Fett & Mus­keln

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - MR

Die «Gold­gel­be Ver­gil­bung» ist 2011 im Tes­si­ner Reb­bau – vor­ge­kom­men. Das be­stä­tigt ak­tu­ell das La­bor für Bak­te­rio­lo­gie und Phy­to­plas­mo­lo­gie von Agro­scope. Agro­scope, das sind die drei For­schungs­an­stal­ten Chang­ins-wä­dens­wil, Lie­be­feld-po­sieux und Re­cken­holz-tä­ni­kon (al­so ei­gent­lich sechs?) des Bun­des­amts für Land­wirt­schaft. Das Na­tio­nal­ge­stüt in Avenches wie­hert auch ir­gend­wo mit.

Man leis­tet sich ja sonst nichts. Zum Bei­spiel kein all­zu gross­zü­gig be­stück­tes Staats­se­kre­ta­ri­at für in­ter­na­tio­na­le Fi­nanz­fra­gen (SIF). Die­ses be­fasst sich mit Fi­nanz­markt­re­gu­lie­rung und -auf­sicht, Be­kämp­fung der Fi­nanz­markt­kri­mi­na­li­tät, in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz- und Wäh­rungs­fra­gen so­wie Steu­er­po­li­tik, Too big to fail usw. Un­ter der Lei­tung von Staats­se­kre­tär Micha­el Am­bühl ar­bei­ten im SIF 60 ( Voll­zeit­stel­len) Per­so­nen.

So vie­le? So we­ni­ge, ge­mes­sen an Um­fang und Be­deu­tung der Auf­ga­ben, an der Üp­pig­keit von Be­hör­den in Washington, Berlin, Brüs­sel, mit de­nen Bern ver­han­delt, so we­ni­ge ge­mes­sen auch an nicht gar so le­bens­not­wen­di­gen eid­ge­nös­si­schen Amts­stel­len. Fru­ga­ler Staat ist gut, doch Mus­kel­fleisch braucht Pfle­ge, tie­ri­sche Fet­te las­sen sich ab­bau­en. Al­le zwei Jah­re stellt sich die Schweiz ei­nem wirt­schafts­po­li­ti­schen Check-up durch die OECD (Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung). Schwer­punkt der dies­jäh­ri­gen Prü­fung war das Steu­er­sys­tem, denn so­gar bei ei­nem der Klas­sen­bes­ten gibt es man­ches zu be­män­geln.

Die Haupt­kri­tik: Das schwei­ze­ri­sche Steu­er­sys­tem weicht zu stark von der Norm ab. Die Mehr­wert­steu­er macht hier­zu­lan­de bloss 12,8% (2009) der Steu­er­ein­nah­men aus, statt 19,5% im OECDLän­der­durch­schnitt. Ent­spre­chend hö­her ist das re­la­ti­ve Ge­wicht der Ein­kom­mens­steu­er (31,5 statt 26,1% im Jahr 2009).

Ge­samt­be­las­tung steigt

Das sei schlecht für die Ef­fi­zi­enz, ur­teilt die OECD. Die pro­gres­si­ve Ein­kom­mens­steu­er wir­ke sich ne­ga­tiv auf die Ar­beits­leis­tung aus, we­ni­ger so die Mehr­wert­steu­er. Der An­teil der Ein­kom­mens­steu­er an al­len Steu­er­ein­nah­men sei zu­guns­ten der Mehr­wert­steu­er zu re­du­zie­ren. Da­mit ver­langt die OECD von der Schweiz ein Kunst­stück, das kaum ein Land je ge­schafft hat. Denn der Vor­marsch der Mehr­wert­steu­er in Eu­ro­pa ging in al­ler Re­gel nicht mit ei­ner Ab­nah­me der Ein­kom­mens­steu­er ein­her, son­dern mit ei­ner all­ge­mei­nen Zu­nah­me der Steu­er­be­las­tung.

Was bis Mitte der Sech­zi­ger­jah­re bloss als fran­zö­si­sche Spe­zia­li­tät be­kannt war, ist heu­te ei­ne der wich­tigs­ten Ein­nah­me- qu­el­len der Eu-staa­ten – den­noch sind Ein­kom­mens­steu­ern und So­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge seit­dem stark ge­stie­gen.

In ei­nem vor ei­ni­gen Jah­ren ver­öf­fent­lich­ten in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich ka­men die Fi­nanz­wis­sen­schaft­ler Micha­el Ke­en und Ben Lock­wood zum Schluss, dass ei­ne Zu­nah­me des An­teils der Mehr­wert­steu­er am Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) um 1% lang­fris­tig von ei­ner Er­hö­hung der Fis­kal­quo­te ( Ver­hält­nis Steu­er­ein­nah­men zum BIP) um 0,8% be­glei­tet wird.

Es stimmt zwar, dass die Mehr­wert­steu­er teil­wei­se die in­ef­fi­zi­en­ten Um­satz­steu­ern, Zoll­ab­ga­ben und die Un­ter­neh­mens­ge­winn­steu­er ent­we­der re­du­ziert oder er­setzt hat. Ge­ra­de we­gen ih­rer Ef­fi­zi­enz bot die Mehr­wert­steu­er dem Staat je­doch die Mög­lich­keit, sich aus­zu­wei­ten. In­di­rekt war so­mit die ef­fi­zi­en­te­re Be­steue­rung für die In­ef­fi­zi­en­zen mit­ver­ant­wort­lich, die ty­pi­scher­wei­se mit auf­ge­bläh­ten Staats­aus­ga­ben und Ser­vice pu­b­lic in Er­schei­nung tre­ten.

Steu­er­wett­be­werb in Ge­fahr

Aus die­ser Sicht ist die Tat­sa­che, dass das Schwei­zer Steu­er­sys­tem we­ni­ger auf die Mehr­wert­steu­er, da­für mehr auf die «in­ef­fi­zi­en­te» Ein­kom­mens­steu­er setzt, po­si­tiv zu wer­ten. In der Schweiz exis­tiert die Ein­kom­mens­steu­er in zahl­rei­chen Va­ri­an­ten, so vie­len, wie es kan­to­na­le und kom­mu­na­le Steu­er­sät­ze gibt. Die zen­tra­li­sier­te Mehr­wert­steu­er schal­tet hin­ge­gen den Steu­er­fö­de­ra­lis­mus und sei­nen Mo­tor, den Steu­er­wett­be­werb, aus. Ein ein­zig­ar­ti­ger Stand­ort­fak­tor der Schweiz droht da­mit ge­schwächt zu wer­den.

Es gibt wei­te­re Vor­tei­le der di­rek­ten Be­steue­rung. Für die Bür­ger ist die Ein­kom­mens­steu­er spür­ba­rer als die Mehr­wert­steu­er: Je­der Steu­er­pflich­ti­ge nimmt sie beim Aus­fül­len der Steu­er­er­klä­rung be­wusst wahr. Im Ge­gen­satz zu Gü­ter­steu­ern, die ge­stü­ckelt bei Hun­der­ten von Trans­ak­tio­nen in ho­möo­pa­thi­schen Do­sen ent­rich­tet wer­den, wird die Ein­kom­mens­steu­er in we­ni­gen Ra­ten be­gli­chen.

Ge­samt­steu­er­ein­nah­men nach Steu­er­art

Die Oecd-län­der­be­rich­te über­zeug­ten im­mer wie­der durch ih­re ana­ly­ti­sche Qua­li­tät, auch wenn ih­re wirt­schafts­po­li­ti­sche Re­le­vanz ab­ge­nom­men hat. Im­mer­hin lie­fer­ten sie wert­vol­le Hin­wei­se dar­auf, wie die gröss­ten Qu­el­len der In­ef­fi­zi­enz un­se­rer Volks­wirt­schaft – die über­re­gu­lier­ten Gü­ter­märk­te – zu re­for­mie­ren sind. Die­ses Mal er­wei­sen die Pa­ri­ser Öko­no­men den ei­ge­nen Ab­sich­ten ei­nen Bä­ren­dienst. Mar­co Sal­vi ist Pro­jekt­lei­ter bei der Denk­fa­brik Ave­nir Suis­se.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.