Eu­ro­pa feh­len die ge­sun­den In­stink­te Nord­ame­ri­kas

Der His­to­ri­ker Niall Fer­gu­son ist skep­tisch, was die Lern­fä­hig­keit eu­ro­päi­scher Po­li­ti­ker be­trifft – Un­ter­halt­sam-lehr­rei­cher Kul­tur­pes­si­mis­mus

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - MAN­FRED RÖSCH

Die Ame­ri­ka­ner ha­ben noch den rich­ti­gen In­stinkt: In der Not nicht gleich das fer­ne Washington DC um Un­ter­stüt­zung bit­ten, son­dern ver­su­chen, sich selbst zu hel­fen. Da­her ist Niall Fer­gu­son für die län­ger­fris­ti­ge­re Zu­kunft Nord­ame­ri­kas zu­ver­sicht­li­cher als für die­je­ni­ge des Al­ten Kon­ti­nents. Von den Eu­ro­pä­ern wünscht er sich, er könn­te über sie das­sel­be sa­gen wie über die im Kern ge­sun­de Psy­che des Durch­schnitts­ame­ri­ka­ners. Fer­gu­son hegt je­doch gros­se Zwei­fel an der Fä­hig­keit Eu­ro­pas, die Pro­ble­me rich­tig an­zu­pa­cken.

So lässt sich die Ant­wort auf die Fra­gen zu­sam­men­fas­sen, die sich der His­to­ri­ker, der in Har­vard und Ox­ford lehrt, am Mon­tag vor gros­sem Pu­bli­kum an der Uni­ver­si­tät Zü­rich stell­te: «Can Eu­ro­pe col­lap­se? And might Ame­ri­ca be next?» Fer­gu­son, der ein pro­duk­ti­ver und auch für ei­ne Le­ser­schaft fern des El­fen­bein­turms zu­gäng­li­cher Au­tor ist, hat sich nicht zu­letzt mit sei­nem jüngs­ten Werk «Der Wes­ten und der Rest der Welt» für die Vor­trags­rei­he des Schwei­ze­ri­schen In­sti­tuts für Aus­land­for­schung emp­foh­len.

We­der in der rand­vol­len Au­la (plus per Vi­deo an­ge­schlos­se­nem Hör­saal!) noch in die­sem Buch stellt er ein­deu­ti­ge Vor­her­sa­gen an. Doch ge­ra­de was Eu­ro­pa be­trifft, liess sich eben ein ge­wis­ser Kul­tur­pes­si- mis­mus her­aus­hö­ren. Über­haupt ver­wen­det Fer­gu­son den Be­griff Fort­schritt nicht. So sei das In­ter­net zwar von Nut­zen, doch vor lau­ter elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten wach­se ei­ne Ge­ne­ra­ti­on her­an, die SMS statt Tol­stoi le­se.

Ost: Down­load. West: De­le­te

Fer­gu­son stört es kei­nes­wegs, dass asia­ti­sche und la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Län­der, al­len vor­an Chi­na, nun­mehr mit Er­folg Re­zep­te an­wen­den, dank de­nen der Wes­ten seit rund ei­nem hal­ben Jahr­tau­send die Welt zu­neh­mend prägt – oder ge­prägt hat. Im Ge­gen­teil: Er spricht von sechs Me­tho­den, «Kil­ler Apps» im Jar­gon der Jun­gen und Jung­ge­blie­be­nen, von de­nen die­se er­star­ken­den Län­der fünf an­wen­den, «down­loa­den». Ver­kürzt sind das Wett­be­werb, Wis­sen­schaft, Me­di­zin, Kon­sum­ge­sell­schaft, Ar­beits­ethos.

Fer­gu­sons Be­den­ken gel­ten dem Um­stand, dass die sechs­te Me­tho­de, Rechts­staat und De­mo­kra­tie («Ru­le of Law»), na­ment­lich in Chi­na nicht an­ge­wen­det wird, sein Är­ger aber der Dia­gno­se, dass der Wes­ten die sechs Tu­gen­den ver­nach­läs­sigt, ja gar auf «De­le­te» schal­tet.

Die tie­fe­re Ur­sa­che von Eu­ro­pas Schwie­rig­kei­ten wie der Staats­über­schul­dung, der Ban­ken­pro­ble­me, der in­fle­xi­blen Ar­beits­märk­te sei­en letz­ten En­des un­zu­läng­lich agie­ren­de In­sti­tu­tio­nen, im Kl­ar­text al­so ei­ne schlech­te Re­gie­rung. Und just auf der Über­le­gen­heit der In­sti­tu­tio­nen, der Be­weg­lich­keit klei­ne­rer Kör­per­schaf­ten (ver­g­li­chen et­wa mit dem star­ren Mo­loch des chi­ne­si­schen Kai­ser­tums), grün­de des Westens Auf­stieg, der vor rund ei­nem hal­ben Jahr­tau­send ein­setz­te. De­ge­ne­ra­ti­ons­er­schei­nun­gen sei­en nun be­son­ders an der süd­li­chen Pe­ri­phe­rie Eu­ro­pas zu er­ken­nen. Fer­gu­son ver­wies et­wa auf lau­si­ge Go­ver­nan­ce-wer­te Ita­li­ens (vgl. da­zu die In­fo­gra­fik «Was zählt», Sams­tag­aus­ga­be, Sei­te 2).

Nicht oh­ne ei­ne ge­wis­se Bit­ter­keit hielt Fer­gu­son dem ent­ge­gen, dass die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas ei­ne knall­har­te Me­ri­to­kra­tie sei: Wer dort auf­ge­nom­men wer­den und vor­an­kom­men wol­le, müs­se stren­ge Ex­amen be­ste­hen, was sich von Eu­ro­pas Po­li­ti­kern nicht be­haup­ten las­se.

Grund­le­gen­de po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­che Nord-süd-di­ver­gen­zen in der EU, die weit über das Aus­ein­an­der­klaf­fen der Leis­tungs­bi­lan­zen und der Lohn­stück­kos­ten hin­aus­wei­sen, las­sen sich Fer­gu­son zu­fol­ge nicht mit dem An­wen­den deut­scher Ar­beits­ge­set­ze auf Grie­chen­land lö­sen, schon gar nicht mit Aus­te­ri­tät.

Das vi­el­leicht er­staun­lichs­te Ka­pi­tel in Fer­gu­sons Buch deu­tet eben­falls auf die Er­folgs­vor­aus­set­zun­gen jen­seits von An­ge­bot und Nach­fra­ge hin. Ver­blüf­fend ist nicht, dass er Max We­bers The­se vom pro­tes­tan­ti­schen Ar­beits­ethos an­spricht, son­dern viel­mehr der Hin­weis dar­auf, dass ge­gen­wär­tig christ­li­che Kir­chen in Chi­na of­fen­bar enor­men Zu­lauf ha­ben. Der­weil wird der Wes­ten agnos­tisch, be­zeich­nen­der­wei­se vor al­lem Eu­ro­pa, weit we­ni­ger Nord­ame­ri­ka. Dort gibt es eben kei­ne Staats­kir­chen, son­dern Wett­be­werb auch in re­li­giö­sen Be­lan­gen.

«Bun­des­re­pu­blik Eu­ro­pa»

Fer­gu­son hat am Welt­wirt­schafts­fo­rum in Da­vos Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel auf­merk­sam zu­ge­hört. Ge­fragt nach ih­rer Vi­si­on für die EU in zwan­zig Jah­ren ha­be sie das Mo­dell ei­ner «Bun­des­re­pu­blik Eu­ro­pa» skiz­ziert. Re­gie­ren wer­de die EUKom­mis­si­on, das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment wer­de weit­rei­chen­de Kom­pe­ten­zen er­hal­ten, der Mi­nis­ter­rat wer­de zur Län­der­kam­mer. Das kön­ne plau­si­bel, ja wünsch­bar sein, doch feh­le es der deut­schen Po­li­tik an der Lo­gik, sonst müss­te sie sich für ei­ne Trans­fer­uni­on und Eu­ro­zo­ne-an­lei­hen ein­set­zen, kri­ti­sier­te Fer­gu­son.

Gross­bri­tan­ni­ens Pre­mier Da­vid Ca­me­ron da­ge­gen ha­be klar­ge­macht, dass London ei­ne fö­de­ra­le EU zwar be­grüs­se, doch nicht dar­an teil­neh­men wer­de. Da­mit ha­be sich London erst­mals seit Jahr­zehn­ten von der ge­wohn­ten zwei­deu­ti­gen Po­si­ti­on – halb­her­zig mit­ma­chen – zu ei­ner ein­deu­ti­gen durch­ge­run­gen.

Der gros­se Pu­bli­kums­auf­marsch dürf­te der me­dia­len Vor­be­rei­tung und dem Sta- tus Fer­gu­sons qua­si als Pop­star der Ge­schichts­schrei­bung zu ver­dan­ken sein, be­legt je­doch eben­so, dass die Fra­ge, wes­halb der Wes­ten auf dem Glo­bus re­la­tiv an Ge­wicht ver­liert und wo­hin er steu­ert, vie­le Zeit­ge­nos­sen um­treibt. Im­mer­hin.

Nichts ist Zu­fall: Fer­gu­son ist ge­bür­ti­ger Schot­te, aus dem Lan­de von Adam Smith, des Moral­phi­lo­so­phen und Be­grün­ders der Wirt­schafts­wis­sen­schaft. In die­ser Tra­di­ti­on sieht sich Fer­gu­son nicht oh­ne Stolz. Der Spe­zia­list für die Ge­schich­te des Im­pe­ria­lis­mus und Fach­mann der Fi­nanz- und Wirt­schafts­his­to­rie äus­sert sich münd­lich wie schrift­lich er­fri­schend un­ver­blümt – läp­pi­sche «Po­li­ti­cal Cor­rect­ness» ist von ihm nicht zu be­fürch­ten, er ist ent­schie­den un­links und mo­disch-west­li­cher Selbst­zer­knir­schung völ­lig ab­hold.

Ge­pfef­fer­te Bon­mots streut Fer­gu­son reich­lich ein (so nennt er Russ­land nicht, wie einst Kanz­ler Hel­mut Schmidt, ein «Ober­vol­ta mit Ra­ke­ten», son­dern ein «Ni­ge­ria mit Schnee»). Auch da­nach hun­gert das vom geist­tö­ten­den Main­stream an­ge­öde­te Seg­ment der Be­völ­ke­rung.

Fer­gu­son schloss trotz al­ler Skep­sis auf ei­ner op­ti­mis­ti­schen No­te: Nord­ko­rea, so sag­te er, wer­de es in zehn Jah­ren nicht mehr ge­ben. Das Re­gime in Pjöngjang be­zeich­ne­te er als ei­ne Mi­schung aus Ir­ren­haus und Räu­ber­höh­le. Un­di­plo­ma­tisch, da­für punkt­ge­nau, wie Fer­gu­son ge­ne­rell.

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