«Phar­ma­kon­zer­ne ho­len sich Nach­schub ex­tern»

SCHWEIZ Nat­ha­lie Flu­ry von Swiss & Glo­bal As­set Mgmt. zur Über­nah­me­wel­le im Ge­sund­heits­sek­tor

Finanz und Wirtschaft - - UNTERNEHMEN - DO­MI­NIK FELDGES

Gi­lead Sci­en­ces kauft Phar­mas­set für 11 Mrd. $, Bris­tol-my­ers Squibb für 2,5 Mrd. In­hi­bitex, Am­gen bie­tet 1,16 Mrd. $ für Mi­cro­met und Ro­che will Il­lu­mi­na für 5,7 Mrd. $: Die Über­nah­me­wel­le im Ge­sund­heits­sek­tor reisst seit ver­gan­ge­nem No­vem­ber nicht ab. Nat­ha­lie Flu­ry, die für Swiss & Glo­bal As­set Ma­nage­ment un­ter dem Dach des von Ju­li­us Bär ab­ge­spal­te­nen Ver­mö­gens­ver­wal­ters GAM den JB Bio­tech Fund und – mit Chris­to­phe Egg­mann – den brei­ter auf­ge­stell­ten JB He­alth Op­por­tu­nities Fund führt, ist dar­über nicht er­staunt. Ge­sund­heits­kon­zer­ne hät­ten kei­ne an­de­re Wahl, als durch In­no­va­tio­nen zu wach­sen. Und wenn in­tern – wie der­zeit in vie­len Phar­ma­kon­zer­nen – nicht ge­nug Nach­schub vor­han­den sei, müss­ten die Neu­hei­ten durch Zu­käu­fe be­schafft wer­den, be­tont die pro­mo­vier­te Bio­che­mi­ke­rin im Ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft».

Nach An­sicht von Flu­ry ist der Bio­tech­no­lo­gie­sek­tor «die In­no­va­ti­ons­schmie­de der Ge­sund­heits­bran­che». Fakt sei, dass zwei Drit­tel der zum Ver­kauf zu­ge­las­se­nen Phar­ma­pro­duk­te ur­sprüng­lich von Bio­tech-un­ter­neh­men ent­wi­ckelt wor­den sei­en. In­so­fern kommt es für die Fonds­ma­na­ge­rin auch nicht über­ra­schend, dass im Fall der vier jüngs­ten Über­nah­me­ver­su­che drei auf Bio­tech-fir­men ent­fal­len.

An Gi­lead fest­ge­hal­ten

Phar­mas­set und In­hi­bitex ha­ben sich bei­de in der Ent­wick­lung von Me­di­ka­men­ten ge­gen die Vi­rus­er­kran­kung He­pa­ti­tis C her­vor­ge­tan. «In die­sem Markt herrsch­te bis vor kur­zem Nul­lin­no­va­ti­on», gibt Flu­ry zu be­den­ken. Sie räumt ein, dass die ame­ri­ka­ni­schen Phar­ma­kon­zer­ne Gi­lead und Bris­tol-my­ers ho­he Prä­mi­en für die bei­den Ak­qui­si­tio­nen zu zah­len be­reit sei­en. Gi­lead ge­hört mit ei­nem An­teil von 5,4% zu den fünf gröss­ten Po­si­tio­nen im JB Bio­tech Fund. Flu­ry ist froh, an ih­rem En­ga­ge­ment fest­ge­hal­ten zu ha­ben. Seit der Be­kannt­ga­be der Phar­mas­set-über­nah­me sind die Ti­tel 22% ge­stie­gen. An Gi­lead schätzt Flu­ry die lang­jäh­ri­ge Kon­stanz im Ma­nage­ment und die Be­reit­schaft, mit In­ves­to­ren auch bei Pro­ble­men of­fen zu kom­mu­ni­zie­ren. Dank Phar­mas­set ma­che die auf Aids-me­di­ka­men­te aus­ge­rich­te­te Grup­pe ei­nen wich­ti­gen Di­ver­si­fi­ka­ti­ons­schritt.

Am­gen wird zwar selbst dem Bio­tech­Sek­tor zu­ge­rech­net, doch ist der Kon­zern in­zwi­schen wie die meis­ten gros­sen Phar­ma­gesell­schaf­ten mit aus­lau­fen­den Pa­ten­ten für um­satz­träch­ti­ge Pro­duk­te kon­fron­tiert und muss sich ex­tern nach Nach­schub um­se­hen. Mi­cro­met bie­tet Am­gen Wachs­tums­chan­cen mit neu­ar­ti­gen An­ti­kör­per-krebs­me­di­ka­men­ten.

Il­lu­mi­na ist im Dia­gnos­tik­markt ak­tiv, hat ih­re In­no­va­ti­ons­kraft dort mit Ge­rä- ten zur Gen­se­quen­zie­rung aber eben­falls un­ter Be­weis ge­stellt. Für Flu­ry ist ent­schei­dend, dass sich die Wo­gen im we­gen des feind­li­chen Ro­che-über­nah­me­an­ge­bots auf­ge­brach­ten Il­lu­mi­na-ma­nage­ment bald glät­ten und Leis­tungs­trä­ger vor dem Ab­sprung be­wahrt wer­den. «Ro­che wird si­cher ver­su­chen, den Il­lu­mi­na-mit­ar­bei­tern wei­ter­hin ein at­trak­ti­ves Ar­beits­um­feld zu bie­ten.»

Die ehe­ma­li­ge For­sche­rin am Bio­zen­trum der Uni­ver­si­tät Ba­sel und am Zürcher Uni­ver­si­täts­spi­tal er­in­nert an die ge­lun­ge­ne In­te­gra­ti­on von Gen­en­tech durch Ro­che. Gen­en­tech gel­te dank ei­ner Viel­zahl von Ta­len­ten, ex­zel­len­ter Aus­rüs­tung und bes­ter Ver­bin­dun­gen zu Fach­kon­gres­sen nach wie als «Gold­stan­dard» für For­scher.

Ver­steht CEO «Sci­ence»?

Ob­wohl Nat­ha­lie Flu­ry mit ei­ner Rei­he wei­te­rer Ak­qui­si­tio­nen im Ge­sund­heits­sek­tor rech­net, setzt sie in der Ak­ti­en­aus­wahl nicht be­wusst auf Über­nah­me­kan­di­da­ten. Aus­schlag­ge­bend sind für sie aus-

Die Be­wer­tung des Ge­sund­heits­sek­tors ist von Über­trei­bun­gen nach wie vor weit ent­fernt.

ser dem Po­ten­zi­al der Pro­duk­te die Qua­li­tät des Ma­nage­ments und das Be­wer­tungs­ni­veau. Sie schätzt es, wenn die Ma­na­ger ei­nes Un­ter­neh­mens von ih­rer Aus­bil­dung her die For­schungs­ar­beit hin­ter den Pro­duk­ten, die «Sci­ence», im De­tail ver­ste­hen und auch die Ar­beit der Wett­be­wer­ber klar zu ana­ly­sie­ren ver­mö­gen. Was die Be­wer­tun­gen im Ge­sund­heits­sek­tor be­trifft, ist der Markt nach Ein­schät­zung von Flu­ry nach wie vor von Über­trei­bun- gen weit ent­fernt. 2011 schnitt der MSCI He­alt­hca­re In­dex, der die Ent­wick­lung der ge­wich­tigs­ten Ge­sund­heits­wer­te welt­weit ab­bil­det, mit ei­nem Zu­wachs von fast 10% von al­len Bran­chen am bes­ten ab. Den­noch hat sich das für den Sek­tor er­rech­ne­te Kurs-ge­winn-ver­hält­nis 2012 erst auf dem Stand von 10 sta­bi­li­siert. En­de der Neun­zi­ger­jah­re, auf dem Hö­he­punkt des Phar­m­a­booms, wur­den bis zu 35-mal der er­war­te­te Ge­winn be­zahlt (vgl. Gra­fik).

Flu­ry ist über­zeugt, dass An­la­gen in der Ge­sund­heits­bran­che wei­te­ren Bo­den gut ma­chen, zu­mal der Sek­tor in ei­nem gut vor­her­seh­ba­ren Ge­schäft an­ge­sie­delt ist: «Die Me­di­ka­men­ten­ein­nah­me von Pa­ti­en­ten chro­ni­scher Er­kran­kun­gen hängt nicht da­von ab, ob es der Wirt­schaft gut geht.» An­ge­spro­chen auf die gröss­ten Ri­si­ken nennt die Fonds­ma­na­ge­rin die stark ge­stie­ge­nen An­for­de­run­gen an die Zu­las­sung neu­er Me­di­ka­men­te und den Preis­druck. Die Dis­kus­si­on dar­über, was Ge­sund­heit kos­ten dür­fe, wer­de sich eher noch in­ten­si­vie­ren. Doch auch hier zeigt sich nach An­sicht von Flu­ry die über­ra­gen­de Be­deu­tung von In­no­va­tio­nen: «Wer die Le­bens­qua­li­tät von Pa­ti­en­ten spür­bar ver­bes­sert, kann wei­ter­hin an­spre­chen­de Prei­se ver­lan­gen.»

Fonds­ma­na­ge­rin und Bio­che­mi­ke­rin Flu­ry.

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