Staats­an­walt­schaft er­mit­telt ge­gen S&P

Nie­der­las­sung in Mai­land durch­sucht – Ver­dacht auf ver­letz­te Sorg­falts­pflicht und In­si­der­ge­schäf­te bei Ita­li­ens Ra­ting­her­ab­stu­fung –Auch Moo­dy’s und Fitch im Vi­sier

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ANDRE­AS NEIN­HAUS

Die Ra­ting­her­ab­stu­fung Ita­li­ens hat ein ju­ris­ti­sches Nach­spiel. Die ita­lie­ni­sche Staats­an­walt­schaft er­mit­telt ge­gen die Agen­tur Stan­dard & Poor’s, die Mitte Ja­nu­ar die Kre­dit­wür­dig­keit des Lan­des von A auf BBB+ tie­fer ge­setzt hat­te. Vor zwei Wo­chen durch­such­ten Be­am­te der ita­lie­ni­schen Fi­nanz­po­li­zei neun St­un­den lang die Bü­ros der Mai­län­der S&P-NIE­der­las­sung nach kom­pro­mit­tie­ren­den Do­ku­men­ten. Drei Ta­ge spä­ter er­schie­nen sie über­ra­schend er­neut, durch­fors­te­ten die Ak­ten­schrän­ke und Com­pu­ter wei­ter und be­schlag­nahm­ten Do­ku­men­te, wie die ita­lie­ni­sche Pres­se be­rich­tet.

Ge­führt wer­den die Er­mitt­lung von ei­nem Staats­an­walt aus dem klei­nen Städt­chen Tra­ni in der süd­ita­lie­ni­schen Re­gi­on Apu­li­en: Mi­che­le Rug­gie­ro ist zum Schreck­ge­spenst für die gros­sen Ra­ting­häu­ser ge­wor­den. Als ers­ter und bis­her noch ein­zi­ger Staats­an­walt in Eu­ro­pa er­mit­telt er of­fi­zi­ell ge­gen die Pra­xis der Agen­tu­ren. Es geht ihm da­bei nicht um Fehl­ur­tei­le bei du­bio­sen Kre­dit­de­ri­va­ten, die der Bran­che be­reits aus­rei­chend Kri­tik, Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen und neue ge­setz­li­che Auf­la­gen ein­ge­bracht ha­ben. Im Mit­tel­punkt steht viel­mehr das So­ver­eign Ra­ting, al­so die Beur­tei­lung der Bo­ni­tät von Staa­ten, und da­mit das Herz­stück je­der se­riö­sen Agen­tur.

Rund­um­schlag der Jus­tiz

Sei an­dert­halb Jah­ren er­mit­telt Rug­gie­ro schon ge­gen S&P. Aber die jüngs­te Her­ab­stu­fung Ita­li­ens brach­te das Fass wohl zum Über­lau­fen. Es hand­le sich um ei­ne breit an­ge­leg­te Un­ter­su­chung, kom­men­tier­te der Ju­rist sei­ne Ar­beit. Zum ei­nen soll S&P die Schwei­ge­pflicht ge­bro­chen ha­ben. Die Ge­sell­schaft liess dem­nach die Nach­richt von ei­ner Her­ab­stu­fung Ita­li­ens am un­glück­se­li­gen Frei­tag dem 13. Ja­nu­ar an die Me­di­en durch­si­ckern, als die Ak­ti­en­märk­te nicht ge­öff­net wa­ren und cir­ca vier St­un­den be­vor die Nach­richt hät­te be­kannt wer­den dür­fen. Die EU schreibt den Agen­tu­ren vor, ei­ne Ra­ting­ak­ti­on vor­ab dem be­trof­fe­nen Emit­ten­ten mit­zu­tei­len und zwölf St­un­den ab­so­lu­tes Still­schwei­gen zu be­wah­ren.

Ein zwei­ter Vor­wurf des Staats­an­walts be­trifft die Bo­ni­täts­ana­ly­se selbst. Sie sei nicht ex­akt, be­ru­he auf in­ko­hä­ren­ten, zum Teil un­wah­ren Da­ten und ten­den­ziö- sen Ur­tei­len. Als Be­leg wer­den Ein­schät­zun­gen von Öko­no­men her­an­ge­zo­gen, die die Her­ab­stu­fung sei­ner­zeit als in­op­por­tun und wirt­schaft­lich schwer zu be­grün­den kri­ti­siert hat­ten. In der Tat hat­te S&P das Ra­ting im Sep­tem­ber ei­ne Stu­fe von AA– auf A+ re­du­ziert, vor al­lem we­gen des po­li­ti­schen Ri­si­kos. Kurz dar­auf trat die Re­gie­rung Ber­lus­co­ni zu­rück, und der neu­en Exe­ku­ti­ve un­ter Ma­rio Mon­ti ge­lang ei­ne glaub­haf­te wirt­schafts­po­li­ti­sche Wen­de. Trotz­dem setz­te S&P Mitte Ja­nu­ar mit ei­ner noch­ma­li­gen Her­ab­stu­fung um zwei Stu­fen nach (vgl. FUW Nr. 5 vom 18. Ja­nu­ar, Sei­te 3).

Die Staats­an­walt­schaft sieht S&P zu­dem un­ter Ver­dacht des In­si­der­han­dels und des Miss­brauchs der do­mi­nie­ren­den Stel­lung am Staats­an­lei­hen­markt. Be­wusst sei­en dort Kurs­re­ak­tio­nen pro­vo­ziert wor­den und hät­ten S&p-ak­tio­nä­re Zu­gang zu den ge­hei­men In­for­ma­tio­nen er­hal­ten, um dar­aus Pro­fit schla­gen zu kön­nen. Er­mit­telt wird ge­gen drei Ana­lys-

Quel­le: ten von S&P, u. a. Mo­ritz Kra­e­mer, ver­ant­wort­lich für die eu­ro­päi­schen Län­der­ra­tings. Die Nie­der­las­sung in Frank­furt lehnt hier­zu je­den Kommentar ab. In ei­nem schrift­li­chen Com­mu­ni­qué weist S&P Ita­lia die Vor­wür­fe als falsch zu­rück.

Es dürf­te schwer wer­den, der Agen­tur fahr­läs­si­ge Feh­ler und Bör­sen­ma­ni­pu­la­ti­on nach­zu­wei­sen. Was das In­for­ma­ti­ons­leck be­trifft, ist es kaum we­ni­ger wahr­schein­lich, dass die vor­ab in­for­mier­te Re­gie­rung über man­che un­dich­te Stel­le ver­füg­te, durch die die Nach­richt des Down­gra­ding ver­früht durch­si­cker­te. Die Ita­li­en-che­fin von S&P, Ma­ria Pier­dic­chi, stand hier­zu am Mon­tag vor den Staats­ver­tre­tern Red und Ant­wort.

Po­li­tik for­dert här­te­re Re­geln

S&P, Toch­ter des Us-kon­zerns Mc Gra­wHill, be­fin­det sich nicht al­lein auf der An­kla­ge­bank. Moo­dy’s muss sich seit Mai 2010 mit der Staats­an­walt­schaft in Tra­ni aus­ein­an­der­set­zen. Dort ist ei­ne Kla­ge hän­gig, dass mit ei­nem Be­richt über die Aus­wir­kun­gen der grie­chi­schen Schul­den­kri­se auf ita­lie­ni­sche Ban­ken wäh­rend des Bör­sen­han­dels be­wusst Kur­stur­bu­len­zen aus­ge­löst wor­den sei­en. Das Mai­län­der Bü­ro der drit­ten gros­sen Ra­ting­agen­tur, Fitch, die zur fran­zö­si­schen Grup­pe Fi­ma­lac zählt, er­hielt un­längst zwei­mal Be­such von der Jus­tiz.

Die Un­ter­su­chun­gen be­deu­ten Was­ser auf die po­li­ti­schen Müh­len vie­ler Re­gie­run­gen in Eu­ro­pa, de­nen die mäch­ti­gen Ra­ting­agen­tu­ren ein Dorn im Au­ge sind. Eu-bin­nen­markt­kom­mis­sar Mi­chel Bar­nier er­klärt: «Wir dür­fen nicht zu­las­sen, dass Ra­tings die Vo­la­ti­li­tät der Märk­te noch ver­stär­ken.» Er for­dert ei­ne Ver­schär­fung der Re­geln, ob­wohl erst letz­tes Jahr ein neu­er ge­setz­li­cher Rah­men in Kraft trat und die Eu­ro­päi­sche Wert­pa­pier­be­hör­de ES­MA die Auf­sicht über­nahm.

Bar­nier emp­fiehlt u. a. ei­ne zu­sätz­li­che Haf­tung für grob­fahr­läs­sig oder vor­sätz­lich be­gan­ge­ne Feh­ler. Ge­schä­dig­te An­le­ger sol­len ih­re Scha­den­er­satz­an­sprü­che vor den na­tio­na­len Ge­rich­ten gel­tend ma­chen kön­nen. Die Be­weis­last sol­len die Ra­ting­agen­tu­ren tra­gen. Der Vor­schlag liegt im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment zur Be­ra­tung. Die Chan­cen ste­hen gut, dass er an­ge­nom­men wird. Zu ein­sei­tig ne­ga­tiv ist die Meinung der Po­li­tier zur Rol­le der Ra­ting­agen­tu­ren in der nicht en­den wol­len­den Eu­ro­kri­se ein­ge­stellt.

Der ita­lie­ni­sche Staats­an­walt Mi­che­le Rug­gie­ro (Mitte) ist durch sein Vor­ge­hen ge­gen die Ra­tin­g­rie­sen zu na­tio­na­ler Be­rühmt­heit ge­langt.

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