Was kann Hel­las noch ak­zep­tie­ren?

Er­mög­li­chung von Wachs­tum als ver­pass­tes Kri­te­ri­um der Troi­ka – Ezb-zins­ent­scheid am Don­ners­tag – Kre­dit­ver­ga­be harzt

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - TOMMASO MANZIN UND JEAN­NE RICHENBERGER

Es gibt für je­des kom­ple­xe Pro­blem ei­ne ein­fa­che Lö­sung – und sie ist meis­tens falsch. Das All­heil­mit­tel der Troi­ka (IWF, EU, EZB) zur Ver­rin­ge­rung der Schul­den­quo­te Grie­chen­lands lau­tet: spa­ren. Erst spät däm­mer­te die Er­kennt­nis, dass das da­mit ver­bun­de­ne Er­sti­cken des Wachs­tums Gift ist für den Nen­ner in die­ser Rech­nung: das Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP). Doch vi­el­leicht ist es zu spät. Denn die Ver­hand­lun­gen ha­ben ei­ne Ei­gen­dy­na­mik ent­wi­ckelt, die mehr ge­prägt ist vom bis­her be­schrit­te­nen Pfad als vom ur­sprüng­li­chen Ziel.

Die­ses war es, die Ver­schul­dung von ge­gen­wär­tig fast 160% des BIP bis 2020 auf als nach­hal­tig er­ach­te­te 120% zu sen­ken. Un­ter­stellt wur­de da­bei, dass die hel­le­ni­sche Wirt­schaft wächst, und zwar ab 2013. Der­zeit be­fin­det sie sich im frei­en Fall, 2011 ist sie 6% ge­schrumpft. Die Schul­den­quo­te wird zum «Mo­ving Tar­get».

Kaum mehr Spiel­raum

Auch der pri­va­te Schul­den­schnitt von 50% des No­mi­nals (je nach Än­de­rung von Lauf­zeit und Cou­pon ein Bar­wert­ver­lust von 60 bis 70%) reicht kaum mehr. Kein Wun­der, wer­den For­de­run­gen laut, die öf­fent­li­che Hand an der Re­struk­tu­rie­rung zu be­tei­li­gen, al­len vor­an die EZB, die ca. 55 der 260 Mrd. € an An­lei­hen hält. Der deut­sche Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le sieht da­zu kei­nen An­lass, die Staa­ten hät­ten ge­nug ge­hol­fen. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel mach­te am deutsch-fran­zö­si­schen Kon­sul­ta­ti­ons­tref­fen klar: kei­ne Ei­ni­gung oh­ne Um­set­zung der Vor­schlä­ge der Troi­ka.

Die­se «Vor­schlä­ge» ver­fol­gen als End­ziel zwar die Wie­der­her­stel­lung der hel­le­ni­schen Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Doch da das Land nicht ab­wer­ten kann, müss­ten die Löh­ne re­al ge­senkt wer­den, und zwar et­wa 25%. Sonst soll der zwei­te Ret­tungs­fonds über 130 Mrd. € vom Tisch. Doch auch hier stimmt die Rech­nung kaum mehr, be­reits macht ein Mehr­be­darf von 15 Mrd. €. die Run­de. Zwar wä­re die Sum­me nüch­tern be­trach­tet kaum mehr aus­schlag­ge­bend, doch zeigt dies, wie klein der Ver­hand­lungs­spiel­raum sechs Wo­chen vor Ver­fall der Grie­chen­land­an­lei­he über 14,4 Mrd. € ist und wie blank die Ner­ven bei den Eu­ropart­ner, dem IFW und vor al­lem den Grie­chen selbst lie­gen. Für die, die sich schon bis­her mit ih­rem «Ich weiss, dass ich nichts weiss», er­kann­te einst So­kra­tes. we­nig Zeit. 14,4 Mrd. € muss es in sechs Wo­chen zu­rück­zah­len. Noch weiss nie­mand, wie. Ge­halt von Mo­nats­en­de zu Mo­nats­en­de han­geln muss­ten, müs­sen wei­te­re Spar­for­de­run­gen sa­dis­tisch klin­gen. Aus der His­to­rie weiss man, dass Re­al­lohn­sen­kun­gen zur Kri­sen­be­wäl­ti­gung so­gar in Schwel­len­län­dern, die ab­wer­ten konn­ten und ei­ne an­de­re Wachs­tums­dy­na­mik auf ih­rer Sei­te hat­ten, po­li­tisch et­wa ein Jahr lang durch­setz­bar sind. Am Di­ens­tag leg­te ein Ge­ne­ral­streik Hel­las lahm.

Deutsch­land nicht per­fekt

Das Mot­to: «Es reicht.» Ein Tag nach­dem das Ul­ti­ma­tum der Troi­ka ab­ge­lau­fen war, wa­ren die Ver­su­che von Pre­mier Lu­cas Pa­pa­de­mos, sei­ne Ko­ali­ti­ons­part­ner von den Lohn­kür­zun­gen zu über­zeu­gen, noch im Gan­ge. Öl ins Feu­er giesst auch der jüngs­te Vor­schlag des Tan­dems Mer­kel-sar­ko­zy, wo­nach die Staats­ein­nah­men in ei­nen Son­der­fonds flies­sen und blo­ckiert wer­den sol­len, um Schul­den ab­zu­bau­en.

Die jüngs­ten Da­ten des sta­tis­ti­schen Amts der Eu­ro­zo­ne, Eu­ro­s­tat, spre­chen Kl­ar­text: Die grie­chi­sche Staats­ver­schul­dung ist im drit­ten Quar­tal 2011 auf 159% des BIP ge­stie­gen – 4,4 Pro­zent­punk­te (Pp) mehr als im Vor­quar­tal und 20,3 Pp mehr als im Vor­jahr. Hel­las weist da­mit – we­nig über­ra­schend – die höchs­te Staats­ver­schul­dung der Eu­ro­zo­ne auf, ge­folgt von Ita­li­en, Por­tu­gal und Ir­land.

Re­po­satz und Eu­ro

Ei­gent­lich wür­de der Ver­trag von Maas­tricht ei­ne Quo­te von ma­xi­mal 60% des BIP ver­lan­gen – un­ter die­sem Wert lie­gen noch vier der sieb­zehn Mit­glie­der der Wäh­rungs­uni­on. Nicht Teil der Grup­pe von Mus­ter­schü­lern ist er­staun­li­cher­wei­se Deutsch­land: Die Bun­des­re­pu­blik wies für das drit­te Quar­tal ei­ne Schul­den­last von 81,8% aus. Die ge­sam­te Eu­ro­zo­ne war En­de Sep­tem­ber 2011 zu 87,4% ver­schul­det. Im Vor­quar­tal wa­ren es 87,7% ge­we­sen, im Vor­jah­res­quar­tal 83,2%.

Leit­zins­sen­kung im März

Wie wird die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank EZB am Don­ners­tag über das künf­ti­ge Zins­ni­veau ent­schei­den? Der­zeit ist der Re­po­satz auf 1% fi­xiert. Ver­gan­ge­nen No­vem­ber und De­zem­ber wur­de der Leit­zins je 25 Ba­sis­punk­te re­du­ziert. Steht ein wei­te­rer Schritt be­vor? Da­für spricht Hel­las so­wie die pro­gnos­ti­zier­te Re­zes­si­on Eu­ro­lands. Da­ge­gen spre­chen ge­misch­te Kon­junk­tur­da­ten, u. a. ist das Wirt­schafts­ver­trau­en im Ja­nu­ar leicht ge­stie­gen. Das Pro­blem der Zen­tral­bank bleibt das al­te: Sie muss ei­ne Geld­po­li­tik für äus­serst un­ter­schied­li­che Staa­ten ma­chen – und hier­bei die Kauf­kraft des Eu­ros und so­mit die Preis­sta­bi­li­tät ge­währ­leis­ten.

Un­ge­mach of­fen­bart auch die jüngs­te Ezb-kre­dit­um­fra­ge vom Ja­nu­ar 2012, just nach der durch­ge­führ­ten LTRO (Lon­ger Term Re­fi­nan­cing Ope­ra­ti­on), die rund 490 Mrd. € ins eu­ro­päi­sche Ban­ken­sys­tem ge­pumpt hat­te. Die Aus­wir­kun­gen wer­den sich of­fen­bar erst in der nächs­ten Um­fra­ge fest­stel­len las­sen. Denn die In­sti­tu­te ha­ben die Kre­dit­ver­ga­be­kri­te­ri­en im letz­ten Quar­tal 2011 wei­ter ver­schärft. 35% ga­ben an, bei Un­ter­neh­men re­strik­ti­ver zu sein (im Vor­quar­tal 16%), 29% bei Hy­po­the­kar­schuld­nern (18%) und 13% bei Kon­sum­kre­di­ten (10%). Vor al­lem Gross­un­ter­neh­men mit lang­fris­ti­gem Fi­nan­zie­rungs­be­darf sind be­trof­fen. Nur die deut­schen In­sti­tu­te er­war­ten nicht, dass sich die­se Ten­denz fort­setzt.

Die EZB wird wohl ab­war­ten – die­ser Meinung sind je­den­falls die Markt­teil­neh­mer. Die Zins­fu­tures es­komp­tie­ren erst im März ei­ne wei­te­re Sen­kung des Re­po­sat­zes um 0,25 Pp. Bei­be­hal­ten wird die EZB ih­re aus­ser­or­dent­li­chen Li­qui­di­täts­mass­nah­men – im Ge­gen­satz zur Bank of En­g­land, die ei­ne Drei­vier­tel­stun­de vor der EZB ih­ren Zins­ent­scheid kom­mu­ni­zie­ren wird. Von ihr wer­den wei­te­re quan­ti­ta­ti­ve Lo­cke­run­gen er­war­tet.

Zum Nach­den­ken bleibt Hel­las

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