«Eu­ro­pa ist hart ge­nug»

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - IN­TER­VIEW: ELI­SA­BETH TES­TER

nicht schnell ge­nug um­setzt. Mich be­un­ru­higt das lang­sa­me Tem­po, in dem der Auf­bau der so­zia­len Si­cher­heits­net­ze vor­an­ge­trie­ben wird. Die Re­gie­rung schafft neue Stel­len, vor al­lem im Di­enst­leis­tungs­sek­tor, und das Pro-kopf-ein­kom­men steigt durch die Ur­ba­ni­sie­rung. Aber die­ses Ein­kom­men wird nach wie vor ge­spart, da So­zi­al­wer­ke weit­ge­hend feh­len. Und die ex­ter­ne Ge­fahr? Da gibt es zwei Ge­fah­ren­her­de: Den Zu­sam­men­bruch der eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­uni­on, wor­an ich nicht glau­be, und dass Washington ei­ne pro­tek­tio­nis­ti­sche Po­li­tik be­treibt. Die Kräf­te, die in die­se Rich­tung zie­len, sind in­ten­siv, vor al­lem in ei­nem Wahl­jahr. Wel­che Fol­gen hät­te der Zu­sam­men­bruch der Wäh­rungs­uni­on für Chi­na? Fällt Eu­ro­pa in ei­ne Re­zes­si­on und bricht der Kon­sum ein, hät­te das ver­hee­ren­de Fol­gen für Chi­nas Ex­por­te. Wäh­rungs­fonds­che­fin Chris­ti­ne La­g­ar­de be­zif­fert die Fol­gen ei­nes un­ge­ord­ne­ten Aus­stiegs Grie­chen­lands mit ei­ner Kon­trak­ti­on der eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­leis­tung von 4% in die­sem Jahr und 4% im nächs­ten. Wie vie­le Jah­re wer­den wir brau­chen, um die Kri­se zu be­wäl­ti­gen? Ich stim­me Car­men Rein­hart und Kenneth Rog­off zu, dass die Nach­wir­kun­gen sol­cher Kri­sen lan­ge an­dau­ern. Aber das be­deu­tet nicht, sich an die Sei­ten­li­nie zu be­ge­ben und ab­zu­war­ten.

Was emp­feh­len Sie? Ver­schie­de­ne Re­zep­te für ver­schie­de­ne Län­der – den Sek­to­ren ent­spre­chend, die am schlimms­ten be­trof­fen sind. In den USA ist das der Kon­su­ment. Sei­ne Pro­ble­me kön­nen nicht durch quan­ti­ta­ti­ve Lo­cke­rung oder Steu­er­ge­set­ze ge­löst wer­den. Wel­che Mass­nah­men hel­fen, ist kon­tro­vers, Schul­den­er­lass und Spar­an­rei­ze müss­ten je­doch dar­in ent­hal­ten sein. In Eu­ro­pa müs­sen Wett­be­werbs­fä­hig­keit und Pro­duk­ti­vi­tät ge­stei­gert wer­den. Sämt­li­che Ret­tungs­mass­nah­men der Welt lö­sen die Pro­ble­me nicht, wenn in den Pe­ri­phe­rie­län­dern kein Struk­tur­wan­del statt­fin­det. Es gibt auch kei­ne Ga­ran­tie da­für, dass die Kri­se nach sie­ben bis neun Jah­ren be­wäl­tigt ist, wie Rein­hart und Rog­off schrei­ben. In Ja­pan dau­ert sie schon 22 Jah­re. Kön­nen aus der Si­tua­ti­on Ja­pans Leh­ren ge­zo­gen wer­den? Ei­ne Volks­wirt­schaft, die nicht auf ein trag­fä­hi­ges Wachs­tum aus­ge­rich­tet ist, kann nicht auf den Wachs­tums­pfad zu­rück­keh­ren. Aus­te­ri­tät zu ver­mei­den, weil die Be­völ­ke­rung nicht lei­den soll, ist falsch, weil der not­wen­di­ge struk­tu­rel­le Wan­del auf­ge­scho­ben wird. Es ist al­so ein Tra­de-off: ent­we­der hart sein heu­te mit der Aus­sicht auf Wachs­tum oder in ab­seh­ba­rer Zeit gar kein Wachs­tum mehr ha­ben? Ja. Es ist ei­gent­lich ei­ne Fra­ge der po­li­ti­schen Öko­no­mie: Ist die Re­gie­rung be­reit, kurz­fris­tig Schmer­zen zu ver­ur­sa­chen, da­mit lang­fris­tig al­le ge­win­nen?

Ste­phen S. Roach: «Die Welt wech­sel­te von ei­nem wah­ren zu ei­nem fal­schen Reich­tum.»

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