Wie sich Asi­en nach der Kri­se zu­rück­mel­de­te

Staats­schul­den wa­ren in der Asi­en­kri­se kein Pro­blem – Par­al­le­len zur Eu­ro­kri­se gibt es den­noch

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - PE­TER ROHNER

Die Län­der Süd­ost­asi­ens wis­sen, was es be­deu­tet, sich mit in­ter­na­tio­na­ler Hil­fe und von aussen dik­tier­ten, teils un­po­pu­lä­ren Mass­nah­men nach ei­nem Sturz wie­der auf­zu­raf­fen. Die Ret­tungs­pro­gram­me des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) zur Be­wäl­ti­gung der Asi­en­kri­se in den Jah­ren 1997 und 1998 wa­ren we­gen ih­rer schmerz­haf­ten Auf­la­gen höchst um­strit­ten, im Nach­hin­ein be­trach­tet, aber er­folg­reich (vgl. In­ter­view S. 23). Die Fi­nanz­märk­te sta­bi­li­sier­ten sich in Thai­land und Süd­ko­rea schon An­fang 1998, spä­ter auch in In­do­ne­si­en. Be­reits ein Jahr nach dem Ein­grei­fen der in­ter­na­tio­na­len Geld­ge­ber fan­den die be­trof­fe­nen Staa­ten wie­der auf ei­nen stei­len Wachs­tums­pfad zu­rück (vgl. Gra­fik).

Um­fas­sen­de Mass­nah­men

Als Fol­ge des Ver­trau­ens­ver­lusts sei­tens der in­ter­na­tio­na­len Märk­te und spe­ku­la­ti­ver An­grif­fe auf die Wäh­run­gen wur­de der IWF 1997 von den von der Kri­se be­son­ders be­trof­fe­nen Staa­ten Thai­land und Süd­ko­rea und spä­ter auch vom an­ge­steck­ten In­do­ne­si­en um fi­nan­zi­el­le Hil­fe an­ge­fragt. Die Ret­tungs­pro­gram­me wa­ren auf die Be­dürf­nis­se der Län­der zu­ge­schnit­ten und wur­den den Be­din­gun­gen mehr­mals an­ge­passt. Sie um­fass­ten Fi­nan­zie­rung, ma­kro­öko­no­mi­sche Mass­nah­men und schmerz­haf­te Struk­tur­re­for­men.

Zu den be­deu­tends­ten ma­kro­öko­no­mi­schen Mass­nah­men ge­hör­te die Straf­fung der Geld­po­li­tik, um die Ab­wärts­spi­ra­le der Wäh­rung zu durch­bre­chen und In­fla­ti­on zu ver­hin­dern. Zu die­sem Schritt riet der IWF, als die von ihm in ei­ner ers­ten Pha­se ein­ge­lei­te­te kon­trol­lier­te Frei­ga­be des thai­län­di­schen Bahts zu ei­ner un­er­war­tet star­ken Ab­wer­tung der Wäh­rung führ­te. In ei­ner Wirt­schafts­kri­se die Zin­sen zu er­hö­hen, war ei­ne sehr um­strit­te­ne For­de­rung, denn es er­schwer­te die La­ge der Ban­ken und Un­ter­neh­men zu­sätz­lich. Doch die hö­he­ren Zin­sen ver­fehl­ten die Wir­kung auf den Wech­sel­kurs nicht, das Ver­trau­en in die Wäh­rung wur­de wie­der­her­ge­stellt, und die Zin­sen konn­ten schon bald auf ein nor­ma­les Ni­veau zu­rück­ge­führt wer­den. Die Ret­tungs­pro­gram­me setz­ten auch bei der Fis­kal­po­li­tik der Län-

Wech­sel­kur­se der an. Al­ler­dings stan­den schar­fe Aus­te­ri­täts­mass­nah­men nicht im Mit­tel­punkt. Es ging mehr dar­um, zu ver­hin­dern, dass die Staa­ten die dar­nie­der­lie­gen­de Wirt­schaft mit schul­den­fi­nan­zier­ten Staats­aus­ga­ben an­zu­kur­beln ver­such­ten.

Im Un­ter­schied zur Kri­se in der Eu­ro­zo­ne wa­ren die asia­ti­schen Staa­ten wäh­rend der Asi­en­kri­se nicht mit ei­ner Über­schul­dung der öf­fent­li­chen Hand kon­fron­tiert, das Haupt­pro­blem war die ho­he Fremd­ver­schul­dung der Un­ter­neh­men und Ban­ken. Die zu Be­ginn re­strik­ti­ven fis­kal­po­li­ti­schen Auf­la­gen wur­den zu­dem mit zu­neh­men­der Ver­schär­fung des wirt­schaft­li­chen Ab­schwungs ge­lo­ckert: Für Thai­land, das schon vor Aus­bruch der Asi­en­kri­se ein Haus­halts­de­fi­zit auf­wies, wur­de die ur­sprüng­lich vom IWF ge­for­der­te De­fi­zit­gren­ze von 1% bis April 1999 auf 6% er­höht.

Die wich­tigs­ten Struk­tur­re­for­men be­tra­fen den Fi­nanz­sek­tor. In al­len un­ter­stütz­ten Staa­ten muss­ten zah­lungs­un­fä­hi­ge Ban­ken ge­schlos­sen wer­den, nur die In­sti­tu­te mit Über­le­bens­chan­cen wur­den re­ka­pi­ta­li­siert, auch mit staat­li­chem Ka­pi­tal. Gleich­zei­tig wur­de die Fi­nanz­markt­auf­sicht und die Re­gu­lie­rung ver­stärkt und den in­ter­na­tio­na­len Stan­dards an­ge­passt. Ein wei­te­rer we­sent­li­cher Schritt war die Um­struk­tu­rie­rung der Un­ter­neh­mens­schul­den. Zu­sätz­li­che Ele­men­te der Re­for­men wa­ren Mass­nah­men zur Ver­bes­se­rung der Trans­pa­renz im Fi­nanz-, Un­ter­neh­mens- und Staats­sek­tor, die Stär­kung des Wett­be­werbs und Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung. Zum Schutz der Be­völ­ke­rung dien­te in ers­ter Li­nie der Aus­bau der So-

Wachs­tum des BIP zi­al­net­ze und die Sub­ven­tio­nie­rung über­le­bens­wich­ti­ger Grund­gü­ter.

Die Asi­en­kri­se war kei­ne Staats­schul­den­kri­se. Auch war der vor­aus­ge­gan­ge­ne Boom nicht bloss dem kre­dit­fi­nan­zier­ten Kon­sum zu­zu­schrei­ben. Die Spar- und In­ves­ti­ti­ons­quo­te wa­ren hoch. Das Wachs­tum stand auf so­li­den Füs­sen und wur­de erst in den Neun­zi­ger­jah­ren durch die ra­sche Zu­nah­me an aus­län­di­scher Fi­nan­zie­rung zu­sätz­lich an­ge­heizt. Zu­dem be­fan­den sich die asia­ti­schen Ti­ger auf ei­ner tie­fe­ren Ent­wick­lungs­stu­fe als die ge­sät­tig­ten Volks­wirt­schaf­ten in Eu­ro­pa und pro­fi­tier­ten von ei­ner Aus­wei­tung der ar­bei­ten­den Be­völ­ke­rung.

Par­al­le­len zur Eu­ro­kri­se

Ei­ne ent­schei­den­de Par­al­le­le zur Eu­ro­zo­ne war je­doch die Tat­sa­che, dass die asia­ti­schen Wäh­run­gen vor der Kri­se an den Dol­lar ge­bun­den wa­ren. De fac­to wa­ren auch sie in ei­ner Wäh­rungs­uni­on und ver­schul­de­ten sich in ei­ner Wäh­rung, die sie geld­po­li­tisch nicht be­ein­flus­sen konn­ten. Das ge­rin­ge Wäh­rungs­ri­si­ko be­güns­tig­te spe­ku­la­ti­ves Ka­pi­tal und ei­nen Im­mo­bi­li­en­boom.

Als durch ex­ter­ne Schocks – un­ter an­de­rem die Auf­wer­tung des Dol­lars – das Ver­trau­en er­schüt­tert wur­de, ver­sieg­ten die ex­ter­nen Fi­nan­zie­rungs­quel­len schlag­ar­tig. In Asi­en war da­mals die Auf­lö­sung der Dol­lar­an­bin­dung die Kon­se­quenz. Oh­ne die Ab­wer­tung der Wäh­rung wä­re die Kri­se wohl we­ni­ger schnell ge­meis­tert wor­den. Da­von ist man in Eu­ro­pa aber noch weit ent­fernt.

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