«Eu­ro­pa ist hart ge­nug»

STE­PHEN S. ROACH Für den Ya­le-do­zen­ten und Vor­sit­zen­den von Mor­gan St­an­ley Asia sind har­te Aus­te­ri­täts­mass­nah­men für Sü­d­eu­ro­pa un­er­läss­lich

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT -

Wachs­tum in Eu­ro­pa gibt es nur, wenn in den Pe­ri­phe­rie­län­dern ein grund­le­gen­der Struk­tur­wan­del statt­fin­det. Ste­phen S. Roach, Do­zent an der Uni­ver­si­tät Ya­le und nicht ge­schäfts­füh­ren­der Vor­sit­zen­der von Mor­gan St­an­ley Asia zieht Leh­ren aus der asia­ti­schen Fi­nanz­kri­se und hält nichts da­von, Li­qui­di­tät in das Ban­ken­sys­tem zu pum­pen. Mit­tels Fi­nan­ci­al En­gi­nee­ring und un­an­ge­brach­ter Me­tho­den kön­ne kein Wachs­tum er­zeugt wer­den. «Der Eu­ro bricht nicht aus­ein­an­der. Aber Aus­te­ri­tät und Trans­fer­zah­lun­gen sind nö­tig.» Roach traf sich wäh­rend des World Eco­no­mic Fo­rum mit «Fi­nanz und Wirt­schaft» in der Pa­na­sia Gal­le­ry in Da­vos zum Ge­spräch. Herr Roach, wo­her soll das von Öko­no­men und Po­li­ti­kern ge­for­der­te Wirt­schafts­wachs­tum stam­men? Bis Mitte der Acht­zi­ger­jah­re hat­ten wir ei­ne Pha­se fun­da­men­ta­len Wachs­tums. Die Wirt­schaft wuchs und war auf Pro­duk­ti­vi­tät und Wett­be­werbs­fä­hig­keit aus­ge­rich­tet. Kaum je­mand leb­te über sei­ne Ver­hält­nis­se. Dann schwäch­te sich das Wirt­schafts­wachs­tum der In­dus­trie­staa­ten ab, der Rest der Welt hol­te auf, tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt fand ei­ne wei­te Ver­brei­tung, und die Be­völ­ke­rung be­gann zu al­tern. Es wur­de für die pro­spe­rie­ren­den, ent­wi­ckel­ten Volks­wirt­schaf­ten viel schwie­ri­ger, auf ih­rem ge­wohn­ten Wachs­tums­pfad zu blei­ben. Fi­nanz­kri­se En­de der Neun­zi­ger­jah­re ih­ren Hö­he­punkt fan­den. Die Län­der wur­den ge­zwun­gen, den vom In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds und der Welt­bank pro­pa­gier­ten Washington Con­sen­sus an­zu­neh­men, der die Um­set­zung sehr stren­ger Mass­nah­men for­der­te, um die Wirt­schaf­ten wie­der auf­zu­bau­en und struk­tu­rel­len Wan­del durch­zu­set­zen. Asi­en ging durch mas­si­ve Aus­te­ri­täts­pro­gram­me, wie sie nun für süd­eu­ro­päi­sche Län­der dis­ku­tiert wer­den – mit Er­folg. Wie ha­ben die asia­ti­schen Län­der da­mals auf die auf­er­leg­ten Aus­te­ri­täts­pro­gram­me re­agiert? Ich lei­te­te am Wef ein Se­mi­nar über den neu­en Kon­text in Asi­en. Es nah­men Po­li­ti­ker und Füh­rungs­kräf­te aus Ma­lay­sia, In­do­ne­si­en, Ko­rea, Thai­land, Ja­pan und Chi­na dar­an teil. Sie al­le sag­ten, die spä­ten Neun­zi­ger­jah­re sei­en ei­ne schreck­li­che Pe­ri­ode ge­we­sen, sie al­le hät­ten gröss­te Vor­be­hal­te ge­gen­über den stren­gen Aus­te­ri­täts­pro­gram­men gehabt. Im Rück­blick sei­en die­se je­doch das bes­te ge­we­sen, was je pas­siert sei. Die Län­der sind heu­te stolz, wie­der zu wach­sen. Sie be­für­wor­ten al­so die von An­ge­la Mer­kel ge­for­der­ten Aus­te­ri­täts­mass­nah­men für Sü­d­eu­ro­pa? Sie sind un­er­läss­lich. Man kann doch nicht hof­fen, die Pro­ble­me in Eu­ro­pa zu lö­sen, in­dem Li­qui­di­tät in die Ban­ken ge­pumpt wird. Grie­chen­land, Spa­ni­en und Por­tu­gal sind ein­fach nicht kon­kur­renz­fä­hig. Se­hen Sie ei­ne lang­fris­ti­ge Stra­te­gie für die eu­ro­päi­sche Wäh­rungs­uni­on, oder wird sie frü­her oder spä­ter aus­ein­an­der­bre­chen? Sie wird nicht aus­ein­an­der­bre­chen. Sie ist ei­ne fun­da­men­ta­le Prä­mis­se der Po­li­tik der Ver­ei­ni­gung. Was fehlt, ist der fis­ka­li­sche Teil. Braucht es ei­ne Fis­kal­uni­on? Es braucht de­fi­ni­tiv ein grös­se­res fis­ka­li­sches Trans­fer­sys­tem so­wie mehr Mo­bi­li­tät der Ar­beits­kräf­te. Der Mecha­nis­mus, Ver­mö­gen von ei­nem Staat in ei­nen an­de­ren zu trans­fe­rie­ren, fehlt. Die­ses Pro­blem muss an­ge­gan­gen wer­den. Ein lo­ser Ver­band au­to­no­mer Staa­ten, die ei­ge­ne In­ter­es­sen ver­fol­gen und sich in ih­rer Wett­be­werbs­fä­hig­keit un­ter­schei­den – das ruft gra­vie­ren­de Frik­tio­nen an den Ka­pi­tal­märk­ten her­vor. Ist der Eu­ro öko­no­misch sinn­voll? In dreis­sig Jah­ren wer­den Wirt­schafts­his­to­ri­ker und Po­li­ti­ker zu­rück­bli­cken und den Eu­ro und die Wäh­rungs­uni­on als Durch­bruch be­zeich­nen. Die jet­zi­ge Pha­se wird als Wen­de­punkt für Eu­ro­pa gel­ten, als die Zeit, in der Eu­ro­pa sich sei­nen struk­tu­rel­len Pro­ble­men stell­te – so wie das Asi­en En­de der Neun­zi­ger­jah­re ge­macht hat. Kri­se be­deu­tet im chi­ne­si­schen Ge­fahr und Chan­ce – Chan­ce, für

Ste­phen S. Roach: «In dreis­sig Jah­ren wird die Wäh­rungs­uni­on als Durch­bruch be­zeich­net.»

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