Ver­si­che­rungs­bran­che auf der Er­folgs­wel­le

SCHWEIZ Ge­samt­ein­nah­men stei­gen 2,5% auf 56 Mrd. Fr. – Im kniff­li­gen 2011 er­folg­reich und sta­bil – «Ho­nigtöp­fe» wer­den ver­tei­digt

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - THO­MAS HENGARTNER MH

Die Ver­si­che­rungs­bran­che gibt sich selbst bes­te No­ten. Trotz er­heb­li­cher Her­aus­for­de­run­gen wür­den die schwei­ze­ri­schen As­se­ku­ranz­häu­ser für 2011 ei­nen «so­li­den oder gu­ten Ge­schäfts­gang» vor­wei­sen kön­nen, pro­phe­zei­te Prä­si­dent Urs Ber­ger an der Jah­res­kon­fe­renz des Ver­bands. Die Bran­chen­un­ter­neh­men hät­ten im Heim­markt die Ein­nah­men ge­mäss Um­fra­gen und Hoch­rech­nun­gen 2,5% auf 56 Mrd. Fr. zu stei­gern ver­mocht.

Die Er­trags­mar­ge vie­ler Ar­beits­be­rei­che scheint üp­pig ge­blie­ben zu sein. Ber­ger, Prä­si­dent der ge­nos­sen­schaft­lich or­ga­ni­sier­ten Mo­bi­li­ar, rech­net aus Ver­bands­sicht mit ei­ner kom­bi­nier­ten Auf­wand­quo­te im Scha­den­ver­si­che­rungs­ge­schäft von durch­schnitt­lich 95% der Ein­nah­men – und dies, ob­wohl un­üb­lich schwe­re Ha­gel­zü­ge in den Som­mer­mo­na­ten des ver­gan­ge­nen Jah­res vie­le Scha­den­mel­dun­gen ver­ur­sach­ten.

310 000 Fr. je Ar­beits­platz

Die ro­bus­te Pro­fi­ta­bi­li­tät der Bran­che zeigt sich auch in ge­samt­wirt­schaft­li­chen Di­men­sio­nen. In der Schweiz be­schäf­tigt wer­den nach letz­ter Zäh­lung fast 49 000 Men­schen, nur mar­gi­nal we­ni­ger als in den bei­den Jah­ren zu­vor. In welt­wei­ter Be­trach­tung ar­bei­ten mehr als 122 000 Per­so­nen für die schwei­ze­ri­schen Ver­si­che­rer. In Sa­chen Pro­duk­ti­vi­tät steht der Sek­tor im Schweiz­ver­gleich mit et­wa 310 000 Fr. Wert­schöp­fung je Voll­zeit­stel­le an drit­ter Stel­le, hin­ter der Ener­gie­wirt­schaft und der che­mi­schen In­dus­trie.

Die Er­gie­big­keit des Ver­si­che­rungs­ge­schäfts weckt Be­gier­den. So klagt der Ver­si­che­rungs­ver­band, dass be­son­ders die Kan­to­ne Bern und Glarus über ih­re Mo­no­pol­ge­bäu­de­ver­si­che­rer so­wie die Schwei­ze­ri­sche Un­fall­ver­si­che­rungs­an­stalt (Su­va) an die «Ho­nigtöp­fe der pro­spe­rie­ren­den Ver­si­che­rungs­wirt­schaft» dräng­ten.

Die kri­ti­sier­ten staat­li­chen Ver­si­che­rungs­ein­hei­ten hät­ten Ten­denz, sich aus dem nicht be­strit­te­nen Stamm­ge­schäft hin­aus in Seg­men­te hin­ein­zu­be­we­gen, die bis­lang den pri­va­ten Ver­si­che­rern vor­be­hal­ten sind – et­wa in die Haus­halt- und Haft­pflicht­ver­si­che­run­gen. Die ju­ris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen sind in­zwi­schen vor Bun­des­ge­richt hän­gig, wo­bei ein ers­ter Ent­scheid zu­min­dest ei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung er­zielt hat.

Al­ler­dings po­chen die Ver­si­che­rer selbst auch auf die Er­schlies­sung er­gän­zen­der Ak­ti­vi­täts­fel­der. Seit Jah­ren wird über die po­li­ti­sche Ebe­ne ver­sucht, in der Schweiz ei­ne Ver­si­che­rungs­pflicht ge­gen Erd­be-

As­se­ku­ranz­sek­tor

Ver­si­che­rungs­markt Schweiz ben­schä­den ein­zu­füh­ren. Von der er­neu­ten Ab­leh­nung des An­lie­gens in der zu­letzt da­mit be­schäf­tig­ten po­li­ti­schen «Müh­le» lässt sich der Bran­chen­ver­band nicht ent­mu­ti­gen. Die Bun­des­ver­wal­tung si­mu­lie­re die­ses Jahr in der breit an­ge­leg­ten Übung «Seis­mo» die Aus­wir­kun­gen ei­nes schwe­ren Erd­be­bens. Wo­mög­lich tue sich dann ei­ne neue Chan­ce für das pro­pa­gier­te Ob­li­ga­to­ri­um auf.

Ver­bands­di­rek­tor Lu­ci­us Dürr macht wei­te­re Bau­stel­len in der po­li­ti­schen Land­schaft aus. Auf schlech­tem Weg ist nach sei­ner An­sicht die Re­vi­si­on des Un­fall­ver­si­che­rungs­ge­set­zes (UVG). Die vor­ge­leg­ten Ge­set­zes­än­de­run­gen ent­hiel­ten ei­ni­ge Ver­bes­se­run­gen, aber auch vie­le we­sent­li­che Ver­schlech­te­run­gen, die – falls vom Par­la­ment sank­tio­niert – ei­nen Kos­ten­schub aus­lös­ten.

In Sa­chen Bran­chen­po­li­tik noch we­sent­li­cher ist, in wel­cher Wei­se die drin­gend nö­ti­ge An­pas­sung des Bun­des­ge­set­zes über die be­ruf­li­che Vor­sor­ge (BVG) vor­ge­nom­men wird. Die Ver­si­che­rer ver­lan­gen ei­ne An­pas­sung künf­ti­ger Vor­sor­ge­ga­ran­ti­en an die stei­gen­de Le­bens­er­war­tung der Men­schen und an die «neue» Zins­land­schaft am Ka­pi­tal­markt.

Die For­de­rung ist in der Sa­che selbst, aber auch in Be­zug auf die Bran­chen­po­si­ti­on ver­ständ­lich, denn das Pen­si­ons­ge­schäft ist das weit­aus be­deu­tends­te Seg­ment des As­se­ku­ranz­mark­tes. Die von den Ver­si­che­rern ge­führ­ten Sam­mel­pen­si­ons­kas­sen für Klein­un­ter­neh­men (so­ge­nann­tes Kol­lek­tiv­le­bens­ge­schäft) ha­ben im zu­rück­lie­gen­den Jahr das Prä­mi­en­vo­lu­men um 5,3% auf hoch­ge­rech­net 21,9 Mrd. Fr. ge­stei­gert – ei­nen knapp 40%-An­teil am ge­sam­ten Schwei­zer Ver­si­che­rungs­markt. Die wei­te­ren Markt­be­rei­che sind deut­lich lang­sa­mer ge­wach­sen bzw. im Fall der Ein­zel­l­e­bens- und der Un­fall­ver­si­che­run­gen gar leicht ge­schrumpft (vgl. Gra­fik).

Wachs­tum wird schwie­ri­ger

Mit Blick auf 2012 hat sich die Bran­che ge­mäss Prä­si­dent Urs Ber­ger auf ab­ge­schwäch­te Wachs­tums­mög­lich­kei­ten ein­zu­stel­len. Vor al­lem die Le­bens­ver­si­che­rer, die im Vor­sor­ge­ge­schäft Zins­ga­ran­ti­en zu er­wirt­schaf­ten ha­ben, stün­den we­gen des Nied­rig­zins­um­felds vor gros­sen Her­aus­for­de­run­gen. Die An­la­ge des bran­chen­weit ge­gen 600 Mrd. Fr. er­rei­chen­den Ver­si­che­rungs­ver­mö­gens bleibt kniff­lig.

Da die Un­ter­neh­men die­se Auf­ga­be zu­min­dest nach den bis­lang vor­lie­gen­den Re­sul­ta­ten gut ge­löst ha­ben, sind die Ver­si­che­rer­ak­ti­en – wie der In­dex­ver­gleich mit der Ge­samt­markt­ent­wick­lung 2011/12 zeigt – kei­nes­wegs ge­mie­den wor­den. Die Grau­bünd­ner Kan­to­nal­bank (GKB) hat 2011 ei­ne Ve­ren­gung der Zins­mar­ge hin­neh­men müs­sen. Aber der Brut­to­ge­winn und der um die Zu­wei­sung an die frei­en Re­ser­ven und die Min­der­heits­an­tei­le be­rei­nig­te Ge­winn blie­ben auf Vor­jah­res­ni­veau. Die In­ha­ber der Par­ti­zi­pa­ti­ons­schei­ne sol­len ei­ne un­ver­än­der­te Di­vi­den­de von 38 Fr. be­kom­men.

Im Hy­po­the­kar­ge­schäft ver­zeich­ne­te die GKB ein ra­s­an­tes Vo­lu­men­wachs­tum von 6,8%, das Zin­s­er­geb­nis hielt mit +3,5% nicht mit. «Die Ge­fahr ei­ner Über­hit­zung des Im­mo­bi­li­en­mark­tes se­hen wir in Grau­bün­den nach wie vor nur in aus­ge­wähl­ten Ge­bie­ten. Wir re­agie­ren dar­auf mit ei­ner Re­strik­ti­on in der Kre­dit­ver­ga­be. Zu­dem ha­ben wir un­se­re Kre­dit­po­li­tik punk­tu­ell ver­schärft», er­klär­te CEO Alois Vin­zens an der Me­di­en­kon­fe­renz in Chur.

So wür­den die Spit­zen­prei­se für Im­mo­bi­li­en in St. Mo­ritz (bis 45 000 Fr./m²) nicht in die Be­wer­tung ein­flies­sen, die GKB ge­he bis ma­xi­mal 20 000 Fr. – mit dem Re­sul­tat, dass an­de­re das Ge­schäft er­hiel­ten. Das kräf­ti­ge Kre­dit­wachs­tum führt die GKB auf die Kon­junk­tur im Bau zu­rück und auf «aus­ser­kan­to­na­le Op­por­tu­ni­tä­ten» mit Ge­schäfts­kun­den.

Gu­te Zah­len aus Zü­rich

Wert­be­rich­ti­gun­gen, Rück­stel­lun­gen und Ver­lus­te ver­ur­sach­ten ei­nen mi­ni­ma­len Auf­wand von 1,1 Mio. Fr., was die So­li­di­tät der GKB un­ter­streicht. «Wir se­hen noch kei­ne Zu­nah­me von Aus­fall­ri­si­ken in un­se­ren Bü­chern», sag­te Vin­zens. Die ge­fähr­de­ten For­de­run­gen re­du­zier­ten sich von 239 auf 189 Mio. Fr.

Gu­te Zah­len prä­sen­tier­te die GKB auch im An­la­ge­ge­schäft, be­trug das Net­to­neu­geld, vor al­lem dank der bei­den Zürcher Töch­ter, doch 1,4 Mrd. Fr. Von den 27 Mrd. Fr. ver­wal­te­ten Ver­mö­gen stam­men 7 Mrd. von der Pri­vat­bank Bel­le­ri­ve und der Pri­va­te Client Bank. 2012 er­war­tet Vin­zens ei­ne «Nor­ma­li­sie­rung» des Neu­geld­zu­flus­ses auf 600 Mio. Fr.

Kur­s­po­ten­zi­al be­schränkt

Im Aus­blick weist die Bank auf ein «re­al­wirt­schaft­lich an­spruchs­vol­les Um­feld» und ein «be­acht­li­ches Ri­si­ko­po­ten­zi­al» hin. Sie er­war­tet ei­nen (leicht nied­ri­ge­ren) Brut­to­ge­winn von 200 Mio. Fr. und ei­nen deut­lich ge­rin­ge­ren Rein­ge­winn pro PS von 60 bis 65 Fr. (nach 73 Fr.). Folg­lich lässt sich die Aus­schüt­tung von 38 Fr. nur auf­recht­er­hal­ten, wenn die Bank die Pay-out Ra­tio ans obe­re En­de der Band­brei­te von 50 bis 60% (2011: 52%) führt.

Auf­grund der kom­for­ta­blen Aus­stat­tung mit Ei­gen­ka­pi­tal wä­re ei­ne sol­che Po­li­tik ver­tret­bar. Die GKB weist ei­ne Kern­ka­pi­tal­quo­te ( Tier 1) von 17,3% aus. Das Ei­gen­ka­pi­tal ist von höchs­ter Qua­li­tät. Trotz­dem ist für An­le­ger zu be­den­ken, dass die Ti­tel mit ei­nem Kurs-ge­win­nVer­hält­nis von 18 teu­er sind. Das Kur­s­po­ten­zi­al ist be­schränkt.

2,8% hö­he­re Ver­si­che­rungs­prä­mi­en – Fol­ge der gros­sen Zahl der Au­to-neu­zu­las­sun­gen.

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