Für Air­lines gilt: bit­te an­schnal­len

EU­RO­PA Flug­ge­sell­schaf­ten vor Ver­lust­jahr – Sa­nie­rungs­fäl­le be­las­ten die Rech­nung – Stark zy­kli­sche Ak­ti­en

Finanz und Wirtschaft - - KONSUM - ERICH BÜRGLER

Die Air­lin­e­in­dus­trie muss sich auf ein schwie­ri­ges Jahr 2012 ein­stel­len. Eu­ro­päi­sche Ge­sell­schaf­ten könn­ten da­bei be­son­ders hef­tig durch­ge­schüt­telt wer­den. Ein mar­kan­ter Wirt­schafts­ab­schwung in den wich­ti­gen Heim­märk­ten droht oder ist be­reits Tat­sa­che. Die gros­sen drei der Bran­che steu­ern in un­ter­schied­li­chem Zu­stand auf un­ru­hi­ge Be­din­gun­gen zu. Eins ist ih­nen ge­mein­sam: Sie wapp­nen sich mit Spar­pro­gram­men und müs­sen Tei­le ih­res Ge­schäfts sa­nie­ren.

Im De­zem­ber sah das Um­feld noch recht freund­lich aus. Die Pas­sa­gier­vo­lu­men sind ge­stie­gen, und die Prei­se wa­ren im Ver­gleich zum Vor­jahr sta­bil. Der Luft­fahrt­ver­band IA­TA zeigt sich für das lau­fen­de Jahr pes­si­mis­tisch, be­son­ders für Car­ri­er aus Eu­ro­pa. IA­TA rech­net 2012 mit 3,5 Mrd. $ Ge­winn in­ner­halb der Bran­che, nach ge­schätz­ten 6,9 Mrd. im ver­gan­ge­nen Jahr. Für eu­ro­päi­sche Air­lines er­war­tet der Ver­band die­ses Jahr ei­nen Ver­lust von 0,6 Mrd. $ (vgl. Gra­fik). In ih­ren Heim­märk­ten dro­he ei­ne Re­zes­si­on.

Emp­find­lich auf Kon­junk­tur­schwan­kun­gen re­agie­ren Ge­schäfts­rei­sen­de. Die Rei­hen in der für die Air­lines lu­kra­ti­ven Bu­si­ness­klas­se lich­ten sich in ei­nem Ab­schwung je­weils stär­ker als im Nied­rig­preis­seg­ment. Bis­her zeig­te der Trend nicht in die­se Rich­tung. Ob es tie­fe Ein­schnit­te in die Rei­se­bud­gets 2012 von Un­ter­neh­men gab, wird erst in den kom­men­den Mo­na­ten er­sicht­lich. Die eu­ro­päi­schen Car­ri­er sind zu­dem auf den Flü­gen nach Asi­en ei­nem be­son­ders har­ten Wett­be­werb aus­ge­setzt. Über­ka­pa­zi­tä­ten drü­cken die Prei­se. Air­lines aus dem Na­hen Os­ten tre­ten ag­gres­siv am Markt auf.

Air Fran­ce hinkt hin­ter­her

Ein wei­te­rer Un­si­cher­heits­fak­tor sind die seit An­fang Jahr vor­ge­schrie­be­nen Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te für Flü­ge von und nach Eu­ro­pa. Die Re­ge­lung be­trifft die dort an­säs­si­gen Ge­sell­schaf­ten im Ge­gen­satz zur Kon­kur­renz auf dem ge­sam­ten Stre­cken­netz. Prei­se für C02-zer­ti­fi­ka­te schwan­ken stark. Der­zeit sind sie güns­tig zu ha­ben, was vo­r­erst gar zu­sätz­li­che Ge­win­ne be­deu­ten könn­te. Vor­aus­ge­setzt es ge­lingt, pau­scha­le Auf­schlä­ge je Ti­cket wirk­lich durch­zu­set­zen.

Nicht al­le Car­ri­er sind auf tur­bu­len­te Zei­ten vor­be­rei­tet. Schwie­rig ist die La­ge von Air Fran­ce-klm, die im lau­fen­den Ge­schäfts­jahr (per En­de März) ro­te Zah­len aus­wei­sen wird. Den Kon­kur­ren­ten Luft­han­sa und IAG, der Mut­ter­ge­sell­schaft von Bri­tish Air­ways und Ibe­ria, hinkt die fran­zö­sisch-nie­der­län­di­sche Ge­sell­schaft mit ih­rer jüngs­ten Kos­ten-

Vo­la­ti­le Air­line-ak­ti­en sen­kungs­in­itia­ti­ve hin­ter­her. Der Per­so­nal­auf­wand im Ver­hält­nis zum Um­satz ist deut­lich hö­her als bei den Mit­be­wer­bern. Des­halb will Air Fran­ce-klm mit ei­ner Rei­he von Mass­nah­men die Kos­ten in den kom­men­den drei Jah­ren um über 1 Mrd. € sen­ken und den Schul­den­berg von 6,5 Mrd. auf 4,5 Mrd. € ab­bau­en. Ein schwie­ri­ges Un­ter­fan­gen, zu­mal die streik­freu­di­gen Fran­zo­sen den Gross­teil der Last zu tra­gen ha­ben wer­den. Die Re­struk­tu­rie­rung hat zu­dem ei­ne po­li­ti­sche Di­men­si­on: Fast 16% der Ak­ti­en ge­hö­ren dem fran­zö­si­schen Staat. Der im Herbst zu­rück an die ope­ra­ti­ve Spit­ze ge­hol­te Je­an-cy­ril Spi­net­ta kann vor der Prä­si­dent-

Er­war­te­ter Ge­winn nach Re­gi­on

Aschafts­wahl im April wohl kaum drin­gend not­wen­di­ge Schrit­te zur Ver­bes­se­rung der Kos­ten­struk­tur um­set­zen.

Auch bei der jetzt schon ef­fi­zi­en­ter flie­gen­den Luft­han­sa steht ei­ne neue Spar­run­de vor der Tür. Kon­zern­chef Chris­toph Franz hat die Be­leg­schaft En­de Jahr in der Mit­ar­bei­ter­zei­tung auf schmerz­haf­te Schrit­te ein­ge­schwo­ren, um das Ziel ei­ner mit­tel­fris­tig deut­lich hö­he­ren Be­triebs­mar­ge zu er­rei­chen. Laut un­be­stä­tig­ten Me­dien­be­rich­ten sol­len das Ef­fi­zi­enz­pro­gramm rund 1,5 Mrd. € brin­gen. Hand­lungs­be­darf gibt es im Eu­ro­pa­ge­schäft. Die Toch­ter­ge­sell­schaf­ten Aus­tri­an Air­lines und Ger­m­anwings schrei­ben Ver­lus­te, und auch die Ma­schi­nen mit dem Kra­nich auf der Heck­flos­se flie­gen auf Kurz­stre­cken kaum ren­ta­bel. Die in­ner­halb des Kon­zerns über­durch­schnitt­lich ren­ta­ble Swiss dürf­te den Rot­stift we­ni­ger zu spü­ren be­kom­men. Mit dem Ver­kauf der Air­line Bri­tish Mid­land (BMI) wird Luft­han­sa ei­ne Ver­lust­quel­le los. Die Trans­ak­ti­on wird al­ler­dings Ein­mal­kos­ten von rund 250 Mio. € ver­ur­sa­chen.

Über­nom­men hat den Sa­nie­rungs­fall die bri­tisch-spa­ni­sche IAG. BMI wird die Rech­nung des 2010 ge­grün­de­ten Un­ter­neh­mens in den nächs­ten Jah­ren be­las­ten. Den­noch macht der Ent­scheid Sinn. London ge­hört zu den lu­kra­tivs­ten Märk­ten im Flug­ge­schäft, vor al­lem am gröss­ten Flug­ha­fen He­a­throw sind at­trak­ti­ve Zeit­fens­ter für Starts und Lan­dun­gen aber Man­gel­wa­re. Durch den Kauf von BMI er­hält Bri­tish Air­ways sol­che Slots, die neue Langstre­cken­flü­ge er­mög­li­chen. Da­mit op­ti­miert IAG ih­re Ver­bin­dun­gen über das Dreh­kreuz. Auch IAG kämpft al­ler­dings wie al­le Netz­werk-car­ri­er mit Pro­ble­men in Eu­ro­pa. Die Wirt­schaft in Spa­ni­en, dem Haupt­markt von Ibe­ria, liegt am Bo­den, und die Grün­dung ei­ner ei­ge­nen Bil­li­ga­ir­line wird vom Ibe­ria-per­so­nal mit Streiks tor­pe­diert. Mit der Plei­te von Spa­nair (vgl. Kas­ten) ent­schärft sich die Si­tua­ti­on et­was. Tie­fe­re Ka­pa­zi­tä­ten sor­gen für bes­se­re Prei­se.

Luft­han­sa sind ers­te Wahl

In­ves­ti­tio­nen in den Air­line­sek­tor sind nur für An­le­ger mit gu­tem Ner­ven­kos­tüm zu emp­feh­len. Das zy­kli­sche Um­feld in der Bran­che führt zu vo­la­ti­len Ak­ti­en­kur­sen (vgl. Gra­fik). Den eu­ro­päi­schen Netz­werk-air­lines ist das im Ver­gleich zu Bil­lig­flug­ge­sell­schaf­ten mit zu ho­hen Kos­ten ope­rie­ren­de Kurz­stre­cken­ge­schäft ge­mein.

Dem Ma­nage­ment von Luft­han­sa ist es zu­zu­trau­en, die­ses Pro­blem zu lö­sen. Mit Swiss hat der Kon­zern vor­ge­macht, wie es geht. Zu­dem ist Luft­han­sa so­lid fi­nan­ziert und ent­spre­chend po­si­tio­niert, um aus dem vor­an­schrei­ten­den Kon­so­li­die­rungs­pro­zess ge­stärkt her­vor­zu­ge­hen. Letz­te­res gilt auch für IAG. Luft­han­sa pro­fi­tiert im der­zei­ti­gen Kon­junk­tur­zy­klus von ei­nem stär­ke­ren Heim­markt als IAG. Das hält den An­teil Bu­si­ness-rei­sen­der hoch. Auch sind die Deut­schen in den Wachs­tums­märk­ten Asi­ens bes­tens ver­tre­ten. Die Luft­han­sa-ak­ti­en sind im di­rek­ten Ver­gleich ers­te Wahl. Sie wer­den aber auf den Kon­junk­tur­ver­lauf und die Ent­wick­lung der Schul­den­kri­se wei­ter­hin emp­find­lich re­agie­ren. Ein Kauf der Ti­tel von Air Fran­ce-klm ist da­ge­gen an­ge­sichts der schwer zu über­win­den­den Her­aus­for­de­run­gen nicht zu emp­feh­len.

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