«Zu­erst De­fla­ti­on, dann In­fla­ti­on»

HOR­A­CE BROCK emp­fiehlt An­le­gern Ak­ti­en als Rund­um­schutz

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - BEG/PR

Herr Brock, wie sol­len sich In­ves­to­ren an­ge­sichts der Un­si­cher­heit ver­hal­ten? Wir be­nö­ti­gen ei­ne Neu­kon­zep­ti­on des Be­griffs Ak­tie. So­wohl in Be­zug auf die Si­cher­heit als auch we­gen der Ge­ne­ra­ti­on der Ba­by­boo­mer, die Ka­pi­tal be­sitzt und Ein­kom­men be­nö­tigt. Was zeich­net Ak­ti­en aus? Ich kann nicht die­sel­ben Wert­pa­pie­re kau­fen wie frü­her meine El­tern, et­wa USKom­mu­nal­an­lei­hen. Was da­mals si­cher war, ist jetzt ris­kant. Zu­dem ist Ein­kom­men wich­tig, und Di­vi­den­den sind hö­her als Zin­sen. Al­te Men­schen in­ter­es­sie­ren sich nicht für die Per­for­mance, al­so für die Ge­samt­ren­di­te, son­dern für die Ein­künf­te. Meine El­tern spra­chen nie da­von, wie viel Kurs­ge­winn oder -ver­lust sie im letz­ten Quar­tal er­zielt hat­ten. Es war wich­tig, das Haus zu be­hal­ten, bis sie ster­ben. Wir Al­ten küm­mern uns nicht um den ver­flix­ten Ver­mö­gens­stand. Wie schüt­zen sich An­le­ger vor In­fla­ti­on? Erst ein­mal gilt: Es gibt kein ech­tes Mass für In­fla­ti­on. Man kann den Kon­su­men­ten­preis­in­dex oder den De­fla­tor des Brut­to­in­land­pro­dukts ver­wen­den. Doch das ein­zi­ge ob­jek­ti­ve Mass ge­wich­tet die ein­zel­nen Prei­se ge­mäss In­put-out­pu­tAna­ly­se: Wel­cher An­teil der Bran­che A ist In­put für die Bran­che B, und das für die ge­sam­te Wirt­schaft. Wor­in liegt der Un­ter­schied zum Kon­su­men­ten­preis­in­dex? Wir ge­ben un­ser Geld zu 78% für Di­enst­leis­tun­gen aus. Was ver­wen­den wir am meis­ten? Nicht et­wa Kup­fer­roh­re, son­dern Well­ness und Mas­sa­ge. Es spielt für mich kei­ne Rol­le, ob Kup­fer teu­rer wird. Für Ar­beit sind die Kos­ten in den letz­ten Jah­ren nicht ge­stie­gen, und wir sind auf dem Weg zur De­fla­ti­on. Wir den­ken falsch über die­se Zu­sam­men­hän­ge. Teilt der Chef der Us-no­ten­bank Fed, Ben Bernan­ke, die­se An­sicht? Er wür­de zu­stim­men. Doch Bernan­ke sorgt sich we­gen et­was an­de­rem: we­gen der Schul­den der Pri­vat­haus­hal­te. Un­se­re Gros­s­el­tern hat­ten Schul­den von 1% ih­res Ein­kom­mens. Un­se­re be­tra­gen 110%. Sie bil­den den Eis­berg, und wir sind auf der «Ti­ta­nic». Sin­ken die Löh­ne, nimmt un­se­re Schwie­rig­keit der Rück­zah­lung ex­po­nen­ti­ell zu. Mit der Zeit gibt es im­mer mehr Zah­lungs­aus­fäl­le, was ei­ne Ket­ten­re­ak­ti­on aus­lö­sen kann, die die ge­sam­te Wirt­schaft er­fasst. Das sind kei­ne Staats­schul­den. Das ist ei­ne Ka­tas- tro­phe. Bernan­ke ver­steht das, Tri­chet be­griff es nicht. Was be­deu­tet das gros­se Ge­wicht der Di­enst­leis­tun­gen? Der Preis von Me­lo­nen kann stei­gen, wen in­ter­es­siert das schon? Aber Ar­beit und sin­ken­de Löh­ne, oh je. Be­trägt die Ar­beits­lo­sen­quo­te 16% und droht ei­ne Re­zes­si­on, ist das be­ängs­ti­gend. No­ten­ban­ken dru­cken Geld, und al­le den­ken, das ver­ur­sa­che In­fla­ti­on. Sie lie­gen falsch. De­fla­ti­on ist viel wahr­schein­li­cher, als die Leu­te an­neh­men, und zu­dem ge­fähr­li­cher. Wes­halb ist De­fla­ti­on schlim­mer? Herrscht In­fla­ti­on, wer­ten sich die Schul­den ge­gen null ab, und Gläu­bi­ger ha­ben das Nach­se­hen, aber zu­min­dest macht nie­mand we­gen sei­ner Schul­den Kon­kurs. Über die­se Zu­sam­men­hän­ge herrscht

Al­te Men­schen in­ter­es­sie­ren sich nicht für die Per­for­mance, son­dern für das lau­fen­de Ein­kom­men.

gros­se Ver­wir­rung. Selbst wenn De­fla­ti­on we­ni­ger wahr­schein­lich ist als In­fla­ti­on, ist sie so schreck­lich, dass ich mich schüt­zen muss. Ma­len Sie sich aus, wie schwarz der schwär­zes­te Schwan ist. Ist so­mit kaum mit In­fla­ti­on zu rech­nen? Kurz­fris­tig ist De­fla­ti­on wahr­schein­li­cher, lang­fris­tig In­fla­ti­on. Doch mit Pro­gno­sen muss man vor­sich­tig sein. Nach der Wei­ma­rer Hy­per­in­fla­ti­on wur­de er­war­tet, die USA wür­den das glei­che Schick­sal er­lei­den, doch nach nur zwei Jah­ren Hy­per­in­fla­ti­on sank das Preis­ni­veau in den fol­gen­den neun Jah­ren 40%. Kön­nen sich An­le­ger ge­gen bei­des schüt­zen? Ich kau­fe Ak­ti­en west­li­cher Kon­zer­ne, die in den Schwel­len­län­dern prä­sent sind und die kaum Schul­den ha­ben. Mit der In­fla­ti­on steigt die Di­vi­den­de und so­mit der lau­fen­de Er­trag. In der De­fla­ti­on fällt mit sin­ken­den Prei­sen der Um­satz. Ver­schul­de­te Un­ter­neh­men wer­den des­halb von ih­ren Gläu­bi­gern un­ter Druck ge­setzt, we­ni­ger Di­vi­den­de aus­zu­schüt­ten. Schul­den­freie Un­ter­neh­men müs­sen die Di­vi­den­de – und da­mit mein Ein­kom­men – we­ni­ger kür­zen.

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