­wei­tert mit der Über­nah­me von Tho­mas & Betts sein Ver­triebs­netz in Nord­ame­ri­ka ent­schei­dend.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.