«Ei­ni­ge wer­den aus­schei­den»

GA­RY COHN Der Prä­si­dent und COO von Gold­man Sachs über die Ver­schie­bun­gen im In­vest­ment Ban­king und die Welt­kon­junk­tur

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ -

Soll­te die Vol­cker-re­gel in den USA den Ei­gen­han­del to­tal ver­bie­ten, weiss Ga­ry Cohn, Pre­si­dent und COO von Gold­man Sachs, ei­nen Aus­weg: «Theo­re­tisch» kön­ne das Wall­s­treet-haus zum frü­he­ren Ge­schäfts­mo­dell als Ver­mitt­ler am Ka­pi­tal­markt zu­rück­keh­ren. Herr Cohn, wie be­ur­tei­len Sie die Ge­fahr ei­ner Es­ka­la­ti­on der Eu­ro­kri­se? Die Eu­ro­kri­se scheint sich stär­ker auf Eu­ro­pa zu be­schrän­ken. Ihr un­mit­tel­ba­rer Ef­fekt in den USA, in Latein­ame­ri­ka und Asi­en ist ge­ring. Das ist die gu­te Nach­richt. Sor­gen ma­chen mir hin­ge­gen die Wachs­tums­per­spek­ti­ven. Wie sind denn die Wachs­tums­aus­sich­ten? Die Volks­wirt­schaf­ten Eu­ro­pas er­le­ben ei­nen dra­ma­ti­schen Wachs­tums­rück­gang. In ei­ner glo­ba­li­sier­ten Welt be­kommt das zwangs­läu­fig auch Ame­ri­ka zu spü­ren. Und in den ra­scher wach­sen­den Volks­wirt­schaf­ten Asi­ens und Latein­ame­ri­kas, die über Han­dels­strö­me mit dem Rest der Welt ver­knüpft sind, gibt es eben­falls Rück­wir­kun­gen. Die Ge­fahr ei­ner glo­ba­len kon­junk­tu­rel­len An­ste­ckung ist das weit­aus grös­se­re Pro­blem als die Staats­schul­den­kri­se in Eu­ro­pa für sich be­trach­tet. Üb­ri­gens hal­ten die meis­ten ame­ri­ka­ni­schen Ban­ken kei­ne be­deu­ten­den Po­si­tio­nen in eu­ro­päi­schen Staats­an­lei­hen. Ein schwa­cher Trost für die Eu­ro­pä­er. Wie ste­hen der­zeit die Chan­cen ei­ner Lö­sung in der Eu­ro­zo­ne? Am World Eco­no­mic Fo­rum in Da­vos fiel mir auf, wie be­sorgt die Eu­ro­pä­er sind. Die Zu­ver­sicht, dass sich am En­de ei­ne gu­te Lö­sung fin­det, hat ab­ge­nom­men. Man­che Öko­no­men stel­len gar die Wei­ter­exis­tenz der Ge­mein­schafts­wäh­rung in Fra­ge. Die Krux mit Blick auf Grie­chen­land ist, dass die Spar­mass­nah­men der Re­gie­rung ei­ne Rück­kehr zum Wachs­tum ver­hin­dern. Ei­ne aus­weg­lo­se Si­tua­ti­on? Wo im­mer Aus­te­ri­täts­po­li­tik in der Ver­gan­gen­heit funk­tio­niert hat, war sie mit der Ab­wer­tung der ei­ge­nen Wäh­rung ver­bun­den. Da­für ist Bra­si­li­en ein gu­tes Bei­spiel. Doch im Fall Grie­chen­land ist es un­mög­lich, durch ei­ne Ab­wer­tung die in­ter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu ver­bes­sern. Die An­kur­be­lung des Wachs­tums ist so­mit die gros­se Her­aus­for­de­rung, in Grie­chen­land und in ganz Eu­ro­pa.

Wo im­mer Aus­te­ri­tät in der Ver­gan­gen­heit funk­tio­niert hat, war sie mit ei­ner Ab­wer­tung der Wäh­rung ver­bun­den.

Auf je­den Fall. Ein noch grös­se­rer Markt­an­teil in Eu­ro­pa ist ein­deu­tig un­ser Ziel. Und zwar in al­len Be­rei­chen, sei es im Han­dels­ge­schäft, in der Ak­ti­en- und An­lei­hen­emis­si­on, in der M&a-be­ra­tung oder in der Ver­mö­gens­ver­wal­tung. Sämt­li­che Be­rei­che sind in­ter­es­sant für uns. Der­zeit ver­än­dert sich das Wett­be­werbs­um­feld im In­vest­ment Ban­king grund­le­gend. Vie­le Ban­ken über­den­ken ihr Ge­schäfts­mo­dell. Denn sie müs­sen sich den neu­en Ka­pi­tal­an­for­de­run­gen und den üb­ri­gen Auf­sichts­re­for­men an­pas­sen. Wie lau­tet Ihr Wachs­tums­ziel in Eu­ro­pa? Wir wol­len die Num­mer eins in al­len un­se­ren Märk­ten sein. Im Be­reich Fu­sio­nen und Über­nah­men sind Sie das be­reits. Ge­mäss der Rang­lis­te von Dea­lo­gic ran­giert Gold­man Sachs im Seg­ment fest­ver­zins­li­che Ka­pi­tal­markt­trans­ak­tio­nen hin­ge­gen nur auf dem sieb­ten Platz. Dass wir es letz­tes Jahr auf die Spit­zen­po­si­ti­on in der Spar­te Über­nah­men und Fu­sio­nen ge­schafft ha­ben, er­füllt uns mit Stolz. Ne­ben den Rang­lis­ten zählt für uns auch, wel­chen An­teil wir am Han­dels­vo­lu­men an den wich­tigs­ten Bör­sen­plät­zen die­ser Welt ha­ben. Auch in die­ser Hin­sicht wol­len wir die Num­mer eins sein. Und was ist nun mit der Stel­lung im Seg­ment Emis­si­on fest­ver­zins­li­cher Pa­pie­re? Es wä­re für uns un­rea­lis­tisch, in der Be­glei­tung von Un­ter­neh­men und Staa­ten an den Bond­markt die Num­mer eins sein zu wol­len. Auf die­sem Feld do­mi­nie­ren die Häu­ser mit ei­ner sehr um­fang­rei­chen Bi­lanz, die gleich­zei­tig im Kre­dit­ge­schäft ak­tiv sind. Aber selbst­ver­ständ­lich stel­len auch wir un­se­re Bi­lanz in den Di­enst der Kun­den, wenn es um die Durch­füh­rung von Ka­pi­tal­markt­trans­ak­tio­nen geht. So kön­nen wir all­mäh­lich auf der Rang­lis­te wei­ter nach oben vor­stos­sen. In den USA will die Re­gie­rung den Ei­gen­han­del mit fest­ver­zins­li­chen Wert­schrif­ten, Wäh­run­gen und Roh­stof­fen, kurz Ficc-ge­schäft ge­nannt, ein­schrän­ken. Die ge­plan­te Vol­cker-re­gel könn­te – je nach Aus­ge­stal­tung – zum to­ta­len Ei­gen­han­dels­ver­bot füh­ren. Zu­dem er­höht das neue Auf­sichts­re­gime Ba­sel III die An­for­de­run­gen an die Ka­pi­tal­un­ter­le­gung des Ficc-ge­schäfts. Wie ge­hen Sie da­mit um? Wie sich die Vol­cker-re­gel aus­wirkt, wis­sen wir noch nicht, weil of­fen ist, wie die Re­gel ex­akt lau­tet. Noch kön­nen wir die Fol­gen gar nicht ver­läss­lich ab­schät­zen. Doch ei­nes kann ich Ih­nen mit Si­cher­heit sa­gen: Wie wer­den uns an die Vol­cker-re­gel hal­ten, wie auch im­mer sie ge­nau aus­sieht. Wir wer­den uns rasch und kon­se­quent an die neu­en Ver­hält­nis­se an­pas­sen und das Ge­schäft mit vol­ler Kraft vor­an­trei­ben. Schliess­lich müs­sen ja we­nigs­tens in den USA al­le Bran­chen­teil­neh­mer nach den glei­chen Spielregeln ar­bei­ten.

Es müs­sen für al­le Ban­ken die glei­chen Wett­be­werbs­be­din­gun­gen herr­schen. An­dern­falls hät­te ich schon ein Pro­blem da­mit.

Aus­ser­halb der USA ist das nicht so klar? Das ist ein wich­ti­ger Punkt. Es müs­sen für al­le die glei­chen Wett­be­werbs­be­din­gun­gen herr­schen. An­dern­falls hät­te ich schon ein Pro­blem da­mit. In­wie­fern hat sich denn ins­ge­samt seit der Fi­nanz­kri­se vor drei Jah­ren das re­gu­la­to­ri­sche Um­feld ver­bes­sert? Be­reits ge­än­dert ha­ben sich die Ei­gen­ka­pi­tal­vor­schrif­ten. Die Bran­che muss­te sich in den USA stren­gen Stress­tests un­ter­zie­hen. Al­le gros­sen Fi­nanz­kon­zer­ne ha­ben zu­sätz­li­ches Ka­pi­tal be­schafft. Ver­g­li­chen mit der Si­tua­ti­on vor der Kri­se hat sich das Ver­hält­nis der Bi­lanz­sum­me zu den Ei­gen­mit­teln ver­bes­sert. Kri­ti­ker sa­gen, die Ban­ken wür­den ge­zwun­gen, zu viel Ka­pi­tal zu hal­ten. Es kann nie scha­den, mehr Ka­pi­tal zu ha­ben. Mich be­un­ru­higt je­doch, dass man­che Ban­ken ab ei­ner ge­wis­sen Schwel­le ver­sucht sein könn­ten, über­trie­ben ho­he Ri­si­ken ein­zu­ge­hen, um mehr Ren­di­te auf dem Ka­pi­tal zu er­wirt­schaf­ten. Es kommt mög­li­cher­wei­se ei­nes Ta­ges der Mo­ment, in dem die Re­gu­la­to­ren den Ban­ken er­lau-

Ga­ry Cohn ist für ei­ne Ba­lan­ce zwi­schen Si­cher­heits­den­ken und Rück­sicht auf Wachs­tum.

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