Oh­ne Hil­la­ry Cl­in­ton wä­re Steu­er­streit übler

SCHWEIZ Da­ten-ver­schlüs­se­lung im Steu­er­streit wirft Fra­gen auf – Ame­ri­ka­ni­sche Aus­sen­mi­nis­te­rin hat mäs­si­gen­den Ein­fluss – Kommt nun der nächs­te An­griff?

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - MO­NI­CA HEGG­LIN UND THO­MAS WYSS

Der Us-steu­er­streit hat mit der Flucht der St. Gal­ler Pri­vat­bank We­ge­lin un­ter das Dach der Raiff­ei­sen­g­rup­pe ei­nen neu­en Hö­he­punkt er­fah­ren. Die Ir­ri­ta­ti­on in der Ban­ken­welt über die Ver­hand­lungs­stra­te­gie der Schweiz in die­ser Sa­che nimmt zu. Dass Par­la­men­ta­ri­ern zum Wo­chen­be­ginn ge­sagt wur­de, die von den Ame­ri­ka­nern ver­lang­ten Da­ten wür­den über­mit­telt, aber nur co­diert, hat in die­ser Hin­sicht nichts zur Stim­mungs­bes­se­rung in der Fi­nanz­bran­che bei­tra­gen. Die Aus­sa­ge wird als in­nen­po­li­tisch mo­ti­viert ge­se­hen. Ei­ner güt­li­chen Lö­sung sind sol­che Zu­satz­be­din­gun­gen wohl kaum för­der­lich – ob­wohl nun be­kannt wur­de, dass in höchs­ten Krei­sen in Washington viel Good­will der Schweiz ge­gen­über vor­han­den ist.

Kun­den­be­ra­ter schüt­zen

Aus der Wirt­schafts­kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats wur­de be­kannt, dass die Schweiz co­dier­te Bank­da­ten an die USA lie­fern wird. Die im Steu­er­streit an­ge­schul­dig­ten Ban­ken, dar­un­ter die Bank We­ge­lin und die Cre­dit Suis­se, ha­ben im Ja­nu­ar Do­ku­men­te zum Ge­schäft (Stra­te­gi­en und Grös­sen­an­ga­ben) und zum Ge­schäfts­ge­ba­ren ( Wei­sun­gen, Kun­den­be­su­che und E-mails) nach Bern ge­lie­fert. Da­bei han­del­te es sich um um­fang­rei­ches Ma­te­ri­al. Al­lein We­ge­lin hat an­schei­nend 9000 Sei­ten be­reit­ge­stellt. Bei ei­ner der Ban­ken ste­he ei­ne Lie­fe­rung von rund 20 000 Sei­ten co­dier­ter Da­ten an, er­klär­te Ro­land Mei­er, der Spre­cher des Fi­nanz­de­par­te­ments.

Das Fi­nanz­de­par­te­ment be­stä­tig­te, dass die USA den Co­die­rungs­schlüs­sel er­hal­ten, so­bald im Steu­er­streit ei­ne Glo­bal­lö­sung ver­ein­bart ist. Ein­zel­ne Na­men (von Be­ra­tern) könn­ten schon vor­her ge­nannt wer­den. Das aber nur im Rah­men ei­nes or­dent­li­chen Auf­sichts­amts­hil­feo­der Rechts­hil­fe­ver­fah­rens. «Die US-BE­hör­den müs­sen al­so dar­le­gen dass sich be­stimm­te Per­so­nen straf­bar ge­macht ha­ben – und zwar so­wohl nach US- als auch nach Schwei­zer Recht», sag­te Mei­er.

Auch die Ban­kier­ver­ei­ni­gung be­harrt auf ei­ner Ge­samt­sicht. Spre­cher Tho­mas Sut­ter: «Mit Hil­fe der Da­ten kön­nen die Us-be­hör­den den Grad mög­li­cher Ver­feh­lun­gen der ein­zel­nen Ban­ken be­ur­tei­len. Für den Da­ten­trans­fer braucht es ei­ne Zu­si­che­rung sei­tens der Ame­ri­ka­ner, dass die in den Da­ten ent­hal­te­nen mög­li­chen In­for­ma­tio­nen über die Kun­den­be­ra­ter nicht für ein spä­te­res Ver­fah­ren ge­gen die­se Kun­den­be­ra­ter ver­wen­det wer­den.»

Gleich­zei­tig mel­de­te der «Ta­gens-an­zei­ger» (der wie «Fi­nanz und Wirt­schaft» zur Ta­me­dia-grup­pe ge­hört), das Bun­des­amt für Jus­tiz ha­be ver­hin­dert, dass Na­men von Kun­den­be­ra­tern frist­ge­recht an die USA wei­ter­ge­ge­ben wur­den. Das mit der Be­grün­dung, es ver­stos­se ge­gen den Per­sön­lich­keits­schutz. Dar­auf­hin sei die La­ge um die Bank We­ge­lin es­ka­liert.

Ob die­ser Ent­hül­lun­gen er­staunt nicht, dass in der Fi­nanz­bran­che der Un­mut über das Vor­ge­hen der Schwei­zer Be­hör- den steigt – zu­mal auf ame­ri­ka­ni­scher Sei­te viel Good­will vor­han­den ist. François Nord­mann, ehe­ma­li­ger Schwei­zer Di­plo­mat mit bes­ten Be­zie­hun­gen zu ExAus­sen­mi­nis­te­rin Mi­che­li­ne Cal­my-rey, sprach ge­gen­über der FUW vom mäs­si­gen­den Ein­fluss der ame­ri­ka­ni­schen Aus­sen­mi­nis­te­rin Hil­la­ry Cl­in­ton: «Mit Blick auf die Gu­ten Di­ens­te, die die Schweiz Ame­ri­ka un­ter an­de­rem in Iran bie­tet, hat sie auf das Recht be­stan­den.» Im Kl­ar­text: Das Jus­tiz­de­par­te­ment DOJ und die Steu­er­be­hör­de IRS woll­ten (und wol­len?) mit noch grö­be­rem Ge­schütz ge­gen die Schweiz und Schwei­zer Ban­ken auf­fah­ren und wur­den dar­in (vor­läu­fig?) von der Aus­sen­mi­nis­te­rin ge­hin­dert.

Die­se Epi­so­de zeigt, dass der Good­will der Ame­ri­ka­ner nicht zu sehr stra­pa­ziert wer­den soll­te. In Ban­ken­krei­sen wächst denn auch die Frus­tra­ti­on über die Ver­hand­lungs­tak­tik der of­fi­zi­el­len Schweiz, die da­von aus­geht, Ame­ri­ka kön­ne ge­zwun­gen wer­den, ei­ner Glo­bal­lö­sung zu­zu­stim­men. Die Ge­schich­te um die Co­die­rung wird teil­wei­se als in­nen­po­li­ti­sches Ma­nö­ver be­zeich­net.

Die The­se, wo­nach die Wei­ge­rung Berns, die vor­han­de­nen Bank­da­ten tel quel in die USA zu lie­fern, die Ame­ri­ka­ner da­zu ver­an­lass­te, den Druck auf We­ge­lin zu er­hö­hen und die­se letzt­lich in den Not­ver­kauf zu zwin­gen, wird in Ban­ken­krei­sen be­stä­tigt. In die­sel­be Rich­tung wei­sen Äus­se­run­gen von We­ge­lin-part­ner Kon­rad Humm­ler in der Zei­tung «Sonn­tag»: «Wir wur­den Op­fer ei­ner grös­se­ren Sa­che.»

Ber­ner Pi­rou­et­te

Man­che Ban­ken re­agie­ren ir­ri­tiert auf die Ber­ner Pi­rou­et­te, sie se­hen ih­re Be­mü­hun­gen un­ter­lau­fen, den Kon­flikt mit den USA zu ent­schär­fen. Dies, zu­mal nicht al­le Ban­ken den Schutz der Kun­den­be­ra­ter gleich prio­ri­tär an­se­hen. «Die neu­er­li­che Auf­re­gung hilft der Sa­che nicht», wird ver­merkt. Lang­sam wer­den Zwei­fel an der Ver­hand­lungs­tak­tik und dem Ver­hand­lungs­man­dat laut. «Kei­ne Wäl­le auf­schüt­ten, die man nach­her so­wie­so schlei­fen muss», heisst es.

Die Tak­tik der Schweiz, die von aussen be­trach­tet wie ei­ne Ver­zö­ge­rungs­tak­tik aus­se­hen muss, ist so ge­se­hen kon­tra­pro­duk­tiv. Die Schweiz stellt sich of­fen­bar quer, ob­wohl die ver­lang­ten In­for­ma­tio­nen frü­her oder spä­ter im Rah­men oder Amts- und Rechts­hil­fe oder dann dem um­fas­sen­den Re­gel­werk Fatca den Weg in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten fin­den wer­den.

An­de­re Be­ob­ach­ter wei­sen ir­ri­tiert dar­auf hin, dass nun wohl er­neut rück­wir­kend das Ge­setz ge­bro­chen wird. Zu­erst wer­den die ver­schlüs­sel­ten Da­ten ge­lie­fert, dann wird das Ge­setz (Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kom­men) an­ge­passt, dann wird der Schlüs­sel für die Ver­gan­gen­heit nach­ge­lie­fert. Für das Vor­ge­hen der USA wird viel Ver­ständ­nis auf­ge­bracht. Dem­ge­gen­über feh­le in der Schweiz of­fen­sicht­lich ei­ne Stra­te­gie. Es sei na­iv, den Ame­ri­ka­nern so vie­le Da­ten zu lie­fern, heisst es an­de­ren­orts. Die Us-be­hör­den wür­den die­se auf bru­tals­te Wei­se aus­wer­ten, auch in fünf Jah­ren noch.

Bri­se, aber noch kein Sturm: Im Us-steu­er­streit lie­fert Bern die ver­lang­ten Da­ten.

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