Ban­ken lie­fern ih­ren wich­tigs­ten Richt­preis selbst

Hun­der­te von Bio. $ ori­en­tie­ren sich am Li­bor – In­put-pa­nel aus gros­sen Play­ers sach­lich sinn­voll, aber wie ge­schaf­fen für Ab­spra­chen

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - TOMMASO MANZIN

Der Li­bor ist von zen­tra­ler sys­te­mi­scher Be­deu­tung. Auf die­ser wich­tigs­ten Bench­mark für Geld­markt­sät­ze fus­sen nicht nur Hy­po­the­kar­kre­di­te welt­weit. So gut wie je­der Zins­s­wap und da­mit ein gu­ter Teil der glo­ba­len Bond­trans­ak­tio­nen rich­ten sich da­nach, eben­so Fu­tures und an­de­re De­ri­va­te. Et­wa 350 Bio. $ Swaps und et­wa 10 Bio. $ Kre­di­te hän­gen da­von ab, dass der Li­bor «stimmt». Er ist Stress-ba­ro­me­ter im In­ter­ban­ken­markt und Seis­mo­graf für Er­war­tun­gen von Zins­in­ter­ven­tio­nen der Zen­tral­ban­ken. Für die Schweiz ist er be­son­ders wich­tig: Die hie­si­ge Na­tio­nal­bank hat als Ein­zi­ge den Dreimo­nats-fran­ken­li­bor zum Leit­zins er­klärt, den sie über den be­si­cher­ten Re­po­satz in­di­rekt steu­ert. Und wer steu­ert den Li­bor?

Täg­lich 150 Sät­ze für die Welt

Der Li­bor (London In­ter­bank Of­fe­red Ra­te) fir­miert un­ter der ge­schütz­ten Mar­ke bba­li­bor und wird von der Bri­tish Ban­kers’ As­so­cia­ti­on (BBA) für zehn Wäh­run­gen und je fünf­zehn Lauf­zei­ten von Ta­ges(Over­night) bis zu Jah­res­geld er­rech­net. Der bba­li­bor wur­de in den 1980ern ent­wi­ckelt, als London zum in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­platz auf­stieg. Heu­te wer­den mehr als 20% al­ler in­ter­na­tio­na­len Kre­di­te und über 30% al­ler Fremd­wäh­rungs­trans­ak­tio­nen über die bri­ti­sche Haupt­stadt ab­ge­wi­ckelt.

Für je­de Wäh­rung wird ein Pa­nel aus sie­ben bis acht­zehn Ban­ken er­rich­tet. Das For­eign Ex­ch­an­ge and Mo­ney Mar­kets (FX&MM) Com­mit­tee über­prüft zwei­mal jähr­lich die Teil­neh­mer. Aus­ge­wählt wer­den die In­sti­tu­te mit der gröss­ten Geld­markt- und Swapak­ti­vi­tät über zwei Quar­ta­le, wo­bei das Ra­ting und die Er­fah­rung in der be­tref­fen­den Wäh­rung ge­büh­rend be­rück­sich­tigt wer­den müs­sen. Je­de Bank kann «kan­di­die­ren». UBS nimmt Ein­sitz im Pa­nel für die Sät­ze in Eu­ro, Yen, Pfund, Fran­ken und Dol­lar, die Cre­dit Suis­se (CS) im Eu­ro, Fran­ken so­wie Dol­lar.

Die täg­lich pro­du­zier­ten 150 Sät­ze sind Durch­schnit­te aus Ant­wor­ten der in ei­nem Wäh­rungs­raum füh­ren­den und be­son- Li­bor­sät­ze BBCHF3M ders ak­ti­ven Ban­ken auf fol­gen­de Fra­ge: «Zu wel­cher Ra­te könn­te sich Ihr In­sti­tut Geld in ei­nem ver­nünf­ti­gen Um­fang vor 11 Uhr am In­ter­ban­ken­markt bor­gen?» Die Ant­wor­ten re­prä­sen­tie­ren nor­ma­ler­wei­se die un­be­si­cher­ten Kre­di­te mit dem tiefs­ten of­fe­rier­ten Zins im Lon­do­ner Geld­markt. Sie müs­sen nicht un­be­dingt auf ei­nem ge­zahl­ten Preis be­ru­hen, da nicht je­de Bank je­den Tag ei­ne sol­che Trans­ak­ti­on be­nö­tigt. Das «ver­nünf­ti­ge» Vo­lu­men lässt be­wusst Er­mes­sens­spiel­raum of­fen, da sonst in ei­nem vo­la­ti­len Um­feld täg­lich ein kon­kre­ter Be­trag fest­ge­legt wer­den müss­te. Die ge­gen­wär­ti­ge De­fi­ni­ti­on ist seit 1998 Stan­dard. Al­le Li­bor-fi­xie­run­gen wer­den an­nua­li­siert an­ge­ge­ben. Ein Over­night-satz von 2% heisst al­so, dass die Bank für Ta­ges­geld 2% ge­teilt durch 365 zah­len muss.

Die Li­bor­flüs­te­rer

Thomp­son Reu­ters be­rech­net den Li­bor ge­mäss De­fi­ni­ti­on des FX&MM Com­mit­tee. Da­zu gibt je­de teil­neh­men­de Bank ih­re Da­ten zwi­schen 11 und 11.10 Uhr in ein mit Reu­ters ver­bun­de­nes Sys­tem ein, wo­bei sie die Ein­ga­ben der an­de­ren Ban­ken erst nach der Pu­bli­ka­ti­on um 13.15 Uhr Lon­do­ner Zeit sieht.

Je nach An­zahl be­tei­lig­ter Ban­ken wer­den von al­len ge­lie­fer­ten Sät­ze die höchs­ten und tiefs­ten zwei bis vier eli­mi­niert. Aus den rest­li­chen wird ein ge­trimm­ter arith­me­ti­scher Durch­schnitt ge­bil­det. Die Eli­mi­nie­rung der Aus­reis­ser er­höht nicht nur die sta­tis­ti­sche Qua­li­tät (klei­ne­re Va­ri­anz), son­dern macht es un­mög­lich, den Durch­schnitt durch zu ho­he oder zu tie­fe Ein­ga­ben zu be­ein­flus­sen.

Ei­ne Ma­ni­pu­la­ti­on will al­so kon­zer­tiert sein. Markt­nä­he, Re­le­vanz und Know-how in Eh­ren: Ist der An­reiz da – et­wa in Stress­pha­sen im In­ter­ban­ken­markt – und auch der Wil­le, dann ist ein «Club» aus ei­ner Hand­voll Gross­ban­ken der Ci­ty das idea­le Fo­rum, um sich ab­zu­spre­chen. Und of­fen­bar ist nicht im­mer ein Schelm, wer sich Bö­ses denkt (vgl. Haupt­text).

Die ge­gen­wär­ti­gen Ma­ni­pu­la­ti­ons­vor­wür­fe rich­ten sich auf Li­bor und Ti­bor (die in der ja­pa­ni­schen Haupt­stadt fi­xier­te To­kyo In­ter­bank Of­fe­red Ra­te). Doch der Ver­dacht, dass Ban­ken durch tie­fe Li­bor-sät­ze ein hö­he­res Ver­trau­en im In­ter­ban­ken­markt zu si­mu­lie­ren such­ten, be­steht be­reits seit der Be­ginn der Fi­nanz­kri­se. Im Vi­sier ste­hen Bar­clays, Bank of Ame­ri­ca, Ci­ti­group, West LB und UBS. Ver­gan­ge­nen Ok­to­ber ging die Eu-kom­mis­si­on der Fra­ge nach, ob am in Frank­furt fest­ge­leg­ten Eu­ri­bor (Eu­ro In­ter­bank Of­fe­red Ra­te) ge­schraubt wur­de, der für die Eu­ro­zo­ne als Re­fe­renz­zins­satz noch wich­ti­ger als der in London fi­xier­te Eu­ro-li­bor ist. Im Pa­nel da­bei ist auch UBS. Und im De­zem­ber wur­den in To­kio UBS und Ci­ti­group we­gen Ma­ni­pu­la­ti­ons­ver­su­chen im YenLi­bor und im Ti­bor be­straft.

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