Gold­man Sachs als Kauf­kan­di­dat

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - AL­FONS COR­TES

Über Ti­ming wird viel ge­re­det und we­nig ge­schrie­ben. Der Be­griff wird im «Geld-, Bank- und Fi­nanz­markt­le­xi­kon der Schweiz» auf vier­zehn Zei­len be­han­delt, doch ich meine, dass in der Pra­xis da­mit we­nig bis gar nichts an­ge­fan­gen wer­den kann. Vi­el­leicht bringt meine De­fi­ni­ti­on von Ti­ming ei­ne Klä­rung: Ti­ming ist die Fä­hig­keit, an den Brenn­punk­ten der Bör­sen Hand­lun­gen vor­zu­neh­men, die aus öko­no­mi­scher Sicht ab­surd er­schei­nen. Die Recht­fer­ti­gung da­für liegt dar­in, dass Brenn­punk­te auf­grund der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­ten­si­tät und der Un­ge­wiss­heit, die im Fi­nanz­sys­tem herr­schen, selbst­re­fe­ren­ti­el­le, hoch­gra­dig psy­cho­lo­gi­sche Mo­men­te dar­stel­len, die oh­ne Be­zug zu fun­da­men­ta­len Da­ten blei­ben.

In wel­chem Ver­hält­nis steht Ti­ming zu den zehn Con­tra­ri­an-re­geln? Ti­ming stellt die Hand­lung dar, die der Be­ob­ach­tung folgt, dass die Re­geln er­füllt sind. Im Fi­nanz-le­xi­kon kann ich da­ge­gen kei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen den Be­grif­fen fin­den. Con­tra­ri­an-ver­hal­ten wird als das Ge­gen­teil von Sek­tor-ro­ta­ti­on be­zeich­net. Das scheint mir bes­ten­falls ei­ne ur­schwei­ze­ri­sche Aus­le­gung des Be­grif­fes zu sein, in­ter­na­tio­nal kä­me nie­mand auf die Idee Con­tra­ri­an- und Sek­tor-ro­ta­ti­on als Kon­tra­punk­te zu ver­ste­hen.

Wo­her Per­for­mance kommt

In ei­nem In­ter­view mit der «NZZ» vom 4. Fe­bru­ar stell­te Pie­rin Vin­cenz fest, dass die Per­for­mance an­stel­le der Kun­den­be­zie­hung in den Vor­der­grund rü­cke. Die­se wird nur dann po­si­tiv aus­fal­len, wenn das Ti­ming stimmt. Um­ge­kehrt ent­ste­hen Ti­ming­chan­cen nicht dau­ernd, son­dern nur dann, wenn hoch­gra­dig psy­cho­lo­gi­sier­te Si­tua­tio­nen ein­tre­ten.

Ei­ne sol­che Chan­ce bot der Crash von Au­gust/sep­tem­ber 2011. Con­tra­ri­an-chan­cen schwin­den zu­neh­mend mit stei­gen­den Kur­sen. Glück­li­cher­wei­se fal­len sie nicht in al­len Sek­to­ren gleich­zei­tig an. Sie zeich­nen jetzt in deut­li­cher Wei­se im Fi­nanz­sek­tor ab,

Gold­man Sachs an­ge­fan­gen bei den Ver­si­che­rern und seit Mitte De­zem­ber 2011 auch und be­son­ders bei Bank­ak­ti­en.

Aschen­put­tel wird Prin­zes­sin

Zu mei­nen Fa­vo­ri­ten ge­hö­ren Gold­man Sachs. Da­für spre­chen: er­füll­te Con­tra­ri­an-re­geln in den breit­auf­ge­stell­ten In­di­zes, da­nach in den ver­schie­de­nen Bran­chen­in­di­zes in den Re­gio­nen Nord­ame­ri­ka, Eu­ro­pa und Asi­en so­wie schliess­lich in der ab­ge­schlos­se­nen Bla­sen­bil­dung und der Wen­de der re­la­ti­ven Stär­ke.

Oft star­ten Con­tra­ri­an-käu­fe auf holp­ri­ger Pis­te. Meis­tens über­ra­schen Un­ter­neh­mens- und Bran­chen­mel­dun­gen zu­nächst ei­ne Wei­le noch ne­ga­tiv und sor­gen für Kurs­rück­schlä­ge. Hier gilt es, mehr To­le­ranz zu üben als ge­gen­über Rück­schlä­gen nach ei­ner lan­gen Hausse. Bä­ren­fal­len tre­ten in Con­tra­ri­an-si­tua­tio­nen oft auf. Es lohnt sich, tie­fe Kau­fli­mi­ten ein­zu­le­gen, um an schwa­chen Ta­gen Zwangs­käu­fe aus­zu­lö­sen für die man im Stru­del fal­len­der Kur­se und/oder ne­ga­ti­ver Mel­dun­gen die Cou­ra­ge nicht auf­brin­gen wür­de. Als Stopp Loss kom­men in die­sem Fal­le Kur­se von 98 $ in Fra­ge. Die Meinung des Au­tors muss nicht mit je­ner der Re­dak­ti­on über­ein­stim­men.

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