Ru­he um Un­garn

Zwei­fel an Sorg­lo­sig­keit der Märk­te – Re­gie­rung über­mü­tig

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ALEX­AN­DER TRENTIN

Die Märk­te schei­nen sich um Un­garn nicht mehr zu sor­gen. Die Ak­ti­en ha­ben seit dem Drei­mo­nat­s­tief zu Jah­res­an­fang knapp 15% zu­ge­legt, der un­ga­ri­sche Forint konn­te sich von sei­nem schwächs­ten Stand von 320 auf 290 Forint/€ er­ho­len, und lang­fris­ti­ge Staats­an­lei­hen ren­tie­ren wie­der deut­lich un­ter 10%. War der Ver­trau­ens­ent­zug im De­zem­ber rei­ne Pa­nik?

Chris­ti­an Kel­ler, Emer­ging-eu­ro­pe-ex­per­te von Bar­clays, sieht im Ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft» kei­ne Über­re­ak­ti­on der Märk­te En­de ver­gan­ge­nen Jah­res: «Das war fun­da­men­tal ge­recht­fer­tigt. Un­garn ist von eu­ro­päi­scher Ex­port­nach­fra­ge und eu­ro­päi­schen Ban­ken ab­hän­gig. Die Pri­vat­haus­hal­te sind stark in Fran­ken ver­schul­det, der Staat hat ei­nen ho­hen Fi­nan­zie­rungs­be­darf. Wenn die Eu­ro­zo­ne in die Re­zes­si­on geht und eu­ro­päi­sche Ban­ken ih­re Bi­lan­zen kür­zen, wird es für Un­garn sehr be­droh­lich. Ins­be­son­de­re da die Re­gie­rung die Ko­ope­ra­ti­on mit IWF und EU so gut wie ab­ge­bro­chen hat­te.»

Junk Ra­ting kein Pro­blem?

Da­her be­trach­tet Kel­ler die Er­ho­lung im Ja­nu­ar mit Zwei­fel: «Es gibt ei­nen per­ver­sen zir­ku­lä­ren Ef­fekt: Weil Un­garn vom wach­sen­den Ri­si­ko­ap­pe­tit an den Märk­ten pro­fi­tiert, hat sich der Forint sta­bi­li­siert, und die Auk­ti­on von Staats­an­lei­hen ist pro­blem­los ge­lau­fen. Nun denkt sich die Re­gie­rung mög­li­cher­wei­se, dass die Din­ge ja gar nicht so schlimm ste­hen.» Bu­da­pest ha­be sich nur un­ter star­kem Druck ent­schie­den, wie­der mit IWF und EU zu ko­ope­rie­ren. «Es war die Angst vor der Her­ab­stu­fung des Ra­tings zum Junk und die Kon­se­quen­zen für die Plat­zie­rung von An­lei­hen. Nun ist Un­garn aber auf Jun­kNi­veau, und für die Re­gie­rung hat es den An­schein, dass Ra­ting­agen­tu­ren und IWF doch kei­ne so gros­se Rol­le spie­len.»

Kel­ler warnt vor den Ge­fah­ren die­ser Ent­wick­lung: «Es könn­te nun ei­ne lan­ge Zeit wie­der hin und her­ge­hen.» Mög­li­cher­wei­se müs­se es erst er­neut zu ei­ner Ver­kaufs­wel­le von Forint und An­lei­hen kom­men, be­vor Bu­da­pest be­reit sei, sich den For­de­run­gen von IWF und Eu­ro­päi­scher Kom­mis­si­on zu beu­gen. «Die Re­gie­rung mag den­ken, sie kön­ne hier und da noch nach­ver­han­deln. Doch un­ser Ein­druck ist, dass Un­garn sich in ei­ne Ecke ma­nö­vriert hat, wo kei­ne der bei­den Or­ga­ni­sa­tio­nen be­reit ist, nach­zu­ge­ben.»

Haupt­pro­blem Wachs­tum

Gyor­gy Ko­vacs, Öko­nom bei UBS, er­klärt in ei­ner Kon­fe­renz­schal­tung mit In­ves­to­ren: «Das Haupt­pro­blem ist der sehr schwa­che Wachs­tums­aus­blick.» Un­garn sei ei­ne na­he­zu sta­gnie­ren­de Volks­wirt­schaft. Das Iwf-pro­gramm könn­te Mass­nah­men für mehr Wachs­tum un­ter­stüt­zen. «Es ist sehr wich­tig, dass Un­garn nur für Be­reit­schafts­kre­dit­ab­kom­men – Stand­by-ar­ran­ge­ments – des IWF qua­li­fi­ziert ist.» Ein sol­ches Pro­gramm schrei­be strik­te Be­din­gun­gen und re­gel­mäs­si­ge Über­prü­fun­gen vor, was die Zu­rück­hal­tung der un­ga­ri­schen Re­gie­rung er­klä­re.

Ko­vacs hält die Dis­kus­si­on Un­garns mit der EU für schwie­ri­ger als die mit dem IWF. «Mit der EU gibt es viel mehr Un­stim­mig­kei­ten in Be­zug auf die In­sti­tu­tio­nen.» So sei­en ne­ben der Un­ab­hän­gig­keit der Zen­tral­bank und des Ge­richts­we­sens auch Steu­er­fra­gen so­wie die La­ge der un­ga­ri­schen Air­line Malév um­strit­ten. Ges­tern wur­de der Be­trieb der Malév we­gen Li­qui­di­täts­man­gels ein­ge­stellt – die Ge­schäfts­lei­tung be­grün­det dies mit dem Aus­blei­ben von Staats­sub­ven­tio­nen, die von der EU un­ter­sagt wur­den. «Vie­les könn­te in das Ver­hand­lungs­pa­ket kom­men, aber am En­de soll­te es ein wachs­tums­freund­li­ches Pa­ket wer­den», er­klärt der Ubs-öko­nom.

Ko­vacs er­war­tet, dass al­le An­la­ge­klas­sen pro­fi­tier­ten, falls Un­garn die Kre­dit­be­din­gun­gen und Über­prü­fun­gen durch den IWF ak­zep­tiert. Der Ab­wer­tungs­druck auf den Forint wür­de nach­las­sen, was Leit­zins­sen­kun­gen er­lau­be. Sein Kol­le­ge Ma­nik Na­rain rech­net mit ei­ner Ei­ni­gung bis März oder April, aber «wir er­war­ten ei­nen un­ru­hi­gen Pro­zess dort­hin».

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