Der Ele­fant schrei­tet lang­sam, aber ste­tig vor­an

In In­di­en geht die In­fla­ti­on zu­rück – Ak­ti­en haus­sie­ren – Stei­gen­de Roh­stoff­prei­se sind ein Ri­si­ko

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - PE­TER ROHNER

So schnell kann sich das Blatt wen­den: Der letzt­jäh­ri­ge Ver­lie­rer­markt In­di­en wird in der Risk-on-ral­ly seit En­de De­zem­ber be­son­ders nach­ge­fragt. Aus­län­di­sche Fonds ha­ben seit 1. Ja­nu­ar net­to 4,1 Mrd. $ in­di­sche Ak­ti­en ge­kauft. Seit An­fang Jahr hat der BSE Sen­sex 30 In­dex 15% zu­ge­legt. Auch die Ru­pie hat sich im Ja­nu­ar kräf­tig er­holt, nach­dem sie im De­zem­ber 2011 zum Dol­lar auf ein Re­kord­tief ge­fal­len war.

Noch vor we­ni­gen Wo­chen sorg­te In­di­en für ne­ga­ti­ve Wirt­schafts­schlag­zei­len: Kor­rup­ti­ons­skan­da­le, die plötz­li­che Kehrt­wen­de bei der Li­be­ra­li­sie­rung des De­tail­han­dels (vgl. Kas­ten) und ei­ne schrump­fen­de In­dus­trie­pro­duk­ti­on bei gleich­zei­tig ho­her In­fla­ti­on. Re­nom­mier­te Öko­no­men wie Ste­phen Roach wie­sen auf die gros­sen Pro­ble­me hin – kein fis­ka­lund geld­po­li­ti­scher Hand­lungs­spiel­raum und da­zu ei­ne schwa­che Wäh­rung so­wie ein Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit (vgl. FUW Nr. 6 vom 21. Ja­nu­ar).

We­gen der an­hal­tend ho­hen Teue­rungs­ra­te wa­ren der Re­ser­ve Bank of In­dia (RBI) die Hän­de ge­bun­den. «In In­di­en ist der An­teil der länd­li­chen Be­völ­ke­rung sehr hoch, et­wa 70% al­ler In­der le­ben aus­ser­halb der Städ­te. Sie lei­den be­son­ders stark un­ter der In­fla­ti­on, vor al­lem wenn die Le­bens­mit­tel­prei­se stei­gen», sagt Chrys Kam­ber, Fonds­be­ra­te­rin beim schwei­ze­risch-in­di­schen Fi­nanz­be­ra­tungs­un­ter­neh­men BTS In­vest­ment Ad­vi­so­ry. Seit März 2010 hat die RBI des­halb drei­zehn Mal die Zin­sen her­auf­ge­setzt. Da­mit sei­en die oh­ne­hin schon ho­hen Ka­pi­tal­kos­ten wei­ter ge­stie­gen. Das ha­be den Un­ter­neh­men und den Ak­ti­en­kur­sen zu­ge­setzt.

Zins­sen­kung vor der Tür

Das Wachs­tums­tem­po er­litt ei­nen Dämp­fer, die neue Nor­ma­li­tät hat auch In­di­en er­fasst. Die of­fi­zi­el­le Schät­zung des BIPWachs­tums für das bis März 2012 lau­fen­de Fis­kal­jahr be­läuft sich auf 6,9%. Das ist für in­di­sche Ver­hält­nis­se sehr be­schei­den und ent­spricht dem lang­sams­ten Wachs­tum seit drei Jah­ren. Die In­dus­trie­pro­duk­ti­on hat sich auf tie­fem Ni­veau sta­bi­li­siert. Nach dem Ein­bruch im Ok­to­ber wuchs sie im De­zem­ber leicht (+1,8% ge­gen­über Vor­jahr). Die wirt­schaft­li­che Ver­lang­sa­mung hat auch Vor­tei­le. Die lan­ge hart­nä­ckig ho­he In­fla­ti­ons­ra­te ist auf 6,5% und da­mit auf den tiefs­ten Stand seit über zwei Jah­ren ge­fal­len. Da­durch er­höht sich die Wahr­schein­lich­keit, dass die RBI als ei­ne der letz­ten No­ten­ban­ken in den Emer­ging Mar­kets den Leit­zins sen­ken wird.

Auch die Kor­rup­ti­ons­skan­da­le hät­ten 2011 zum schlech­ten Kli­ma bei­ge­tra­gen, ist Kam­ber über­zeugt. Der Re­form­pro­zess sei da­durch ins Sto­cken ge­ra­ten. Die Wachs­tums­pro­ble­me dürf­ten die Po­li­ti­ker nun aber zur Ein­sicht brin­gen, dass markt­freund­li­che Re­for­men nö­tig sind. Die na­tio­na­len Par­la­ments­wah­len fin­den 2014 statt. Trotz sin­ken­der Po­pu­la­ri­tät und feh­len­der Mehr­heit im Par­la­ment wird ge­mein­hin er­war­tet, dass die Ko­ali­ti­on von Pre­mier­mi­nis­ter Singh die Le­gis­la­tur zu En­de re­gie­ren wird. Ein ers­ter Test für die Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on steht in die­sem Früh­jahr an, wenn in ver­schie­de­nen Pro­vin­zen Lo­kal­wah­len über die Büh­ne ge­hen. «Bis da­hin sind kei­ne gros­sen Schrit­te zu er­war­ten, da­nach blei­ben aber noch zwei Jah­re bis zu den Wah­len, um die Re­for­men zu im­ple­men­tie­ren», meint Kam­ber.

Auf den zwei­ten Blick güns­tig

Ge­mes­sen am Kurs-ge­winn-ver­hält­nis auf Ba­sis der Ge­winn­schät­zun­gen für 2012 er­schei­nen in­di­sche Ak­ti­en nicht son­der­lich güns­tig. Lohnt es sich noch, auf den fah­ren­den Zug auf­zu­sprin­gen? Der in­di­sche Ak­ti­en­markt wer­de we­gen des be­deu­ten­den Bin­nen­kon­sums ge­ne­rell mit ei­nem Auf­schlag zu an­de­ren Emer­ging Mar­kets ge­han­delt, so Kam­ber. Tra­di­tio­nell teu­re­re Sek­to­ren wie Phar­ma und Ba­sis­kon­sum­gü­ter sei­en stär­ker ver­tre­ten. Der Be­wer­tungs­auf­schlag sei nun aber deut­lich ge­schrumpft, und vie­le In­ves­to­ren hät­ten dies ge­nutzt, um in ei­nen viel­ver­spre­chen­den Markt ein­zu­stei­gen.

«In­di­en ist ei­ne Long-term-sto­ry, ver­gleich­bar mit ei­nem Ele­fan­ten, der sich lang­sam, aber ste­tig vor­wärts be­wegt», sagt Kam­ber. «Das Land ver­fügt über ei­ne jun­ge, Eng­lisch spre­chen­de und gut aus­ge­bil­de­te Be­völ­ke­rung.» Die in­län­di­sche Spar­quo­te sei mit et­wa 35% des BIP sehr hoch. Das Kre­dit­we­sen sei sehr schwach aus­ge­prägt, das sei kul­tu­rell be­dingt. «Dies be­ginnt sich zu än­dern, es wächst ei­ne jun­ge Ge­ne­ra­ti­on her­an, die sich ein Au­to oder ein Smart­pho­ne leis­ten möch­te.» Da die In­fla­ti­on zu­rück­ge­he, sei­en die Aus­sich­ten für in­di­sche Ak­ti­en die­ses Jahr sehr gut. Ent­schei­dend sei je­doch der Ver­lauf der Roh­stoff­prei­se. Da In­di­en net­to Roh­stof­fe im­por­tiert, wä­ren fal­len­de Prei­se ein Se­gen.

Kleinst­lä­den prä­gen den in­di­schen De­tail­han­del. Noch bleibt den aus­län­di­schen Su­per­markt­ket­ten der Markt­ein­tritt ver­wehrt.

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