UBS spielt Li­bor-kron­zeu­gin

SCHWEIZ Skan­dal um die Ma­ni­pu­la­ti­on des Re­fe­renz­zin­ses wei­tet sich aus – UBS setzt auf Bo­nus­re­ge­lung im Kar­tell­recht

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - JAN BAU­MANN

Die UBS be­weist im Um­gang mit den Be­hör­den der­zeit be­acht­li­ches Ge­schick. Nicht nur, dass sie dank des 2009 ei­gens für sie aus­ge­han­del­ten Staats­ver­trags im Steu­er­streit mit den Ame­ri­ka­nern «fein raus» ist. Sie hat nun auch in ei­ner an­de­ren An­ge­le­gen­heit, die bis in die Zeit der Fi­nanz­kri­se zu­rück­geht, ei­nen vor­teil­haf­ten Son­der­sta­tus er­langt: Als ers­te – und of­fen­bar bis­her ein­zi­ge – Bank hat sie un­längst bei der Schwei­zer Wett­be­werbs­kom­mis­si­on ( Weko) Selbst­an­zei­ge we­gen Li­bor-ma­ni­pu­la­ti­on er­stat­tet.

Da­bei geht es um den Ver­dacht, Bank­mit­ar­bei­ter hät­ten den Li­bor (London In­ter­bank Of­fe­red Ra­te), der als Re­fe­renz­zins welt­weit ei­ne Schlüs­sel­funk­ti­on hat, durch Ab­spra­chen mit an­de­ren Markt­teil­neh­mern ma­ni­pu­liert (vgl. Bei­trag un­ten). In­dem die Bank von sich aus an die Weko ge­langt ist, kann sie von der so­ge­nann­ten Bo­nus­re­ge­lung im Kar­tell­recht pro­fi­tie­ren. Die­se er­laubt es den Wett­be­werbs­hü­tern, ei­nem Kron­zeu­gen, der un­auf­ge­for­dert wert­vol­le Be­weis­mit­tel lie­fert, bis zu 100% Straf­ra­batt zu ge­wäh­ren. Voll­stän­di­gen Sank­ti­ons­er­lass gibt es – und das ist der ent­schei­den­de Punkt – ge­mäss dem Ge­setz je­weils für nur ein ein­zi­ges Un­ter­neh­men.

Un­ter­su­chun­gen welt­weit

Er­mit­telt wird in Bern aber ge­gen min­des­tens zwölf In­sti­tu­te, dar­un­ter auch Cre­dit Suis­se (vgl. Ta­bel­le). «Es gibt in sol­chen Un­ter­su­chun­gen stets kon­kre­te In­di­zi­en», sagt Weko-spre­cher Oli­vier Schal­ler. «Oh­ne An­halts­punk­te kei­ne Nach­for­schun­gen», fügt er an. Die Weko hat be­reits Fra­ge­bö­gen an die zwölf Ban­ken ge­schickt und er­war­tet bal­di­ge Ant­wort. Ein Me­dien­spre­cher der Cre­dit Suis­se be­stä­tigt, man sei dar­an, die Sa­che in­tern ab­zu­klä­ren. An­sons­ten gibt sich die CS – wie die üb­ri­gen be­trof­fe­nen Ban­ken – äus­serst zu­ge­knöpft im Li­bor-skan­dal. Nicht ein­mal die Kron­zeu­gin UBS will be­stä­ti­gen, was die ge­wöhn­lich gut in­for­mier­te «Fi­nan­ci­al Ti­mes» kol­por­tiert – dass näm­lich zwei lei­ten­de Mit­ar­bei­ter der Bank, Yvan Du­crot und Hol­ger Se­ger, we­gen der Un­ter­su­chung von ih­ren Pos­ten im UBS-ZINS­han­del frei­ge­stellt wor­den sei­en.

Für al­le in­vol­vier­ten Fi­nanz­kon­zer­ne steht viel auf dem Spiel: Rund um den Glo­bus – in den USA, in Ka­na­da, Ja­pan, Gross­bri­tan­ni­en und bei der Eu-wett­be­werbs­kom­mis­si­on in Brüs­sel – lau­fen teils schon seit lan­gem Un­ter­su­chun­gen zur Li­borMa­ni­pu­la­ti­on. Wie dem jüngs­ten Quar­tals­be­richt der UBS zu ent­neh­men ist, hat es in Ja­pan be­reits ei­ne Stra­fe da­für ab­ge­setzt, dass ein Mit­ar­bei­ter ver­such­te, die To­kyo In­ter­bank Of­fe­red Ra­te ( Ti­bor) zu be­ein­flus­sen. Um­ge­kehrt hat sich die UBS in den USA und in Ka­na­da be­ding­te Straf­frei­heit ge­si­chert, da­für, dass sie in den Er­mitt­lun­gen be­son­ders be­hilf­lich ist. Das schützt sie zwar vor po­ten­zi­ell ho­hen Bus­sen der An­ti­trust-be­hör­den. Nicht aber vor An­sprü­chen, wie sie aus Sam­mel­kla­gen ent­ste­hen könn­ten, die in den USA ge­gen sie und an­de­re Fi­nanz­kon­zer­ne ein­ge­reicht wor­den sind.

Lan­ger Li­bor-rat­ten­schwanz

Das The­ma dürf­te wei­ter­hin für Ge­sprächs­stoff sor­gen, sind die Di­men­sio­nen doch enorm: Am Li­bor hän­gen welt­weit Ver­mö­gens­wer­te im Um­fang von min­des­tens 350 000 Mrd. $. Und weil sich die Ban­ken zum er­heb­li­chen Teil – ba­sie­rend auf dem Li­bor– über den Geld­markt re­fi­nan­zie­ren, hat sei­ne Hö­he dar­über hin­aus ge­samt­wirt­schaft­lich ei­ne gros­se Be­deu­tung. Ver­än­dert sich der Geld­markt­zins, wirkt sich das zum Bei­spiel (di­rekt oder in­di­rekt) auf sämt­li­che schwei­ze­ri­schen Hy­po­the­kar­kre­di­te aus; der­zeit sind hier­zu­lan­de für et­wa 800 Mrd. Fr. Hy­po­kre­di­te aus­ste­hend – das über­steigt so­gar das Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) der Schweiz von rund 550 Mrd. Fr.

Im Kri­sen­jahr 2008 wur­de erst­mals ruch­bar, ge­wis­se Fi­nanz­häu­ser gä­ben den Li­bor ab­sicht­lich zu tief an. Da­mals herrsch­te die Angst vor, am In­ter­ban­ken­markt scheel an­ge­se­hen zu wer­den, wenn man ei­ne ver­gleichs­wei­se ho­he Ri­si­ko­prä­mie mel­de­te. Ak­tu­ell geht es da­ge­gen vor­nehm­lich um die Ma­ni­pu­la­ti­on im In­ter­es­se ein­zel­ner Tra­der und ih­rer Mit­wis­ser. Das ist nicht zu­letzt dar­um de­li­kat, weil un­zäh­li­ge Zins­de­ri­va­te am Li­bor aus­ge­rich­tet sind, mit de­ren Hil­fe sich schon bei win­zi­gen Ab­wei­chun­gen vom un­ver­zerr­ten Satz rie­si­ge Ge­win­ne er­zie­len las­sen.

Man­che mag es da trös­ten, dass die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank (SNB) auf An­fra­ge klar­stellt, von «geld­po­li­tisch re­le­van­ten Ver­zer­run­gen» des Li­bor se­he sie ge­gen­wär­tig kei­ne Spur.

Auf dem Weko-ra­dar

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