«Eu­ro­pas Rol­le wird über­schätzt»

JIM O’NEILL Der Er­fin­der der Bric und Chef von Gold­man Sachs As­set Ma­nage­ment über sei­ne Ab­kür­zung, ih­re Be­deu­tung und Chi­nas In­fra­struk­tur­boom

Finanz und Wirtschaft - - UNTERNEHMEN - CLIFFORD PADEVIT,

WB­ric oh­ne C

er den Na­men Jim O’neill hört, denkt an die vier Buch­sta­ben, die das letz­te Jahr­zehnt des Welt­wirt­schafts­wachs­tums ge­prägt ha­ben: B, R, I und C – Bra­si­li­en, Russ­land, In­di­en und Chi­na. Seit Jim O’neill im No­vem­ber 2001, da­mals in sei­ner Rol­le als Chef­öko­nom der Us-in­vest­ment­bank Gold­man Sachs, die künf­ti­ge Be­deu­tung der vier Län­der her­vor­hob, gilt er als der Ad­vo­kat der Bric-staa­ten. Zum Ju­bi­lä­um sei­ner ers­ten Bric-un­ter­su­chung hat er ein Buch ver­fasst («The Growth Map»), in dem er die Ent­wick­lung der vier Staa­ten er­neut un­ter die Lu­pe nimmt.

«Ich bin es nicht leid, über die Bric zu spre­chen», sagt O’neill, der zum Ge­spräch in sein Eck­bü­ro mit Blick auf den Platz vor der Lon­do­ner Bör­se bei der St.-pauls-ka­the­dra­le mit­ten in London ein­lädt. Aber es sei nicht das Ein­zi­ge, was er tue. «Mor­gens schaue ich zu­erst, wo der Eu­ro zum Dol­lar no­tiert.» Den­noch ha­ben die Bric sei­ne Kar­rie­re ver­än­dert. Er wird über­all auf der Welt mit der Ab­kür­zung iden­ti­fi­ziert, was si­cher mit ein Grund für sei­ne Er­nen­nung zum Chair­man des As­set-ma­nage­men­tArms der Bank im Herbst 2010 war. «Es ist schön, da­für An­er­ken­nung zu er­hal­ten», sagt der 53-Jäh­ri­ge, «ob­wohl es ein biss­chen pein­lich ist, schliess­lich ist es ja nur ei­ne Ab­kür­zung.» Das ist Jim O’neill: stolz über das Er­reich­te, aber den­noch be­schei­den. In En­g­land wür­de man sa­gen, das passt zu je­man­dem, der in Man­ches­ter auf­ge­wach­sen ist – was die Be­to­nung ge­wis­ser Wör­ter ver­rät – und in Sh­ef­field stu­diert hat. Be­vor er zu Gold­man Sachs wech­sel­te, war er un­ter an­de­rem für den Schwei­ze­ri­schen Bank­ver­ein, heu­te UBS, tä­tig. Heut­zu­ta­ge jet­tet O’neill, der vom Ma­ga­zin «Bu­si­ness Week» ein­mal als Rock­star von Gold­man Sachs be­zeich­net wur­de, von ei­ner Stadt zur an­dern, über­all wird er als Ge­sprächs­part­ner ge­schätzt. Ent­spre­chend il­lus­ter ist sein Netz­werk. Wer sei­ne Spur ver­fol­gen und wis­sen will, was ihn ge­ra­de be­schäf­tigt, der liest «View­points», sei­nen wö­chent­li­chen Kommentar über die Wirt­schafts­welt. Vor­letz­te Wo­che schrieb er zum Bei­spiel, das Ge­samt­bild nicht aus den Au­gen zu ver­lie­ren. Chi­na sei in den ers­ten sechs Wo­chen die­ses Jah­res um ein hal­bes Grie­chen­land ge­wach­sen. Die­se Ver­glei­che liebt er. Im Ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft» sagt er: «Die chi­ne­si­sche Volks­wirt­schaft ist in den letz­ten zwölf Mo­na­ten um 1400 Mrd. $ ge- aus ih­ren Emer­ging-mar­kets-ak­ti­en­fonds zu­rück. Erst spät im Jahr dreh­te die Stim­mung, seit Jah­res­an­fang steigt der Op­ti­mis­mus un­ge­bremst. Den­noch: Ge­mäss den Msci-in­di­zes ha­ben die Ak­ti­en­märk­te den Stand von An­fang 2011 noch nicht wie­der er­reicht. Ha­ben In­ves­to­ren et­wa die Lust an Bric ver­lo­ren? «Ver­gan­ge­nes Jahr kämpf­ten die­se Län­der da­mit, die In­fla­ti­on un­ter Kon­trol­le zu brin­gen und be­wusst das Wachs­tum zu brem­sen, in­dem die Geld­po­li­tik an­ge­zo­gen wur­de, was im All­ge­mei­nen kei­ne gu­te Zeit für Ak­ti­en ist», sagt O’neill.

Pes­si­mis­ti­scher

Seit An­fang Jahr sind nun aber ris­kan­te­re An­la­gen – und da­zu zäh­len Ak­ti­en aus den Bric-län­dern – wie­der ge­fragt. Vie­le füh­ren das auf die Zu­tei­lung güns­ti­gen Gel­des durch die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank EZB zu­rück, un­ter dem Kür­zel LTRO. «LTRO hat si­cher ge­hol­fen», ur­teilt O’neill, «da­mit hat die EZB das Ri­si­ko ei­ner sys­te­mi­schen Ban­ken­kri­se in Eu­ro­pa ver­mie­den, was sich über die An­ste­ckungs­be­zie­hun­gen auch auf die USA aus­wirkt.» Für den Öko­no­men gibt es An­zei­chen, dass die Fi­nanz­sprit­ze selbst die Wirt­schafts­ak­ti­vi­tät be­lebt ha­be: «Ich sor­ge mich, dass un­se­re Pro­gno­se für die Eu­ro­zo­ne zu nied­rig ist.» Da­mit wä­re dann auch der be­fürch­te­te Ein­bruch der Nach­fra­ge aus den Eu­ro­län­dern, der Ex­port­na­tio­nen wie Chi­na tref­fen wür­de, ge­rin­ger. Oder et­wa nicht? «Eu­ro­pas Rol­le wird in zu­neh­men­dem Mass über­schätzt», fin­det O’neill. Es sei viel­mehr um­ge­kehrt: «Nicht Eu­ro­pa ist wich­tig für Chi­na. Son­dern Chi­na ist wich­tig für Eu­ro­pa.» Wenn al­so die deut­sche Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel nach Chi­na rei­se, dann nicht, weil sie dort um Fi­nanz­hil­fe bit­te, «son­dern weil sich Chi­na rasch zum wich­tigs­ten Ex­port­markt für Deutsch­land ent­wi­ckelt», sagt O’neill.

Trotz des Op­ti­mis­mus, den Chair­man O’neill in Sa­chen Bric und be­son­ders Chi­na ver­sprüht: Die Pro­gno­sen von Gold­man Sachs As­set Ma­nage­ment für das chi­ne­si­sche, das rus­si­sche und das in­di­sche Wirt­schafts­wachs­tum im lau­fen­den Jahr sind al­le­samt tie­fer als die Er­war­tun­gen der Kon­kur­renz. 2013 soll das Wachs­tum dann auf Trend­ni­veau zu­rück­keh­ren. An ein Hard Lan­ding in Chi­na, ei­ne ra­pi­de Ab­küh­lung der Kon­junk­tur, wie Skep­ti­ker sie er­war­ten, glaubt O’neill aber nicht. «Das Land geht von ei­nem Ri­si­ko, das ei­ne Ab­küh­lung aus­lö­sen könn­te, zum nächs­ten.» Das sei mög­li­cher­wei­se auch der Grund, wes­halb sich chi­ne­si­sche Ak­ti­en im­mer wie­der mal schwach ent­wi­ckeln wür­den. «Ich er­war­te, dass sich Chi­na in Rich­tung ei­nes Soft Lan­ding be­wegt.» In

Ei­ne Bla­se im Haus­markt Chi­nas ist un­denk­bar, wenn das Land erst zur Hälf­te ur­ba­ni­siert ist.

die­sem Sze­na­rio wer­den die Wachs­tums­ra­ten über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum lang­sam – nicht ra­pi­de – sin­ken.

Die Sor­gen über die Kon­junk­tur in Chi­na, der zweit­gröss­ten Volks­wirt­schaft der Welt, sind aber nicht ganz ver­flo­gen, ob­wohl die jüngs­ten Da­ten bes­ser aus­fie­len als er­war­tet. Be­ob­ach­ter den­ken ers­tens an den Ex­port, der aus­ge­rech­net in den Jah­ren stieg, als im Wes­ten viel güns­ti­ges Geld vor­han­den war. «2008 und der Leh­man-vor­fall wa­ren der ul­ti­ma­ti­ve Test für die Bric», sagt O’neill. «Chi­na hät­te kol­la­bie­ren kön­nen, weil der Boom des Ex­ports von ein­fa­chen Pro­duk­ten mit dem Auf­bau der Us-ver­schul­dung ein­her­ging.» Im ers­ten Halb­jahr 2008 mach­ten Ex­por­te in die USA rund 12% der Wirt­schafts­leis­tung aus. Die Si­tua­ti­on war ver­gleich­bar mit ei­nem Te­enager, der Dro­gen wi­der bes­se­res Wis­sen nimmt. Erst ein Schock wird ihn da­von über­zeu­gen, die Fin­ger da­von zu las­sen. Chi­na re­agier­te auf den Schock der Fi­nanz­kri­se mit ei­nem enor­men Sti­mu­lus­pro­gramm 2008.

Chi­na über­sti­mu­liert

«Die Chi­ne­sen ha­ben die Wirt­schaft über­sti­mu­liert», sagt O’neill. «In­dem sie ein Pro­blem lös­ten, ha­ben sie mit der Sti­mu­lie­rung des ein­hei­mi­schen Häu­ser­mark­tes ein neu­es ge­schaf­fen, ei­nes, das sie jetzt er­folg­reich an­pa­cken», wie er hin­zu­fügt. Die Si­tua­ti­on im Häu­ser­markt gab vie­len Zweif­lern An­lass, die Chi­na-sto­ry ab­zu­schrei­ben. Denn ei­ne Häu­ser­markt­bla­se bringt im­mer das Ri­si­ko mit sich, das Fi­nanz­sys­tem zu läh­men, wie ge­sche- hen in Ja­pan En­de der Acht­zi­ger­jah­re oder in den USA, Spa­ni­en und Gross­bri­tan­ni­en in der jüngs­ten Fi­nanz­kri­se. «Na­tür­lich wer­den die fau­len Kre­di­te stei­gen», sagt O’neill, «aber ver­ges­sen Sie nicht, dass Chi­na enor­me Wäh­rungs­re­ser­ven hat.» Die könn­ten wie 2002 und Mitte der Neun­zi­ger­jah­re für die Ban­ken­re­ka­pi­ta­li­sie­rung ein­ge­setzt wer­den, soll­te das nö­tig sein.

«Für mich ist ei­ne Bla­se im Häu­ser­markt un­denk­bar, wenn ein Land erst zur Hälf­te ur­ba­ni­siert ist», sagt er. «Das heisst, min­des­tens 200 Mio. Men­schen wer­den zu­sätz­lich in Städ­te zie­hen.» Ur­ba­ni­sie­rung ist für ihn die gros­se Kraft, die eben­so hin­ter den enor­men In­ves­ti­ti­ons­vo­lu­men steht, die in­zwi­schen die Hälf­te des Brut­to­in­land­pro­dukts aus­ma­chen. «Na­tür­lich wird die­ser An­teil nicht für die nächs­ten fünf­zehn Jah­re so hoch blei­ben», sagt O’neill. We­gen der Ur­ba­ni­sie­rung könn­ten die­se In­ves­ti­tio­nen aber nach­hal­ti­ger sein, als man­che er­war­ten. «In Pe­king et­wa wur­de für die Olym­pi­schen Spie­le 2008 ein Flug­ha­fen ge­baut, und be­reits gibt es Stim­men die sa­gen, er sei zu klein. Chi­ne­sen bau­en, be­vor die Leu­te kom­men, das ist wich­tig zu ver­ste­hen.»

Jim O’neill ist von der Wi­der­stands­kraft der Wirt­schaft Chi­nas und der rest­li­chen Bric-län­der über­zeugt. Sämt­li­che Ar­gu­men­te der War­ner und Kri­ti­ker kennt er bes­tens und kon­tert sie spie­lend. Ei­nes ver­zeiht er aber nie­man­dem: Wer die Bric-län­der noch als Emer­ging Mar­kets be­zeich­net, muss da­mit rech­nen, dass die Au­di­enz bei Mr. Bric ab­rupt en­det.

Auch zehn Jah­re nach der Lan­cie­rung der Bric-ab­kür­zung ein Ver­fech­ter der Wachs­tums­märk­te: Jim O’neill.

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