Ar­beits­markt­re­form räumt mit Ta­bus auf

Spa­ni­ens Re­gie­rung be­weist Ent­schlos­sen­heit – Mehr Fle­xi­bi­li­tät für Ar­beit­ge­ber – Kurz­fris­tig kei­ne neu­en Stel­len – Ge­werk­schaf­ten op­po­nie­ren

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - AN­GE­LI­KA ENG­LER,

Spa­ni­ens neue kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung hat un­ter dem Druck der Wirt­schafts­kri­se und der Märk­te mit der um­fas­sen­den Ar­beits­markt­re­form ei­nen neu­en Be­weis ih­rer Ent­schlos­sen­heit ab­ge­lie­fert. Die be­reits in Kraft ge­tre­te­ne Re­form räumt mit lang ver­schlepp­ten Struk­tur­män­gel auf, die zum Teil gar noch aus der Zeit der Fran­co-dik­ta­tur stam­men. Sehr zum Är­ger der Ge­werk­schaf­ten und der op­po­si­tio­nel­len So­zia­lis­ten macht die Re­gie­rung auch vor Ta­bus nicht halt. Ex­per­ten sind sich nicht ei­nig, wel­che Neue­rung die wich­tigs­te ist: die deut­li­che Kür­zung der Ab­fin­dun­gen, die grös­se­re Fle­xi­bi­li­tät für Kurz­ar­beit und in­di­vi­du­el­le Ta­rif­ver­trä­ge oder die freie Hand der Ar­beit­ge­ber für Ge­halts­ein­schnit­te.

Die deut­sche Re­gie­rung und die EUKom­mis­si­on lo­ben das Werk, spa­ni­sche Ar­beit­ge­ber se­hen in ihm ei­nen wich­ti­gen Schritt nach vorn. Die Re­form ist der Schlüs­sel zur aus­ste­hen­den Kor­rek­tur der wäh­rend des Im­mo­bi­li­en­booms um et­wa 30% ge­stie­ge­nen Lohn­stück­kos­ten. Sie er­laubt es den Un­ter­neh­mern, sich bes­ser an die Wirt­schafts­zy­klen an­zu­pas­sen. Spa­ni­en steu­ert die­ses Jahr er­neut auf ei­ne Re­zes­si­on zu. Ge­mäss Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­ria­no Ra­joy wird die Ar­beits­lo­sen­quo­te des­halb von der­zeit 23% wei­ter stei­gen.

Re­form än­dert Men­ta­li­tät

Zwar kann die Re­form kurz­fris­tig kei­ne neu­en Stel­len schaf­fen. Aber: «Bis­her galt die Prä­mis­se ent­las­sen statt Löh­ne oder Ar­beits­zei­ten zu re­du­zie­ren. Die­se Men­ta­li­tät wird sich nun än­dern», mein­te Wirt­schafts­pro­fes­sor Fer­nan­do Fernán­dez von der Ma­dri­der IE Bu­si­ness School kürz­lich in ei­nem Ge­spräch mit der Aus­lands­pres­se. Trotz ers­ter mo­de­ra­te­rer Ta­rif­ab­schlüs­se in der Pri­vat­wirt­schaft fehlt nach vier Kri­sen­jah­ren im­mer noch der gros­se Schnitt, mit dem die Un­ter­neh­men wie­der wett­be­werbs­fä­hig wer­den. Fernán­dez rech­net da­mit, dass da­für die Ge­häl­ter et­wa um 20% sin­ken müss­ten.

Ar­beits­lo­sig­keit

Wirt­schafts­wachs­tum

Staats­an­lei­hen

Bis­her hat­ten nur die drei Mil­lio­nen An­ge­stell­ten im öf­fent­li­chen Di­enst im Zug des ers­ten Spar­pa­kets von 2010 ei­nen Ge­halts­schnitt von 5% ver­ord­net be­kom­men. Die Re­gie­rung er­wägt nun, die Ge­häl­ter für Prä­si­den­ten und Füh­rungs­kräf­te staat­li­cher Un­ter­neh­men 30% zu kür­zen. Mit der Re­form soll Spa­ni­ens Zwei­klas­sen­ge­sell­schaft von gut ab­ge­si­cher­ten Ar­beit­neh­mern auf der ei­nen und fast recht­lo­sen Zeit­ar­beits­kräf­ten – der­zeit ein Vier­tel al­ler Be­schäf­tig­ten – auf der an­de­ren Sei­te über­wun­den wer­den.

«Bru­ta­le Um­ver­tei­lung»

Da­für fass­te die Re­gie­rung die hei­li­ge Kuh der im eu­ro­päi­schen Ver­gleich ho­hen Ab­fin­dun­gen an. Bei un­recht­mäs­si­gen Kün­di­gun­gen wer­den ab so­fort nur noch 33 statt wie bis­her 45 Ta­ges­sät­ze pro Jahr Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit ge­zahlt – mit ei­nem Ma­xi­mum von 24 Mo­nats­ge­häl­tern. Be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen wer­den nur noch mit ei­ner Ab­fin­dung von 20 Ta­ges­sät­zen und ei­nem Ma­xi­mum von 12 Mo­nats­ge­häl­tern be­dacht. Für sol­che Kün­di­gun­gen reicht neu schon ein deut­li­cher Um­satz­rück­gang in drei auf­ein­an­der­fol­gen­den Quar­ta­len. Mas­sen­ent­las­sun­gen müs­sen nicht mehr, wie zu Fran­cos Zei­ten, von der Ver­wal­tung ab­ge­seg­net wer­den. Und Ge­halts­ein­schnit­te kann ein Un­ter­neh­mer vor­neh­men, wenn er die Wett­be­werbs­fä­hig­keit stei­gern will.

«Es wird ei­ne bru­ta­le Um­ver­tei­lung von Ka­pi­tal statt­fin­den. Aber mit dem tie­fe­ren Lohn­ni­veau könn­ten auch neue Stel­len ent­ste­hen», sagt Fernán­dez. «Die Ar­beits­markt­re­form stei­gert die At­trak­ti­vi­tät Spa­ni­ens als Wirt­schafts­stand­ort er­heb­lich», ur­teilt der Ma­dri­der Rechts­an­walt und Wirt­schafts­prü­fer Ge­org Abegg. Im Par­la­ment weiss Ra­joy die Mehr­heit hin­ter sich. Doch die Ge­werk­schaf­ten ge­hen auf Kon­fron­ta­ti­on. Sie se­hen ih­re Do­mä­ne Ta­rif­recht be­schnit­ten – mit dem bis­lang gel­ten­den Vor­rang von be­trieb­lich aus­ge­han­del­ten Ab­schlüs­sen. Ne­ben ers­ten Pro­test­ak­tio­nen er­wä­gen sie ei­nen Ge­ne­ral­streik, lies­sen das Da­tum aber noch of­fen.

Spa­ni­ens Ar­beits­markt­re­form wird die Ar­beits­lo­sig­keit kurz­fris­tig nicht sen­ken kön­nen. Sie macht das Land aber wett­be­werbs­fä­hi­ger.

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