Asia­ti­sche Ak­ti­en für Vor­sich­ti­ge

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Das Jahr 2011 war wahr­lich kein Bör­sen­jahr – doch Ma­lay­si­as FTSE KLCI In­dex schloss 0,7% im Plus. Der ma­lay­si­sche Ak­ti­en­markt ist ein äus­serst de­fen­si­ver Markt und gilt als Asi­ens si­che­rer Ha­fen. Der Be­taf­ak­tor – das Mass für die Sen­si­ti­vi­tät auf die Ve­rän­de­rung des Ge­samt­mark­tes – ist deut­lich klei­ner als eins. Fällt der Ge­samt­markt 10%, ge­ben ma­lay­si­sche Ak­ti­en nur 6% nach. Ent­spre­chen­des gilt aber auch bei ei­ner Auf­wärts­be­we­gung.

Das de­fen­si­ve Na­tu­rell hat mit der Zu­sam­men­set­zung des Mark­tes zu tun: Über die Hälf­te des In­dex wird von de­fen­si­ven und zy­kli­schen Ak­ti­en von Un­ter­neh­men do­mi­niert, die auf die Bin­nen­nach­fra­ge aus­ge­rich­tet sind. Die Bran­chen­kom­po­si­ti­on ist di­ver­si­fi­zier­ter als je­ne der üb­ri­gen Ak­ti­en­märk­te Süd­ost­asi­ens. Den gröss­ten An­teil im MSCI Ma­lay­sia In­dex ma­chen mit ei­nem Vier­tel die Ban­ken aus. Die Sek­to­ren In­dus­trie, zy­kli­sche Kon­sum­gü­ter, Ba­sis­kon­sum­gü­ter, Tele­com und Ver­sor­ger fal­len mit je 10% ins Ge­wicht.

An­ge­sichts des tie­fen Be­taf­ak­tors ist es we­nig er­staun­lich, dass Ma­lay­sia in der jüngs­ten Er­ho­lung des Ge­samt­mark­tes we­ni­ger gut ab­ge­schnit­ten hat als an­de­re asia­ti­sche Han­dels­plät­ze. Als ei­ner der we­ni­gen Märk­te liegt Ma­lay­sia seit An­fang Jahr noch im Mi­nus. Hin­ge­gen zeig­te sich die Bör­se Kua­la Lum­pur im schwie­ri­gen zwei­ten Halb­jahr 2011 deut­lich sta­bi­ler als die re­gio­na­len Ver­gleichs­in­di­zes. Die Über­ren­di­te ge­gen­über dem MSCI Asia Pa­zi­fik be­trug 2011 mehr als 12%.

Im der­zeit höchst un­si­che­ren glo­ba­len Um­feld bleibt der ma­lay­si­sche Ak­ti­en­markt in­ter­es­sant. Das Kurs-ge­winn-ver­hält­nis auf Ba­sis der für 2012 ge­schätz­ten Ge­win­ne liegt mit 14 et­wa auf dem his­to­ri­schen Durch­schnitt und et­was hö­her als das mitt­le­re KGV der asia­ti­schen Märk­te. Der Be­wer­tungs­auf­schlag ist aber nicht grös­ser als in der Ver­gan­gen­heit und re­flek­tiert die de­fen­si­ve Qua­li­tät und die so­li­den po­li­ti­schen und ma­kro­öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gun­gen.

Die Ana­lys­ten von Gold­man Sachs ha­ben Ma­lay­sia für 2012 auf «Over­weight» ge­setzt, weil sie des­sen de­fen­si­ve Qua­li­tä­ten schät­zen und glau­ben, dass die po­si­ti­ven Ef­fek­te des Pro­gramms zur Wirt­schafts­trans­for­ma­ti­on (ETP) von In­ves­to­ren un­ter­schätzt wer­den. Mit dem ETP möch­te die Re­gie­rung mit Hil­fe staat­li­cher und pri­va­ter In­ves­ti­tio­nen die Ent­wick­lung Ma­lay­si­as zu ei­ner rei­chen In­dus­trie­na­ti­on be­schleu­ni­gen. Sehr op­ti­mis­tisch ist Gold­man Sachs für den Ban­ken­sek­tor und den Be­reich Glücks­spiel.

Die Ana­lys­ten von HSBC be­hal­ten Ma­lay­sia auf «Neu­tral». Auch für sie ist die de­fen­si­ve Qua­li­tät ein wich­ti­ges Ar­gu­ment. Das sei aber bes­tens be­kannt und wer­de im Preis be­rück­sich­tigt. Es fehlt ih­nen das Über­ra­schungs­po­ten­zi­al nach oben.

Bör­se Ma­lay­sia

Ma­lay­sia ver­folgt ein ehr­gei­zi­ges Ziel. Die dritt­gröss­te Volks­wirt­schaft Süd­ost­asi­ens will ge­mäss ei­nem vor zwei Jahr­zehn­ten von der Re­gie­rung fest­leg­ten Plan bis ins Jahr 2020 zu den hoch­ent­wi­ckel­ten In­dus­trie­staa­ten auf­schlies­sen. Doch für das Eco­no­mic Trans­for­ma­ti­on Pro­gram­me (ETP) braucht es Re­for­men. Ei­ne we­nig ef­fi­zi­en­te Jus­tiz, ein weit­ver­netz­tes Pa­tro­na­ge­sys­tem und Kor­rup­ti­on brem­sen die Volks­wirt­schaft. Po­li­ti­sche Wi­der­stän­de und die schwie­ri­ge glo­ba­le Kon­junk­tur kön­nen den Ziel­ein­lauf ver­spä­ten.

Ma­lay­sia be­fin­det sich aber auf dem rich­ti­gen Weg. Das Land bringt es mit rund 10 000 Dol­lar auf das nach Sin­ga­pur höchs­te Pro-kopf-ein­kom­men der Re­gi­on. An­ders als In­do­ne­si­en, Viet­nam oder die Phil­ip­pi­nen ist es fest im La­ger der in­dus­tri­el­len Schwel­len­län­der ver­an­kert. Ma­lay­sia könn­te In­ves­to­ren in die­sem Jahr an­ge­nehm über­ra­schen. Da­für sorgt nicht nur der sehr wich­ti­ge Roh­stoff­sek­tor, der sich dank der ho­hen Nach­fra­ge aus Chi­na und In­di­en gut ge­hal­ten hat.

Ge­schen­ke für die Bür­ger

Für gu­te Nachrichten dürf­te vor al­lem die äus­serst gross­zü­gi­ge öf­fent­li­che Hand sor­gen. Da­für gibt es hand­fes­te po­li­ti­sche Grün­de. In dem 28 Mil­lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­den Staat muss bis spä­tes­tens März 2013 ein neu­es Par­la­ment be­stimmt wer­den. Da­mit be­fin­det sich das Land noch vor der of­fi­zi­el­len Aus­ru­fung be­reits mit­ten im Wahl­kampf. Ma­lay­si­sche Re­gie­run­gen hal­ten ih­re Wäh­ler in sol­chen Pha­sen ger­ne mit gross­zü­gi­gen Ge­schen­ken wie Lohn­er­hö­hun­gen für Be­am­te oder Geld­zu­wen­dun­gen für är­me­re Be­völ­ke­rungs­schich­ten bei gu­ter Lau­ne. Die Re­gie­rung von Pre­mier­mi­nis­ter Na­jib Raz­ak hat Mitte Ja­nu­ar an­läss­lich des chi­ne­si­schen Neu­jahrs den vier Mil­lio­nen Haus­hal­ten mit ei­nem jähr­li­chen Ein­kom­men un­ter 3000 Ring­git (980 $) schon ei­ne Ein­mal­zu­wei­sung von 500 Ring­git zu­ge­stan­den. Die in den nächs­ten Mo­na­ten vom Him­mel fal­len­de Man­na dürf­te dem Bin­nen­kon­sum hel­fen. Die Pri­vat­haus­hal­te wur­den schon in der zwei­ten Hälf­te 2011 zur Wachs­tums­stüt­ze, als sich die Ex­por­te ver­ar­bei­te­ter Pro­duk­te ab­schwäch­ten.

2011 stieg der Kon­sum ge­mäss Schät­zun­gen von No­mu­ra mit 6,2% deut­lich schnel­ler als die Ge­samt­wirt­schaft. Stüt­zend wirk­ten auch die 12% ge­wach­se­nen Staats­aus­ga­ben, ge­trie­ben durch In­fra­struk­tur- und Bil­dungs­pro­jek­te des Eco­no­mic Trans­for­ma­ti­on Pro­gram­me. Da­für will der Staat bis 2020 wei­te­re 177 Mrd. Ring­git (58 Mrd. $) in­ves­tie­ren.

Ma­lay­si­as Wirt­schaft konn­te durch sol­che Mass­nah­men im Vor­jahr nach Re­gie­rungs­schät­zun­gen deut­lich über 5,5% ex­pan­die­ren. Die vor­sich­ti­ge­re Schät­zung von No­mu­ra geht von 4,7% aus. Der ro­bus­te Bin­nen­kon­sum kann al­ler­dings im lau­fen­den Jahr die deut­lich an Schwung ver­lie­ren­den Ex­por­te wohl nicht voll kom­pen­sie­ren. Grund ist der ho­he An­teil elek­tro­ni­scher Gü­ter an den Ex­por­ten. Haupt­märk­te für die­se Pro­duk­te sind die USA und Eu­ro­pa. Die dort vor­herr­schend lust­lo­se Kon­s­um­stim­mung wird ge­mäss No­mu­ra das Wachs­tum des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) 2012 auf 3% brem­sen.

Al­ler­dings gibt es An­zei­chen, dass die­se Zahl im Jah­res­ver­lauf nach oben kor­ri­giert wer­den muss. Ne­ben der im Vor­feld der Wah­len be­son­ders gross­zü­gi­gen Fis­kal­po­li­tik der Re­gie­rung, hilft auch die dank nach­las­sen­der Trans­port- und Le­bens­mit­tel­prei­se deut­lich fal­len­de Teue­rung. Im De­zem­ber ist die­se un­ter die von der No­ten­bank an­ge­peil­te Ziel­mar­ke von 3% ge-

Wirt­schafts­wachs­tum Ma­lay­sia Al­ler­dings lau­ern auch Ri­si­ken. Soll­te et­wa das Wachs­tum der Welt­wirt­schaft deut­lich stär­ker zu­rück­ge­hen als er­war­tet und da­mit auch die Roh­stoff­prei­se ein­bre­chen, so wür­de das den be­deu­ten­den Erd­öl-, Gas- und Palm­öl­pro­du­zen­ten Ma­lay­sia emp­find­lich tref­fen. Ge­fähr­lich könn­ten auch die gross­zü­gi­gen Aus­ga­ben der Re­gie­rung wer­den. Be­reits heu­te hat Ma­lay­sia die zweit­höchs­te Staats­ver­schul­dung Süd­ost­asi­ens. Die Ver­bind­lich­kei­ten der öf­fent­li­chen Hand lie­gen schon über der kri­ti­schen Schwel­le von 60% des BIP. Ge­mäss Lim Su Si­an, Öko­nom bei der Roy­al Bank of Scot­land, könn­ten ex­zes­si­ve staat­li­che Wachs­tums­mass­nah­men die Sta­bi­li­tät der Wirt­schaft ge­fähr­den.

Nicht zu un­ter­schät­zen ist auch die Ge­fahr durch das ver­gif­te­te in­nen­po­li­ti­sche Kli­ma. Das Land ist tief ge­spal­ten zwi­schen der 13 Par­tei­en zäh­len­den Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on Ba­ri­san Na­sio­nal (Na­tio­na­le Front) und der op­po­si­tio­nel­len Pa­ka­tan-rakyat-al­li­anz ( Volks­al­li­anz). Die Ge­gen­sät­ze zwi­schen den zwei Grup­pie­run­gen lau­fen we­ni­ger ent­lang ideo­lo­gi­scher Li­ni­en als tie­fer per­sön­li­cher und kul­tu­rel­ler Ani­mo­si­tä­ten. Hin­ter­grund da­für sind eth­ni­sche Kon­flik­te, kon­fes­sio­nel­le Dif­fe­ren­zen und ein wirt­schaft­li­ches Pa­tro­na­ge­sys­tem. Die­se Ge­gen­sät­ze tre­ten in Wahl­kämp­fen grell in Er­schei­nung. Das könn­te in den kom­men­den Mo­na­ten nicht nur für er­höh­te Vo­la­ti­li­tät an den Fi­nanz­märk­ten sor­gen, son­dern auch die wirt­schaft­li­che Mo­der­ni­sie­rung ins Sto­cken brin­gen.

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