Druck auf tra­di­tio­nel­le Bör­sen wird grös­ser

IN­TER­NA­TIO­NAL Was das Eu-nein zur deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Bör­sen­fu­si­on be­deu­tet – Vor al­lem Ter­min- und Clea­ring­markt be­trof­fen – Neue Kon­kur­renz wit­tert Chan­ce

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - DIETEGEN MÜL­LER,

RÜber­nah­me­fan­ta­sie

eto Fran­cio­ni, Chef der Deut­schen Bör­se, sprach nach dem ab­seh­ba­ren Nein der Eu-kom­mis­si­on zur Fu­si­on mit dem Wett­be­wer­ber NY­SE Eu­ronext am Mitt­woch von ei­nem «schwar­zen Tag für Eu­ro­pa». Am Fi­nanz­platz Frank­furt wird die­se Ein­schät­zung als stark über­trie­ben und als Vor­bo­te ei­nes Ab­gangs ge­wer­tet – der Ver­trag des Schwei­zers läuft bis En­de 2013. Of­fi­zi­ell gilt die Lo­sung: Die Deut­sche Bör­se hat auch im Al­lein­gang gu­te Wachs­tums­chan­cen und setzt auf Kon­ti­nui­tät.

Op­ti­mis­ten kön­nen da­bei auf die Ak­ti­en Deut­sche Bör­se ver­wei­sen, die am Don­ners­tag zeit­wei­se fast 6% an­zo­gen. Zu­min­dest kurz­fris­tig ist das Fa­zit da­mit klar: Die ge­platz­te Fu­si­on ist kein Dra­ma, und dank ih­rer brei­ten Auf­stel­lung ist die Grup­pe bes­ser po­si­tio­niert als ei­ni­ge Wett­be­wer­ber. NY­SE Eu­ronext fehlt die Prä­senz im eu­ro­päi­schen Clea­ring­markt, im Ter­min­han­del liegt Toch­ter Lif­fe hin­ter Eur­ex (Deut­sche Bör­se). Die London Stock Ex­ch­an­ge (LSE), gröss­te Op­po­nen­tin der Me­ga­fu­si­on und schein­bar la­chen­de Drit­te, ist im Clea­ring- und Ter­min­ge­schäft (noch) nicht kon­kur­renz­fä­hig. Die dras­ti­schen Wor­te Fran­cio­nis sind aber nicht aus der Luft ge­grif­fen. Auf­fäl­lig ist, wie auch die Ak­ti­en von BM&F Bo­ve­s­pa oder Sin­ga­po­re Ex­ch­an­ge (SGX) stie­gen, so­wie der Us-op­tio­nen­bör­sen CME, CBOE und der Roh­stoff­bör­se ICE. Bei CBOE und ICE spielt Über­nah­me­fan­ta­sie hin­ein. ICE hat mit Nas­daq OMX ver­ge­bens für NY­SE Eu­ronext ge­bo­ten – das Us-kar­tell­amt hat Ve­to ein­ge­legt. NY­SE Eu­ronext könn­te nun mit ICE lieb­äu­geln.

BM&F Bo­ve­s­pa und SGX wie­der­um sind in dy­na­mi­schen Wirt­schafts­re­gio­nen und mar­gen­star­ken Seg­men­ten des Bör­sen­mark­tes un­ter­wegs. SGX ex­pan­diert im Clea­ring und sagt, of­fen für Über­nah­men und Fu­sio­nen zu sein. BM&F Bo­ve­s­pa will zu ei­nem der welt­gröss­ten Clea­ring­häu­ser wer­den. Die bra­si­lia­ni­sche Re­gu­lie­rung des Over-the-coun­ter-han­dels gilt für Eu-po­li­ti­ker als vor­bild­lich.

Die Us-op­ti­ons­bör­se CME Group ih­rer­seits will mit CME Clea­ring Eu­ro­pe Clea­ring­diens­te für den Otc-han­del in Zins­s­waps und Roh­stoff­de­ri­va­te an­bie­ten. Et­was iso­liert sind in die­sem Rei­gen der­zeit nur die aus­tra­li­sche ASX nach dem Ve­to der aus­tra­li­schen Re­gie­rung ge­gen die Über­nah­me durch Sin­ga­po­re Ex­ch­an­ge so­wie die SIX Group (vgl. Kas­ten).

Für die Deut­sche Bör­se ist die Fall­hö­he in zu­neh­men­dem Wett­be­werb hoch: Ih­re ope­ra­ti­ve Mar­ge ist noch enorm (bis zu 50%), ob­wohl der Kas­sa­han­del durch mul- ti­la­te­ra­le Han­dels­platt­for­men (MTF) wie Bats/chi-x Eu­ro­pe schon lei­det. Ter­min­han­del und Clea­ring (Eur­ex) so­wie Ab­wick­lung und Ver­wah­rung (Cle­ar­stream) sind aber noch ro­bus­te Er­geb­nis­brin­ger.

Doch der Druck auf das Ter­min- und Nach­han­dels­ge­schäft steigt. Das Ve­to der EU dürf­te zu ei­ner stär­ke­ren Frag­men­tie­rung in die­sen wachs­tums­star­ken Markt­seg­men­ten füh­ren. Die Ge­büh­ren – er­go auch die Mar­gen für die bis­her do­mi­nan­ten Bör­sen – dürf­ten sin­ken. Im Schlepp­tau der al­ter­na­ti­ven Han­dels­platt­for­men kön­nen sich neue, wo­mög­lich po­ten­te Wett­be­wer­ber ent­wi­ckeln, die der Deut­schen Bör­se als Ein­zel­kämp­fe­rin mehr zu­set­zen als der ge­plan­ten Me­ga­bör­se.

Durch­zo­ge­ne Aus­land­bi­lanz

Das weiss auch die Deut­sche Bör­se. Für sie birgt die ge­plan­te Re­gu­lie­rung von Otc-ge­schäf­ten zwar Chan­cen. Aber sie dürf­te par­al­lel da­zu in bis­her un­an­ge­foch­te­nen Fel­dern des Nach­han­dels und Ter­min­markts Markt­an­tei­le ver­lie­ren. Ist das re­gu­la­to­ri­sche und steu­er­li­che Um­feld ei­ni­ger­mas­sen gut, wer­den Neu­ein­stei­ger lu­kra­ti­ve Chan­cen in die­sen Seg­men­ten wit­tern. Da­bei tre­ten an­de­re Bör­sen­be­trei­ber, In­vest­ment­ban­ken und Bro­ker als Kon­kur­ren­ten auf, wie auch die Eu­ro­pean Mul­ti­la­te­ral Clea­ring Fa­ci­li­ty (ABN Am­ro/ Nas­daq OMX Group) oder EUROCCP, Toch­ter des Us-clea­ring­hau­ses DTCC. Auch der Ter­min­markt ist nicht ta­bu: Im USOp­ti­ons­han­del hat Bats Glo­bal Mar­kets in ei­nem Jahr den Markt­an­teil auf 2,3% ver­drei­facht und CBOE und ISE un­ter Druck ge­setzt. In Eu­ro­pa ist dies auch denk­bar – was be­son­ders Eur­ex und Lif­fe trä­fe.

So setzt die Deut­sche Bör­se in ei­ner Vor­wärts­stra­te­gie auch auf Tech­no­lo­gie­ko­ope­ra­tio­nen und Part­ner­schaf­ten vor­nehm­lich in Asi­en. Die Aus­land­ex­pan­si­on war aber bis­her kei­ne aus­ge­wie­se­ne Stär­ke: Der Auf­bau von Eur­ex US miss­lang, und der Kauf der Ak­ti­en­op­ti­ons­bör­se ISE hat die Er­war­tun­gen ver­fehlt. Wachs­tums­star­ke Part­ner sind aus­ser Reich­wei­te ge­rückt (vgl. Gra­fik Bör­sen­ka­pi­ta­li­sie­rung). Und an ei­ne Gross­ak­qui­si­ti­on ist nun – nach­dem zum ach­ten Mal (!) ein Ver­such zur eu­ro­päi­schen Kon­so­li­die­rung ge­schei­tert ist – in Frank­furt nicht mehr zu den­ken.

Das wahr­schein­lichs­te Sze­na­rio ist, dass nun die Mar­gen eu­ro­päi­scher Be­trei­ber im Hei­mat­markt un­ter Druck ge­ra­ten, was der glo­ba­len Ex­pan­si­on Gren­zen setzt. Star­ke Wett­be­wer­ber wie CME und BM&F Bo­ve­s­pa dürf­ten sich dar­über freu­en, auch Hong Kong Ex­ch­an­ges & Clea­ring, die ih­re Rol­le im chi­ne­si­schen Fi­nanz­platz wei­ter fes­ti­gen will. Für die Ak­ti­en Deut­sche Bör­se ist das Kur­s­po­ten­zi­al oh­ne Über­nah­me­fan­ta­sie eher be­grenzt.

Dem Ma­nage­ment der Deut­schen Bör­se (rechts Vor­stands­chef Re­to Fran­cio­ni) ist das La­chen nach dem Nein aus Brüs­sel ver­gan­gen.

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