«Es ist sinn­voll, ver­mehrt auf Re­al­wer­te zu set­zen»

FUW-MITTWOCHSINTERVIEW BRU­NO GIS­LER Chef­öko­nom der Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­grup­pe Aqui­la

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - IN­TER­VIEW: FRANZ SCHNEI­DER

Und die bei­den wei­te­ren Punk­te? Der geld- und fis­kal­po­li­ti­sche Spiel­raum Chi­nas, um auf ei­nen mög­li­chen Wachs­tum­s­ein­bruch zu re­agie­ren, wird über­schätzt. Das ist Punkt drei, und vier­tens ist die geo­po­li­ti­sche Si­tua­ti­on ex­plo­siv. Wir rech­nen aus die­ser War­te mit hö­he­ren Öl­prei­sen. Die­se Fak­to­ren schaf­fen an­ge­sichts der ge­gen­wär­ti­gen gu­ten Stim­mung Ent­täu­schungs­po­ten­zi­al. Wir rech­nen des- Herr Gis­ler, ei­ne Fra­ge, die ge­gen­wär­tig vie­le An­le­ger stel­len: Muss wei­ter­hin der Ver­mö­gens­er­halt im Vor­der­grund ste­hen, oder ist jetzt der Zeit­punkt für mehr Ri­si­ko im Porte­feuille ge­kom­men? Ver­mö­gen zu er­hal­ten, ist in den letz­ten Jah­ren im­mer an­spruchs­vol­ler ge­wor­den. Wäh­rend sich der In­ves­tor frü­her in tur­bu­len­ten Zei­ten in den Ha­fen si­che­rer Staats­an­lei­hen zu­rück­zie­hen konn­te, ge­nügt das heu­te für den Ver­mö­gens­er­halt nicht mehr. Mit ei­ner Ren­di­te von 0,7% für ei­ne zehn­jäh­ri­ge Schwei­zer Staats­ob­li­ga­ti­on bleibt ihm nach Ab­zug der Steu­ern, der Ge­büh­ren und der In­fla­ti­on nur ein ne­ga­ti­ver Bei­trag üb­rig. Zu­dem ist er für das Zins­än­de­rungs­ri­si­ko so­wie das Kre­dit­ri­si­ko nicht ent­schä­digt wor­den. Es gibt al­so kei­ne si­che­ren Ver­ste­cke mehr. Des­halb ist der In­ves­tor heu­te ge­zwun­gen, auf An­la­ge­klas­sen aus­zu­wei­chen, die in der Ver­gan­gen­heit ri­si­ko­rei­cher wa­ren als Ob­li­ga­tio­nen. Grund­sätz­lich in­ves­tie­ren wir lie­ber in of­fen­sicht­li­ches Ri­si­ko als in ver­meint­li­che Si­cher­heit. Wenn jetzt da und dort mehr Ri­si­ko ge­fragt sein soll­te – wie viel mehr Ri­si­ko ist an­ge­bracht oder ver­tret­bar? In der stra­te­gi­schen Al­lo­ka­ti­on der An­la­ge­klas­sen darf die Ge­wich­tung ge­gen­über der Ge­wich­tung vor drei Jah­ren durch­aus 10% zu­guns­ten der his­to­risch vo­la­ti­le­ren Re­al­wer­te be­tra­gen. Zu­dem hand­ha­ben wir heu­te die Band­brei­ten für die ein­zel­nen An­la­ge­klas­sen fle­xi­bler. Auf wel­chen Über­le­gun­gen wür­de ei­ne ri­si­ko­rei­che­re Stra­te­gie ba­sie­ren? Die Zen­tral­ban­ken ha­ben in den letz­ten drei Jah­ren Un­men­gen von Li­qui­di­tät in die Märk­te ge­pumpt. Die ame­ri­ka­ni­sche No­ten­bank zum Bei­spiel hat ih­re Bi­lanz­sum­me in die­ser Zeit ver­drei­facht. Aber auch die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank, die Bank of Ja­pan, die Bank of En­g­land und nicht zu­letzt die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank ver­fol­gen ei­ne ex­trem ex­pan­si­ve Geld­po­li­tik. Un­se­res Erach­tens be­steht die Ge­fahr ei­ner Wert­min­de­rung für Pa­pier­geld. Des­halb ist es sinn­voll, in der stra­te­gi­schen Struk­tu­rie­rung des Ver­mö­gens ver­mehrt auf Re­al­wer­te zu set­zen. Wie lässt sich dies kon­kret um­set­zen, mit ei­ner Er­hö­hung der Ak­ti­en­quo­te? Mit ei­ner hö­he­ren Ge­wich­tung von Ak­ti­en, aber auch von an­de­ren Re­al­wer­ten, wie Edel­me­tal­len und Im­mo­bi­li­en. Wenn mehr Ak­ti­en – zu­las­ten der Li­qui­di­tät oder der Fest­ver­zins­li­chen im De­pot? Das zu­sätz­li­che Ge­wicht der Re­al­wer­te soll zu­las­ten der No­mi­nal­wer­te und in­ner­halb der No­mi­nal­wer­te zu­las­ten der Ob­li­ga­tio­nen ge­hen. In Ih­rem Mo­ni­tor für den Fe­bru­ar 2012 ha­ben Sie die emp­foh­le­ne Ak­ti­en­quo­te um 5% zu­guns­ten der Li­qui­di­tät re­du­ziert. Be­deu­tet das, dass Sie ins­ge­samt doch wei­ter­hin zu Vor­sicht ra­ten? Das war im Ge­gen­satz zur lang­fris­ti­gen Stra­te­gie nur ei­ne tak­ti­sche Mass­nah­me. Sie ist vier­fach be­grün­det: Ers­tens sind wir der Meinung, dass sich das Wirt­schafts­wachs­tum in den USA ge­gen­über dem vier­ten Quar­tal 2011 ab­schwä­chen wird. Zwei­tens ist für uns die Ru­he in der Eu­ro­kri­se trü­ge­risch. Die EZB hat zwar mit ih­rer mas­si­ven Li­qui­di­täts­sprit­ze in Form der drei­jäh­ri­gen LTRO – Lon­ger Term Re­fi­nan­cing Ope­ra­ti­on –, mit der den Ban­ken fast 500 Mrd. € bil­li­gen Gel­des zur Ver­fü­gung ge­stellt wur­den, die Si­tua­ti­on ent­spannt. Die wirk­li­chen Pro­ble­me von Eu­ro­pa blei­ben aber un­ge­löst und wer­den frü­her oder spä­ter ih­ren Weg zu­rück in die Schlag­zei­len fin­den. halb für die nächs­ten Wo­chen mit nach­ge­ben­den Ak­ti­en­kur­sen. Von Ih­ren vier Wirt­schafts­sze­na­ri­en für 2012 hal­ten Sie Durch­wurs­teln mit ei­ner Er­war­tung von 50% für das wahr­schein­lichs­te. Wie sieht es aus, und was be­deu­tet es für die Per­spek­ti­ven der Ak­ti­en­märk­te? Kern die­ses Sze­na­ri­os ist un­se­re Über­zeu­gung, dass die No­ten­ban­ken der In­dus­trie­staa­ten wei­ter­hin ei­nen sehr ex­pan­si­ven geld­po­li­ti­schen Kurs fah­ren wer­den. Zu­dem wer­den sie, wenn neue Pro­ble­me auf­tau­chen, die­se mit zu­sätz­li­chen Li­qui­di­täts­sprit­zen, zum Bei­spiel ei­nem Quan­ti­ta­ti­ve Ea­sing 3 in den USA, be­kämp­fen. Die­ses zu­sätz­li­che Geld wirkt für Re­al­wer­te, un­ter an­de­rem Ak­ti­en, un­ter­stüt­zend. Das Flu­ten der Märk­te mit Li­qui­di­tät schafft Zeit, löst aber kei­ne re­al­wirt-

Grund­sätz­lich in­ves­tie­ren wir lie­ber in of­fen­sicht­li­ches Ri­si­ko als in ver­meint­li­che Si­cher­heit.

schaft­li­chen Pro­ble­me. Viel­mehr führt die Null­zins­po­li­tik zu mas­si­ven Fehl­al­lo­ka­tio­nen von Ka­pi­tal, die dann spä­ter kor­ri­giert wer­den müs­sen. Wie wahr­schein­lich ist das Sze­na­rio ei­ner Ver­schär­fung der Fis­kal-/ban­ken­kri­se? Wir ver­an­schla­gen für die­ses Sze­na­rio ei­ne Wahr­schein­lich­keit von 40%. Wenn sich die An­le­ger ent­schie­den ha­ben, wei­ter­hin mit­tel- und län­ger­fris­tig auf Ak­ti­en zu set­zen, wo soll­ten sie ih­re Schwer­ge­wich­te le­gen? In den wachs­tums­star­ken Schwel­len­län­dern? Die Wachs­tums­märk­te ha­ben viel bes­se­re Fun­da­men­tal­da­ten als die In­dus­trie­staa­ten. Stich­wor­te sind De­mo­gra­fie, Wirt- schafts­wachs­tum und Staats­haus­hal­te. Aus die­sem Blick­win­kel ist es sinn­voll, hier zu in­ves­tie­ren. Es ist aber zu be­ach­ten, dass die­se Fi­nanz­märk­te und die Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce nicht den Stan­dard der In­dus­trie­län­der auf­wei­sen. Zu­dem spie­geln die Markt­be­wer­tun­gen die Wachs­tums­dy­na­mik. Es gibt je­doch vie­le Un­ter­neh­men, die in den In­dus­trie­län­dern an­ge­sie­delt sind, aber über­pro­por­tio­nal von den Ent­wick­lun­gen in den Wachs­tums­märk­ten pro­fi­tie­ren. Wel­che Län­der und Re­gio­nen zie­hen Sie heu­te für An­la­gen vor, und wie soll dort am bes­ten in­ves­tiert wer­den? Mit ETF auf die ent­spre­chen­den Län­der­indi­zes? Wir be­vor­zu­gen Asi­en. Nach den neu­en geld­po­li­ti­schen und ma­kro­öko­no­mi­schen Ent­wick­lun­gen in Bra­si­li­en kommt auch die­ses Land wie­der in un­se­ren Fo­kus. Für Ost­eu­ro­pa sind wir im­mer noch zu­rück­hal­tend. Da für die­se Märk­te viel lokales Wis­sen ge­fragt ist, be­vor­zu­gen wir für die Im­ple­men­tie­rung ak­tiv ver­wal­te­te Fonds. Und wie steht es um die Schwei­zer Ak­ti­en? Ist es wei­ter­hin ver­tret­bar, dass sie in vie­len Schwei­zer Porte­feuilles ten­den­zi­ell über­ver­tre­ten sind? Schwei­zer Ak­ti­en sind ei­ne gu­te Wahl. Die viel­fach fest­zu­stel­len­de asym­me­tri­sche Über­ge­wich­tung von Schwei­zer Ti­teln in Schwei­zer De­pots lässt sich ver­tre­ten. Wir sind in der glück­li­chen Si­tua­ti­on, dass vie­le Schwei­zer Ge­sell­schaf­ten ei­ne stark in­ter­na­tio­na­le Aus­rich­tung ha­ben. Ein ho­her An­teil von Schwei­zer Va­lo­ren be­deu­tet da­her nicht zwangs­läu­fig ein über­mäs­sig auf die Schweiz kon­zen­trier­tes Län­der­ri­si­ko. Das gilt vor al­lem, wenn man in die gros­sen Ge­sell­schaf­ten in­ves­tiert ist. Wer sind ge­gen­wär­tig Ih­re Schwei­zer Ak­ti­en­fa­vo­ri­ten? Wir set­zen auf The­men. Punk­to Di­vi­den­de er­ach­ten wir Swiss­com und Ro­che als at­trak­tiv, im Be­reich asia­ti­scher Kon­sum sind es Swatch Group und Ri­che­mont. Im Fall von Wachs­tums­märk­ten emp­feh­len wir Sul­zer und Si­ka. Da­ne­ben ist Nest­lé ein grund­so­li­der Wert mit ei­ner an­spre­chen­den Di­vi­den­den­ren­di­te. Wie er­klä­ren Sie sich die Zu­ver­sicht der In­ves­to­ren, die sich in ste­tig stei­gen­den Ak­ti­en­kur­sen nie­der­schlägt? Ist die­se Zu­ver­sicht ge­recht­fer­tigt? Na­tür­lich spielt die Zu­ver­sicht der In­ves­to­ren ei­ne Rol­le. Der gu­te Ak­ti­en­markt hat aber auch viel mit der Po­li­tik der Zen­tral­ban­ken zu tun. Nach­dem die Us-no­ten­bank kürz­lich ver­si­chert hat­te, die Zin­sen bis En­de 2014 tief zu hal­ten, sind die Ri­si­ko­prä­mi­en ge­sun­ken, der Ri­si­ko­ap­pe­tit hat zu­ge­nom­men, und die Jagd nach Ren­di­te hat sich ver­schärft. Die An­le­ger wer­den mit be­hörd­li­chem Se­gen prak­tisch ge­zwun­gen, ri­si­ko­rei­cher zu agie­ren. Lohnt es sich, wenn man in Ak­ti­en un­ter­in­ves­tiert ist und über viel Ba­res ver­fügt, auf ei­nen grös­se­ren Rück­schlag zu war­ten? In den nächs­ten Mo­na­ten wer­den sich güns­ti­ge­re Ein­stiegs­ge­le­gen­hei­ten bie­ten.

Ren­di­ten zehn­jäh­ri­ger Staats­an­lei­hen seit 2008

Bru­no Gis­ler: «Die In­ves­to­ren wer­den mit be­hörd­li­chem Se­gen prak­tisch ge­zwun­gen, ri­si­ko­rei­cher an­zu­le­gen.»

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