In­do­ne­si­en bleibt im Stau ste­cken

Gröss­tes Po­ten­zi­al in Süd­ost­asi­en – Star­ker Bin­nen­markt stützt – In­fra­struk­tur hinkt hin­ter­her – Kor­rup­ti­ons­kul­tur fest ver­an­kert

Finanz und Wirtschaft - - SERIE ASIEN - URS WÄL­TER­LIN,

Un­ter den Län­dern Süd­ost­asi­ens ist In­do­ne­si­en die Wachs­tums­na­ti­on mit dem gröss­ten Po­ten­zi­al. Das zeigt ein Gang zur Eis­die­le in Jakarta. Ma­gnum-glace – Ka­lo­ri­en­bom­be und Alb­traum je­des Er­näh­rungs­be­ra­ters – ist nicht sel­ten aus­ver­kauft. Und das bei ei­nem Preis von 10 000 Ru­piah, rund 1.10 $. Als Uni­le­ver das Pro­dukt 2009 in In­do­ne­si­en lan­cier­te, rech­ne­te kaum ein Kom­men­ta­tor mit gu­ten Zah­len. Denn das täg­li­che Durch­schnitts­ein­kom­men in In­do­ne­si­en liegt bei 2.36 $. Doch ein­mal mehr über­rasch­te die Na­ti­on ih­re Zweif­ler: Die Nach­fra­ge war so gross, dass die Ver­tei­lung zu­erst re­gio­nal be­schränkt wer­den muss­te. Nach ei­ner ei­li­gen Er­hö­hung der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät 2010 konn­te Uni­le­ver die Ver­käu­fe um mehr als 1000% stei­gern, statt der er­war­te­ten 10%.

Mit 240 Mio. Men­schen ist In­do­ne­si­en nicht nur die viert­gröss­te Na­ti­on der Welt, mit ei­nem BIP von über 720 Mrd. $ ist es auch der gröss­te Markt Süd­ost­asi­ens. Und ein Traum für Her­stel­ler von Kon­sum­gü­tern: Sie pro­fi­tie­ren von ei­ner ra­pi­de wach­sen­den Mit­tel­schicht, von jun­gen, kon­sum­freu­di­gen Durch­schnitts­ver­die­nern mit ei­ner kaum zu bän­di­gen­den Lust auf west­li­che Pro­duk­te. Die in­do­ne­si­sche Han­dels­mi­nis­te­rin Ma­ri Pan­ge­stu er­zählt freu­de­strah­lend von der Fas­zi­na­ti­on ih­rer Lands­leu­te für Mo­bil­te­le­fo­ne und an­de­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Der Tele­com­sek­tor hat im letz­ten Jahr um 20% zu­ge­legt.

Be­ses­sen vom Kon­sum

Die Kon­sum­be­ses­sen­heit spie­gelt sich im Ge­samt­wachs­tum der über 13 000 In­seln ver­teil­ten Na­ti­on. Der Di­enst­leis­tungs­sek­tor und die ver­ar­bei­ten­de In­dus­trie ha­ben 2011 am stärks­ten zum Bip-wachs­tum von 6,5% bei­ge­tra­gen. Trotz des Tu­mults in den in­ter­na­tio­na­len Märk­ten, trotz der Eu­ro­kri­se und trotz des schwä­che­ren glo­ba­len Wachs­tums leg­te die in­do­ne­si­sche Kon­junk­tur zu – in ers­ter Li­nie dank des star­ken Bin­nen­mark­tes und des An­stiegs der Aus­fuh­ren, so Thee Ki­an Wie, Öko­nom beim In­do­ne­si­schen In­sti­tut der Wis­sen­schaf­ten. Letz­te­res sei um­so be­mer­kens­wer­ter, weil das eben­falls von ei­ner Ab­schwä­chung be­trof­fe­ne Chi­na ei­ner der wich­tigs­ten Ex­port­märk­te In­do­ne­si­ens sei.

Ob­wohl die Welt­bank ih­re Wachs­tums­pro­gno­se für In­do­ne­si­en we­gen der an­hal­ten­den glo­ba­len Pro­ble­me von bis­her 6,3 auf 6,2% für 2012 kor­ri­giert ha­be, sei In­do­ne­si­en im­mer noch «gut po­si­tio­niert, um ex­ter­ne Schock­wel­len ver­kraf­ten zu kön­nen», sagt Wie. Aus­län­di­sche In­ves­to­ren je­den­falls se­hen kei­nen Grund zur Sor­ge. Ganz im Ge­gen­teil: Im De­zem­ber

Ge­rin­ge Ex­port­ab­hän­gig­keit gin­gen die in­do­ne­si­schen Be­hör­den von ei­nem An­stieg der Di­rekt­aus­lan­din­ves­ti­tio­nen von et­wa 8% ge­gen­über dem Vor­jahr aus. Die meis­ten mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne sind in In­do­ne­si­en schon seit Jahr­zehn­ten ver­tre­ten. Im­mer häu­fi­ger ent­de­cken auch Mit­tel­ständ­ler die Chan­cen und Ge­le­gen­hei­ten, die In­do­ne­si­en al­lein we­gen der Grös­se sei­nes Mark­tes bie­tet.

Der enor­me Reich­tum an na­tür­li­chen Roh­stof­fen wie In­dus­trie­me­tal­len und die da­mit ver­bun­de­nen Mög­lich­kei­ten für Zu­lie­fe­rer von Tech­no­lo­gie ma­chen das Land auch für klei­ne­re An­bie­ter at­trak­tiv. Im­mer wich­ti­ger für den In­ves­ti­ti­ons­ent­scheid ist die geo­gra­fi­sche La­ge in Süd­ost­asi­en, der wirt­schaft­lich dy­na­mischs­ten Re­gi­on auf dem Glo­bus. Der heu­te schon gros­se Markt wird auf über 600 Mio. Men­schen ex­pan­die­ren, wenn 2015 die Ase­an Eco­no­mic Com­mu­ni­ty (AEC) in Kraft tritt. Schliess­lich hat sich In­do­ne­si­en seit der Über­nah­me der Macht durch Prä­si­dent Su­si­lo Bam­bang Yud­ho­yo­no im Jahr 2004 deut­lich in Rich­tung De­mo­kra­tie ent­wi­ckelt. In­ves­to­ren ein ho­hes Mass an po­li­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Sta­bi­li­tät zu bie­ten, ist ein er­klär­tes Ziel Ja­kar­tas.

Über­las­te­tes Ver­kehrs­sys­tem

Die Kehr­sei­te der Me­dail­le sind die si­gni­fi­kan­ten struk­tu­rel­len Pro­ble­me, mit de­nen das Land zu kämp­fen hat. Mil­lio­nen Men­schen kön­nen sich wirt­schaft­lich nicht ent­fal­ten, weil sie un­ter zweit- oder dritt­klas­si­gen öf­fent­li­chen An­la­gen und Di­ens­ten lei­den, die un­ter dem Dik­ta­tor Su­har­to über Jahr­zehn­te ver­nach­läs­sigt wor­den wa­ren.

In­do­ne­si­en droht im Stau ste­cken zu blei­ben – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Schlech­te Stras­sen, Brü­cken, Bahn­über­gän­ge, ein kom­plett über­las­te­tes öf­fent­li­ches Ver­kehrs­sys­tem. Al­lein in Jakarta sit­zen Mil­lio­nen Men­schen je­den Tag st­un­den­lang im Ver­kehr, mit ver­hee­ren­den Kon­se­quen­zen für die Pro­duk­ti­vi­tät und die wirt­schaft­li­che Leis­tungs­kraft.

Das Pro­blem ist auf Ja­va, der be­völ­ke­rungs­reichs­ten In­sel der Welt, in­zwi­schen so gross, dass es das lang­fris­ti­ge wirt­schaft­li­che Wachs­tum der Na­ti­on fun­da­men­tal be­droht, war­nen Ex­per­ten. Es ist der ul­ti­ma­ti­ve Teu­fels­kreis: Das ers­te Zei­chen des Wohl­stands für fast je­den In­do­ne­si­er ist der Kauf ei­nes Mo­tor­rads oder ei­nes Au­tos. So drän­gen je­den Tag Hun­der­te neue Au­tos und Tau­sen­de zu­sätz­li­che Mo­tor­rä­der auf die Stras­sen der 11-Mil­lio­nen-stadt Jakarta.

Kor­rup­ti­on und Pfusch

«Die In­fra­struk­tur­pro­ble­me könn­ten die­sem Land das Ge­nick bre­chen», meint der Ver­tre­ter ei­nes gros­sen eu­ro­päi­schen Un­ter­neh­mens, «sie bie­ten aus­län­di­schen In­ves­to­ren aber auch Chan­cen.» Die Re­gie­rung sieht das auch so. Je­des Jahr pumpt sie Mil­li­ar­den öf­fent­li­cher Gel­der in den Bau von Stras­sen, Bahn­an­la­gen, Brü­cken und Ha­fen­an­la­gen. Für 2012 sind In­ves­ti­tio­nen im Wert von 62,5 Mrd. Ru­piah (5,3 Mrd. €) vor­ge­se­hen. Auch aus­län­di­sche Un­ter­neh­men kön­nen sich für die Auf­trä­ge be­wer­ben. Die Re­gie­rung führt ein Re­gis­ter, in dem al­le Pro­jek­te auf­ge­lis­tet sind, die auf pri­vat-öf­fent­li­cher Ba­sis rea­li­siert wer­den oder als staat­li­ches Pro­jekt in Auf­trag ge­ge­ben wer­den.

Der gu­te Wil­le ist da, doch ei­ne der här­tes­ten Auf­ga­ben der Re­gie­rung ist, die Kor­rup­ti­on und den Pfusch zu be­kämp­fen, die in In­do­ne­si­en fast im­mer mit gros­sen In­fra­struk­tur­pro­jek­ten ver­bun­den sind. Ob­wohl sich ge­ra­de aus­län­di­sche Un­ter­neh­men ge­gen kor­rup­te For­de­run­gen weh­ren, geht kaum ein Auf­trag über den Tisch, oh­ne dass Schmier­gel­der be­zahlt wer­den.

«Trotz den Be­mü­hun­gen der Re­gie­rung, der Kor­rup­ti­on ein En­de zu set­zen, wer­den Be­am­te er­wischt, die Mil­li­ar­den Ru­piah auf ih­ren Bank­kon­ti hal­ten», meint Yas­mi Adri­an­syah, In­do­ne­si­en­ex­per­te an der aus­tra­li­schen Na­tio­nal­uni­ver­si­tät. Vie­le Kom­men­ta­to­ren fra­gen sich, ob In­do­ne­si­en es über­haupt schaf­fen kann, der im öf­fent­li­chen und im ge­schäft­li­chen Le­ben tief ver­wur­zel­ten Kor­rup­ti­ons­kul­tur ein En­de zu set­zen.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.