Staats­in­sol­ven­zen sind die Re­gel

Im Schnitt ein Zah­lungs­pro­blem pro Jahr – Ers­ter Vor­fall in We­st­eu­ro­pa seit den Dreis­si­gern – An­le­ger ver­lie­ren un­ter­schied­lich viel

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ANDRE­AS NEIN­HAUS

Spä­tes­tens am Mitt­woch soll Grie­chen­lands Um­schul­dung end­lich un­ter­schrifts­reif sein, teilt der Ban­ken­ver­band IIF mit. Staats­in­sol­ven­zen sind in der Wirt­schafts­ge­schich­te kei­ne Aus­nah­me, son­dern eher die Re­gel. Al­lein in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten kam fast je­des Jahr ei­ne Re­gie­rung ih­ren Ver­pflich­tun­gen nicht nach und han­del­te mit Kre­dit­ge­bern oder An­lei­hen­in­ves­to­ren neue Kon­di­tio­nen aus (Um­schul­dung).

Die­se so­ge­nann­ten Kre­di­ter­eig­nis­se häuf­ten sich in zwei Pha­sen: An­fang der Acht­zi­ger­jah­re, als vie­le im Aus­land ver­schul­de­te la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Län­der von den stei­gen­den Zin­sen in den USA und der dor­ti­gen Re­zes­si­on er­fasst wur­den. Die zwei­te Um­schul­dungs­wel­le setz­te En­de der Neun­zi­ger­jah­re ein, als Russ­land ei­nen Zah­lungs­ver­zicht ver­füg­te, wor­auf sich die Kre­dit­kos­ten für Schwel­len­län­der mas­siv ver­teu­er­ten.

Ta­bu­bruch

Die Län­der hat­ten zu­vor zu viel Kre­dit und An­la­ge­ka­pi­tal aus dem Aus­land er­hal­ten. Sei­en es die Aus­lei­hun­gen an Latein­ame­ri­ka in den Sieb­zi­gern oder der Geld­strom in den Neun­zi­gern nach Asi­en und Latein­ame­ri­ka so­wie, im An­schluss an den Mau­er­fall, nach Ost­eu­ro­pa.

Wenn Grie­chen­land um­schul­det, wird ein Ta­bu ver­letzt. Seit der De­pres­si­on der Dreis­si­ger­jah­re hat kein west­eu­ro­päi­scher Staat mehr ein Zah­lungs­ver­spre­chen ge­bro­chen. Das letz­te «re­gu­lä­re» Kre­di­ter­eig­nis be­traf Ita­li­en im Jahr 1940. Deutsch­land und Ös­ter­reich schul­de­ten 1932 um. Nur we­ni­ge Län­der ha­ben ih­re Gläu­bi­ger nie ent­täuscht, auch wenn sie sich mar­kant im Aus­land ver­schul­de­ten. Aus­tra­li­en und Ka­na­da zäh­len da­zu, auch die USA – aber nur auf Bun­des­ebe­ne.

Die grie­chi­schen Um­schul­dungs­ver­hand­lun­gen schei­nen end­los zu dau­ern. Tat­säch­lich je­doch zäh­len sie zu den kür­zes­ten. Im Schnitt nimmt das Feil­schen um die Kon­di­tio­nen zwei­ein­halb Jah­re in

Aus­ge­wähl­te Um­schul­dun­gen: Kon­di­tio­nen und Hair­cuts An­spruch. Nur im Fal­le Uru­gu­ays 2003, Pa­kis­tans 1999, Chi­les 1990 und Ru­mä­ni­ens 1983 wa­ren sie wie nun vor­aus­sicht­lich auch in Hel­las nach we­ni­gen Mo­na­ten be­en­det. Viet­nam be­fand sich da­ge­gen von 1982 bis 1998, Jor­da­ni­en von 1989 bis 1993 in der ei­nen oder an­de­ren Schul­den­ab­wick­lung. Ar­gen­ti­ni­ens Um­schul­dung zog sich von 2001 bis 2005 hin. Sie um­fass­te Ver­bind­lich­kei­ten mit ei­nem No­mi­nal­wert von über 200 Mrd. $ und ist da­mit bis­her die gröss­te In­sol­venz al­ler Zei­ten.

Zu­gleich ist sie die um­strit­tens­te und pha­sen­wei­se chao­tischs­te – ein war­nen­des Bei­spiel, wie es nicht lau­fen darf. 2002 stell­te die Re­gie­rung sämt­li­che fi­nan­zi­el­len Ver­bind­lich­kei­ten auf Pe­so um. 2005 ver­liess sie den Ver­hand­lungs­tisch und ver­füg­te ei­nen Um­tausch zu un­güns­ti­gen Kon­di­tio­nen für die Gläu­bi­ger. 76% von ih­nen grif­fen trotz­dem zu und ak­zep­tier­ten ei­nen Bar­wert­ver­lust (Hair­cut) von min­des­tens 67% (vgl. Ta­bel­le). Die rest­li­chen Gläu­bi­ger kämp­fen seit­her für bes­se­re Be­din­gun­gen. 20 Mrd. $ Schul­den und 10 Mrd. $ auf­ge­lau­fe­ne Zins­zah­lun­gen sol­len im­mer noch aus­ste­hen.

Al­les be­gann in der Ägä­is

Deut­lich bes­ser fuh­ren In­ves­to­ren 2003 mit Uru­gu­ay. Die Ver­hand­lun­gen wur­den recht­zei­tig ein­ge­lei­tet und ver­lie­fen rei­bungs­los. Der Hair­cut war ge­ring, auf ei­ne Kür­zung des Nenn­werts der An­lei­hen und der Cou­pons wur­de ver­zich­tet, son­dern nur die Lauf­zei­ten der acht­zehn be­trof­fe­nen Bond-se­ri­en wur­den fünf Jah­re ge­streckt. Wen wun­dert’s, gilt Uru­gu­ay seit­her un­ter An­lei­hen­pro­fis als Vor­zei­ge­mo­dell, wie Um­schul­dun­gen ab­lau­fen soll­ten.

Grie­chen­lands Schul­den sind aber zu gross, um die­se Ide­al­be­din­gun­gen zu er­fül­len. Die EU hat ei­ne Hal­bie­rung des Nenn­werts der be­trof­fe­nen An­lei­hen zur Be­din­gung ge­macht. Dar­über hin­aus wer­den sie ver­mut­lich in neue zwan­zig­bis dreis­sig­jäh­ri­ge ge­tauscht, die über ei­nen tie­fe­ren, über die Jah­re ge­staf­fel­ten Cou­pon ver­fü­gen. Dar­auf­hin wird der tat­säch­li­che Bar­wert­ver­lust der In­ves­to­ren zwi­schen 60 und 70% be­tra­gen. Da­mit wird die Um­schul­dung im his­to­ri­schen Ver­gleich am obe­ren Rand lie­gen.

Noch zwei ge­schicht­li­che Fak­ten zum an­ste­hen­den Schul­den­deal: An­ders als oft be­haup­tet, ist er nicht der ers­te in­ner­halb ei­ner Wäh­rungs­uni­on. Die­ser Pri­meur kommt Gre­na­da und Do­mi­ni­ca zu, die als Mit­glie­der der East Ca­rib­be­an Cur­ren­cy Uni­on 2004 um­schul­de­ten. Da­für ge­bührt Hel­las ein an­de­rer ge­schicht­li­cher Re­kord. Der ers­te do­ku­men­tier­te Zah­lungs­aus­fall ei­nes Staa­tes er­eig­ne­te sich in den Ky­kla­den, als im vier­ten Jahr­hun­dert v. Chr. zehn Städ­te des At­ti­schen See­bunds ei­nen Kre­dit, den der Tem­pel von De­los ver­ge­ben hat­te, nicht zu­rück­zahl­ten.

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