Nicht al­les Gold, was glänzt

Finanz und Wirtschaft - - M - EH,

«Es kommt nicht dar­auf an, ob ei­ne Kat­ze schwarz oder weiss ist, son­dern dass sie Mäu­se fängt», war der Wahl­spruch des ehe­ma­li­gen chi­ne­si­schen Staats­chefs Deng Xiao Ping. Der 1997 ver­stor­be­ne Va­ter des chi­ne­si­schen Re­form­pro­gramms recht­fer­tig­te mit die­sen Wor­ten den vor über drei Jahr­zehn­ten ein­ge­lei­te­ten wirt­schafts­prag­ma­ti­schen Kurs, dank dem das von ideo­lo­gi­schen Krämp­fen blo­ckier­ten Land in ein Wirt­schafts­wun­der­land ver­wan­delt wur­de.

Doch die Wachs­tums­dy­na­mik wird bis heu­te zu ein­sei­tig von In­ves­ti­tio­nen und Ex­por­ten ge­tra­gen, was im In- und Aus­land zu ma­kro­öko­no­mi­schen Un­gleich­ge­wich­ten ge­führt hat. Das heisst, dass Chi­na seit Jah­ren ei­nen ge­wal­ti­gen Han­dels­bi­lanz­über­schuss er­wirt­schaf­tet und sich Chi­ne­sen nicht in dem Mas­se der Früch­te ih­rer Ar­beit er­freu­en kön­nen, wie sie es ei­gent­lich ver­die­nen wür­den. Ein Re­sul­tat da­von ist ein Pri­vat­kon­sum, der mit ei­nem An­teil von 36% am Brut­to­in­land­pro­dukt weit un­ter dem Po­ten­zi­al der welt­weit zweit­gröss­ten Volks­wirt­schaft liegt. Ein Ver­gleich: In den USA ist der An­teil fast dop­pelt so hoch.

Von feh­len­der Kauf­freu­de ist auf den ers­ten Blick in Chi­na nichts zu se­hen. Sta­tus­sym­bo­le, sei­en es nun Au­tos, neu­es­te elek­tro­ni­sche Un­ter­hal­tungs­ge­rä­te oder Lu­xus­wa­ren, sind selbst im Stras­sen­bild von Klein­städ­ten un­über­seh­bar. Doch in Chi­nas Kon­sum­gü­ter­markt ist nicht al­les Gold, was glänzt. Da­von zeugt et­wa die blü­hen­de Pro­duk­t­epi­ra­te­rie, die nach Schät­zun­gen der ame­ri­ka­ni­schen Pri­vat­de­tek­tei Kroll As­so­cia­tes aus­län­di­schen Un­ter­neh­men jähr­lich ei­nen Um­satz­ver­lust von 20 Mrd. $ zu­fügt.

Ein ähn­li­ches Bild bie­tet auch der Ein­zel­han­del. Wer et­wa in Pe­king in zen­tra­ler La­ge wie et­wa im San­li­tun auf Ein­kaufs­tour geht, sieht zu 100% ver­mie­te­te Shop­ping­cen­ter mit gut fre­quen­tier­te Lä­den. Doch im Um­kreis von drei Ki­lo­me­ter gibt es vier oder fünf ähn­li­che Ein­kauf­mei­len. Dort ste- hen zahl­rei­che Ge­wer­be­lie­gen­schaf­ten leer, und dort, wo die Lä­den of­fen sind, steht man­gels Kund­schaft das Per­so­nal ge­lang­weilt her­um. Ähn­lich ist die La­ge in an­de­ren Re­gio­nen des Lan­des.

Ob­wohl die Ein­kom­men in Chi­na seit Jah­ren im Durch­schnitt deut­lich über 10% wach­sen, hat der An­teil des Pri­vat­kon­sums an der ge­samt­wirt­schaft­li­chen Leis­tung seit 2008 ab­ge­nom­men. Haupt­grund sind die nach dem Aus­bruch der glo­ba­len Fi­nanz­kri­se vor vier Jah­ren ex­plo­die­ren­den In­ves­ti­tio­nen in In­fra­struk­tur­pro­jek­te und Im­mo­bi­li­en. Da­mit hat Chi­na mit ei­ni­gem Er­folg den tem­po­rä­ren Ein­bruch der Ex­por­te wett­ge­macht.

Fi­nan­ziert wur­de das Wachs­tums­pro­gramm nicht nur durch ein staat­li­ches Kon­junk­tur­pa­ket in Hö­he von bei­na­he 500 Mrd. $, son­dern auch von den of­fe­nen Geld­schleu­sen der Ban­ken. Da­mit stie­gen die Sach­in­ves­ti­tio­nen 2009 ge­gen­über dem Vor­jahr 30% an, al­so mehr als dop­pelt so schnell als der Pri­vat­kon­sum. Ei­ne Re­zes­si­on konn­te so zwar ver­mie­den wer­den, doch hat Chi­na da­mit heu­te ei­ne In­fra­struk­tur, die weit über die rea­le Nach­fra­ge hin­aus­geht. Zu­dem steigt der An­teil von Ri­si­ko­kre­di­ten im Ban­ken­sys­tem des Lan­des.

Doch wur­den im Zu­ge des In­ves­ti­ti­ons­booms auch enor­me pri­va­te Ver­mö­gen auf­ge­häuft. Das nicht nur von Un­ter­neh­mern, die Häu­ser und Brü­cken ge­baut ha­ben, oder von In­ves­to­ren, die recht­zei­tig in den boo­men­den Im­mo­bi­li­en­markt ein­ge­stie­gen sind, son­dern auch von zwie­lich­ti­gen Tritt­brett­fah­rern. Zwar sind kei­ne of­fi­zi­el­len Zah­len be­kannt, doch ist es ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass ein be­trächt­li­cher Teil der nach 2008 lo­cker ge­mach­ten Gel­der auch in dunk­le Ka­nä­le ge­flos­sen sind. All das schnell ge­mach­te Geld sitzt heu­te lo­cker in den Ta­schen der neu­en Mil­lio­nä­re. Das ist auch ein Grund da­für, dass in Chi­na bis­her Lu­xus­gü­ter weit reis­sen­de­ren Ab­satz fan­den als nor­ma­le Kon­sum­gü­ter.

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