Was künf­tig ent­schei­dend ist – Ge­winn- oder Ka­pi­tal­re­ser­ven?

BRENN­PUNKT STEU­ERN Wich­ti­ge Neu­re­ge­lun­gen im Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip – Drin­gen­der Hand­lungs­be­darf für den Jah­res­ab­schluss 2011 – Sehr kur­ze Mel­de­frist

Finanz und Wirtschaft - - UNITNEDRNUESTHRMIEEN - PA­TRIK SCHWARB

Das Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip wur­de mit der Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form II ins Le­ben ge­ru­fen. Die ent­spre­chen­den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen sind seit dem 1. Ja­nu­ar 2011 in Kraft, wo­mit in der Schweiz ein Wech­sel vom Nenn­wert- zum Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip statt­ge­fun­den hat. Neu kön­nen da­mit von den Ak­tio­nä­ren ge­leis­te­te Ka­pi­tal­ein­la­gen – zu­sätz­lich zum ein­ge­zahl­ten Ak­ti­en­ka­pi­tal – steu­er­frei an sie zu­rück­ge­führt wer­den. Die ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen se­hen da­bei vor, dass die Rück­zah­lung von Ein­la­gen, Auf­gel­dern und Zu­schüs­sen, die von Be­tei­lig­ten nach dem 31. De­zem­ber 1996 ge­leis­tet wur­den, gleich be­han­delt wird wie die Rück­zah­lung von Ak­ti­en­ka­pi­tal, näm­lich steu­er­frei.

Kein Steu­er­ge­schenk

Die neue Re­ge­lung ver­schafft da­her vie­len In­ves­to­ren die Mög­lich­keit, dass ge­leis­te­te Ka­pi­tal­ein­la­gen, die aus be­reits ver­steu­er­ten Gel­dern der Ak­tio­nä­re stam­men, auch steu­er­frei an sie zu­rück­ge­führt wer­den. Von ei­nem Steu­er­ge­schenk an die Ak­tio­nä­re, wie fälsch­li­cher­wei­se im­mer wie­der zu hö­ren ist, kann über­haupt kei­ne Re­de sein.

Da­mit von die­sen steu­er­li­chen Neu­reg­lun­gen pro­fi­tiert wer­den kann, be­steht je­doch Hand­lungs­be­darf: Es müs­sen ver­schie­de­ne Vor­ga­ben mit dem Jah­res- ab­schluss 2011 der be­trof­fe­nen Ge­sell­schaf­ten um­ge­setzt und er­füllt wer­den. Bis En­de 2010 galt für den pri­va­ten Ak­tio­när, der sei­ne Ak­ti­en im Pri­vat­ver­mö­gen hielt, das Nenn­wert­prin­zip. Es be­sagt, dass nur die Rück­zah­lung des Ak­ti­en­ka­pi­tals (Nenn­wert­ka­pi­tal) an die Ak­tio­nä­re oh­ne Steu­er­fol­gen mög­lich ist. Üb­ri­ges Ei­gen­ka­pi­tal (Re­ser­ven), das dem Ak­tio­när aus­ge­schüt­tet wird (Di­vi­den­de), un­ter­liegt der Ein­kom­mens­steu­er.

Das Nenn­wert­prin­zip führ­te so­mit dann zu fal­schen Er­geb­nis­sen und be­rück­sich­tig­te das Leis­tungs­fä­hig­keits­prin­zip nicht, wenn die Ak­tio­nä­re ge­leis­te­te Auf­gel­der oder ein­ge­zahl­te Ka­pi­tal­zu­schüs­se (aus dem von ih­nen be­reits ver­steu­er­ten Ver­mö­gen) bei der Aus­schüt­tung als Di­vi­den­de ein zwei­tes Mal ver­steu­ern muss­ten.

Mit dem Über­gang zum Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip muss in Zu­kunft bei je­der Aus­schüt­tung un­ter­sucht wer­den, ob es sich um ei­ne Aus­schüt­tung von steu­er­ba­ren Ge­winn­re­ser­ven oder steu­er­frei­en Ka­pi­tal­re­ser­ven han­delt. Da­mit ist an­ge­deu­tet, dass be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen, da­mit die Re­ser­ven als Ka­pi­tal­re­ser­ven qua­li­fi­zie­ren.

Bei der Be­stim­mung der Ka­pi­tal­ein­la­ge­re­ser­ven ist Vor­sicht ge­bo­ten. Nicht al­le ver­meint­li­chen Ka­pi­tal­ein­la­gen qua­li­fi­zie­ren als steu­er­frei rück­führ­ba­re Ka­pi­tal­re­ser­ven. Ge­mäss dem Kreis­schrei­ben der Eid­ge­nös­si­schen Steu­er­ver­wal­tung müs­sen Ka­pi­tal­ein­la­gen di­rekt vom Ak­tio­när ge­leis­tet und in der Han­dels­bi­lanz der emp­fan­ge­nen Ge­sell­schaft ver­bucht und of­fen aus­ge­wie­sen wer­den. Ver­deck­te Ka­pi­tal­ein­la­gen so­wie zum Bei­spiel ge­leis­te­te Ka­pi­tal­ein­la­gen, die als Fol­ge ei­ner Sa­nie­rung mit be­ste­hen­den Ver­lust­vor­trä­gen ver­rech­net wer­den, sol­len un­ver­ständ­li­cher­wei­se nicht als Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen gel­ten.

Die­se Un­ge­reimt­hei­ten er­stau­nen und füh­ren zu Stirn­run­zeln. Es bleibt zu hof­fen, dass das letz­te Wort in sol­chen Fäl­len noch nicht ge­spro­chen ist re­spek­ti­ve die Ge­rich­te die steu­er­li­che Beur­tei­lung rich­tig­stel­len wer­den.

Bun­des­ge­richts­ent­scheid

Auf­grund der mit der Ein­füh­rung des Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zips zu er­war­ten­den Steu­er­aus­fäl­le wur­den zwi­schen­zeit­lich im Par­la­ment zahl­rei­che Vor­stös­se ein­ge­reicht, um das Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip auf­zu­he­ben oder die rück­wir­ken­de Be­mes­sung der Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen ein­zu­schrän­ken. In der Fol­ge ver­lang­ten auch ein­zel­ne Stimm­bür­ger ei­ne Wie­der­ho­lung der Ab­stim­mung, da sie sich ir­re­ge­lei­tet fühl­ten, weil mit dem neu­en Ge­setz hö­he­re Steu­er­aus­fäl­le ver­bun­den sind, als in den Ab­stim­mungs­un­ter­la­gen vor­aus­ge­sagt wor­den war.

Das Bun­des­ge­richt hat je­doch in sei­nem Ent­scheid vom 20. De­zem­ber 2011 fest­ge­hal­ten, dass ei­ne Wie­der­ho­lung des Ur­nen­gangs und ei­ne Auf­he­bung des Ge­set­zes mit Rück­sicht auf die Rechts­si­cher­heit so­wie Treu und Glau­ben nicht in Fra­ge kä­men. So­mit bleibt es beim Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zip, was steu­er­sys­te­ma­tisch ab­so­lut kor­rekt ist.

Kon­zes­sio­nen an die Geg­ner

Der Bun­des­rat hat sich je­doch in der Zwi­schen­zeit (zu­guns­ten der Geg­ner des Ka­pi­tal­ein­la­ge­prin­zips) be­reit er­klärt, Lö­sun­gen zu prü­fen, die die Aus­zah­lung von Ka­pi­tal­ein­la­ge­re­ser­ven an be­stimm­te (han­dels- und steu­er­recht­li­che) Be­din­gun­gen knüp­fen. Die Eid­ge­nös­si­sche Steu­er­ver­wal­tung sieht ei­ne mög­li­che steu­er­recht­li­che Kor­rek­tur dar­in, dass die Aus­schüt­tung der Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen nur dann steu­er­frei vor­ge­nom­men wer­den kann, wenn ent­we­der kei­ne an­de­ren Re­ser­ven vor­han­den sind oder die Ge­sell­schaft li­qui­diert wird. Es bleibt ab­zu­war­ten, ob, und wenn ja, wel­che Mass­nah­men er­grif­fen wer­den.

Es gilt drin­gend zu be­ach­ten, dass die Frist für die Mel­dung der zwi­schen dem 1. Ja­nu­ar 1997 und dem 31. De­zem­ber 2010 ge­leis­te­ten Ka­pi­tal­ein­la­gen bei der Eid­ge­nös­si­schen Steu­er­ver­wal­tung spä­tes­tens dreis­sig Ta­ge nach Ge­neh­mi­gung der Jah­res­rech­nung 2011 bzw. 2010/2011 ab­läuft. Schwei­ze­ri­sche Ka­pi­tal­ge­sell­schaf­ten, die be­ste­hen­de Ka­pi­tal­ein­la­ge­re­ser­ven noch nicht ge­mel­det ha­ben, soll­ten des­halb drin­gend die fol­gen­den Mass­nah­men tref­fen:

Nach dem 1. Ja­nu­ar 1997 ge­leis­te­te Ka­pi­tal­ein­la­gen müs­sen an­hand der Jah­res­rech­nun­gen und an­de­rer Un­ter­la­gen iden­ti­fi­ziert und fest­ge­stellt wer­den. Die Ka­pi­tal­ein­la­gen sind in der Han­dels­bi­lanz 2011 of­fen als «Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen» um- bzw. ein­zu­bu­chen. Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen stel­len da­bei ein se­pa­ra­tes Un­ter­kon­to der ge­setz­li­chen Re­ser­ven dar und dür­fen nicht un­ter den frei­en Re­ser­ven aus­ge­wie­sen wer­den.

Ei­ne Um­bu­chung in­ner­halb der ge­setz­li­chen Re­ser­ven ist oh­ne Ge­ne­ral­ver­samm­lungs­be­schluss mög­lich. Falls ei­ne Um­bu­chung aus dem Ge­winn­vor­trag oder den frei­en Re­ser­ven vor­liegt, ist je­doch ein Gv-be­schluss er­for­der­lich.

Die in der Zeit zwi­schen dem 1. Ja­nu­ar 1997 und dem 31. De­zem­ber 2010 ge­bil­de­ten Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen sind frist­ge­recht, d. h. spä­tes­tens dreis­sig Ta­ge nach Ge­neh­mi­gung der Jah­res­rech­nung 2011 bzw. 2010/2011 der Eid­ge­nös­si­schen Steu­er­ver­wal­tung zu mel­den, und zwar mit­hil­fe der von der Steu­er­ver­wal­tung zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Ex­celTa­bel­le, die so­wohl elek­tro­nisch als auch un­ter­zeich­net in Pa­pier­form frist­ge­recht ein­zu­rei­chen ist. Zu­sätz­lich ist ein voll­stän­di­ges und un­ter­zeich­ne­tes For­mu­lar 170 zur Mel­dung des Be­stands der Re­ser­ven aus Ka­pi­tal­ein­la­gen per 1. Ja­nu­ar 2011 ein­zu­rei­chen. Pa­trik Schwarb, lic. rer. pol., dipl. Steu­er­ex­per­te, Tax Part­ner, www.tax­part­ner.ch

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