Ar­cel­ormit­tal hält sich gut

EU­RO­PA Her­aus­for­de­rungs­rei­ches Um­feld in der Stahl­bran­che

Finanz und Wirtschaft - - INDUSTRIE - UL­RICH SCHÄ­RER

DAr­celor­mit­tal er eu­ro­päi­sche Stahl­mul­ti Ar­cel­orMit­tal zeigt sich trotz des her­aus­for­de­rungs­rei­chen Markt­um­felds auf dem Al­ten Kon­ti­nent ver­hal­ten op­ti­mis­tisch. Der Leis­tungs­aus­weis 2011 ist von sub­stan­zi­el­len Fort­schrit­ten ge­prägt – trotz ei­nes spür­bar schwä­che­ren vier­ten Quar­tals. Den Aus­blick auf die kom­men­den Mo­na­te kom­men­tiert die Füh­rung des welt­gröss­ten Stahl­her­stel­lers mit ei­ner ge­wis­sen Ge­las­sen­heit: So soll das Brut­to­be­triebs­er­geb­nis (Ebitda) im ers­ten Halb­jahr 2012 zwar die Zah­len des ers­ten Se­mes­ters 2011 nicht mehr er­rei­chen, aber doch über dem Ni­veau des Zei­t­raums Ju­li bis De­zem­ber 2011 lie­gen. Per sal­do hat Ar­cel­ormit­tal den Ebitda im ver­gan­ge­nen Jahr um 18,7% auf 10,1 Mrd. $ ver­bes­sert.

Das Be­triebs­er­geb­nis (Ebit) er­höh­te sich 35,9% auf 4,9 Mrd. $; al­ler­dings ver­blieb im vier­ten Quar­tal ge­ra­de noch ein Plus von 47 Mio. $. Der Ge­winn fiel von 2,92 auf 2,26 Mrd. $; im vier­ten Quar­tal er­gab sich gar ein Net­to­ver­lust, was we­sent­lich auf aus­ser­or­dent­li­che Steu­er­be­las­tun­gen zu­rück­zu­füh­ren ist.

Wich­ti­ges Berg­bau­ge­schäft

Kon­zern­chef Lak­sh­mi Mit­tal be­tont, dass die Er­ho­lung, die sich im Ge­samt­jahr auch in der Um­satz­stei­ge­rung von 20,4% auf rund 94 Mrd. $ spie­gelt, in der zwei­ten Jah­res­hälf­te «durch ei­ne wach­sen­de Un­ge­wiss­heit über die wirt­schaft­li­che La­ge Eu­ro­pas be­hin­dert wur­de». Dass der Stahl­mul­ti gleich­wohl be­frie­di­gend über die Run­den kommt und ent­spre­chend für 2012 ei­ne un­ver­än­der­te Di­vi­den­de von 0.75 $ aus­schüt­ten will, ist we­sent­lich auf die Di­ver­si­fi­ka­ti­on zu­rück­zu­füh­ren. Ar­cel­ormit­tal ist ein breit auf­ge­stell­tes Kon­glo­me­rat: Der ope­ra­ti­ve Ver­lust der Flach­stahl­spar­te Eu­ro­pa (324 Mio. $ im Ge­samt­jahr) wur­de durch den Über­schuss (1,198 Mrd.) der ent­spre­chen- den Über­see­ak­ti­vi­tä­ten mehr als auf­ge­wo­gen. Die Kon­zern­füh­rung macht auch er­mu­ti­gen­de Zei­chen im Us-bau­ge­schäft aus (vgl. Gra­fik), so­gar im Woh­nungs­bau. Die­se Ein­schät­zung wird vom US-KON­zern Nu­cor ge­teilt, der un­längst ei­ne an­zie­hen­de Nach­fra­ge fest­ge­stellt hat, auch aus den Bran­chen Au­to­mo­bil, Ener­gie und Aus­rüs­tungs­gü­ter. Nu­cor geht da­von aus, dass die Mar­gen im De­zem­ber 2011 ei­nen Tief­punkt durch­lau­fen ha­ben.

Die Ar­celor-grup­pe ih­rer­seits hat im Lang­s­tahl­ge­schäft Eu­ro­pa und USA ei­ne kla­re Ero­si­on der Mar­gen hin­neh­men müs­sen. Da­für konn­te das ope­ra­ti­ve Er­geb­nis in den Weltregionen Asi­en, Afri­ka und in der Ge­mein­schaft Un­ab­hän­gi­ger Staa­ten (GUS) ver­bes­sert wer­den. Nicht zu­letzt hat Ar­cel­ormit­tal un­ter den füh­ren­den Stahl­her­stel­lern wohl die gröss­ten Fort­schrit­te im Berg­bau­ge­schäft ge­macht, um sich ge­gen ho­he und haus­sie­ren­de Prei­se von Roh­stof­fen ab­zu­si­chern. So wur­de die Ei­sen­erz­pro­duk­ti­on ge­gen­über 2010 von 49 auf 54 Mio. t ge­stei­gert; bis 2015 soll das Ni­veau von 84 Mio. t er­reicht sein. Die Ar­celor-berg­bau­s­par­te hat auch ihr Be­triebs­er­geb­nis im ver­gan­ge­nen Jahr um nicht we­ni­ger als 58% auf 2,57 Mrd. $ ver­bes­sert. Im lau­fen­den Jahr soll die Ei­sen­erz- und Koh­le­pro­duk­ti­on noch­mals um rund 10% zu­le­gen.

Ins­ge­samt rech­net die Ar­celor-füh­rung mit ei­ner glo­bal wei­ter an­zie­hen­den Nach­fra­ge (vgl. Gra­fik): So soll der Stahl­ver­brauch in die­sem Jahr um 4,5 bis 5% wach­sen. Wachs­tums­mo­tor wird Chi­na blei­ben, ob­wohl die­se Dy­na­mik spür­bar nach­zu­las­sen scheint. Aber auch in den Nafta-staa­ten USA, Me­xi­ko und Ka­na­da sieht Ar­celor be­trächt­li­ches Po­ten­zi­al.

Un­ge­nü­gen­de Aus­las­tung

Ei­ne Her­aus­for­de­rung in der Stahl­in­dus­trie bleibt die Ka­pa­zi­täts­aus­las­tung. Sie hat sich seit Fe­bru­ar 2011 wie­der kon­ti­nu­ier­lich zu­rück­ge­bil­det und lag zum Jah­res­en­de auf dem un­be­frie­di­gen­den Ni­veau von 71,7%, wie die World Steel As­so­cia­ti­on fest­stellt. Da­bei ist die glo­ba­le Stahl­pro­duk­ti­on im ver­gan­ge­nen Jahr um 6,8% ge­stie­gen, was be­sagt, dass sich der Auf­bau neu­er Ka­pa­zi­tä­ten un­ge­bremst fort­setzt.

Be­son­ders be­trof­fen von schwach aus­ge­las­te­ten Ka­pa­zi­tä­ten ist Eu­ro­pa, wo die schlep­pen­de Wirt­schafts­ent­wick­lung und die ge­trüb­ten Per­spek­ti­ven die ein­zel­nen An­bie­ter zu­se­hends zum Han­deln zwin­gen. So sind die Ar­celor-zah­len des letz­ten Jah­res mit ei­ner Auf­wen­dung von 85 Mio. $ für die Schlies­sung des Stand­orts Lüt­tich be­las­tet. Der eu­ro­päi­sche Ab­le­ger des ame­ri­ka­ni­schen Kon­zerns U.S. Steel hat sei­ner­seits im vier­ten Quar­tal je ei­nen Hoch­ofen in Ser­bi­en und in der Slo­wa­kei run­ter­ge­fah­ren. In dem schwie­ri­gen Um­feld re­du­zie­ren die Ame­ri­ka­ner auch ih­re Prä­senz auf dem Al­ten Kon­ti­nent. So ist die Toch­ter U.S. Steel Ser­bia mitt­ler­wei­le an den ser­bi­schen Staat ver­kauft wor­den, wo­mit ei­ne be­las­ten­de Ver­lust­quel­le aus der Kon­zern­rech­nung ver­schwin­det.

Den gut po­si­tio­nier­ten Stahl­her­stel­lern ist in die­sem Ge­schäfts­jahr ei­ne wei­te­re Re­sul­tat­stei­ge­rung zu­zu­trau­en. Schwe­rer wer­den sich aber Un­ter­neh­men in Eu­ro­pa tun, wo die Mar­gen mar­kant un­ter Druck ste­hen. In die­ser Per­spek­ti­ve ist nicht da­mit zu rech­nen, dass eu­ro­päi­sche Stahl­wer­te nur schon ei­ne durch­schnitt­li­che Per­for­mance er­brin­gen wer­den. Das gilt selbst für ei­nen geo­gra­fisch di­ver­si­fi­zier­ten Mul­ti wie Ar­cel­ormit­tal, dem die Wert­schrif­ten­häu­ser für die nächs­ten Mo­na­te kein gros­ses Kur­s­po­ten­zi­al zu­bil­li­gen.

Doch Stahl ist an sich ei­ne Wachs­tums­bran­che. Es fin­den sich in die­sem Uni­ver­sum auch An­bie­ter, die we­ni­ger von den eu­ro­päi­schen Pro­ble­men be­las­tet sind. An­zu­spre­chen ist da­bei er­neut die ame­ri­ka­ni­sche Nu­cor, der in die­sem Jahr ei­ne mar­kan­te Ge­winn­stei­ge­rung zu­zu­trau­en ist. Nu­cor hat im Üb­ri­gen En­de Ja­nu­ar die Di­vi­den­de (Ren­di­te 2012: 3,2%) auf­ge­stockt und ein Zei­chen des Ver­trau­ens ge­setzt: Sie hat da­mit die Aus­schüt­tung im 39. Jahr in Fol­ge er­höht – ein be­mer­kens­wer­ter Leis­tungs­aus­weis in der zy­kli­schen Stahl­bran­che.

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