KPN lös­ten In­ter­net-cha­os aus

NIE­DER­LAN­DE Ha­cker kna­cken Netz­werk – Gros­ser Da­ten­miss­brauch – Re­pu­ta­ti­on ist an­ge­schla­gen

Finanz und Wirtschaft - - TELECOM - HEL­MUT HET­ZEL,

Ver­al­te­te Sys­te­me

Piz­zaku­rie­re hat­ten Hoch­kon­junk­tur. Bank­kon­ten wur­den of­fen­ge­legt. In Web­shops wur­de «gra­tis» ein­ge­kauft. Es wur­den Rei­sen ge­bucht auf Rech­nung an­de­rer. Man­cher Nie­der­län­der be­kam plötz­lich Dut­zen­de von Piz­zas nach Hau­se ge­lie­fert, die er gar nicht be­stellt hat­te. Min­des­tens zwei Mil­lio­nen Ein­woh­ner wur­den am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de das Op­fer von Ha­ckern. De­nen war es näm­lich ge­lun­gen, das Netz­werk des gröss­ten nie­der­län­di­schen In­ter­net-pro­vi­ders KPN Tele­com zu kna­cken und für ein fröh­li­ches, manch­mal auch bös­ar­ti­ges und für ei­ni­ge kost­spie­li­ges Cha­os zu sor­gen. Die un­be­kann­ten Ha­cker – die Po­li­zei fahn­det fie­ber­haft nach ih­nen – dran­gen in die zen­tra­len Com­pu­ter von KPN Tele­com in Den Haag ein. Sie ver­öf­fent­lich­ten die Da­ten, die ge­hei­men Zu­gangs­codes und die Pass­wör­ter von min­des­tens 539 Nie­der­län­dern auf der Web­site www.ba­by.dump.nl. Dort konn­te man sich st­un­den­lang gra­tis be­die­nen und mit frem­dem Na­men im Netz sur­fen, be­stel­len und kau­fen, was im Cy­ber­space an­ge­bo­ten wird.

Sie fan­den rasch Nach­ah­mer, auch auf Sei­ten der so­zia­len Me­di­en wie Face­book und Twit­ter, und lös­ten so ei­ne In­ter­net-

KPN und Be­trugsla­wi­ne aus, die KPN nicht mehr stop­pen konn­te. Denn als man am Haupt­sitz end­lich be­merk­te, dass das Netz­werk ge­hackt wor­den war, da war es zu spät. Pa­nik brach aus. KPN muss­te die Not­brem­se zie­hen. Sie blo­ckier­te mehr als zwei Mil­lio­nen In­ter­net-an­schlüs­se in den Nie­der­lan­den und schal­te­te so fast halb Holland off­line. Vor­sorg­lich und zum Schutz, wie es hiess. Mil­lio­nen Nie­der­län­der wa­ren und sind ver­är­gert. Sie konn­ten nicht mehr im In­ter­net sur­fen.

In­zwi­schen er­mit­telt die Staats­an­walt­schaft ge­gen die un­be­kann­ten Ha­cker. KPN hat die blo­ckier­ten An­schlüs­se frei­ge­schal­tet, sich ent­schul­digt, aber auch ein­ge­räumt, Feh­ler ge­macht zu ha­ben. Der hol­län­di­sche Tele­com­kon­zern muss sich jetzt auf ei­ne Wel­le von Scha­den­er­satz­for­de­run­gen und -kla­gen ein­stel­len. Wie vie­le es wer­den, ist noch of­fen. Aber fest steht: KPN Tele­com, die oh­ne­hin un­ter Ma­nage­ment­pro­ble­men und ei­nem rück­läu­fi­gen Ge­schäft im Mo­bil­funk­sek­tor lei­det (vgl. FUW Nr. 2 und Nr. 7 vom 7. und 25. Ja­nu­ar), kann die­ser Ha­cker-an­griff teu­er zu ste­hen kom­men. «Die KPN ist mit da­für ver­ant­wort­lich, dass der An­griff ge­lin­gen konn­te. Sie ver­wen­det im­mer noch ver­al­te­te Soft­ware und Sys­te­me, die den heu­ti­gen Si­cher­heits­stan­dards im In­ter­net nicht ge­nü­gen», be­haup­tet der In­ter­net-ex­per­te Bren­no de Win­ter. Der nie­der­län­di­sche Jus­tiz­mi­nis­ter Ivo Op­s­tel­ten hat das Na­tio­nal Cy­ber Se­cu­ri­ty Cen­trum (NCSC) ein­ge­schal­tet, das er­mit­telt.

Kei­ne Kurs­re­ak­ti­on

Wenn es Ha­ckern ge­lingt, in das Netz­werk ei­nes Gros­sen wie KPN ein­zu­drin­gen, stel­len sich Fra­gen: Wie si­cher sind un­se­re Da­ten im In­ter­net ei­gent­lich? Wie si­cher ist das Pass­wort für den On­line-zu­griff auf mein Bank­kon­to? Wie si­cher ist das Netz vor An­schlä­gen von Cy­ber-ter­ro­ris­ten? Die Kpn-ak­ti­en, die nach dem ent­täu­schen­den 2011 und den trü­ben Ge­schäfts­aus­sich­ten für 2012 seit De­zem­ber viel Ter­rain ver­lo­ren hat­ten, re­agier­ten kaum auf die schlech­te Nach­richt. Am Di­ens­tag ge­wan­nen sie bis zum Nach­mit­tag 0,7%.

Le­dig­lich die ho­he Di­vi­den­den­ren­di­te von 11% kann die An­le­ger er­freu­en. Der Ha­cker-an­griff hat die Re­pu­ta­ti­on schwer be­schä­digt, was zu ei­nem wei­te­ren Schwund an Kun­den und ho­hen Scha­den­er­satz­an­sprü­chen füh­ren könn­te. Die Ti­tel sind nicht zum Kauf zu emp­feh­len.

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