Prah­len mit ho­hen Prei­sen

Ge­rüch­te um Cé­zan­ne für 250 Mio. $ – Re­kord­mel­dun­gen lo­cken Ein­lie­fe­rer an – Nur Auk­ti­ons­re­sul­ta­te sind über­prüf­bar

Finanz und Wirtschaft - - KUNSTMARKT - CHRIS­TI­AN VON FA­BER- CA­S­TELL

Nur an den Stamm­ti­schen von Fi­schern und Jä­gern wird noch mehr ge­prahlt als im Kunst­han­del. Vor die­sem Hin­ter­grund sind auch die jüngs­ten Mel­dun­gen über den Re­kord­preis von 250 Mio. $ für ei­ne um 1892 bis 1893 ge­mal­te Ver­si­on von Paul Cé­zan­nes Kar­ten­spie­ler­bild «Les Jou­eurs de Car­tes» (Öl auf Lein­wand, 97×130 cm) zu ver­ste­hen.

Zwar hat der New Yor­ker Kunst­markt­be­ob­ach­ter Josh Baer in sei­nem News­let­ter «Ba­er­faxt» (www.ba­er­faxt.com) be­reits am 15. April 2011 die Fra­ge in den Raum ge­stellt: «Hat Ge­or­ge Em­bi­ri­cos die ‹Kar­ten­spie­ler› von Cé­zan­ne für 250 Mio. $ ver­kauft?» Es war aber dann das New Yor­ker Li­fe-style-ma­ga­zin «Va­ni­ty Fair», das in sei­ner Fe­bru­ar­aus­ga­be ver­kün­de­te, dass das Scheich­tum Ka­tar die­ses Werk für sein Mu­se­um er­wor­ben ha­be.

Pres­ti­ge­hung­ri­ger Scheich

Da­mit reiht sich das kul­tu­rell eben­so ehr­gei­zi­ge wie kauf­kräf­ti­ge Emi­rat in die Rän­ge be­deu­ten­der Mu­se­en wie das New Yor­ker Me­tro­po­li­tan Mu­se­um und das Pa­ri­ser Mu­sée d’or­say ein, die bei­de wei­te­re Ver­sio­nen die­ses Bil­des be­sit­zen. Was die­se Mel­dung zur Sen­sa­ti­on macht, ist der auf­ge­führ­te Kauf­preis von 250 Mio. $ für das von Cé­zan­ne zwi­schen 1890 und 1895 in fünf Ver­sio­nen ge­mal­te Pio­nier­werk der Mo­der­ne.

Al­ler­dings ist die­se Preis­an­ga­be nicht mehr als ein oft kol­por­tier­tes, aber un­be­stä­tig­tes Ge­rücht, wie «Va­ni­ty Fair» ei­ni­ge Zei­len spä­ter selbst be­stä­tigt: «Dis­kus­sio­nen über die ge­naue Hö­he die­ses Prei­ses hän­gen von Wech­sel­kur­sen ab (...), aber auch da­von, ob die den Preis mit­tei­len­de Per­son selbst ei­nen wert­vol­len Cé­zan­ne in ih­rem La­ger hat. Schät­zun­gen dar­über, wie viel Ka­tar ge­zahlt hat, rei­chen bis zu 300 Mio. $.» Dass der un­ge­si­cher­te Preis von 250 Mio. $ den­noch von den zu­ver­läs­sigs­ten Me­di­en der Welt als Tat­sa­che über­nom­men wur­de, spie­gelt nicht zu­letzt den Zir­ku­s­cha­rak­ter des Kunst­mark­tes, des­sen Mel­dun­gen man nicht all­zu viel Glaub­wür­dig­keit zu­misst.

Selbst wenn sich der Emir von Ka­tar und die be­tei­lig­ten Händ­ler un­wahr­schein­li­cher­wei­se zu ei­ner schrift­li­chen Be­stä­ti­gung des 250-Mio.-$-re­kord­prei­ses her­bei­lies­sen, wä­re da­mit näm­lich im­mer noch nicht über­prüf­bar, wie gross der An­geb­lich ver­kauft: spie­ler» aus der Samm­lung des ver­stor­be­nen grie­chi­schen Mil­li­ar­därs Ge­or­ge Em­bi­ri­cos. dar­in ent­hal­te­ne Pro­pa­gan­d­abo­nus ist. Denn um nichts an­de­res als Pro­pa­gan­da geht es bei der Ver­öf­fent­li­chung sol­cher Sen­sa­ti­ons­prei­se, um Pro­pa­gan­da für die ver­kau­fen­den Händ­ler oder Auk­ti­ons­häu­ser, die da­mit neue Ver­käu­fer und Ein­lie­fe­rer an­lo­cken, aber auch um Pro­pa­gan­da für die Mu­se­en von Ka­tar.

Spu­ren füh­ren in die Schweiz

Was aber steckt hin­ter dem 250 Mio. $ schwe­ren Ge­rücht? Das nun von Ka­tar ge­kauf­te Cé­zan­ne-meis­ter­werk ge­hör­te zur Kunst­samm­lung des in Joux­tens bei Lau­sanne le­ben­den grie­chi­schen Ree­de­rei­mil­li­ar­därs Ge­or­ge Em­bi­ri­cos, der zu Be­ginn des Jah­res 2011 ver­stor­ben ist. Bran­chen­ge­rüch­ten zu­fol­ge sol­len sich noch zu sei­nen Leb­zei­ten meh­re­re Gross­kunst­händ­ler wie die New Yor­ker Kon­kur­ren­ten Wil­li­am Ac­qua­vel­la und Lar­ry Ga­gosi­an um die­ses Werk be­müht und da­für an­geb­lich 220 Mio. $ ge­bo­ten ha­ben.

Das Ge­schäft mit Ka­tar mach­te je­doch das in Paris und New York nie­der­ge­las­se­ne Händ­ler­kon­sor­ti­um GPS Part­ners, ge­bil- det von den in­ter­na­tio­na­len Kunst­händ­lern Franck Giraud, Lio­nel Pis­s­ar­ro und Phil­ip­pe Se­ga­lot, dem Ver­neh­men nach mit Un­ter­stüt­zung von Guy Ben­nett und wei­te­rer Kunst­markt­pro­mi­nenz. Se­ga­lot, der einst mit dem Sohn von Chris­tie’sEi­gen­tü­mer François Pi­n­ault zur Schu­le ging, ge­hört zu den best­ver­netz­ten Kunst­händ­lern welt­weit.

Mit Guy Ben­net ver­bin­det ihn ei­ne ge­mein­sa­me be­ruf­li­che Ver­gan­gen­heit beim Auk­ti­ons­mul­ti Chris­tie’s, der sei­ner­zeit en­ge Kun­den­be­zie­hung zu Em­bi­ri­cos un­ter­hielt. Ben­nett, von 1997 bis 2009 bei Chris­tie’s, lei­te­te de­ren Im­pres­sio­nis­ten­und Mo­der­ne­ab­tei­lung, wäh­rend Se­ga­lot von 1998 bis 2001 die Ge­gen­warts­kunst­ab­tei­lung führ­te. Aber auch auf der an­dern Sei­te des Ver­hand­lungs­ti­sches in die­sem Me­ga­deal sass mit Ed Dol­man ein al­ter Weg­ge­fähr­te aus Chris­tie’s-zei­ten: Vor sei­ner letzt­jäh­ri­gen Wahl in den Vor­sitz der Mu­se­ums­be­hör­de von Ka­tar war Dol­man Chair­man von Chris­tie’s In­ter­na­tio­nal. Dass das Emi­rat Ka­tar so­gar selbst Kauf­in­ter­es­se am Auk­ti­ons­haus Chris­tie’s zeig­te, sei nur am Rand er­wähnt.

Miss­traui­sche Kunst­markt­lai­en mö­gen hin­ter die­sem Per­so­nen­ge­fü­ge den Ver­such ei­ner al­ten Chris­tie’s-seil­schaft wit­tern, sich über den Cé­zan­ne-ver­kauf auf Kos­ten ei­nes kul­tur­pres­ti­ge­hung­ri­gen Öl­scheichs ge­gen­sei­tig ei­ne sym­pa­thi­sche Pro­vi­si­on zu si­chern. Die­ser Ver­dacht ist je­doch un­be­grün­det, weil sol­che Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen in der klei­nen gros­sen Welt des Kunst­mark­tes un­ver­meid­lich und be­kannt sind. Da­ge­gen er­in­nert die pu­bli­ci­ty­wirk­sa­me Ver­öf­fent­li­chung die­ses Sen­sa­ti­ons­preis­ge­rüchts durch­aus an die me­dia­le Pro­fes­sio­na­li­tät, mit der die Mar­ke­ting- und Pres­se­ab­tei­lun­gen der Auk­ti­ons­mul­tis Sothe­by’s und Chris­tie’s re­gel­mäs­sig ih­re Auk­ti­ons­re­kor­de fei­ern.

Pro­mo­ti­on für Händ­ler

Dass sich auch auk­ti­ons­ge­schul­te Gross­kunst­händ­ler mit sol­chen Re­kord­mel­dun­gen pro­fi­lie­ren möch­ten, ist ver­ständ­lich. So­lan­ge die­se Händ­ler und ih­re üb­li­cher­wei­se dis­kre­ti­ons­be­flis­se­nen Kun­den aber nicht be­reit sind, sol­che Re­kord­prei­se auch wirk­lich for­mell und schrift­lich zu be­stä­ti­gen, blei­ben die­se eben un­ge­si­cher­te, un­zu­ver­läs­si­ge Ge­rüch­te.

Das gilt für Cé­zan­nes «Kar­ten­spie­ler» ge­nau­so wie für an­de­re pro­mi­nent ge­han­del­te Re­kord­bil­der der letz­ten Jah­re, von Gus­tav Klimts 1907 ge­schaf­fe­nem «Por­trait der Ade­le Bloch-baur I», das die Ro­nald S. Lau­ders Collec­tions in New York un­ter Ver­mitt­lung von Chris­tie’s im Ju­ni 2006 für 135 Mio. $ an­ge­kauft ha­ben soll, bis zu Jack­son Pol­locks Drip Pain­ting «No. 5» aus dem Jahr 1948, das Sothe­by’s kurz dar­auf im Auf­trag des Film­ma­gna­ten Da­vid Geffen an­geb­lich für 140 Mio. $ ver­kauft hat. Die zu­ver­läs­sigs­ten Richt­wer­te für Höchst­prei­se am Kunst­markt bil­den da­her nach wie vor die auf öf­fent­lich be­ob­ach­te­ten Ver­stei­ge­run­gen er­ziel­ten und von den je­wei­li­gen Auk­ti­ons­häu­sern schrift­lich be­stä­tig­ten Spit­zen­prei­se ein­zel­ner Kunst­wer­ke.

Soll­ten sich Cé­zan­nes «Kar­ten­spie­ler» üb­ri­gens wirk­lich am pri­va­ten Wohn­sitz von Ge­or­ge Em­bi­ri­cos bei Lau­sanne be­fun­den ha­ben, so stellt sich aus Schwei­zer Sicht schliess­lich noch ei­ne an­de­re Fra­ge: Hät­te das Bun­des­amt für Kul­tur BAK im Rah­men des seit 2005 gel­ten­den Schwei­zer Kul­tur­gü­ter­trans­fer­ge­set­zes KGTG über die­sen be­deu­ten­den Kul­tur­ex­port in­for­miert sein müs­sen – und hät­te es ihn al­len­falls ge­neh­mi­gen müs­sen?

für 250 Mio. $ aus der Schweiz nach Ka­tar

Paul Cé­zan­nes «Die Kar­ten-

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